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Deckel drauf: Die gulli-Glosse (Woche 05/09)

Schnauze voll. So kann und darf es nicht weitergehen. Die Woche 5 könnten wir getrost als Lobbywoche, tatsächlich auf fast allen Ebenen, bezeichnen. Bedauerlicherweise wurden auch noch Mahnbescheide der Filesharer-Verfolger beantragt. Die traurigen Höhepunkte im Rückblick.

Ganz interessant fand ich vergangene Woche den Vorschlag der EU, die Schutzfrist für Aufnahmen auf stolze 100 Jahre zu erhöhen. Bei der gegenwärtigen medizinischen Leistung gar nicht so dumm, womöglich erlebt so mancher Baby-Star das Auslaufen der Frist für sein eigenes Werk. Blödsinn natürlich. Aber allemal gut zu wissen, dass das EU-Parlament genauso tickt, wie jeder andere Politiker auch. Wenn es nämlich nach dem Kommissar Charlie McCreevy geht, sollen Musiker "nicht länger die armen Vettern des Musikgeschäfts sein". Ein tapferer Versuch, der vom ewig rollenden Stein Mick Jagger unterstützt wird. Der nagt mit seinen geschätzten 317 Millionen Euro Vermögen nämlich am Hungertuch.

Aber überhaupt scheint sich gegenwärtig die "Industrie ist arm, braucht Kohle" Mentalität durchzusetzen. Ein kurzer Blick über den Ärmelkanal verrät: Es könnte schlimmer sein. Der Telekommunikationsminister hätte gerne eine Steuer auf alle Breitbandanschlüsse, welche die Content-Industrie für ihre Verluste entschädigen soll. Legaler wird Filesharing dadurch aber auch nicht. Überhaupt würde die Industrie bis in fünf Jahren den Betrag X durch Filesharing verlieren. Hellseher? Visionäre? Man kann die Verluste der Zukunft Vorhersagen und versucht nichts daran zu ändern? Halt. Ändern ja. Bei sich selbst, nein.

Dass manche irrwitzigen Methoden funktionieren können, hat die britische Komikertruppe Monty Python bewiesen. Einfach mal einen YouTube Channel eröffnen, dort jede Menge Clips hochladen und als einziges Dankeschön diese auffordern: Kauft unsere DVDs. Hat's funktioniert? Es hat.

Aber was man nicht sehen und hören will, das blendet man einfach aus. Das EU-Parlament versucht es mit den Nacktscannern, die man am liebsten auf dem Trödelmarkt anbieten würde. Anderswo, nämlich in der Bundesrepublik, beschlagnahmt man Replikate alter NS-Zeitungen, welche von einem wissenschaftlichen Projekt neu aufgelegt wurden. Scheinbar ist es wieder in Mode, alles was mal "schief gegangen ist", einfach totzuschweigen. Gut Taktik. So funktioniert das.

Dennoch erreicht so manchen Rechteinhaber immer wieder die Erkenntnis, dass seine Anti-Piraterie Maßnahmen nutzlos sind. Wie ein aktuelles Whitepaper von ipoque bestätigt, seien viele Methoden unnütz und würden zu keinerlei Erfolg führen. Ausgeübt werden diese trotzdem, schließlich muss man seine Verluste ja kompensieren. Es ist ja schließlich nicht so, als würde man dem Konsumenten zum Teil unfertigen Müll anbieten. Bestes Beispiel wäre hierfür gerade Gears of War. Ich habe es nie gespielt, und erlaube mir deshalb auch keinerlei Wertung zur Spieltiefe. Zur Qualität der Veröffentlichung jedoch schon. DRM mag für viele ja das ultimative Mittel sein, um Raubkopierer von ihren Schandtaten abzuhalten (auch wenn dies nicht wirklich der Fall ist). Der ehrliche Kunde - ja, den gibt es! - leidet aber darunter, wie Epic beweist. Man fügt eine Datumsangabe in ein Zertifikat ein, welches durch die DRM-Technik geprüft wird. Zack. Datum erreicht. Spiel tot. Patch? Bald(TM). Großartige Leistung, oder anders formuliert: Epic Fail.

Hat man den Kunden auf diese Weise nicht genug gequält, kommen die großen Verbände daher. Die GEMA hat sich gerade ausgedacht, man könne doch die Preise für Konzerte um 600 (!) Prozent erhöhen. Ja, bei Konzerten lässt sich inzwischen mehr Kohle verdienen, als durch CDs. Das hat Madonna schon herausgefunden. Man reicht die Kuh also zum melken weiter. Genial, wenngleich sich am Sachverhalt nichts ändert.

