Der unabhängige IT- und Tech-Kanal!
internet.board.entertainment.games.hardware

Roland Seim: Interview zu Zensur und "Killerspielen"

Angesichts der jüngsten Netzzensur- und Killerspiel-Debatte äußerte sich Roland Seim, 1965 geborener Kunsthistoriker und Soziologe mit Schwerpunkt Medienfreiheit, in einem Interview zu diesem Themenkomplex.

Gegenüber der taz sagte Seim auf die Frage, ob es in Deutschland Zensur gebe: "Im Artikel 5 des Grundgesetzes steht: "Eine Zensur findet nicht statt." Für Juristen fällt nur eine Vorzensur darunter. Die gibt es zwar vor allem bei Filmen - in Gestalt der FSK (Freiwillige Selbst-Kontrolle), und auch bei Computerspielen in Form der Unterhaltungssoftware Selbst-Kontrolle (USK). Da dieses aber freiwillige und halbstaatliche Selbstkontrollgremien sind, gelten sie nicht als Zensurinstitutionen." Er gab allerdings auch zu bedenken: "Jugendschutz und Kunstfreiheit sind Grundrechte von Verfassungsrang, man sollte das nicht nur Juristen und Pädagogen überlassen." Immerhin seien die Entscheidungen der entsprechenden Gremien für Millionen von Medienkonsumenten bedeutend, so Seim.

Seim sagte, ideal sei eine Selbstkontrolle, die staatliche Eingriffe überflüssig mache. Er hob die Wichtigkeit des Jugendschutzes hervor, merkte allerdings auch an, dass mit der Arbeit der entsprechenden Stellen eigentlich alle Seiten unzufrieden sind: Während konservative Kräfte die Freiwillige Selbstkontrolle für zu lasch und zu nahe an der Spiele-Industrie halten, findet die Spiele-Industrie selbst die Freigaben oft zu streng.

Zudem sieht Seim bei den Jugendfreigaben eine unerwünschte Nebenwirkung: Bei Jugendlichen gilt es oft als besonders cool, genau die Spiele und Filme zu kaufen und zu konsumieren, die als für ihre Altersgruppe ungeeignet eingestuft sind. Insbesondere Listen indizierter, also nicht jugendfreier Spiele und Filme, werden nach Seims Ansicht oft "als "Einkaufslisten" verwendet, denn eine Indizierung wird von vielen Fans gewissermaßen als "Auszeichnung" und "Kaufempfehlung" interpretiert. Da ranzukommen verschafft Prestigegewinn im jugendlichen Umfeld."

Zudem bescheinigt der Experte der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) eine nicht immer fehlerfreie Arbeit: "Viele Entscheidungen der BPjM sind gewiss sinnvoll oder zumindest nachvollziehbar. Nicht wenige allerdings lassen tiefere Kenntnisse der zielgruppenspezifischen Codes der Szene vermissen. Eine gewisse Humorlosigkeit scheint in den Gremien Usus zu sein." In Sachen Kunstfreiheit allerdings habe man dazugelernt und sei beispielsweise Comics gegenüber weit aufgeschlossener als früher. Eine ähnliche Entwicklung wünscht sich Seim auch bei Computerspielen: "Vielleicht wird eines Tages auch die Kulturtechnik Computerspiel als zeitgenössische Kunstform anerkannt werden. Katastrophen wie Schulmassaker hingegen dürften die Diskussion vor allem um gewalthaltige Games um Jahre zurückwerfen."

Zudem ist Seim der Ansicht, dass die Kontrolle des Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen nicht primär durch die Kontrolle durch Staat oder Industrie, sondern durch das soziale Umfeld der Kinder erfolgen sollte: "Einmal irgendwo auf der Welt veröffentlicht, lassen sich die Distributionswege von digitalen Daten in einer freiheitlichen Mediengesellschaft praktisch nicht mehr regulieren. Es wäre schon viel geholfen, wenn Freunde, Eltern und Lehrer sich mal dafür interessierten, was sich in ihrem persönlichen Umfeld so abspielt."

Die im Vergleich zu anderen Ländern strengeren Gesetze hierzulande führt Seim auf den typisch deutschen Regulierungswahn und eine gewisse Autoritätsgläubigkeit der Bevölkerung zurück. "Der Deutsche mag es offenbar gern geregelt. Die Lösung komplexer Problematiken wird häufig an Staatsorgane delegiert," kritisiert der Experte.

