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gulli wars: Buchrezension

Nach beinahe 10 Jahren verabschiedete man sich im Februar in Bochum von einem Baby, dessen Wachstum und Gedeihen man mit Freude und auch Sorge betrachtet hatte. Freude, weil sich jeder Vater darüber freut, wenn der eigene Zögling größer wird. Gleichzeitig nahm die Dimension dieses Projektes irgendwann Formen an, die einem in Anbetracht des Aufwands, der betrieben werden musste, erschauern ließ. Über 700.000 registrierte User im Board und rund eine Million Page Impressions täglich sprechen eine ganz eigene Sprache. Das Abschiedsgeschenk von Korrupt, LexaT und gulli an die Community ist bereits vor einigen Monaten erschienen. Wir wollen kurz vor der Jahreswende trotz der Verzögerung noch einen ausführlichen Blick darauf werfen.

Ich persönlich hatte anfangs vom Verkauf des Portals überhaupt nichts mitbekommen. Wie jeher verrichtete ich meine Arbeit in der Redaktion völlig autonom und von zu Hause aus. Im Laufe der Zeit hatte sich die Zusammenarbeit zwischen Korrupt und mir in dieser Form eingespielt. Nach einer gewissen Einarbeitungsphase verweilte er tagsüber im Büro und ich abhängig von meinen Schichten als Erzieher am heimischen Rechner. Unsere Kommunikation verlief zum Großteil per ICQ inklusive OTR. Interne Absprachen waren irgendwann nicht mehr nötig. Außer, um zu verhindern, dass beide Redakteure mit dem gleichen Thema für eine News beschäftigt waren. Zirka alle sechs Monate zog es mich dann doch ins Bermudadreieck in die Bochumer Innenstadt, um aus erster Hand zu erfahren, was es Neues bei Fliks gab. Was die anderen Kollegen automatisch im Büro mitbekamen, verschloss sich mir als Telearbeiter.

Von einem derartigen Umbruch - und der Verkauf aller Rechte am Portal kann als solcher gewertet werden - hatte ich keine Ahnung. Die meisten Mitglieder im g:b ebenso wenig. Irgendwann kontaktierte mich Korrupt mit dem Hinweis, es gäbe Neuigkeiten. Die könnte ich aber nur von Randolf Jorberg (gulli) erfahren, der wiederum war für mehrere Tage nicht erreichbar. All meine Versuche Korrupt ein paar Fakten zu entlocken, schlugen fehl. Es musste etwas wirklich Wichtiges sein, er selbst wäre in diesem Fall der falsche Gesprächspartner, so Richard (Korrupt) weiter. Drei oder sogar vier ewig wirkende Tage schleppten sich dahin. Endlich hatte ich Randolf aka gulli himself überraschend am Telefon, am Wochenende darauf saßen die drei Buchautoren von "gulli wars" und ich gemeinsam im Flieger gen Wien. Die neuen Eigentümer hatten uns zu sich geladen. Die Grundrichtung von gulli.com sollte bis auf wenige Kurskorrekturen gleich bleiben, mein eigenes Leben brachte dieses Wochenende aber im Gegensatz dazu ganz schön durcheinander. Wie dem auch sei, das CC-lizensierte Buch kam leider just in dem Moment heraus, als wir mitten in den Aufbauarbeiten der mittlerweile 12-köpfigen Redaktion steckten. Das gulli:Markenzeichen bald (tm) bewahrheitete sich leider auch hier. Einen täglichen Flow an News in einer ansehnlichen Qualität zu gewährleisten ist kein Pappenstiel. Gerade in den ersten Monaten gab es viel zu organisieren, "gulli wars" flog zwar im Sommer mit mir zusammen in den Urlaub, die Rezension hat sich trotzdem nicht von selbst geschrieben.

