
Dass Sie, Don Alphonso, sich mit den niedersten Bespaßungsformen der Plebs, namentlich Video- und Computerspiele, nicht auskennen, sei Ihnen vergönnt. Auch die Tatsache, dass Sie sich trotz dieses blinden Fleckes eine Meinung zu bilden wagen; die Freiheit sich eine eigene Meinung zu bilden - und sei sie noch so unfundiert - ist schließlich wohl die größte Errungenschaft der Aufklärung. Bloß beschleicht mich der Eindruck, dass es in Ihrem Pamphlet zur Verteidigung eines monokausalen Erklärungsmusters für Amokläufe im FAZ-Blog "Stützen der Gesellschaft" eigentlich um etwas ganz anderes geht als Ihre persönliche Meinung zum - Oh, die Zeiten! Ach, die Sitten! - immer gesellschaftsfähigeren Abgeballere auf Heimrechnern und Spielkonsolen.
Aber fangen wir von vorne an. Bereits die Überschrift "Rilke, Voltaire und Amok" macht deutlich, dass Sie ein belesener Mensch sind. Wie schön für Sie! Poesie und Philosophie, die klassische Literatur im Allgemeinen haben einen schweren Stand in den Jugendzimmern dieser Tage, unbenommen. Aber Parallelen der von Ihnen im weiteren Text immer wieder postulierten Kulturlosigkeit der Jugend und den Gewaltexzessen mancher Einzeltäter wollen erst noch bewiesen sein.
Apropos Kulturlosigkeit: Finden Sie es im Geiste von Aufklärung und Humanismus wirklich vertretbar, mittels Text einleitendem Zitat implizit Jugendliche mit Affen gleichzusetzen, ihr Verhalten als rein instinktgetrieben und qua natura gewaltbetont zu klassifizieren? Später verwenden Sie weiterhin den Begriff "Artgenossen" für die Schulhofkumpane des Pavians, pardon, Pubertierenden. Für Sie mag das eine gelungene Provokation sein, ich stelle mir hingegen Fragen über Ihr Menschenbild.
Inhaltlich in die Vollen gehen Sie mit der Feststellung, dass nach jedem Amoklauf in der Internetszene der sofortige Ruf laut wird, dass dies nichts, aber auch rein gar nichts mit den so genannten "Killerspielen" zu tun haben. Diese Feststellung ist formal richtig - einen solchen Aufschrei gibt es regelmäßig - allerdings verkennen Sie die Tatsache, dass in der Vergangenheit oft genug medial und in der politischen Sphäre als Ursache genau diese Form elektronischer Unterhaltung als erste und einzige Ursache vermeintlich identifiziert wurde. Da werden sofort Rufe nach Verboten laut für Spiele, die längst verboten sind. Das deutsche Jugendschutzsystem, übrigens eines der straffsten weltweit, müsse verschärft werden und die Kennzeichnung von potentiell jugendgefährdenden Medien verbessert (denn das USK-Logo ist, scheint's nicht groß genug).
Butter bei die Fische: Es gibt Millionen Menschen allein in Deutschland, die beispielsweise Egoshooter spielen - als Hobby, nicht als Stimulus. Die Intensität der von ihnen kritisierten Reaktionen lassen sich schlicht damit erklären, dass sich hier a) eine ungeheure Menge an Menschen b) zu Unrecht stigmatisiert fühlt. Und haben sie denn nicht Recht damit? Sind denn nicht die ersten "Experten", die in den Polittalk-Sendungen nach psychologischen Ferndiagnosen gefragt werden, die "üblichen Verdächtigen"? Etwa Christian Pfeiffer oder Uwe Schünemann, die für ihre fundamentalistischen Einstellungen gegenüber Videospielern berüchtigt sind? Das argumentativ ausgedünnte Allgemeinplatzgemetzel in den Medien, wie zuletzt bei "Hart aber Fair", steht dem Abschlachten in einer gepflegten Partie "Team Fortress 2" in nichts nach. Ich lehne mich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass Millionen Hobbyspieler in Deutschland, viele von ihnen diesseits eines Alters von 30 Jahren, sich diffamiert fühlen und deshalb ihrem Ärger mal mehr, mal weniger eloquent Luft machen.