Eine Instrumentalisierung des Amoklaufs von Winnenden für politische Zwecke kann Seim stellenweise durchaus erkennen. Hier sieht er jedoch nicht nur Schatten, sondern auch etwas Licht: "Bei den üblichen Verdächtigen überraschen die ersten Reaktionen natürlich nicht. Bayern fordert einmal mehr das Verbot von sogenannten "Killerspielen", der Kriminologe Christian Pfeiffer verlangt schärfere Kontrollen. Wer nur einen Hammer hat, für den sieht alles aus wie ein Nagel, heißt es. Insgesamt hielten Politiker und Medien sich ansonsten aber erstaunlich zurück, was populistische Patentrezepte und Sündenböcke anging, obwohl schnelle einfache Lösungen bei großen Teilen der Bevölkerung sicher gut ankämen. Nach Erfurt und Emsdetten wurden Waffen- und Jugendschutzgesetze verschärft, was Winnenden trotzdem nicht verhindern konnte. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass komplexe Probleme nicht mit einfachen Mitteln gelöst werden."

In Bezug auf die Wirkung gewalthaltiger Medien auf labile Menschen vertritt Seim eine differenziertere Auffassung, als sie derzeit in den Medien oft verbreitet wird. Er führt aus: "Auch wenn es eine aufgeklärte, moderne Demokratie nur ungern hört: Gewalt ist ein uralter Bestandteil der menschlichen Natur und Kultur, und sicherlich keine Erfindung der Spielehersteller." So könnten gewalthaltige Spiele wie beispielsweise Egoshooter als "Ventil" für gewalttätige Impulse dienen. Dies sei in der Regel als harmlos anzusehen. Das bedeute jedoch nicht, dass diese Spiele nicht im Einzelfall eine schädliche Wirkung auf ohnehin labile Menschen haben könnten: "Monokausale Auslöser sind solche Games zwar nicht, aber ein Teil einer fatalen Kette von Fehlentwicklungen können sie im Einzelfall durchaus sein. "

Deutliche Kritik jedoch muss sich die Berichterstattung in den Medien gefallen lassen. Seim kritisiert: "Die Täter scheinen bestimmte "coole" Schemen adaptiert zu haben, wie z.B. die schwarze Kleidung, den Habitus des einsamen Rächers, den tödlichen Showdown. Man müsste mal klären, woher die Faszination für Waffen kommt. Der Medienhype um Amokläufer, (Robert Steinhäuser und Tim Kretschmer schafften es post mortem immerhin auf den "Spiegel"-Titel) könnte womöglich eine glorifizierende Wirkung haben. Bei dieser Faszination des Schreckens muss man sich aber vor Augen halten, dass es sich bei Amokläufen um das feige Umbringen unschuldiger, arg- und wehrloser Kinder oder anderer Unbeteiligter handelt. [...] Wenn man schon etwas verbieten will, dann sollte es eher die voyeuristische Berichterstattung sein. Die TV-Übertragung von traumatisierten Schockopfern, das distanzlose Ausschlachten des "Body-Counts", das vulgärpsychologische Herumstochern im Leben und Sterben wildfremder Menschen gerade in den Boulevardmedien halte ich für bedenklicher als die meisten Games. Natürlich ist das Thema von öffentlichem Interesse. Aber je mehr Öffentlichkeit, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von Nachahmungstätern oder Trittbrettfahrern. Ähnlich wie bei Serial Killers kann sich daraus ein bizarrer "Kultstatus" entwickeln. Bei den meisten seriösen Zeitungen gilt das ungeschriebene Gesetz, nicht unnötig über Suizide zu berichten. Bei dieser dramatischen Form des "erweiterten Selbstmordes" scheint das indes nicht zu gelten, sondern es greift die alte Regel "bad news are good news"."

Über den derzeit oft und gerne, insbesondere in den Medien und von konservativen Spielekritikern, benutzen Begriff "Killerspiele" für gewalthaltige Computerspiele und speziell Egoshooter sagt Seim: "Ohne Amokläufe könnte man die Bezeichnung für einen schmähenden Tendenzbegriff halten, der Millionen von harmlosen Gamern desavouieren soll. Letztlich wäre ja auch Schach eine frühe Form von analogem "Killerspiel". Im Lichte wiederholter Massaker aber erhält er den schalen Beigeschmack einer schillernden Doppeldeutigkeit, die ins reale Leben überlappt."

