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Journalismus: Nachrichtenagenturen vertrauen der Polizei mehr als Demonstranten

Mit der Objektivität der Berichte von Nachrichtenagenturen, speziell bezogen auf die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm, befasst sich die Diplomarbeit von Christian Selz, einem Fachjournalistik-Studenten der Hochschule Bremen. Selz untersuchte für seine Studie knapp 500 Berichte und Meldungen namhafter Nachrichtenagenturen, um festzustellen, wie das Verhältnis der Meldungen zur Polizei einerseits und zu den Demonstranten andererseits aussieht.

Der Diplomand sammelte und analysierte insgesamt 476 Berichte und Meldungen der Agenturen dpa, AP, AFP und ddp aus dem fraglichen Zeitraum (also vom 2. bis 8. Juni 2007). Dazu verwendete er vor allem das methodische Handwerkzeug der Inhaltsanalyse und untersuchte damit die Aussagen über die beiden Konflikparteien der damaligen Proteste, also Ordnungshüter und demonstrierende Globalisierungsgegner. Insgesamt kam er zu einem Ergebnis, das nicht unbedingt eine lückenlose Objektivität der Nachrichtenagenturen nahelegt: "Das Verhältnis der Agenturen zur Polizei war deutlich weniger distanziert als ... zur Partei der Demonstranten."

So seien die in den Meldungen getroffenen Aussagen über die Demonstranten insgesamt deutlich negativer als diejenigen über die Polizei. Zwar habe es auch viele neutrale Aussagen gegeben, jedoch sei das Verhalten der Demonstranten weit häufiger negativ als positiv bewertet worden, während fragwürdiges, zu hartes Vorgehen der vor Ort anwesenden Polizisten kaum kritisiert wurde.

Die Aussagen der Beteiligten selbst seien quantitativ fair behandelt worden, stellt Selz fest - Polizei und Demonstranten kamen annähernd gleich oft zu Wort. Jedoch gibt es deutliche Unterschiede in der Art der Wiedergabe beziehungsweise der sprachlichen Präsentation dieser Aussagen. Diese wurde untersucht, indem beispielsweise überprüft wurde, wie oft "direkte oder indirekte Zitate mit stark distanzierenden Verben wie beispielsweise 'behaupten' verknüpft werden". Derartige Konstruktionen wurden als Beispiel für große Distanz zur getroffenen Aussage gewertet. Nach ähnlichen Kriterien wurden auch die Kategorien "mittlere Distanz" und "geringe Distanz" festgelegt. Beispiele für "große Distanz" fanden sich gegenüber beiden Parteien nicht bis kaum. Jedoch wurden Aussagen der Polizei weit häufiger, nämlich zu gut 60 Prozent, mit "geringer Distanz" wiedergegeben als die der Demonstranten, bei denen dies nur in 14 Prozent der Fälle vorkam. Diese Beobachtung veranlasst Selz zu dem Schluss, dass "Die Polizei in deutlich höherem Maße das Vertrauen der Nachrichtenagenturen genoss als die Demonstranten."

Selz merkt außerdem an, dass durch Verwendung entsprechenden Vokabulars bei den Protesten aufgetretene Gewalttätigkeiten dramatisiert worden seien. Den Grund dafür sieht er in dem "hohen Stellenwert des Nachrichtenwertes Gewalt für die Berichterstattung der Agenturen", die die von ihnen versorgten Medien mit möglichst dramatischen Schlagzeilen versorgen wollen. Dabei konnten die Agenturen, wie Selz kritisiert, entsprechende Behauptungen nicht immer selbst überprüfen.

Die mangelnde Überprüfung von Pressemitteilungen und ähnlichen Informationen erklärt auch einen Teil der von Selz beobachteten Tendenzen: Die Pressearbeit der Polizei verlief während des Gipfels, wie zu erwarten war, eindeutig professioneller als die der Globalisierungsgegner, die "ihre Positionen aufgrund der eigenen heterogenen Zusammensetzung weit weniger eindeutig vermitteln konnten" und außerdem kaum über erfahrene Personen für die Öffentlichkeitsarbeit verfügten - generell ein Problem derartiger Protestbewegungen.

Zwischen den einzelnen Nachrichtenagenturen stellt Selz durchaus Unterschiede fest (so soll die dpa besonders deutlich zugunsten der Polizei berichtet haben), in mehr oder weniger starker Form treffen die in der Studie getroffenen Aussagen jedoch auf alle untersuchten Nachrichtenagenturen zu.

Der Autor regt nun an, den Themenkomplex durch Folgestudien weitergehend zu untersuchen. So regt er unter anderem die genauere Untersuchung der Gründe für das der Polizei entgegengebrachte deutlich größere Vertrauen an. Indirekt kritisiert Selz mit seiner Studie auch den damals betriebenen Journalismus, wenn er abschließend fragt: "Warum griff die eigentlich selbstverständliche journalistische Gleichbehandlung von in einen Konflikt involvierten Parteien hier nicht?"  (Annika Kremer)

(via agenturjournalismus.de, thx)

News Redaktion am Donnerstag, 11.12.2008 08:04 Uhr

tagsTags: journalismus demonstration polizei nachrichtenagentur berichterstattung g8 heiligendamm agenturjournalismus selz

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14 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • am 17.12.2008 01:47:04

    Ist doch logisch! Die Polizei ist wohl obj. als irgendwelche Chaoten. Was denn? Der hat doch ne schicke Frisur :D ...

  • am0kk am 13.12.2008 09:46:43

    Ist doch logisch! Die Polizei ist wohl obj. als irgendwelche Chaoten. Sehr geehrter Herr "Anwalt" schauen Sie sich doch einfach mal den Film "Gipfelstürmer" an. Da können Sie die Polizei mal in ...

  • dl3daz am 12.12.2008 23:35:03

    Ist doch logisch! Die Polizei ist wohl obj. als irgendwelche Chaoten. Is klar: "Spätes Geständnis ei ...

  • Gravenreuth am 12.12.2008 21:32:11

    Mit der Objektivität der Berichte von Nachrichtenagenturen, speziell bezogen auf die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm, befasst sich die Diplomarbeit von Christian Selz, einem Fachjournalistik-Studenten der Hochschule Bremen. Selz untersuchte für seine Studie knapp 5 ...

  • Pelargir am 12.12.2008 20:57:14

    Wärs eigentlich so schwer jedem Polizisten eine dicke, fette Nummer auf die Brust zu machen - so wären sie nachher wieder zu identifizieren und die Annonymisierung wäre eingeschränkt. ...

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