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  • Deckel Drauf: Die Gulli Glosse (Woche 34/2009)
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Deckel Drauf: Die Gulli Glosse (Woche 34/2009)

Wieder einmal ist eine Woche vergangen, und wieder einmal geschah so Einiges, dass den geneigten Leser zum fassungslosen Kopfschütteln gebracht haben dürfte. Da Lachen bekanntlich gesund ist, folgt hier der ganz persönliche Beitrag der gulli:news-Redaktion im Kampf gegen die Schweinegrippe - eine Aufstellung der verrücktesten, dreistesten und ganz allgemein abgedrehtesten News der letzten Woche.

Manche Dinge sind bekanntlich einfach nicht totzukriegen. Diese Erfahrung machte jüngst auch die Content-Industrie. Konnte man sich zunächst noch freuen, dass The Pirate Bay der Legalisierung entgegen sieht, so folgte bald schon der Dämpfer: Die bisherigen, teilweise illegalen Inhalte wurden im Netz als "Backup-Torrent" angeboten, ganz im Sinne eines ehemaligen Clanmates von mir, der seine Warez schon immer als "dezentrale Sicherungskopien" bezeichnete. Da staunt der Laie - und der Fachmann kann nur müde lächeln. Wer damit gerechnet hat, dass The Pirate Bay nach diesem Tiefschlag tot bleibt, hat offenbar das Internet nicht verstanden.

Nicht totzukriegen ist ganz offensichtlich auch die Electronic Sports League, die trotz der unsäglichen Killerspiel-Debatte weiter Erfolge feiert und demnächst auch in Essen mit einem eSport-Event zu Gast sein wird. Statt "Abnehmen in Essen" also bald "Amoklaufen in Essen"? Die Realität spricht dagegen, aber bekanntlich hat die Realität konservative Politiker noch nie sonderlich interessiert. Man darf also gespannt sein, ob zum Headshot demnächst auch wieder der verbale Komplettschrott kommen wird. Der Zeitpunkt ist günstig - in Deutschland stehen die Wahlen bevor, und bei dem einen oder anderen Unwissenden ist wahrscheinlich auch mit der gar traurigen Geschichte vom aggressiven, unsozialen Killerspielspieler noch immer zu punkten. Eine Tendenz, der im Rahmen des eSport-Events durch eine Eltern-LAN, eine Aufklärungsveranstaltung für die "ältere" Generation, entgegengewirkt werden soll. Gäbe es doch auf der Gegenseite bloß halb soviel Dialogbereitschaft.

Ein weiteres Phänomen, das (leider) wohl nicht so bald das Zeitliche segnen wird, sind die von der Bundesregierung beschlossenen Netzsperren. Um diese ging es bei einer Diskussionsveranstaltung, an der unter anderem BKA-Chef Jörg Ziercke teilnahm. Dabei tätigte Ziercke einige Äußerungen, die seine ohnehin schon eher moderate Beliebtheit bei der Netzgemeinde noch verringert haben dürften: Laut dem BKA-Chef ist das Umgehen der Sperren "nicht risikolos", da es, sollte man jemals in Verdacht geraten, sich sogenannte Kinderpornographie verschafft zu haben, "den Vorsatz beweist". Schlechte Zeiten für die Nutzer alternativer DNS-Server. Das Ganze ist aber auch ein schlagendes Argument, oder? Man sollte am besten die gesamte Strafverfolgung nach diesem logischen und rechtsstaatlichen Prinzip aufbauen: Wer Daten verschlüsselt, wird automatisch verdächtigt, ein Cyberkrimineller zu sein, jeder, der eine WLAN-Karte von Atheros besitzt, bricht bestimmt auch in fremde Netze ein, und wer sich bei Regen eine Jacke anzieht, ist garantiert ein Terrorist, der sich vermummt, um den Autoritäten zu entgehen. Nicht zu vergessen, dass jeder, der einen Webbrowser bedienen kann, sowieso potentiell schwerst pädokriminell ist. Immerhin könnte er damit auf Wikileaks zugreifen. Man hört die Strafverfolger schon schreien "Sie hat Wikileaks gesagt - steinigt sie!"