Auch ich fühle mich von derart pauschal verhängten Klischeewertungen und Unterstellungen beleidigt. Klischees etwa wie, sich "nächtelang mit Freunden vor einem Rechner zu hängen und ... mit Bier und schlechtem Essen die Zeit über das Lösen von Tasks und sich in den Weg stellenden menschlichen Hindernissen - seien es nun bewaffnete Figuren aus dem Rechner oder genervte Eltern - zu vertreiben", wie Sie es formulieren. Genauso machen übrigens auch Comics dumm, mobile Musikabspieler taub und Haschisch süchtig. Immer.
Ihre Darstellung, "dass man bei Videospielen wie Counterstrike auf Seiten der guten Polizei anderen aus dem Hinterhalt das Gehirn aus dem Kopf schießt, und dass es zentral um Strategie gehe, keinesfalls aber um das Vergnügen bei der Betrachtung mannigfaltig verstreuten Kadaver" zeugt von bemerkenswerter Sachunkenntnis, die auch durch den per Holzhammer applizierten ironischen Unterton nicht egalisiert wird. Weiter ätzen Sie:
"Die Gemeinde der Spielfreunde ist sich (über den fehlenden Zusammenhang zwischen Videospielen und Amokläufen -d. Verf.) so sicher wie der NPD-Mann, dass die Hetzreden nicht zu Brandanschlägen führen, sie vertreten ihre Überzeugung wie der Spirituosenhersteller, der keinen Zusammenhang seiner Produkte mit Komasaufen erkennen kann."
Hier werden gleich zwei äußerst gewagte Pseudo-Analogien herangezogen. Dies ist Polemik, kein Argumentieren, es ist schwer, darauf etwas zu entgegnen, das auf eine sachliche Ebene zurückführt. Vielleicht reicht es aber aus, den Leser zu bitten, den Anteil derjenigen Egoshooter-Spieler zu schätzen, die potentielle Amokläufer sind. Diese Zahl dann bitte mal ins Verhältnis zur Anzahl von Alkoholikern oder Neonazis setzen. Sollte Ihnen dieses Gedankenspiel hanebüchen vorkommen, sei Ihnen gesagt, dass ich mit den Milchmädchenrechnungen nicht angefangen habe. Nebenbei, ein beliebtes Credo der von Ihnen häufig - zu Recht! - geschmähten rechtsextremen Hetzer in der deutschen Blogosphäre ist "Nicht jeder Moslem ist ein Terrorist - Aber jeder Terrorist ein Moslem". Der fehlende Sinn dieser Aussage dürfte Ihnen auch einleuchten. Warum sollen aber nun, und damit zurück zum Thema, eine große Zahl Menschen, darunter auch sozial bestens integrierte, gesund Lebende, Linksliberale, akademisch Gebildete und Pazifisten unter dem Stigma "Killerspieler" leiden? Für mich sind Computerspiele ein Hobby. Ich verlange nicht, dass es jeder versteht. Ich verstehe auch nicht, wie andere Leute auf Oldtimer-Rallyes die Luft verpesten oder ihre Wohnung mit Antiquitäten genannten Tand zumüllen können. Ich bitte nur um etwas Toleranz.
Auch wenn es Ihnen unbegreiflich erscheinen mag, es gibt tatsächlich genug "normale" Menschen, die Spaß dabei haben "am Bildschirm mutierte Monster durch atomar verstrahlte Städte zu verfolgen". Die Fallout-Serie, auf die Sie möglicherweise anspielen, ist ein musterhaftes Beispiel dafür, wie innerhalb eines Videospiels Themen und Motive aus der fiktionalen Literatur aufgegriffen und mithilfe der interaktiven Möglichkeiten des neuen Mediums eine besondere Stimmung und Erzählweise zu etwas Neuem verwoben werden - auf eine Art, die kein Buch und kein Film vermitteln könnte.
