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Contentkontrolle statt freier Kultur?: Was die Musikindustrie von der Technologie lernen kann

Der BITKOM-Branchenverband gab bekannt, dass es den Herstellern von Technologie-Hardware momentan blendend geht. Nicht zuletzt das Weihnachtsgeschäft 2008 bescherte Rekordumsätze. Man hat eben gelernt, nach den Bedürfnissen der Kunden zu agieren. Die lernresistente Musikindustrie dagegen unterliegt nach wie vor einer Fehlinterpretation der Entwicklung. So fordert Dieter Gorny, Vorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie, dass man in Deutschland endlich beginnen soll, "Technologie und Kultur zusammen zu denken". Wie aber das nun gemeint ist, dieser Frage bleibt gewissermaßen der eigenen (Fehl)interpretation vorbehalten. Richtig wäre: technologische Möglichkeiten gekonnt und kulturell auf hohem Niveau nutzen. Die Verbände der Rechteverwerter werden aber vermutlich wieder die andere Seite der Medaille finden und versuchen, ISPs mit eigenen monetären Interessen einzubinden. Großes Stichwort: Three-Strikes. Bald auch in Deutschland?

In einem Interview der Spex (pdf) äußerte sich Dieter Gorny dahingehend, dass man beginnen soll, das Urheberrecht in der digitalen Welt neu zu denken. Eine durchaus interessante Feststellung. Von Bedeutung ist diese Frage schon seit über einem Jahrzehnt. Vermutlich aber ist sie jetzt für den Bundesverband Musikindustrie plötzlich wieder wichtig, weil es so langsam an der Zeit sein dürfte, auch in Deutschland eine "Three-Strikes" Regelung maßgeblich voranzutreiben.

Gorny spricht folgendes: "Erstens muss das Urheberrecht in der digitalen Welt ankommen. Zweitens muss das Urheberrecht als zentraler Bestandteil dieser digitalen Welt grundsätzlich neu diskutiert werden." Soweit so gut. Zum ersten Punkt: Das Thema Urheberrecht als Thema ist wohl in keinem einem anderen Medium so präsent wie im Internet. Kein Konsens jedoch besteht bei der Verwertung von Urheber- und Leistungsschutzrechten, beziehungsweise darin, wie der Zugang zu kulturellen Produktionen gewährleistet und gesichert werden soll. Zum zweiten Punkt: Das Urheberrecht in der digitalen Welt muss grundsätzlich neu diskutiert werden, richtig ja. Hier ist vor allem die Musikindustrie gefragt, beziehungsweise die Rechteverwerter eben dieser Kulturproduktionen. Es ist einfach schade, dass die Musikindustrie zwar hin und wieder die richtigen Fragen stellt, jedoch stets die falsche Interpretation parat hält. Oder wie ist folgende Aussage zu verstehen? "Denn wir reden nicht nur am Thema vorbei, wenn wir die Regulierung auf das Fernsehen beschränken. Wir verlieren zugleich eine ganze Generation hinsichtlich eines Informationsflusses, der bis vor kurzem noch über die Tagesschau im Fernsehen oder die Tageszeitung am Frühstückstisch funktionierte."

Anders dagegen scheint es im Bereich der Hardwareproduktion zuzugehen. Hier wird nicht gegen den Markt gekämpft, sondern nach den Bedürfnissen der Kunden produziert. Wie der Branchenverband BITKOM feststellt, brachte das Jahr 2008 Rekordumsätze für die Unterhaltungselektronik-Branche. Markttreiber für kommendes Jahr sollen sein: Flachbildfernseher, Digitale Set-Top-Boxen, Spielekonsolen und digitale Bilderrahmen. Wie passt das zusammen mit dem ewigen Lamento der Musikindustrie? Ist Musik kein Thema mehr? BITKOM weiter: "MP3-Player profitierten vor allem vom Trend zu hochwertigen Geräten mit immer größeren Speichermöglichkeiten." Angesichts dieser Entwicklung ist nur sehr schwer glaubhaft zu machen, dass für Musik niemand mehr bezahlen will. DRM, überteuerte, dafür mäßige Produktionen, "Radiomusik" und rechtliche Schritte gegen die eigene Kundschaft ist eben ein gänzlich anderes Marktgeschehen als die Produktion von immer größeren und immer flacheren Fernsehern oder robusten MP3- und Media-Playern mit zunehmend größer werdenden Festplatten.