So ist Seim prinzipiell gegen eine Zensur von Computerspielen - aber nicht dafür, dass in diesem Bereich alles erlaubt ist. Er erklärt: "Auf der einen Seite ist Zensur ein Reflex bei Überforderung gegenüber komplexen unerwünschten Situationen. Anstatt reale Missstände zu verbessern, soll es ein Verbot von Medieninhalten regeln. Auf der anderen Seite bedeutet für mich als Zensurforscher die Kritik an Restriktionen allerdings nicht, dass alles für alle erlaubt sein sollte. In jeder Gesellschaft muss es natürlich Grenzen geben, etwa wenn die Integrität von Mitmenschen verletzt wird. Frühe Beispiele für "Spiele", die indiskutabel sind, sind z.B. "KZ-Manager" und "Anti-Neger-Test". Die Aussagen des dahinter stehenden menschenverachtenden Weltbildes kann niemand gutheißen, der in einer demokratischen Wertegemeinschaft verankert sein möchte. Es dürfte kein Verlust sein, dass derlei verboten wurde. Die alten Fragen sind: Wer bewacht die Wächter? Und wer legt die Grenzen fest?" Damit spricht er ein Problem an, das momentan auch in anderen Themenkomplexen die Gemüter bewegt, insbesondere bei der Debatte um Internetsperren gegen Kinderpornographie: Einerseits geht es um Inhalte, die ethisch abzulehnen sind und unter Umständen schädlich sein können, andererseits aber ist eine Zensur, ganz gleich welcher Form, immer missbrauchsanfällig und gibt Einzelnen sehr viel Macht über die Realität anderer Menschen.

Insgesamt plädiert der Soziologe für mehr Dialog zwischen Spielefans und Spielekritikern, um einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss zu finden und die andere Seite besser zu verstehen. (Annika Kremer)

(via taz, thx!)

News Redaktion am Mittwoch, 25.03.2009 03:24 Uhr

tagsTags: medien amoklauf winnenden killerspiel jugendschutz zensur seim soziologe

Bookmark and Share
Rating Rating Rating Rating Rating
 
Weitere interessante News
52 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • zEeoN am 26.03.2009 16:36:44

    Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit eines anderen eingeschränkt wird. Wird sie nicht, sie wird sogar erweitert. Ohne Mitspieler könnte niemand online zocken. Umgekehrt ensteht denen, die das nicht tun, kein Schaden. Ohne Kompromisse wird man da auch n ...

  • Chummer am 26.03.2009 14:49:14

    Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit eines anderen eingeschränkt wird. Wessen Freiheit wird nochmal eingeschränkt? Diesen Blödsinn hast du schonmal gebracht und bist da schon mit auf die Nase gefallen. Dass du es gleich nochmal versuchst ist ein deutliches Zeichen ...

  • John08 am 26.03.2009 14:29:34

    Präventives Vorgehen birgt immer die Gefahr, präventiv auch die Rechte und die Lebensqualität zahlreicher Unbeteiligter extrem einzuschränken. John, wie würdest Du vorgehen, um das zu verhindern? Wer präventive Maßnahmen in großem Ausmaß befürwortet, sollte darauf eine ...

  • Annika_Kremer am 26.03.2009 14:13:23

    Darum gehts doch nicht. Es geht draum, wie man präventiv vorgehen kann Präventives Vorgehen birgt immer die Gefahr, präventiv auch die Rechte und die Lebensqualität zahlreicher Unbeteiligter extrem einzuschränken. John, wie würdest Du vorgehen, um das zu verhindern? Wer ...

  • John08 am 26.03.2009 09:58:10

    John bitte mach weiter so das wird bestimmt der nächste Knaller-Thread. Der letzte war schon ganz großes Kino. Leider hatte ich kein Bier, Popcorn o.ä. zu Hand. Ehrlich gesagt lach ich mir genau so einen ab, wie ihr euch auf die Palme bringen lasst :D :D :D ...

weitere Kommentare lesen     Nachricht kommentieren

 
News [Kurioses]

Apple filterte den Begriff "Jailbreak" im iTunes Store

Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr

befreit: ipad 3 & iphone 4s

Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.

mehr mehr lesen...

Browsergames
Gondal World

TOPTIPP: Gondal World

Kämpfe als Held in diesem einzigartigen Fantasy Game. Viele Gefahren und Abenteuer erwarten dich! Escaria spielen

Escaria

Escaria

Erschaffe deine eigene Insel und erobere die Welt. Krieg oder Wachstum - deine Strategie entscheidet! Escaria spielen

Artyria

Artyria

Werde Gladiator und kämpfe im antiken Zeitalter um Ruhm und Ehre. Gehe Bündnisse mit anderen Spielern ein und kämpft gemeinsam gegen die schrecklichen Barbaren. Artyria spielen

Gondal

Gondal

Ziehe als einsamer Waldläufer oder an der Seite von Kampfgefährten in einem Fantasy-Spiel von Abenteuer zu Abenteuer. Gondal spielen

Last Emperor

Last Emperor

Tritt gegen legendären Samurai aus Japan des 19. Jahrhundert an und werde der gefürchtetste aller Samurai. Last Emperor spielen

Nightcreeps

Nightcreeps

Tritt in eine epische Schlacht zwischen Werwölfen und Vampiren, in der nur die Stärksten überleben werden, ein. Nightcreeps spielen

gulli:picsArtikel empfehlengulli RSS News Feedsgulli RSS NewsPresso Feedsgulli:Newslettergulli twittertgulli bei facebookgulli:news im AppStoreSeitenanfang