Computer- und Videospiele sind verbreitet, in kaum einem Jugendzimmer fehlen sie. Würde man der Logik derer folgen, die eine direkte Kausalbeziehung zwischen "Gewaltspielen" und Gewalttaten kolportieren, wäre unsere Gesellschaft längst in Chaos und Anomie versunken. Stattdessen werden Spiele heute nicht mehr nur als Teil der Alltagskultur wahrgenommen, sondern immer stärker auch als Kulturgut. Kredible Medien wie die New York Times loben "Grand Theft Auto IV" über den Klee, ein Spiel das vordergründig ein exzessives "Killerspiel" ist, bei näherem Hinsehen jedoch eine bemerkenswerte Satire auf die US-Amerikanische Gesellschaft darstellt - ein Lausbubenstück voller Witz und Ironie, vielleicht vergleichbar mit den Romanen von Samuel Longhorne Clemens.
Im Folgenden wird ihre Beweisführung noch kruder, Herr Alphonso. Sie werfen die Namen einiger Schriftsteller, Poeten und Philosophen in den Raum, lassen dabei nicht den kleinsten Zweifel zu, dass Sie alle relevanten Werke mit kulturhistorischer Bedeutung aus dem Effeff kennen und fragen grobmotorisch, weshalb nichts von Liebhabern der Literatur bekannt ist, die in einem spektakulären Akt wie kürzlich in Winnenden dutzende andere Menschen in den Tod reißen. Man könnte hier einwenden, dass über die literarischen Vorlieben von Amoktätern weit weniger berichtet wird als über ihre Videospielsammlung, man könnte argumentieren, dass schon rein stochastisch die Zahl von "Büchernarren" in der Jugend weitaus geringer ist als die der "Waffennarren" (die Sie offensichtlich mit passionierten Zockern gleichsetzen) und fragen, warum das so ist. Aber es geht Ihnen gar nicht um den Diskurs, das Abwägen von Argumenten, darum, die Gegenseite von der eigenen Meinung zu überzeugen oder wenigstens über sie in Kenntnis zu setzen. Es geht einzig und allein um Sie. Sie und Ihre Eitelkeit.
In einer der bizarrsten Passagen Ihres Pamphlets heißt es:
"Lese ich vierzig mal ein Gedicht von Erich Mühsam, ist es mir ein Leichtes, ein Cafe aufzusuchen und einer Frau ins Ohr zu säuseln: 'An der Dichter Niederlagen lässt der Dichter Lieder nagen.' Ich übe es, es geht über, ich folge Mühsams Esprit und Koketterie nach, ich lerne von ihm das Warme und Freundliche, und lerne aus anderen Werken, dass es weise und erfolgversprechend ist, mich dergestalt einer Frau zu nähern."
Ich frage mich unwillkürlich, warum das Äußern Ihrer Meinung unbedingt mit einer derart plakativen Pflege des eigenen Egos in Form von Selbstversicherungen der eigenen Kultiviertheit versehen sein muss. Ein Problem, an dem der ganze Text krankt. Warum muss ein Artikel, der vorgibt, potentielle Ursachen für kaum fassbare Gewalttaten zu suchen, mit Fotos von Buchrückenbildern der eigenen Privatbibliothek bebildert sein? Warum weisen Sie auf diese so unerträglich schmierige Art auf Ihren ach so weit gefassten Bildungshorizont hin, während Sie sich doch eigentlich mit der Psychologie von Pubertierenden am Anfang des 21. Jahrhunderts befassen wollen? Vermutlich kennen Sie South Park nicht, aber das, Herr Alphonso, ist Smug.