Im Fachgespräch mit der GVU stellte gulli im Dezember 2008 bereits folgendes fest: "Bezogen auf unseren Gedankenaustausch gibt es keinen Sieger oder Verlierer. Schlendert man aber durch die Filiale einer Elektrohandelskette, so fällt schnell auf, wer die Auseinandersetzung mittlerweile für sich entscheiden konnte. Es sind die Hersteller von Unterhaltungselektronik. Kaum eine Kompaktanlage, und sei sie ganz unten im Niedrigpreisniveau angesiedelt, kommt heute ohne USB-Anschluss daher. Nicht nur Hi-Fi-Anlagen, auch DVD-Player sind zunehmend ready for USB! Und die entsprechenden Sticks kosten auch nicht mehr die Welt. Dafür können sie auf kleinstem Raum riesige Datenmengen in sich aufnehmen."

Nach wie vor ist es schwer zu glauben, dass es der Musikindustrie wirklich schlecht geht. Doch könnte man zumindest in der Theorie vermuten, dass die Kundschaft Inhalte gar nicht mehr kaufen will, sondern ihr Geld lieber für neue Hardware ausgibt. In diesem schwer vorstellbaren Szenario würde man also statt Kulturproduktionen nur noch Hardware erwerben - der Rest kommt frei Haus. Wenn die Musikbranche nicht beginnt, so langsam dem Pferd die Sporen zu geben, könnte angesichts dieses unwahrscheinlichen Szenarios irgendwann tatsächlich die einzig verbleibende Möglichkeit der Industrie die Folgende sein: Der freien Kultur weiterhin monetäre Einnahmemöglichkeiten verweigern und so lange weiterjammern, bis dann wieder der Gesetzgeber kommen muss, um der armen Industrie wieder auf die Beine zu helfen. Das nächste also wird dann sein: Three-Strikes flächenddeckend in Deutschland einführen und böse Raubmordkopierer vom Netz abhängen und ihnen damit die Partizipation an der Kultur zu verweigern. Freuen wir uns also auf 2009! (020200)

(via Musikindustrie, Bitkom, thx!)

(Bild (cc) Irregular Shed)

News Redaktion am Donnerstag, 08.01.2009 02:44 Uhr

tagsTags: musikmarkt bundesverband musikindustrie dieter gorny unterhaltung urheberrecht bitkom

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17 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • beeze am 10.01.2009 17:44:56

    Technologie ist ein Pseudeoanglizismus, lieber Verfasser. Richt ist: Technik. Aber das klingt wohl nicht spektakulär genug. ...

  • mightyEx am 10.01.2009 01:01:37

    Ich weiß gar nicht, was es da für ein Problem gibt Musik-Hardware zusammen mit Musik zu bündeln ?! MS verschenkt auch keine Lizenzen. Die werden über die PC's mit MS-OS bezahlt - fertig, aus, Ende (Alternativen wie z.B. Linux gibt's ja). Wenn das die MI nicht als eine Möglichkeit erkennt, dann ...

  • am 08.01.2009 18:28:55

    Es ist nicht einsehbar warum man für 20 und mehr Jahre alte Alben der Beatles noch immer das gleiche zahlen soll wie zu Anfang. Gibt es die gleichen Stücke mit einer besseren Leistung? Hat sich das Album über die Jahre verschlechtert, im gegensatz zu anderen Musikalben? an ...

  • 859638419372324 am 08.01.2009 17:13:06

    Edit ... ...

  • Ghandy am 08.01.2009 15:45:07

    Das sehe ich nicht so. Es ist nicht einsehbar warum man für 20 und mehr Jahre alte Alben der Beatles noch immer das gleiche zahlen soll wie zu Anfang. Wenn es keine Alternative zum Filesharing gibt, klar - dann machen die Leute es. Natürlich wollen alle im Idealfall alles umsonst haben. Verluste h ...

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