
Lars Sobiraj: Du und John Schanck, ihr entwickelt derzeit Anomos. Würdest du dich unseren Lesern bitte kurz vorstellen?
Rich Jones: Hallo! Ich bin Rich, zusammen mit John bin ich einer der beiden Entwickler von Anomos. Wir sind beide Studenten an der Universität von Massachusetts.
Lars Sobiraj: Gegenwärtig scheint Filesharing die Art zu sein, wie Menschen ihre Daten austauschen möchten. Es ist in seiner Anwendung einfach, bietet meist schnelle Transfers und eine reichhaltige Auswahl unterschiedlichster Dateien an. Selbst Produkte, die nicht mehr verkauft werden, können auf diesem Weg erreicht werden. Anomos - was bedeutet das genau und was wird alles mithilfe dieses Angebots möglich sein?
Rich Jones: Wir entwickeln Anomos nicht als ein Hilfsmittel zur Internet-Piraterie, obwohl es dafür wahrscheinlich zumeist eingesetzt werden könnte. Anomos bietet Anonymität und zeigt sich resistent gegenüber jeglicher staatlicher Zensur. Wir würden es gerne beispielsweise für Bürger- und anderen Journalismus eingesetzt sehen, damit diese Leute ihre Informationen in Ländern wie China oder im Mittleren Osten verteilen können, wo einige Arten von Wissen und Medien verboten sind.
Lars Sobiraj: Würdest du uns bitte, die wir keine studierten Techniker sind erklären, wie euer Service funktioniert?
Rich Jones: Anonmos ist eine Modifikation vom BitTorrent-Protokoll. Der Unterschied ist, dass der Transfer strikt verschlüsselt durch ein gemischtes Netzwerk von Peers geleitet wird. Niemand weiß, wer einen Upload oder Download durchführt und wie die Informationen beschaffen sind.
Lars Sobiraj: Wie simpel wird für uns Endanwender die Benutzung sein? In Anbetracht der wachsenden Risiken für P2P-Nutzer: Wird es künftig wirklich unmöglich sein zu sehen, unter welcher IP ich etwas share?
Rich Jones: Ich würde sagen, es ist in der Benutzung so einfach wie irgend möglich. Im Gegensatz zu TOR oder I2P braucht man für Anomos keine Services im Hintergrund, die extra konfiguriert werden müssen. Unser Dienst steht für sich alleine. Im Idealfall wird der Benutzer nicht mal einen Unterschied feststellen. Wir würden es begrüßen, wenn wir unser Angebot in die üblichen BitTorrent Programme wie Vuze, Deluge und Transmission integrieren könnten.
Lars Sobiraj: Wer sind eure Konkurrenten und was unterscheidet euch voneinander? Habt ihr je über eine Zusammenarbeit mit einem der Global Player wie The Pirate Bay (TPB) oder MiniNova nachgedacht, um einen gemeinsamen Standard zu entwickeln?
Rich Jones: Wir sehen die anderen nicht als unsere Rivalen an. Umso mehr Optionen es zur Wahrung der Privatsphäre gibt, umso besser. Wir entwickeln lediglich das Protokoll und die Software. Wir werden damit im Gegensatz zu TPB wegen der zu erwartenden rechtlichen Probleme nicht gänzlich an die Öffentlichkeit gehen. Allerdings würden wir gerne anderen Leuten beim Aufbau eines öffentlichen Trackers helfen, die in progressiveren Staaten leben. Wir werden unseren eigenen Tracker bald eröffnen. Dort werden verbotene Materialien und zensierte Berichte von Bürgern verteilt, nicht aber Warez. Bislang haben wir noch nicht mit den Jungs von TPB gesprochen. Aber ich fänd es toll sie zu treffen.
