
Die Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg im Westen der Republik bot allen Ausstellern und Besuchern ausreichend Platz für ihre Aktivitäten an.
Der Hörsaal, den man für die Keynote des Entwicklers von Minix 3, Tanenbaum, zur Verfügung gestellt hatte, war trotzdem voll belegt. Tanenbaum (oberstes Bild) verglich in seinem Vortrag, wie die heutige Technologie aussehen sollte, beziehungsweise wie sie leider tatsächlich beschaffen ist.
Über Waschbären und Bugs: Kauft man sich ein Fernsehgerät, möchte man den Stecker einstecken und das Gerät einfach benutzen. Bei Computern sieht der Fall gänzlich anders aus: Nach der Installation des Betriebssystems muss das OS gegen Viren, Spyware, Spam, Hacker etc. geschützt werden, um eine halbwegs stabile Funktion des PCs zu gewährleisten. "Stellen Sie sich vor, Sie kaufen sich ein Auto und das bleibt alle paar Tage oder Wochen stehen - wie würden Sie darauf reagieren?" Seine eigene Entwicklung Minix 3 will mit diesem Missstand aufräumen.
Tanenbaum stellte seine Kritik an der fehlenden Stabilität heutiger Betriebssysteme in den Mittelpunkt seines Vortrags. Zudem könne es doch nicht angehen, dass wir immer schnellere Computer besitzen und diese wegen des Betriebssystems immer langsamer werden. Das Wahrzeichen von Minix 3 ist passenderweise der Waschbär. Er wäre klein, handlich, schnell und last, but not least, er ernährt sich von Bugs. Obwohl die Keynote nur wenig für Einsteiger geeignet war, hatte Tanenbaum mit solchen Aussagen die Lacher der Zuschauer auf seiner Seite.
Der Gitarrist Michael Bohle (siehe Bild unten) fiel auf der Ausstellung schon alleine deswegen auf, weil er auf seinem Stand häufiger Gitarrensolos zum Besten gab. Der Macher des Projekts JackLab wollte sich nicht damit abfinden, dass es keine anständigen Anwendungen im professionellen Musikbereich für Linux gab. "Ich habe mich mit einigen Leuten aus der Suse-Community zusammengesetzt und wir haben überlegt, wie wir diese Lücke schließen können, daraus ist JackLab entstanden. Das Projekt hat sich zu einem Treffpunkt für Entwickler und Musiker entwickelt, wo wir diskutieren, welche Voraussetzungen für Open Source bzw. Linux geschaffen werden müssen." Für Windows wäre die Palette an Anwendersoftware mehr als ausreichend, da hätte er nichts zu tun. Im Fall von Linux könne er sich noch "austoben".
"Auch die Tools für die Musikproduktion müssen in Zeiten von freier, downloadbarer Musik frei sein. Das Alphabet ist auch nicht lizenziert, das kann jeder benutzen. Und so muss das hier auch sein."
Kommerziell ausgelegte Projekte für Linux wären seiner Meinung nach wegen des zu kleinen Marktes grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Zudem müsse man zunächst sehr viel Vorarbeit leisten, um die hohen Erwartungen der Anwender von Windows- oder Mac-Rechnern erfüllen zu können. "Zudem gibt es kaum oder keine Unterstützung von der Industrie." Die Hersteller der Hardware würden sich sehr lange bitten lassen, bis diese ihre Treiber endlich zur Verfügung stellen würden, wenn überhaupt. Im Laufe der Zeit haben rund 20 Personen ihren Beitrag zur Entwicklung von JackLab geleistet. Im September letzten Jahres hat man die erste offizielle Version des Programmpakets veröffentlicht. Die Arbeit ist aber noch lange nicht abgeschlossen, will man den Linux Anwendern den gleichen Komfort wie unter Windows oder MacOS bieten.
Harald Poppek und das Team von SkoleLinux wollen eine Linux-Distribution erschaffen, "die im Schulbetrieb die Bedürfnisse der Lehrer, Schüler und Eltern möglichst gut abdeckt." Die Distribution bietet unter anderem einen Schulserver, Netzwerksoftware, eine grafische Oberfläche und Anwendungssoftware. "Das alles kann einfach per CD oder DVD installiert werden." Im Gegensatz zu Windows fallen hier keine Lizenzgebühren für die Server und einzelnen Rechner an. Ein Linux-Netzwerk ist nach Aussage von Herrn Poppek zudem leichter zu pflegen. Bei Windows müssen die Einstellungen jedes PCs vom jeweiligen Lehrer vor Ort eigenhändig durchgeführt werden. Bei Windows wäre es zudem nicht sichergestellt, dass die nächste Generation zum Beispiel von Word die alten Formate noch lesen kann. Die Dokumente von OpenOffice.org können im Gegensatz dazu auch noch nach Jahren eingesehen werden. Harald Poppek betont auch die Funktionsvielfalt von OpenOffice.org. Wer will, kann jederzeit seine Texte oder Tabellen in ein PDF umwandeln. Er ist der Meinung, man kann den Kindern und Jugendlichen auch mit Freier Software alles bieten, was sie für den Schulbetrieb benötigen.
