
A Surveillance Carol - Ein Überwachungsmärchen - Teil 2
Es war inzwischen spät geworden, so dass diejenige der Demonstranten, die nicht wegen Terrorverdacht verhaftet worden waren, langsam ihre Zelte abbrachen und nach Hause trotteten. Ebenezer Schäuble rollte zu Bett, leise vor sich hinmurmelnd: "Bundesrat, Bundesverfassungsgericht. Schnösel. Haben keine Ahnung von der aktuellen Terrorgefahr und kommen mir ständig mit verfassungswidrig und solchem Blödsinn. In die Luft sollen sie fliegen, diese inkompetenten Freigeister." Ebenezer hatte inzwischen sein Schlafzimmer erreicht und sich in der Bettdecke eingekuschelt. Langsam umfing ihn die flauschige Wärme, welche ihm jedoch kein Gefühl von Geborgenheit gab. Ein lauter Knall ließ ihn hochschrecken. Vor ihm, halb durchsichtig, schwebte eine geistförmige Gestalt. "Ebenezer, ich bin der Geist der Vergangenheit. Wir beide gehen heute auf eine Reise durch dein Leben, in der Hoffnung dir vor Augen führen zu können, wieso dein Leben solche Wege genommen hat." Ebenezer schwankte zwischen Angst und vollendeter Panik. Gerade als er sich aus dem Bett rollen wollte, erhellte ein grelles Licht den Raum und er fand sich, wenige Meter über dem Boden schwebend, an einem ihm fremden Ort wieder. Er wollte sich gerade dem Geist zuwenden, als er eine jüngere Version seiner selbst den Raum betreten sah. Er wartete gespannt was geschehen würde, als kurz darauf eine weitere Person das Zimmer betrat. Es war der Ex-Bundeskanzler Gerhart Pröder. Beide schienen sich zu streiten, doch Ebenezer verstand nicht, was gesprochen wurde. Auch die Erinnerung an dieses Ereignis war ihm verloren gegangen, wenngleich ihm die Situation bekannt vorkam. Langsam aber sicher wurde das Gespräch immer lauter und man verstand einzelne Wortfetzen. Es schien, als ob man über Rotland sprechen würde. In Ebenezer wurden Erinnerungen wach, als er sein jüngeres ich plötzlich deutlich sagen hörte: "Du bist charakterlos Gerhart! Du tolerierst die Menschenrechtsverletzungen der rotländischen Regierung ohne auch nur im geringsten Kritik daran zu üben. Wir haben die perfekte Demokratie, unser Grundgesetz, alle Macht geht vom Volke aus. Hier wird das Volk in seinen Grundfesten bedrängt, genötigt, misshandelt. Und DU sitzt tatenlos herum. Wie können WIR uns in Stillschweigen hüllen, während dort elementare Grundrechte, die jeder Mensch innehat, mit Füßen getreten werden?" Ebenezer blickte in die leere Gestalt des Geistes, als ein erneuter Lichtblitz ihn zurück in sein Bett beförderte. Leicht verwirrt blickte er sich um, dabei fiel sein Blick auf die große Standuhr, welche gerade lautstark schlug. Es war ein Uhr. Schäuble legte sich zurück und versuchte die Augen zu schließen. Der vorgeführte Moment. Er erinnerte sich gut an ihn. Wie konnte man Menschen bloß so behandeln, ohne jedwede Rechte. Wie konnte man in die grundlegendsten Rechte so eingreifen? Er grübelte und versank dabei langsam in einen leichten Schlaf.