Lars Sobiraj: Der einzige Schwachpunkt des Systems scheint euer zentraler Tracker zu sein, der sich als primäres Ziel für die Industrie herausstellen könnte. Sobald Anomos in Betrieb ist, wird die Industrie, die RIAA und ihre Helfer wenig glücklich darüber sein. Werdet ihr diesen wunden Punkt beschützen können? Gibt es Überlegungen den Tracker ins Ausland zu verlagern, wo jeglicher Zugriff der Rechteinhaber unmöglich ist?
Rich Jones: Im Gegensatz zu TOR ist dies ein verborgener Service. Und ja, die Identität des Trackers ist bekannt, weswegen wir keinen öffentlichen Tracker in den Vereinigten Staaten laufen lassen können. Es gibt aber glücklicherweise Nationen mit Regierungen, die noch nicht korrumpiert wurden. Und wo es den Bürgern möglich ist, öffentliche Tracker zu installieren.
Lars Sobiraj: Wann geht es denn los? Wird es in Bezug der Benutzer Einschränkungen geben? Muss man sich im Voraus anmelden? Was würdest du unseren Lesern empfehlen, bis euer Angebot ans Netz geht? Die Benutzung von Usenet-Providern oder Webwarez? Was könnte uns und unsere Identität am besten schützen?
Rich Jones: Anomos läuft bereits, auf git.anomos.info findest du bereits unser kleines Kontrollsystem. Im Moment wird noch alles aufbereitet. Wir suchen derzeit nach einem engagierten Hoster für den Tracker. Es könnte also noch einen weiteren Monat dauern, bis alles für die Premiere bereit steht.
Bis dahin, falls ihr nach anonymen Filesharing Ausschau haltet, würde ich euch I2P empfehlen.
Lars Sobiraj: Viele Politiker und Lobbyisten der Industrie würden behaupten, P2P wird meistenteils dafür benutzt, um Urheberrechtsverletzungen durchzuführen. Was ist deine Meinung dazu? Ist es mehr eine Frage der Freiheit, ob wir die Wahl haben, welche Art von Daten wir herunterladen? Was glaubst du: Warum verkauft die Musikindustrie weniger Alben als beispielsweise vor 20 Jahren? Wo siehst du die Gründe für deren Krise, wenn es denn eine gibt. Was könnten sie tun, um wieder zu gesunden?
Rich Jones: Es ist der verzweifelte Versuch P2P für die absolut beschissene moderne Mainstream-Musik verantwortlich zu machen. Ganz ehrlich, das ist der wahre Grund, warum niemand mehr Platten kauft.
Wir versuchen das Geschäft mit den Einschränkungen zu beenden und einen unbegrenzten Zugang zu Informationen zu sichern. Wenn eine Information einer Person zugänglich ist, so sollte sie auch für alle Menschen verfügbar sein. Zugang zu Wissen bedeutet klügere Bürger und damit eine bessere Gesellschaft. Anomos steht für den Schutz des Zugangs zu freien Informationen und für eine freie Meinungsäußerung.
Wie ich schon sagte, wir befinden uns nicht im Pirateriegeschäft, aber ich lehne es auch nicht gänzlich ab. Ich würde es begrüßen, wenn es Künstlern wie auch Produzenten von Inhalten möglich ist, von ihrem Geschäft zu leben. Die Industrie sollte sich aber wie ein Service mit einer freiwilligen Unterstützung zum Wohl der Konsumenten verstehen. Anstatt sich an die Gegebenheiten der Zeit anzupassen, verschickt die RIAA ihre Erpresserbriefe an junge Leute und korrumpiert unsere Regierung. Wer sich so verhält, kann von mir aus zum Teufel gehen.
Natürlich wird es mit Anomos unmöglich sein zu beweisen, dass gegen Urheberrechte verstoßen wurde. Ich hoffe, sie werden nicht mehr in der Lage sein, irgendjemanden zu verklagen.