Leider gibt es keinen zentralen Ansprechpartner, um die Verbreitung von Linux voranzutreiben. Viele Städte und Gemeinden entscheiden über die Ausstattung ihrer Schulen eigenständig. In anderen Nationen, deren Gemeinden über weitaus weniger Geld verfügen, konnte die Verbreitung des Freien und kostenlosen Betriebssystems leichter realisiert werden. Erste Ansätze sind auch hier erkennbar, in Deutschland muss die weitere Entwicklung aber noch abgewartet werden.
Ergänzung vom Atari-Frosch: In seinem Vortrag "IPsec und SSL-VPNs" zeigte Johannes Hubertz die Einsatzgebiete für IPsec (Verschlüsselung von IP-Paketen) und verschlüsselten Virtual Private Networks, ohne dabei jedoch in die genaue Funktionsweise beider Techniken einzusteigen.
IPsec hat den Vorteil, dass die Verschlüsselung im Kernel stattfindet, während VPNs im Userland verschlüsselt werden. Ein Problem insbesondere im B2B-Bereich sind dabei allerdings oft die in Firmen eingesetzten Netzwerkrouter: Die Hersteller der Router implementieren IPsec nicht immer 100-prozentig standardgemäß, sondern bauen kleine Veränderungen ein. So kann es vorkommen, dass zwar die Router zweier Firmen IPsec sprechen - aber nicht miteinander. Johannes Hubertz betonte in seinem Vortrag immer wieder: Egal welche der beiden Methoden man wählt, es sollte immer quelloffene Software eingesetzt werden. Die Quellcodes der Programme können überprüft und ggf. an eigene Bedürfnisse angepasst werden. Bei proprietärer Software habe man keine vollständige Kontrolle über sein Netzwerk und dessen Sicherheit.
Das Gespräch mit Martin "Joey" Schulze (s. Bild mit rotem T-Shirt) von Debian entwickelte sich von einem simplen Interview zu einer ausführlichen Grundsatzdiskussion. Martin hat bei Debian als Paketbetreuer angefangen. Später baute er einzelne Teams auf und betreut jetzt mit anderen Personen zusammen rund 250 Mailinglisten mit zirka einer Million Diskussionsteilnehmern. Bei den vielen unterschiedlichen Aufgaben fiel es ihm sichtlich schwer zu definieren, woran er denn nun aktuell primär arbeitet. Jeder Tag verläuft anders und hat total unterschiedliche Schwerpunkte, denen er sich widmet. Er ist vor zehn Jahren kurz vor der ersten benutzbaren Version von Debian zum Team gestoßen. Ihm war wichtig, dass die Software quelloffen, frei und seine Mitarbeit auch erwünscht ist.
Auf die Frage, warum es so viele Linux-Distributionen gibt, antwortet er mit der Gegenfrage "Warum gibt es so viele unterschiedliche Autos?" Mit der Brille eines Unternehmers betrachtet wäre eine solche Splitterung innerhalb der Linux-Community sehr ungünstig. "Die Entwickler Freier Software haben aber keinen kommerziellen Hintergrund. Es ist uns nicht wichtig, dass wir die totale Macht haben und alle anderen vom Markt verdrängen. Wir verkaufen keine einzige CD, keinen einzigen Datenträger und keinen Rechner damit. Für uns von Debian steht lediglich Freie Software und ein vernünftiges System im Vordergrund. Ein universal operating system, das man überall einsetzen kann." Die einzelnen Distributionen haben unterschiedliche Zielsetzungen, sollen unterschiedliche Bedürfnisse der Anwender befriedigen. "Es ist nicht so, dass es DIE Community mit dieser EINEN Zielsetzung gibt. Etwa so wie die Firma Microsoft, die die Gewinnoptimierung als Ziel hat und gerne auch die Konkurrenten vom Markt verdrängt, das ist bei der Freien Softwarebewegung anders." Die Unterschiedlichkeit der Distributionen ist zugleich ihre Schwäche wie auch ihre Stärke. Wer mit der einen Lösung nicht zurechtkommt, kann alternativ etwas anderes ausprobieren.