Dieser war jedoch keinesfalls von Dauer. Bereits kurze Zeit später erhellte ein neuerlicher Lichtblitz den Raum. Diesmal war Schäuble jedoch gefasster als zuvor und blickte lediglich mit schläfrigen Augen auf den neuerlichen Geist. "Verschwinde! Ich habe keine Zeit für deine Spielchen! Morgen ist eine wichtige Entscheidung im Bundesrat, da muss ich fit sein. Die wollen meine neuen Sicherheitsgesetze kippen. Das darf ich auf keinen Fall zulassen." Der Geist schien sich jedoch nicht sonderlich für die Ausführungen des Innenministers zu interessieren, so dass der zweite Lichtblitz beide abermals aus dem Schlafzimmer von Ebenezer in die Zuhörerschaft einer dautschen TV-Ausstrahlung versetzte. Gast war Ebenezer Schäuble. Streitthema dessen aktuelle Politik. Ebenezer konnte sich im wahrsten Sinne selbst reden sehen. "Sicherheit, das ist ein Grundrecht für jeden Bürger. Da müssen nunmal auch Einschränkungen in Kauf genommen werden. Der internationale Terrorismus bedroht uns alle, ausnahmslos. Tagtäglich steigt die Gefahr exponentiell an, ohne dass das einfache Volk sich dessen bewusst ist. Ich weiß es aber. Wir müssen wissen, wer welcher Person eine E-Mail geschickt, ein Telefonat geführt, eine SMS versandt hat. Dies für mindestens sechs Monate. Nur so können wir den Dautschen die Sicherheit gewährleisten, die sie verdienen. Ohne Sicherheit ist das Grundgesetz wertlos. Zur Stärkung der Sicherheit muss man natürlich auch einmal über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren nachdenken, den gekaperte Flugzeuge werden nicht mit Steinschleudern vom Himmel geholt. Das muss dann schon ein dautscher Kampfpilot erledigen. Das Bundesverfassungsgericht widerspricht dem zwar, aber dieser Papiertiger versteht die Brisanz der Thematik nicht im geringsten. Politik wird im Innenministerium gemacht. Nicht bei irgendwelchen Verfassungsrichtern. Man muss das Ganze ja mal so betrachten, dass die Gefahr durch Terroristen allgegenwärtig ist. Das kann niemand leugnen. Die Presse zerreißt mich, weil ich Sicherheit für alle schaffen will. Derweil sind die es doch, die jammern, wenn sie in einem von Terroristen gekaperten Flugzeug sitzen. Wir brauchen Gesetzesänderungen zur Terrorabwehr, egal was andere Stimmen behaupten. Die Organe der Regierung müssen so viel wie möglich über das eigene Volk wissen, nur so können wir es schützen. Verstehen sie?" Ebenezer war einerseits geneigt, seinem eigenen Ich zu applaudieren. Das fanatische Glitzern in dessen Augen sowie die kräftige Stimme, mit der er diese Forderungen gerechtfertigt hatte, erschütterten ihn jedoch innerlich. So hatte er das gar nicht wirklich gemeint. Er wollte doch nur das Beste. Dies kam hier jedoch völlig anders zur Geltung, als er es eigentlich überbringen wollte. Ein Blick zum Geist deutete ihm an, dass die Reise zu Ende war. Nach einem hellen Lichtblitz fand er sich wieder in seinem Schlafzimmer wieder, diesmal an einem Schreibtisch sitzend. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, arbeitete er hier gelegentlich Ideen ab. Die Standuhr schlug 3 Uhr. Schäuble dachte über die Ereignisse nach, die er gerade erlebt hatte. Konnte Kontrolle und Überwachung schlecht sein? War es womöglich wirklich besser, dem Volk Freiheiten zu geben, da dieses sich selbst schützen würde. Bedächtig beobachtete er die Uhr beim Voranschreiten, bis wenige Minuten vor vier Uhr der vermeintlich letzte Lichtblitz den Raum kurzzeitig erhellte. Der letzte Geist war erschienen und hatte Ebenezer sogleich mit sich genommen. Nun saßen beide in einem