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Deckel Drauf: Die Gulli Glosse (Woche 37/2009)

Wie immer kurz, knackig und böse: der Wochen-Rückblick der gulli:news.

Der September hat begonnen und langsam wird es herbstlich, ob nun draußen oder im gulli. Halloween ist noch eine Weile hin, aber trotzdem bekamen wir in den vergangenen sieben Tagen von Politik, Internet und Wirtschaft ein Gruselkabinett präsentiert, das Filmen wie Scream, 6th Sense und The Ring (amüsante Fortsetzung dazu weiter unten) in nichts nachsteht. Zum Glück sind regelmäßige gulli:news-Leser abgehärtet und somit hoffentlich ohne schwere Traumata davongekommen. Für diejenigen, die dieses Kunststück geschafft haben, bietet sich hier die Gelegenheit zum Rückblick über diese Woche des Schreckens.

Die Woche begann recht hoffnungsfroh, und zwar mit einem Lichtstrahl, der unser aller iPods und iPhones erleuchtet und ihre ermatteten Energien erfrischt: Die ersten Solar-Ladegeräte für die genannten Apple-Produkte sind da. Geniale Idee. Zu dumm nur, dass es damit wohl nicht gelingt, die Batterien der kleinen Begleiter in vertretbarer Zeit aufzuladen. Aber auch "richtige" Äpfel brauchen zur Vollendung schließlich monatelange Sonneneinstrahlung... Diese allerdings sind hier in Deutschland so langsam reif. Die Solar-Lade-Technik dagegen ist von Reife wohl noch ein paar Jahre entfernt. Dafür ist aber auch, so hoffen wir zumindest, ist im iPhone kein Wurm drin...

Nach diesem kleinen, wenn auch trügerischen Lichtblick wurde es dann vollends finster. Wer war schuld? Verantwortungslose Hersteller von Jugendschutz-Software, die gleich mal die Chats der Kinder mitloggten und an den Meistbietenden versteigerten. Ein solches Vorgehen ist an Scheinheiligkeit und Skrupellosigkeit selbst in der momentanen Gesellschaft schwer zu überbieten. Wahrscheinlich wollte man das Programm gleich als Dual-Use-Software vermarkten und den Kindern auch gleich beibringen, was momentan ganz doll in ist: Überwachung, Lügen und Opportunismus. Und wenn die Kids dann älter sind, gehen sie in die Politik. Eltern, die das nicht wollen, müssen ihre Kinder wohl weiterhin mit dem Programm schützen, das auch ihren eigenen PC effektiv vor den meisten Viren bewahrt: brain.exe. Wenn das mal aussetzt, schickt es wenigstens keine Daten an irgendwelche Filmverleih-Firmen.

Ebenso finster ging es weiter - finster wie im Knast, möchte man fast sagen, denn dort wäre NATO-Gegnerin Cornelia Mannewitz fast gelandet. Sechs Monate Beugehaft drohte man ihr an. Ihr Verbrechen? Naja, sie ist wie gesagt gegen die NATO. Und sie war Bus gefahren. Zu einer Demo. Beides zusammen ist nach Denkweise einiger Sicherheitsleute wohl schon fast ein terroristischer Anschlag. Oder, wie es Anne Roth, unfreiwillige Expertin für unverhältnismäßiges Vorgehen der Sicherheitskräfte, sehr treffend ausdrückte: "Wer aus Rostock kommt und gegen die NATO demonstriert, frisst auch Kinder. Oder so ähnlich." Frau Mannewitz sollte lieber mal etwas Sinnvolles tun mit ihrer Zeit. Anstatt Kinder zu fressen, könnte sie sie ja beispielsweise beim Surfen überwachen - tut nicht weh, interessiert kaum jemanden wirklich, und nebenbei wird man noch reich dabei.

Im Dunkeln saßen auch zwei australische Mädchen - sie hatten sich nämlich in der Kanalisation verirrt. In den Medien landete der Fall deswegen, weil die beiden, anstatt die Feuerwehr oder die Polizei anzurufen, einen Hilferuf bei Facebook absetzten. Die Rettungskräfte waren davon weniger begeistert, können solche Kommunikationsmethoden doch eine gefährliche Verzögerung bei der Rettung bedeuten. Zum Glück ging die Geschichte trotzdem gut aus und so bleibt allen nicht direkt betroffenen das Rätselraten um mögliche Steigerungen dieses Phänomens. Beispielsweise "Apollo 13, 40 years later": "@JimLovell #houston, we have had a #problem here. less than 20 seconds ago from TwitterFon" Wahrscheinlich würde die ganze Geschichte so lange retweetet, bis sie irgendein übereifriger heise-Leser als Hoax enttarnt (oder gewisse Kollegen aus dem gulli:board darin eine subtile F!r$tL0ad-Werbung oder eine 9/11-Verschwörungstheorie entdecken), und dann der Vergessenheit anheimfallen. Derweil das Raumschiff beschädigt im All treibt. Womöglich keine ganz optimale Kommunikationsform für echte Notfälle.