Lars Sobiraj: Was glaubst du, wie wird Filesharing in 10 Jahren aussehen? Wird die Industrie mit ihrem "3-Strikes"-Gesetz (3x geshared, 2 Verwarnungen und dann Anschluss weg) erfolgreich sein, welches gegenwärtig überall eingeführt werden soll? Oder wird es im Gegensatz dazu eine FairSharing Flatrate für jeden Interessierten geben? Also eine Art Abgabe, die man bezahlt und man dafür legal so viel herunterladen darf, wie man will.
Rich Jones: 10 Jahre! Das ist eine verdammt lange Zeit. Ich bin nicht mal in der Lage zu sagen, wie es in fünf Jahren aussehen wird.
Die RIAA verändert im Moment ihre Taktik. Sie konzentrieren sich nun vermehrt auf die Bestechung und Korruption, anstatt die Leute weiterhin direkt anzuklagen. Und auf diesem Weg werden sie möglicherweise viel mehr Schaden anrichten. Wir werden Bemühungen in Richtung Filterung aller Inhalte, 3-Stikes-Gesetze und vieles weitere sehen. Das wird die Leute dazu bewegen, sichere Methoden zu verwenden und genau dort kommt Anomos ins Spiel.
In Bezug auf die Industrie, sie werden vermehrt Angebote wie Hulu.com (eine Streaming-Website) machen, wovon ich ein großer Fan bin. Natürlich wird Filesharing weiterhin ansteigen.
Was mich wirklich interessiert, ist, was in China und Indien passieren wird. Ich denke es liegt dort primär an der Mentalität der Leute. Wir werden helfen ihnen eine Technologie zu ermöglichen, wie sie sie brauchen.
Lars Sobiraj: Last, but not least: Was sieht dein Fazit vom 25C3 aus? Hast du den Kongress gemocht? Es war insgesamt sehr voll dort, oder?
Rich Jones: Der 25C3 war klasse! Wir waren zuvor nie Deutschland und es war wundervoll. Eine sehr intelligente und vernünftige Gemeinschaft dort. Jeder war super nett und freundlich. Grüße an die German Privacy Foundation und die Jungs von I2P!
Lars Sobiraj: Vielen Dank für deine investierte Zeit und beste Grüße nach Massachusetts!
Rich Jones: Gerne, jederzeit wieder!
(Bild links: Rich stellt im Verlauf seines Lightning Talks den Besuchern des 25C3 in Berlin sein Vorhaben vor.)
Eine englischsprachige Version des Interviews findet sich hier.
News Redaktion am Mittwoch, 21.01.2009 16:26 Uhr
deswegen einfach stealthnet anschmeissen... :D najö.. ich steh dem anomos-projekt vielleicht etwas optimistischer gegenüber als ihr. soll ja in den nächsten tagen nun ein test-tracker laufen, da können wir uns alle selbst überzeugen, ob das ganze läuft oder nicht. :T ...
echt? kannst du davon eine kopie online stellen bitte? Privates kannst du ja unkenntlich machen. Das sie loggen ist mir zwar bewusst aber öffentlich zugegeben hab ich das noch nirgends gelesen. Die Frage ist wie verlässlich ein auf Profit basierender Konzern sein kann wenn staatli ...
Länder wie China werden die Teilnahme an diesem Netzwerk einfach verbieten. Und in Deutschland wird man die Teilnehmer als Störer verklagen. Anonymes Filesharing wird sich daher nicht durchsetzen. ...
Ich verstehe echt nicht wie in kommenden Zeiten von Ipv6 und einer GlobalIP so ein zentralisiertes und damit angreifbares System noch ernsthaft als Grundkonzept benutzt wird. DHT Kademlia ... Swarming ist doch voll trendy ... Jedenfalls findet man das letzte bisschen Intelligenz der Teutschen in ...
na hoffentlich wird es erfolgreicher, als die anderen anonymen netze. rapidshare loggt und das sagen sie auch. einfach mal eine email hinschicken echt? kannst du davon eine kopie online stellen bitte? Privates kannst du ja unkenntlich machen. Das sie loggen ist mir zwa ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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