Erfreulicher war der Besuch der gulli:news-Redaktion auf der Spielemesse GamesCom. Auch dort gab es, neben Spaß, Spielen und vielen guten Ideen für zukünftige Artikel und Interviews, so einige kuriose Phänomene zu beobachten. So fiel es beispielsweise auf, dass Nintendo einen Teil seiner Mitarbeiter im Hochsommer in knallblauen Weihnachtsmann-Kostümen herumlaufen ließ - der nächste Winter kommt bestimmt. Ebenfalls leicht kurios muteten die Schlangen am Blizzard-Stand an, wo man über zwei Stunden warten musste, um einmal Diablo 3 oder Starcraft 2 probezuspielen - so etwas habe ich zuletzt in der Schule erlebt, wo wir drei internetfähige PCs für gut 200 Leute hatten (in der guten alten Zeit, wo die Nullen und Einsen noch per Rauchzeichen übermittelt wurden). Allerdings waren die Manieren der Wartenden auf der GamesCom ein ganzes Stück besser. War man allerdings gerade dabei, aufgrund dieses Umstandes den Glauben an die Menschheit zumindest ein Stück weit wiederzugewinnen, so wurde diese Tendenz gleich wieder untergraben durch die momentane Popularität von Spielen wie Guitar Hero, Band Hero, SingStar und The Beatles Rockband. Nicht die Spiele selbst waren dabei das Problem, sondern eher die Tatsache, dass die Bereitschaft, an derartigen Spielen teilzunehmen, fast immer umgekehrt proportional zum musikalischen Talent der betreffenden Personen zu sein scheint. Für Soziologen tut sich hier ein hochinteressantes Feld für wissenschaftliche Arbeiten auf. Zum Glück gilt dieses Phänomen nicht in gleicher Weise für andere Spiele, sonst hätten die Teilnehmer der parallel stattfindenden Wettbewerbe unter anderem im Counterstrike:Source wohl die ganze Zeit daneben geschossen... und wären dann vor lauter Frustration wahrscheinlich Amok gelaufen. Was allerdings auch nicht so schlimm gewesen wäre, da sie wahrscheinlich nichts unterhalb der Größe der allgegenwärtigen riesigen Publisher-Werbeplakate getroffen hätten.

Amok laufen möchte wahrscheinlich auch so mancher Datenschützer angesichts des Kammerspiels, das sich momentan rund um die geplante Datenschutz-Demonstration am 12. September in Berlin abspielt - oder vielmehr, rund um die zwei geplanten Datenschutz-Demonstrationen. Genau das ist nämlich das Problem: Man stritt sich, ein Aktivist fühlte sich nicht ausreichend gewürdigt und zog dann sein eigenes Ding durch, nicht ohne zuvor die Namensrechte an einigen auch von den anderen Aktivisten benutzten Namen zu kapern. Man möchte an einen Sandkasten denken: "Die sind doof, ich spiel' jetzt alleine." Während allerdings im Sandkasten selten bleibende Schäden aus derartigen Meinungsverschiedenheiten entstehen, hat der Berliner Kindergarten womöglich ernstzunehmende Folgen. Durch solche Aktionen schwächt sich die Bewegung selbst und macht sich in der Öffentlichkeit lächerlich. Ein Anliegen, das solche Unterstützer hat, braucht fast keine Feinde mehr - die aber hat es zuhauf. Ohne Schuldige suchen oder Ursachen aufzeigen zu wollen (das können die Beteiligten nur selbst), kann man als Beobachter nur feststellen, worum es sich beim Endergebnis handelt: Um eine traurige ebenso wie unfreiwillig komische Meinungsverschiedenheit von Menschen, die eigentlich für dieselbe Sache kämpfen. Die Geschichte ist voll davon. Werden wir jemals klüger? Wohl kaum... auch derartige Grabenkämpfe fallen wohl in die Kategorie "nicht totzukriegen".