Ganz anders sähe unsere aus Nullen und Einsen bestehende Kommunikation wohl ohne den Verdienst eines genialen und entschlossenen britischen Mathematikers aus: Alan Turing. Dieser erwarb sich nicht nur zahlreiche Verdienste auf dem Gebiet der theoretischen Informatik, sondern trug auch maßgeblich zur Entschlüsselung der Enigma-Funksprüche der Nazis bei. Man dankte es ihm durch einen besonders unmenschlichen Fall von Schwulenverfolgung, der ihn letztendlich im Alter von nur 41 Jahren in den Selbstmord trieb. Frei nach dem Motto "besser spät als nie" entschuldigte sich der britische Premierminister Gordon Brown nun auf eine entsprechende Petition hin für dieses Verhalten seiner Amtsvorgänger. In einer durchaus guten und beeindruckenden Rede erinnerte Brown daran, dass viele Menschen in Europa (darunter wohl auch ein Großteil der gulli-Leser) ihre Freiheit unter anderem dem Verdienst Turings verdanken. Ein sehr guter und wichtiger Gedanke. Allerdings, wie einer der gulli:boardies in einem Kommentar ganz richtig schrieb: Über die Bedeutung dieser Freiheit und darüber, wie man sie erhält, müssten viele Politiker noch einmal in Ruhe nachdenken. Sei es nun in Großbritannien oder in Deutschland.

Um eben dieses Nachdenken herbeizuführen, demonstrierten am Samstag wieder zahlreiche Menschen in Berlin und anderswo für "Freiheit statt Angst". Hierbei endlich gab es wieder mehr Licht als Schatten, was ein hoffnungsvolles Zeichen für die Bürgerrechtsbewegung setzt. So ganz war jedoch auch diese Demo nicht vor Merkwürdigkeiten gefeit. Für eine davon sorgten die Anwesenden Freunde und Helfer, die den Namen "Piratenpartei" wohl etwas zu wörtlich nahmen und im Wagen derselben wohl entweder nach raubkopierten CDs oder aber nach Captain Sparrows Buddel voll Rum suchten - anders ist es wohl kaum zu erklären, dass besagtes Fahrzeug gründlich gefilzt wurde. Auch die Demonstranten selbst sorgten zum Teil für Kopfschütteln. So hatten sie doch glatt vergessen, eine Sondergenehmigung für die Bannmeile zu beantragen, und durften daher in diesem Bereich nicht so sehr wie ein Demonstrationszug aussehen. Der Gedanke, wie fünfzehntausend Menschen mit Piraten-Mützen und CCC-Ansteckern mit eingerollten Spruchbändern unter unschuldigem Pfeifen versuchen, eine metergroße Datenkrake unter dem Mottoshirt zu verstecken und wie eine etwas überdimensionierte Gruppe von Sonntagsspaziergängern auszusehen, entschädigt für vieles. Vielleicht bringt er uns sogar lebend durch das für heute Abend geplante TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela "ich habe mehr zu bieten" Merkel und ihrem notorisch blassen Stellvertreter Frank-Walter Vizemeier - Verzeihung, Steinmeier. Vielleicht. Aber das betrachten wir dann in der nächsten Glosse. Zunächst einmal: Alles Gute - und fresst keine Kinder! (Annika Kremer)

News Redaktion am Sonntag, 13.09.2009 10:16 Uhr

tagsTags: kommentar wochenrückblick iphone facebook jugendschutz twitter ipod freiheit statt angst alan turing gta gulli glosse überwachung

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9 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Sempralon am 13.09.2009 17:04:05

    Zu einer Demo. Beides zusammen ist nach Denkweise einiger Sicherheitsleute wohl schon fast ein terroristischer Anschlag.Ist fast so wie in GB, wo man wegen einer Mail, die die NSA abfing, in den Knast wandern kann ... bevor man überhaupt das Material für einen Anschlag hätt ...

  • Cayenne am 13.09.2009 16:32:54

    Ich finde, ihr habt alles Recht der Welt dazu, eure Kollegen für diese Glosse zu loben, Ghandy! Besonders der letzte Teil mit der "metergroße(n) Datenkrake unter dem Mottoshirt" hat mir gefallen. Weiter so! :T ...

  • Ghandy am 13.09.2009 14:14:28

    Eigenlob bzw. Lob für die eigenen Redaktionsmitglieder stinkt aber die Glosse hat mir persönlich super gefallen, weiter so ! ...

  • michel1984 am 13.09.2009 13:35:08

    xkcd einbinden und dann nicht den originalen alt-text benutzen...:rolleyes: http://xkcd.com/396 ...

  • The_Best am 13.09.2009 13:20:25

    Wie immer kurz, knackig und böse UND VERDAMMT GUT: der Wochen-Rückblick der gulli:news ...

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