Bei Debian wurden viele Anstrengungen unternommen, um die Abhängigkeiten innerhalb des Betriebssystems sinnvoll festzulegen. So werden die entsprechenden Zusatzinformationen (Pakete) automatisch bezogen, die von unterschiedlichen Personen erstellt wurden. Installiert man beispielsweise den Firefox, so braucht man auch Qt und noch ein paar weitere Bibliotheken und Programmpakete. "Diese Abhängigkeiten müssen sinnvoll definiert werden." Und im Gegensatz zu kommerziellen Unternehmen finden solche Diskussionen öffentlich in den Mailinglisten statt. Die Entscheidung trifft dann die Community und nicht ein einzelner Geschäftsführer. Vor allem arbeiten solche Personen aktiv an der Entwicklung von Debian mit, die ein Problem haben und dieses selbst lösen können. "Wenn dieses Problem vernünftig gelöst ist, ist auch deren Leben einfacher." So tragen überall in der Welt ganz viele Menschen ihre Arbeit bei. Die Summe all dieser Mosaiksteine bildet im Endeffekt die komplette Distribution. Diese besteht insgesamt aus einer Datenmenge von umgerechnet zwei DVDs.
Auf die Zukunftsaussichten der Bewegung angesprochen, antwortet Martin damit, dass in den letzten Jahren einige Firmen von proprietärer auf Freie Software ungestiegen sind. Seitdem die Software nicht mehr proprietär ist, weil die betreffende Firma sie freigegeben hat, hat deren Benutzerzahl im Laufe der Zeit stark zugenommen. Auch einige Städte und Gemeinden haben sich in der Zwischenzeit dafür entschieden, auf ein alternatives Betriebssystem umzusteigen. Diese Entwicklung wird langsam aber stetig weiter gehen. Bezüglich der grafischen Gestaltung des Desktops sagt er: "Nicht nur Ubuntu muss schöner werden. Auch KDE und Gnome sollten es mindestens mit Windows und Mac OS aufnehmen können." Manche bevorzugen allerdings eher minimalistische Desktops ohne Schnörkeleien, auch dies ist unter Debian problemlos möglich. Der Benutzer passt hier das OS seinen Bedürfnissen an. Dieser muss sich nicht wie im Fall von Windows den Gegebenheiten des Betriebssystems unterwerfen.
Letztlich sind all die Einschränkungen der Vista-Benutzer die beste Werbung für anders geartete Betriebssysteme. Die Anwender fragen sich immer häufiger, ob sie oder das OS die Kontrolle über den Computer übernommen haben. "Ich habe schon häufiger davon gehört, dass man unter Vista einen mit der eigenen Digitalkamera gedrehten Film nicht abspielen oder an Freunde verschicken konnte, weil die DRM-Information fehlt. Das betrifft nicht jedes Format und jede Kamera aber das ist mehrfach vorgekommen." Wenn der Empfänger des Videos dieses abspielen wollte, hat ihn Vista mit dem Hinweis daran gehindert, das DRM würde nicht passen. "Da kann ich mir doch nur an den Kopf packen. Was soll der Blödsinn denn? Das ist ein selbst gedrehter Film, der verletzt kein Copyright von irgendeinem Hollywoodstudio."
Ab 20 Uhr ging die Veranstaltung in den gemütlichen Teil über, bei dem der Austausch untereinander, für manche aber schlichtweg die Feier an sich im Vordergrund stand. Insgesamt hinterließ die FrOSCon den Eindruck einer gut organisierten Veranstaltung, die für Experten wie auch Neulinge sehr viel zu bieten hatte. Besonders zu danken ist den freiwilligen Helfern der FrOSCon-Crew, ohne die eine solche Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre. Die Streams der Workshops der Free and Open Source Software Conference finden sich demnächst hier.
Text und Fotos: Lars "Ghandy" Sobiraj.
News Redaktion am Sonntag, 24.08.2008 19:59 Uhr
Danke Ghandy. Hier der Link: http://streaming.linux-magazin.de/archiv_froscon08.htm ...
Yeah, die Streams sind jetzt online! *Bescheid geb* ...
Wuerde mich freuen, wenn jemand das dann hier zu gegebener Zeit bekannt gibt - wie ich mich kenne, vergess ich in ein paar Tagen wieder, nachzusehen. ...
...dann bin ich mal gespannt! ...
Letztes Jahr hats 8 Monate gedauert ;) Dieses Jahr macht das eine externe Firma (Linux New Media meines Wissens). Es sollen auch nicht reine Videos sein, sondern Videos + Folien, also so, wie im echten Vortrag. ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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