viereckigen Raum, welcher durch eine metallene Tür betreten werden konnte. Ein kleines, vergittertes Fenster warf etwas Licht auf das sehr einfache Bett, auf welchem ein stark gealterter Ebenezer Schäuble saß. Der jüngere Ebenezer verstand die Szenerie nicht und blickte fragend zum Geist, welcher ihm eine Akte entgegenhielt. Schäuble nahm sie und blickte auf den Text des Deckblattes: Ermittlungsakte 22-10-2012-AZ-456/3. Langsam blätterte er sich durch die Akte, welche gegen ihn ermittelte. Erschüttert lass er die Berichte der Polizeibeamten, des BKAs, des BNDs. Allesamt hatten sie ihn überwacht und schlussendlich zur Strecke gebracht. Aber wofür? Ebenezer verstand die Welt nicht mehr, bis er zu der bereits vorbereiteten Anklageschrift kam. Am 12. Dezember 2011 soll er telefonisch Kontakt mit einem Ahmad-Dujahin-Nefed gehabt haben. Dieser habe ihn im Bundesministerium des Inneren mit der direkten Durchwahlnummer zu seinem Büro angerufen und nur wenige Sekunden mit ihm telefoniert. Wenige Tage später seien an mehreren Christkindlmärkten Nagelbomben gezündet worden, wodurch zahlreiche Menschen getötet und hunderte verletzt worden waren. Die Ermittlungen ergaben, dass einer der Bombenleger telefonischen Kontakt mit Ebenezer Schäuble hatte und auch nach dem Attentat versucht hatte, diesen telefonisch zu erreichen. Man wollte es anfangs nicht wahrhaben, doch eine heimliche Online-Durchsuchung - ohne richterliche Anordnung - auf dem PC des Innenministers offenbarte das Unmögliche. Im Verzeichnis C:/BND/Terroristen/Terrorplan-Ahmad-Dujahin/ wurden mehrere hochbrisante Dokumente gefunden, wie Terrorplan.doc, Anschlag-auf-Weihnachtsmarkt.pdf und viele mehr. Binnen kürzester Zeit hatte man sich vom Innenminister abgewandt, in wochenlang bis zur Klageerhebung heimlich überwacht. Seine Behauptungen, ein Trojaner hätte ihm die Dokumente eingespeist, wurden als billige Lüge abgetan. Der Bekämpfer des Terrorismus war selbst zum Terroristen geworden. Ebenezer fiel die Ermittlungsakte aus den Händen. Der Geist flüsterte: "Nicht alles steht in dieser Akte. Du bist als Terrorist anerkannt. Dank einer Gesetzesänderung, die du erfochten hast, hast du kein Anrecht auf Grund- oder Menschenrechte mehr. Man wird dich in Kürze hinrichten." Ebenezer starrte entsetzt auf den letzten Geist, als er von draußen laute Schreie hörte. "Hinrichtungsstopp! Grundrechte für Terroristen! Menschenrechte für Terroristen! Fairer Prozess für Ebenezer Schäuble!" Die Piracy-Partei, eine seiner heftigsten Kritiker waren erschienen, um für ihn zu protestieren. Ebenezer war den Tränen nah, als ihn ein greller Lichtblitz zurück in sein Schlafzimmer beförderte. Die Standuhr schlug die fünfte Stunde. Ebenezer weinte bitterlich und begriff seine Fehler. Er wollte ein neuer Mensch werden. Er begann damit ... (Firebird77)
(Bilder via Liorin, thx & sry)
Wer Teil 1 verpasst haben sollte, kann ihn hier nachlesen!
News Redaktion am Montag, 15.12.2008 10:24 Uhr
Die Geschichte ist auf jedenfall gut gelungen, jedoch finde ich das Ende mit der Piracy-Partei ein bischen dick Aufgetragen :D ...
Wieder gut geschrieben, fand den ersten Teil aber witziger. :T ...
Auch wenn die Glosse diese Woche auffallend viele Fehler hatte: Tolle Idee, brauchbare Umsetzung: :T ...
Super:T Freuch mich auf den nächsten teil:D FG Maddara ...
Ich finde die Umsetzung gut gelungen. Außer ein paar Flüchtigkeitsfehlern, die aber jedem passieren. :T :T :T :T :T ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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