Tröstlich ist dabei, dass angesichts des Wahlkampfs auch die Gegenseite langsam abzuheben beginnt und sich nach Kräften damit lächerlich macht. So entblödete sich ausgerechnet CSU-Politikerin Ilse Aigner nicht, von der Internetwirtschaft lautstark "mehr Datenschutz" zu fordern. Ist klar. Als nächstes werden die Grünen den Bau von mehr Atomkraftwerken fordern oder die Bundeswehr für den Pazifismus eintreten. So naiv, der Union das plötzliche Interesse am Datenschutz zu glauben, ist wahrscheinlich noch nicht einmal der durchschnittliche deutsche Wähler - wobei man daran wohl leider Zweifel haben muss; in den letzten Jahren wurden der Union schon ganz andere Märchen geglaubt. Frau Aigner allerdings muss man Respekt zollen; wie sie angesichts solcher Äußerungen einen Lachanfall verhindert hat, verdient mit Sicherheit eine Oscar-Nominierung. Die USA machen Schauspieler wie Reagan und Schwarzenegger zu Politikern - bei uns in Good Old Germany werden Politiker mal eben zu Schauspielern. Und wenn es selbst dazu nicht reicht, macht man schnell einen auf Busenwunder und hat "mehr zu bieten", indem man seine nicht mehr ganz taufrischen Möpse (leider sind nicht die Hunde gemeint) plakativ aus dem Kleid hängen lässt. Angesichts solcher Volksvertreter wirken selbst auf einem Egotrip befindliche Datenschutz-Rambos noch harmlos.

Man darf gespannt sein, in welcher Form diese neuentdeckten Talente bis zu den Wahlen noch zum Einsatz kommen werden. Eins ist klar: Der Wahlkampf ist kein Ponyhof, schon gar nicht für diejenigen, die sich das Ganze anschauen und bald vom Kopfschütteln mehr Kopf- und Nackenschmerzen bekommen als ein Wacken-Besucher vom Headbangen. Womöglich sollte sich die nächste Folge der gulli-internen Gesundheitsprophylaxe daher der Verteilung von Aspirin-Tabletten widmen. Bis dahin aber wünschen wir allen Lesern eine gute und gesunde Zeit - bleibt brav und umgeht keine Stoppschilder! (Annika Kremer)

News Redaktion am Sonntag, 23.08.2009 02:21 Uhr

Tags: demo demonstration blizzard kommentar wochenrückblick essen killerspiel csu informationsfreiheit esport freiheit statt angst netzzensur freedom not fear jörg ziercke gamescom aigner aktion fsa electronic sports league köln mehr zu bieten merkel rcrf remmert-fontes schweinegrippe spielemesse the pirate bay netzsperre nintendo wahlkampf gulli glosse berlin warez

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6 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Metal_Warrior am 23.08.2009 14:11:46

    Hübsche Glosse - das mit den "dezentralen Sicherungskopien" kenn ich aber schon ne Weile ;) War bei mir auch verbreitet seit den Anfängen ;) ...

  • Lonakuri am 23.08.2009 10:00:29

    Dein Link ist falsch, 404 ;) . Falsch: http://www.gulli.com/news/deckel-drauf-die-gulli-glosse-2009-08-22 Richtig: http://www.gulli.com/news/deckel-drauf-die-gulli-glosse-2009-08-23 2223 :D Aber ansonsten sehr schön. ...

  • Ghandy am 23.08.2009 08:08:21

    ... och von mir aus Hinkelsteine. Solange sie sich gegenseitig damit bewerfen ist das für mich okay. ...

  • Annika_Kremer am 23.08.2009 03:44:01

    Hoffe zur wahl gibbet ein PATT ... dann müssen sich alle Streiten ... das sorgt wenigstens ansatzweise für politische Disskussionen ... ;) mfg Bei Asterix mussten sich die politischen Gegner dann mit Strohballen bewerfen, ich finde, das hätte auch was... ...

  • Mr.Harmlos am 23.08.2009 02:41:55

    Nicht die Spiele selbst waren dabei das Problem, sondern eher die Tatsache, dass die Bereitschaft, an derartigen Spielen teilzunehmen, fast immer umgekehrt proportional zum musikalischen Talent der betreffenden Personen zu sein scheint. YMMD II Frohes schaffen ... Hoffe zur wahl gi ...

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