Es ist schade um die Verzögerung, denn das gute Stück hat einiges zu bieten. Zu Beginn wird die Entstehungsgeschichte des Portals beschrieben. Wer nichts darüber weiß, kann hier ein wenig Historie der illegalen Webwarez-Szene mitverfolgen. Cosmo Connor's Crack & Warezlinks, Phrozen Crew, UCF, Serials 2000 - diese Namen dürften in zahlreichen Ohren klingeln, deren Eigentümer sich bereits um die Jahrtausendwende in der Grauzone vom Web herumgetrieben haben. Einen historisch lückenlosen Abriss bekommt man nicht geboten, das war aber auch nicht in dieser Form geplant. Besonders hilfreich die Hinweise in den Buchregeln, die man tunlichst nicht überlesen sollte. So steht dort geschrieben, dass nicht alles zu 100% stimmen soll, wie es im Buch steht. Manches hat man verändert oder dazu gedichtet, andere Gegebenheiten weggelassen. Getauft wurde das Werk aber nicht auf den Namen "Ich gestehe alles", sondern auf "gulli wars". Kriege gab es in der Geschichte von gulli auch zu vermelden. Klonkrieger hat man keine aufeinander losgelassen. Dennoch ist beispielsweise die Auseinandersetzung mit der Logistep AG damals durch viele Blogs und manche Newsticker innerhalb und außerhalb von Deutschland gegangen. Interessant auch der Teil, in dem eine Hausdurchsuchung des alten Büros im Bermudadreieck beschreiben wird. Die GVU hatte diese im Sommer 2005 angestrengt, weil man glaubte, die früheren Betreiber hätten neben dem eigentlichen Board auch einen Downloadserver in Betrieb, der gegen Bezahlung benutzt werden dürfe. Dass es solche Server in Bochum und auch anderswo unter der Leitung von Randolf & Co. nicht gab, der Besuch der Beamten sogar telefonisch angekündigt wurde und die GVU selbst kurze Zeit später überraschend mit einer Visite von der Staatsanwaltschaft bedacht wurde, sollten die damaligen Verantwortlichen der GVU recht bald lernen. Die Aktion Boxenstopp, in dessen Verlauf auch die Box der GVU angehalten wurde, sorgte im Netz für reichlich Spott und Heiterkeit. Am Verhältnis zu den Piratenjägern hat dies freilich nichts geändert, es bestand von jeher ein sportlicher Wettkampf untereinander. Die Autoren der gulli:News schreiben wie eh und je höchst kritisch über das Vorgehen der Rechteinhaber. Die Pressestelle der Gegenseite idealisiert zumeist ihre eigenen Methoden. The same procedure as every year, sozusagen.

Was den aufmerksamen Lesern aufgefallen sein dürfte ist die Tatsache, dass zum Beispiel die Aktion "Wir haben bezahlt" im Buch leider komplett fehlt. Dem Team war es 2006 eindrucksvoll gelungen, mit ihrer Initiative für viel Aufmerksamkeit zu sorgen. Dass wir schon Gebühren für Leermedien und Rundfunkgebühren etc. entrichtet haben und uns keine DRM-Verschlüsselung und überhöhte Preise zugemutet werden dürfen, ist dank dem Einsatz von Richard und den anderen Fliksern nicht nur bis zur Blogosphäre durchgedrungen. Zahlreiche Print- wie auch Onlinemedien wurden angesprochen, um darüber zu berichten. Leider waren nur wenige bereit, sich mit diesem Thema und den unbequemen Ansichten der gullianer auseinanderzusetzen. Auch das Radiointerview von Korrupt und mir bei WDR5 bleibt leider gänzlich unerwähnt. Der Journalist Matthias Hof hatte zunächst für den Kölner Radiosender "1 Live" im Rahmen der Serie "Lauschangriff" eine Reportage redaktionell betreut, die den Vorstellungen der Musikindustrie sehr stark entgegen gekommen sein dürfte. Nachdem wir RA Rasch und Frank Lüngen bei der Arbeit zuhören mussten, schickten wir ihm damals ein Fax und baten ihn, auch mal die andere, die dunkle Seite anzuhören und zu Wort kommen zu lassen. Tatsächlich meldete sich Herr Hof kurze Zeit später, unser Kontaktversuch resultierte im Oktober 2006 in der WDR-Sendung "Musikdiebstahl im Netz - Unterwegs mit einem mp3-Detektiv". Die gulli:Redaktion bekam endlich die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge öffentlich darzulegen. Wahrscheinlich lag es wirklich am Zeitmangel im Verlauf der Buchproduktion. Eventuell war es aber auch die frustrierende Einsicht der Autoren, wie wenig man im Laufe der Jahre hat unterm Strich bewegen können. Meinung wird damals wie heute von oben und nicht von uns kleinen Newstickern von unten gemacht. Betrachtet man die derzeitige Anzahl der Versuche Dritter, Einfluss auf unsere News auszuüben. Man mag sich besser nicht ausmalen, wie viele Leute mit den unterschiedlichsten Mitteln probieren, auf die Global Player & Leithammel der Medienlandschaft einzuwirken.

Generell gesagt: Spannender als das, was im Buch veröffentlicht wurde, wäre womöglich für viele Beobachter und Leser das gewesen, was zwischen den Zeilen fehlt. So zum Beispiel die Frage danach, wie es zum ausgeprägt positiven Verhältnis zu den Rechtsanwälten Gravenreuth und Syndikus oder dem Unternehmer Mario Dolzer kam, der sich höchst medienwirksam im Dialer- und Domaingeschäft betätigte. Durchaus interessant wäre es auch gewesen zu lesen, womit die alte Betreibergesellschaft von gulli sonst noch so ihr Geld verdient hat.

