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Deckel drauf: Die Gulli Glosse (Woche 35)

Sonntag, 31. August. Irgendwie bleibt es immer an mir kleben, den Sonntagsdienst zu realisieren. Sei's drum. Es ist doch besonders reizvoll die Geschehnisse der vorhergehenden Woche erneut aufflammen zu lassen, um sie dann genüsslich zu zertreten.

Deckel drauf - die Gulli Glosse (Woche 35)

Manchmal möchte man ...

Manchmal kann man sich getrost fragen, ob die Welt noch so rund läuft, wie sie es sollte. Angeblich tut sie dies ja nicht, wissen kann man es aber letztendlich nur, wenn man es geprüft hat.

Diese Aufgabe haben - freundlicherweise - die Leute von AFACT übernommen. Das Ergebnis sollte uns erschrecken. Motorrad-Gangs sind inzwischen in völlig neuartige "Geschäftsgebiete" vorgedrungen, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren. Ein völlig zugedröhnter Rockerboss sitzt in seinem Wohnzimmer, vor ihm sein PC. Mit zittrigen Händen bestellt er über PayPal seinen One-Click-Hoster Account und beginnt wenige Augenblicke später mit dem lustigen Leechen. Im Nebenzimmer seine Gang-Mitglieder, die nur darauf warten, hunderte CDs mit illegalen Kopien von urheberrechtlich geschützten Werken zu bestücken. Zur Belohnung gibt's dann nen Schuss. Interessant, wie sich die Welt scheinbar entwickelt.

Allem Anschein nach geht es aber anders gar nicht mehr. Die netten Report München Leute, oft genug für ihre durchaus seriöse Berichterstattung und Aufdeckung von heiklen Themen bekannt geworden, machen stilecht Old-Skool-Propaganda. Die Vorratsdatenspeicherung ist gut, sie schützt unschuldige Bürger vor Verbrechen. Akzeptiert es einfach - oder um es mit dem Newstitel meiner Kollegin auszudrücken. Datenschutz ist Täterschutz! OK, mal tief durchatmen. Wir finden Kriminelle jetzt also nur noch, wenn diese durch die Vorratsdatenspeicherung erfasst werden, weil sie ihren Opfer die Mobiltelefone stehlen und damit telefonieren. Notiert. Damit das Ganze noch möglichst gut beim Volk rüberkommt, bringt man als Opfer die vergewaltigte Frau ins Spiel. Hätte die Vorratsdatenspeicherung die Tat etwa verhindert, oder was will man dem Bürger da vorspielen? Man versucht hier, mithilfe einer vergewaltigten Frau, für Toleranz für die Vorratsdatenspeicherung zu werben. Wieso fällt mir gerade ein sehr dummes Plakat ein.

Besonders hart getroffen hat mich die erneute Verurteilung einer Filesharerin im Vereinigten Königreich. Damit dürfte diese die Fünfte sein, welche auf so glorreiche Art und Weise verurteilt wurde, ohne sich wehren zu können. Also, wehren hätte sie sich schon können. Bloß dummerweise ist sie nicht zum Prozess erschienen, weshalb ihr - wie den vier Vorgängern - unmöglich war sich zu verteidigen. Natürlich bleibt auch ein Versäumnisurteil ein Sieg. Er ist aber keinesfalls so glorreich, wie ihn sich die Retter der Rechteinhaber wünschen würden.

Gegenwärtig dreht sich ja scheinbar sowieso wieder alles um die bösen Raubkopierer, durch die die Industrie so heruntergemacht wird, dass ein Entkommen unmöglich erscheint. Zum Glück gibt es ACTA. ACTA ist der Freibrief für Content-Industrie, alles zu machen, was sie will. Damit das Wünschen nicht so schwer fällt, hilft die RIAA dabei mal ein bisschen. Deren Wunschliste wurde zwar schon vor ner Weile veröffentlicht, aber fand irgendwie nie wirklich den Weg ans Tageslicht. Jetzt ist es geschehen und was soll man sagen. Es haut einen um. Die RIAA wirkt wie ein kleines Kind zu Weihnachten. Die Regierungsvertreter stellen dabei Papi und Mami dar. Dann heißt es bloß noch "Ich will" und weil das Kindchen RIAA der Liebling ist, wird da gleich gesprungen. Was die anderen Kinder wollen, juckt nicht. Es kann nur einen Liebling geben. Optimalerweise der, der die größere Finanzkraft hat.