Und was meinen Sie mit "Ich bin eigentlich sehr froh, in einer Epoche zu leben, in der die Gewalt zwischenzeitlich weit zurückgedrängt war"? Meinen Sie das global oder auf der Mikroebene? Sprechen wir von einem Zeitraum, der in Jahren oder Jahrhunderten gemessen wird? Wie sie das auch meinen mögen, den sittlich-moralischen Verfall haben Kulturpessimisten in allen Epochen bejammert (vgl. das Sokrates-Zitat oben), allerdings dürfte das Maß an Jugendverrohung und -verlotterung, nüchtern betrachtet, seit Jahrhunderten halbwegs stabil sein.
Ein wenig Differenzierung täte der öffentlichen Debatte, gleichsam ihrem Text, gut. So sollte man nicht nur die Matrix potentieller Ursachen erweitert wahrnehmen, vom systemimmanenten Konkurrenzdruck (es ist auffällig, dass ein großer Teil der Amokläufe an Schulen stattfindet), über Erziehungsparadigmen und individuelle psychologische und psychosoziale Implikationen, der Verfügbarkeit von Waffen, bis hin zum Einfluss von Medien, zu denen selbstverständlich auch Videospiele gehören. Ebenso muss Gewalt weiter gehend verstanden werden als der jährliche Amoklauf mitsamt dem damit verbundenen Betroffenheitskitsch. Gewalt wird von Jugendlichen tagtäglich ausgeübt, sowohl untereinander (Mobbing, Diskriminierung, Schlägereien) als auch vom Individuum gegen sich selbst gerichtet (Selbstverletzungen, Suchtverhalten). Davon hört man selten in "RTL Aktuell" und der "Bild". Betrachtet man das Problem nicht mehr mit dem Tunnelblick einer in seiner vermeintlichen Einfachheit gefährlichen, da viele Ursachen ausblendenden, zweidimensionalen Ursache-Wirkung-Konstruktion, derer auch Sie sich leider bemächtigen, bewegt man sich zumindest einen Schritt auf eventuelle Lösungsansätze zu. Wenig hilfreich ist hingegen eine vorauseilende Resistenz gegen Diskussionsangebote, wie sie sich insbesondere in Ihrem Schlusssatz herauskristallisiert.
"Aber solange niemand auf die Idee kommt, zwischen der Lektüre des Candide und dem Zadig grundlos seine Nächsten zu ermorden, möchte ich meine persönliche empfundene Abscheu für die Verteidiger und ihre platten Ausflüchte für den Dreck der Ballerspiele hier keinesfalls verhehlen."
Man könnte meinen, dass sich der Autor dieser Zeilen in seiner Meinung verfolgt fühle. Solche Worte hinterlassen bei mir den Eindruck, als wolle sich jemand mit einer selbst errichteten Mauer gegen Kritik abschirmen, gebaut aus dem Standesdünkel und Distinktionsgebaren des Bildungsbürgertums. Aber womöglich ist dieser Habitus bei der FAZ ja ganz gut aufgehoben. (fraencko)
News Redaktion am Sonntag, 15.03.2009 13:42 Uhr
Sehr guter Artikel, fraencko! Hier setzt er dem Ganzen noch die Krone auf: http://www.nerdcore.de/wp/2009/03/13/fonsi-vergleicht-zocker-mit-nazis Unbedingt lesen, er antwortet auch mehrfach (ist ein regelrechter Schlagabtausch) in den comments. Des Weiteren mö ...
Meinungmache in Form eines Kommentars zu einem bekackten Blogeintrag is keine News. Aber für´n simplen Thread waren die 5 Minuten mehr beim Schreiben (verursachen durch "Schlaulesen" in Wiki) wohl zu viel Aufwand.... ...
Interessant, dass der ach so belesene Möchtegern-Bildungsbürger die Killer nur bei den Untermenschen der Computerspiel-Fans vermutet, Bücherleser und wohl auch -schreiber aber für harmlos hält. Da hat der Mann wohl einseitige Lese-Interessen, Goethe nicht gelesen und ignoriert standhaft ...
garnicht schlecht zum groessten teil sehr schoen geschrieben respekt! ...
UHQ NewsBeitrag ... gerne mehr ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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