An wen sich die Lektüre letztlich richtet? Verfasst wurde das Werk primär für all diejenigen, die mit dem gulli:board wie auch dem Portal einige Zeit verbracht und damit groß geworden sind. So wurde der Schwerpunkt auch klar auf die Geschehnisse im Board fokussiert. Wer nicht endlose Stunden mit diesem Forum und einigen seiner liebenswerten Bewohner zugebracht hat, der sollte sich zunächst das kostenlose PDF herunterladen, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, ob sich die Investition für ihn auch wirklich lohnt.

Mutig war es in jedem Fall, den überaus kritischen Artikel der taz aus dem Jahr 2002 abzudrucken. Andererseits: Was haben die drei Autoren jetzt noch zu verlieren? Als langjährige Verteidiger der Raubmordkopierer ist man gewohnt, von allen Seiten kritisch beäugt zu werden. Einmal böse, immer böse? Und ist der Ruf erst ruiniert... Aber was deren Anteil an der Geschichte betrifft, das wars. Zumindest für die drei Autoren. Für alle anderen geht die Story um gulli.com natürlich weiter.

Wer den Blick zurück auf zehn spannende Jahre Netzkultur im Untergrund werfen möchte und wissen will, wie aus einer kleinen Warezpage eines der größten Communities mit über 700.000 registrierten Benutzern und über einer Million Seitenaufrufen täglich entstanden ist, dem sei das Buch durchaus angeraten.

Das digitale Medium steht völlig legal, ohne jegliche DRM-Kastration oder sonstige Beschränkungen zur Verfügung. Der eigene Premium-Account bei Rapidshare muss dafür nun wirklich nicht belastet werden. Wer aber die "gulli wars" lieber in Papierform in Händen halten will, der muss sie käuflich für 20 Euro erwerben.

Text & Fotos: Lars "Ghandy" Sobiraj.

Bild oben rechts: Jens vom PottBlog, GvG & Korrupt (v.l.n.r.)

Foto mitte links: Be careful, it was crimetime! Der Eingang der Partylocation im Bermuda3Eck kurz nach der Buchpräsentation. Foto von Korrupt, danke!

Rechts unten: Randolf Jorberg bei seiner Ansprache zu den Gästen.

News Redaktion am Dienstag, 30.12.2009 22:48 Uhr

tagsTags: gulli buch korruption lexat randolf jorberg gulli wars

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42 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • foxxy am 06.01.2009 20:35:03

    Ihr könnt eure Theorien noch 100 Jahre lang durchkauen: Entweder es ist im gulli okay so wie es jetzt ist und ihr bleibt. Wem es nicht gefällt, dem steht es frei zu gehen. Word! Die Heulerei teilweise ist nervig. Die Zeit der Börsentrauer sollte doch inzwischen vorbei sei ...

  • Ghandy am 06.01.2009 16:16:27

    Zu der ganzen Börsen-Klon-Geschichte kann ich nichts beitragen, weil ich die Wahrheit dahinter schlichtweg nicht kenne. Und anstatt wild darauf los zu spekulieren halte ich mich dann doch lieber bedeckt. Lieber keine als eine Falschaussage. Ganz im Gegensatz zu manchen Verschwörungstheoretikern. ...

  • rekcozba am 06.01.2009 12:44:17

    @rekcozba: Ich hätte das mit der Rezension einfach bleiben lassen sollen, das wäre am besten gewesen. Valentin & Randolf = eine Person? Das kann ich ganz klar verneinen, denn ich kenne beide persönlich. Aber glaubt doch bitte was ihr wollt. da hättest du ja nicht noch gena ...

  • MSX am 06.01.2009 11:52:47

    (...) und Korrupt ist auch nicht der heilige Vater. Der kennt zwar die Wörter "Gentrification" und "Prekarisierung", aber ansonsten ist das doch ein ganz braver. :D (hey, liebes BKA, ich will dem Mann damit nichts irgendwie unterschwellig unterstellen. Das ist ein Scherz. ...

  • Ghandy am 06.01.2009 11:37:42

    @rekcozba: Ich hätte das mit der Rezension einfach bleiben lassen sollen, das wäre am besten gewesen. Valentin & Randolf = eine Person? Das kann ich ganz klar verneinen, denn ich kenne beide persönlich. Aber glaubt doch bitte was ihr wollt. ...

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