Dass man an manchen Orten Geld wie Heu investiert, ohne jemals etwas sinnvolles dafür zu erhalten, scheint sowieso zum Alltag zu werden. In den USA hat man 500 Millionen US-Dollar in ein Projekt investiert, welches mehrere Datenbanken zusammenführen soll. Ziel des Projekts: Die Bürger besser vor Terrorismus schützen. Inzwischen sieht es so aus, dass man nicht einmal eine fehlerfreie Anwendung der booleschen Operatoren gewährleisten kann. Das Schnäppchen-Projekt kennt diese scheinbar gar nicht. Vielleicht sollte man jetzt einmal die Frage stellen, wer die Bürger vor solch immensen Ausgaben schützt, die schlussendlich von ihren Steuergeldern finanziert wurden. Mit dem kleinen Bürger kann man´s ja machen.

Das Vorführen von Menschen ist aber schon lange keine Kunst mehr, die nur die Regierung beherrschen würde. Bank of New York Mellon. Ganz neblig erinnern wir uns an den tragischen Verlust eines Magnetbandes. Alles halb so wild, liebe Kunden. Sind nur 4,5 Millionen Datensätze. Na, die Zahl beruhigt doch. Die Kunden halten brav die Klappe und was spuckt dann, wenige Wochen später, eine Untersuchung aus. Hoppla, es geht doch um 12 Millionen Daten. Ja gut, wenn schon Millionen dahintersteht, spielt der Wert vorne sowieso keine Rolle mehr. Am allerwenigsten für die Bank, noch weniger für deren Kunden. Die kennen solch große Zahlen gar nicht. Zumindest möchte die Bank of New York Mellon das gerne glauben.

Zum Abschluss besonders witzig. Wir kennen ja den Begriff Flatrate. Die gibt es in den verschiedensten Ausführungen. Flatrate-Partys, ISP-Flatrates, und viele mehr, die ich gar nicht kenne. Maßgebend für die Flatrate ist, dass es alles für den Preis X gibt. Der amerikanische Provider Comcast macht jetzt Schluss damit. 250 Gigabyte als Limit für die Flatrate. Was danach passiert weiß - noch - keiner. Natürlich kann man jetzt argumentieren, die 250 Gigabyte kann keiner ausnutzen. Das mag schon stimmen. Aber wenn ich auf eine Flatrate-Party gehe, und nach Bierchen Nummer 20 sagt mir der Wirt es gibt nix mehr, fühl ich mich in puncto Begriff Flatrate verarscht. Zumindest aber wäre die Kontaktaufnahme bei der Party persönlicher, wenn es um die Reaktivierung geht. "Sie haben ihr Trinklimit erreicht, wenden Sie sich an den Notarzt, um weiteres Volumen zu erhalten." Naja, wer weiß. Vielleicht verschwindet der Begriff Flatrate bald, oder im Unlesbaren steht das Limit drin.

Ich mach´s jetzt wie die australischen Raubkopierer und gönn mir mein Heroin, damit ich den zehnten Geburtstag des MP3-Players feiern kann.  ;) (Firebird77)

(Bilder via cnet, impiousdigest, kobinet-nachrichten, thx!)

News Redaktion am Sonntag, 31.08.2008 21:06 Uhr

tagsTags: filesharing p2p illegal provider mp3 afact riaa münchen gulli comcast geburtstag report acta player gulli glosse deckel drauf täterschutz wunschliste verurteilung

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7 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • !AntiDekoration am 01.09.2008 13:05:22

    haha, die glosse ist wirklich eine von meinen favoriten ^^ viel spaß beim feiern ;) ...

  • mayz am 01.09.2008 12:51:21

    Das war saftig :D :T Es triefte beinahe :D ...

  • min2max am 01.09.2008 11:07:06

    Hat mir auch sehr gut gefallen. Das war saftig :D :T ...

  • Firebird77 am 01.09.2008 10:22:14

    Merci, freut mich. ...

  • xzeNji am 01.09.2008 08:24:02

    Haha, ja für mich aber auch! Seeeehr gut geschrieben, musste mehrmals Schmunzeln! :D ...

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