
Der nimmermüde Lauf der Zeit kennt keine Ferien. Elegant schwingt der Sonntag seine Sense und enthauptet die zwölfte Kalenderwoche. Letzte Überreste liegen auf dem Boden verteilt, es waren blutrünstige sieben Tage. Wir schauen durch das Zielfernrohr eines Scharfschützengewehrs darauf zurück und versetzen der vorletzten Märzwoche einen Gnaden-Kopfschuss. Sie, lieber Leser, merken sicher schon, wie der Hase läuft: Diese Glosse macht vor keiner abgeschmackten Metapher halt, wir gehen über Kadaverberge. Dies wird eine Killerglosse!
Die deutsche Medienlandschaft atmet auf. Endlich ist die Finanzkrise nicht mehr beherrschendes Thema der Titelseiten. Mit dem Amoklauf von Winnenden, den damit verbundenen trauernden Leuten (die ganz hervorragende Motive für die Abendnachrichten darstellen) und der obligatorischen Suche nach den Gründen qualifiziert sich endlich mal wieder ein Ereignis als "Topthema", das auf Otto Normalzuschauer bzw. -leser nicht nur entweder öde oder frustrierend wirkt. Nein - hier können wir uns (vulgo: Deutschland) einigen, dass es sich um eine unfassbare Trägödie handelt. An der irgendetwas die Schuld tragen muss. Und das wäre? Ganz klar: Die Ki110rspeeläh! Diesen Kausalzusammenhang proklamierten auch in dieser Woche Hinz und Kunz - selbst jene Revolverblätter und Fernsehsender, die wie niemand sonst von der alltäglichen Gewalt an der nächsten Straßenecke profitieren. Natürlich: Schuld am Amoklauf sind Niko Bellic, die Terroristen bei Counter-Strike und der Hauptprotagonist von Crysis (Namen vergessen) - und nicht etwa Konkurrenzdruck, Ausgrenzung und psychische Probleme.
Ein kleiner Einschub und ein Ratschlag fürs Leben, lieber Leser: Skepsis gegenüber postulierter Pseudoevidenz ist angebracht! (Geraune in der Leserschaft, es wird getuschelt: Was soll das denn jetzt schon wieder heißen? Kann der nicht mal Deutsch reden?) Was ich meine ist Folgendes: Wenn ein Satz etwa beginnt mit "Es ist doch eine unbestreitbare Tatsache, dass...", "Es kann doch niemand im Ernst daran zweifeln, dass..." oder ähnlich, sollte man aufhorchen und die anschließende Behauptung besonders streng unter die Lupe nehmen. Solche Worte sind nämlich ein beliebter rhetorischer Taschenspielertrick von Leuten, die es offensichtlich nötig haben, Kritik und Diskussion von vornherein auszuschließen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Beitrag unseres Staatsoberhauptes auf der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs in Winnenden:
"Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte (gemeint sind Egoshooter und 'Gewaltmedien' im weiteren Sinne) schadet?"
Ich sage: Nö! Da ich finde, dass das eine mit dem anderen sehr wenig zu tun hat, will mir also unser Bundespräsident den gesunden Menschenverstand absprechen. Find' ich dreist, Herr Köhler. Einen solchen Populismus haben Sie doch gar nicht nötig, schließlich werden Sie nicht direkt gewählt. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie sind im wahrstmöglichen Sinne... ein Vollhorst. Bitte befassen Sie sich in Zukunft doch wieder mit den Dingen, von denen Sie mehr haben Ahnung haben, das Taufen von Fähren beispielsweise. Ernsthafte Diskutanten finden indes auf gamestar.de Argumente, warum Videospielverbote komplett unsinnig sind.
In der Debatte wird übrigens ein ganz wesentlicher Aspekt übersehen: Der Einfluss des Fernsehens! Nein, damit meine ich nicht die hochnotpeinliche Amok-Berichterstattung zu Winnenden, sondern etwas ganz anderes. Greifen wir zum Selbstversuch, urteilen Sie bitte selbst, lieber Leser. Welcher der folgenden Videoclips macht Sie aggressiver?
Dieser?
Oder dieser?
Eben.
Was geschah sonst in den letzten Tagen? Ein Kurzüberblick.
- Thomson entwickelt ein neues Audioformat, das der MP3-Killer schlechthin sein soll. Irritierend: Nachdem ich meine Musikbibliothek seinerzeit von MP3 auf VQF (sollte 1999 der MP3-Killer schlechthin sein) umcodiert habe, später von VQF auf MPC, von MPC auf OGG, von OGG auf AAC und nun von AAC nach mp3HD, klingen meine Songs trotzdem nicht besser. Im Gegenteil: Ich höre nur noch Rauschen, Knacken und Brummen!!!
- Microsoft bringt die finale Version des Internet Explorer 8 auf den Markt und niemanden interessiert's. Verbreiten wird sich der Browser wohl auch erst im Herbst, wenn er als Bestandteil von Windows 7 ausgeliefert wird. Indes zeigten sich alle Browser auf einem Hackercontest gegenüber Exploits anfällig - bis auf Googles Chrome-Browser. Höchst perfide Taktik, Google, einfach gute Produkte anzubieten. Wieder einen Schritt näher an der Weltherrschaft.
-In Großbritannien wird Googles Street View-Dienst zurechtgestutzt. Begründung: Angst vor Aushöhlung der Privatsphäre. Im Land mit der weltweit größten Dichte an Überwachungskameras sicherlich ernst zu nehmende Bedenken.
- Australien sperrt die Whistleblower-Site wikileaks.org, da dort die staatliche Netzfilterliste hinterlegt war. Mit durchschlagendem Erfolg: Am Wochenende brach die Site wegen des überwältigenden globalen Interesses zusammen. Fail, Australien, epic fail. Achtung, schlechter Witz: Das war wohl ein Bumerang-Effekt.
- Facebook ist mit einem neuen Design unterwegs, keinem gefällt's. Moment... Ich find's eigentlich ganz gut. Aber ich neige ja auch sonst geradezu krampfhaft zu unpopulären Meinungen.
- Dieter Gorny weint. Der Mann hat VIVA gegründet, der darf das.
- Auch U2-Bono echauffiert sich über Leute, die Musik tauschen. Zitat: "Musik ist zu einem Abwasser geworden, einem Werkzeug." Hey Bono, nicht immer von sich selbst auf andere schließen.
'Nuff said. Eine gute neue Woche wünscht fraencko, stellvertretend für Ihr
gulli:news-Team
Bild: Titelseite des "Berliner Kurier am Sonntag". Danke für die Inspiration.
News Redaktion am Montag, 23.03.2009 00:41 Uhr
Wie immer war die Gulli Glosse klasse :T Hoffentlich bleibt sie uns in ihrer Qualität noch lange erhalten :T Die Glosse hätte sogar einen Stammplatz auf der Seite verdient, wo man sie mit einem Klick erreichen kann. MfG ...
Das Zeitungcover ist echt (PDF)? Das sieht so unprofessionell und billig aus, ich hätte schwören können, daß das in drei Minuten von irgendjemanden als Scherz zusammengeklickt ...
Jap, kann mich dem Rest nur anschließen. Top Artikel. =) ...
gefällt mir auch sehr gut! mich hat das snickers-papier im ersten video allerdings auch etwas aggressiv gemacht...;) ...
Super artikel, hat mir echt spaß gemacht den zu lesen. Bin schon dabei links an meine kollegen zu verteilen :D mfg - auspex Da schließe ich mich an, eine gelungene Glosse! :T ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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