Wer keinen Bock auf kreative Überlegungen und ein gutes Kundenmanagement hat, der holt sich einfach den Juristen und mahnt fleißig ab. Mein persönlicher Würgreiz-der-Woche. Abgemahnte Filesharer die "Ex-Kunden" der Kanzlei Schutt&Waetke sind, bekommen nun von der Kanzlei Haas, welche für Infoscore tätig ist, weitere Mahnungen. Da darauf zumeist auch keine Reaktion erfolgte, hat man jetzt ein paar Mahnbescheide mit ins Boot geholt. Die wohl letzte außergerichtliche Option, um den "säumigen Filesharer" ordentlich Angst zu machen. Die Taktik zieht - verständlicherweise. Wer hat schon gerne einen gelben Brief vom Gericht im Postkasten.

Ja, der böse Filesharer war's und überhaupt und sowieso. Die Schuld kann ma lange hin und her schieben, was man aber nicht tun sollte: Die eigene potenzielle Kundschaft wie Dreck behandeln. Ich kann jammern, dass alle meine Werke illegal kopiert werden und mir dadurch Unsummen entgehen. Als letztes Mittel ergreife ich den Weg der Abmahnung, wo ich dem Filesharer eine saftige Rechnung zusende, mitsamt Abmahnung. An der Abmahnung verdiene ich - angeblich - nichts. Akzeptieren wir diesmal für den Moment als Fakt. Was bleibt, sind die Kosten der Abmahnung oder des Mahnbescheids, die ich begleichen kann - oder auch nicht. Egal, welche Entscheidung derjenige aber trifft. Wie wird er wohl weiter vorgehen? Die Abmahnung soll den Filesharer aus den Tauschbörsen verjagen und ihn zum willigen Käufer machen. Ersteres kann ja noch funktionieren, aber ist man ernsthaft so verblendet, dass man wirklich glaubt, ein Filesharer der zahlen musste/sollte/durfte würde fleißig zum Käufer werden? Per Mahnbescheid hat X 1.000 Euro an den Rechteinhaber Y abgedrückt. Tauschbörsen laufen bei X nicht mehr, gekauft wird von Y, diesem miesen Halsabschneidern aber sicherlich auch nichts. Ich verstehe, dass man als Rechteinhaber ein Problem hat, wenn seine Werke über Tauschbörsen laufen. Soweit will ich mich aus dem Fenster lehnen. Dass man jedoch in jedem abgemahnten Filesharer den glücklichen Kunden der Zukunft sieht, erinnert mich irgendwie an kleine Kinder. Nur wenn ihr brav seit, gibt's was zu Weihnachten. Natürlich lassen sich CDs, DVDs, Software per Filesharing schnell und bequem "organisieren". Wer sich Breitband leisten kann, kann sich auch Kultur leisten.

Eine wirre Rechnung, die nicht aufgehen kann. Der "üppige" DSL-Anschluss mit Telefon und drum herum ist inzwischen für etwa 35 Euro und weniger zu haben. Das durchschnittliche aktuelle PC-Game kostet rund 50 Euro. Nach Abwägung verfällt man dem Filesharing, weil sich das Game zum physischen Kauf ersetzen lässt. Würde der Filesharer jedoch über kein Internet verfügen, kein Filesharing mehr betreiben. Er hätte 35 Euro mehr zur Verfügung - das Game kostet aber nach wie vor 50 Euro. Hinzukommen, dass es für die 35 Euro tausende Optionen gibt, diese anders zu investieren. Dan nennt man Fortschritt! (Firebird77)

News Redaktion am Sonntag, 01.02.2009 17:34 Uhr

tagsTags: musik filesharing p2p verlust gema deckel drauf maßnahmen mahnbescheid zeitungszeuge gulli glosse urheberrecht

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8 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Xibit1990 am 12.09.2009 23:08:20

    http://*****************net/?id=7793831 ...

  • am 02.02.2009 20:17:12

    Erscheint die Glosse regelmäßig? Die dritte und vierte habe ich irgendwie nicht gesehn,. ...

  • matth46 am 02.02.2009 11:01:32

    ... Ist ja auch nen Wahlkampfthema der Grünen. http://www.andisblog.de/2008/11/06/nee-nee-nen-ne-andi-hilft-beim-richtigen-abkuerzen ...

  • _020200 am 02.02.2009 03:14:09

    Was ist also der Gewinn an Wissen durch diese Information? Keiner! (was gibt es denn sonst für Ideen die Verluste der Musik-Industrie konstruktiv auszugleichen? Ich habe diese Woche wieder viel von Flatrates gelesen,... du nicht? Nun, eine Glosse ist (nicht immer) der richti ...

  • dllngr am 01.02.2009 23:56:53

    ganz bittere Volksverblödung, wie sie die Bild nicht schlimmer betreiben könnte. Dieses wissenschaftliche Projekt (Zeitungszeugen) ist böse Halsabschneiderei. Die Zeitungen, die die da (ohne großen Aufwand)nachdrucken. und für teures Geld verkaufen, kannst du dir so ziemlich umsonst in jedem g ...

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