Der unabhängige IT- und Tech-Kanal!
internet.board.entertainment.games.hardware

  • gulli
  • Nachrichten
  • Interview mit dem Chefredakteur: Piratenpartei Opfer von Zensur?

Interview mit dem Chefredakteur: Piratenpartei Opfer von Zensur?

Der Zensur-Streit zwischen der Piratenpartei und dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag schlägt hohe Wellen. Wir haben mit den Beteiligten gesprochen.

In einer gemeinsamen Pressemeldung haben die Piratenpartei und die Freien Wähler dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag vorgeworfen, mit einer "Stallorder" die Berichterstattung über die beiden Parteien einzuschränken. Chefredakteur Stephan Richter reagiert umgehend - und dementierte. Mittlerweile geht der Streit in die zweite Runde: Die Piraten haben sich an die OSZE gerichtet, um gegen die aus ihrer Sicht einseitige Berichterstattung des Verlages vorzugehen.

gulli:news hat bei den Beteiligten nachgefragt: Zensur durch den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag - oder "Ente" von den Piraten und den Freien Wählern?

gulli:news: Stephan Richter, Sie sind Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages. Vor einigen Tagen haben Ihnen die Piratenpartei und die Freien Wähler vorgeworfen, Sie hätten Ihren Redakteuren verboten, über diese beiden Parteien zu berichten. Die Piraten warfen Ihnen "Amtblattjournalismus" und "Hofberichterstattung" vor, mit denen sie verhindern würden, "dass sich die Bürgerinnen und Bürger umfassend und korrekt über die Parteien und die Kandidaten zur Landtags- und Bundestagswahl informieren können." Dass Sie damit nicht einverstanden sein können, ist offensichtlich. Wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht dar?

Stephan Richter: Jeder kann sich ein eigenes Bild machen, indem er in unsere Zeitungen schaut: Heute berichten wir in unserer Rendsburger Ausgabe groß über eine Aktion der Piratenpartei, vorgestern veröffentlichten wir in den Schleswiger Nachrichten einen umfangreichen Beitrag über die Freien Wähler und ihre Kandidaten, und gestern präsentierte das Flensburger Tageblatt einen ausführlichen Artikel über die Kandidaten der Piratenpartei in der Fördestadt. Zu allen Beiträgen gab es Fotos. So wird es in unserer Zeitungsgruppe weitergehen. Bereits vor der Falschmeldung über die angebliche "Stallordner" wurde über die genannten Parteien breit berichtet. So gab es z.B. ein großes Porträt des Kandidaten der Freien Wähler in Flensburg in unseren Nord-Ausgaben. Wohlgemerkt, diese Veröffentlichungen sind in großer Auflage erschienen, die Fakten sind nachprüfbar. Keine andere Zeitung in Schleswig-Holstein berichtet so ausführlich über die Parteien im Wahlkampf - einschließlich der genannten kleineren - wie wir. Ich setze auf mutige "Piraten", die sich ein eigenes Urteil bilden, statt auf diese Kampagne hereinzufallen.

gulli:news: Aber es stimmt schon, dass Sie Ihren Redakteur Frank Jung angewiesen haben, den FW-Spitzenkandidaten Helmut Andresen wieder auszuladen, nachdem die Redaktion Schlesweg ihn zum Pressegespräch gebeten hatte?

Stephan Richter: Nein, es gab diese Anweisung nicht. Ich wusste gar nichts von der Einladung zum Pressegespräch an Herrn Andresen. Die Schleswiger Redaktion hat falsch gehandelt, als sie ihn "ausgeladen" hat. Richtig ist, dass wir in der Redaktion über eine spezielle Serie diskutiert haben, in der es um die Vorstellung von Direktkandidaten bzw. Spitzenkandidaten geht. In der Redaktionskonferenz hatten wir uns darauf geeinigt, in dieser speziellen Rubrik - die nur eine kleine Ergänzung der eigentlichen Wahlkampfberichterstattung ist - aus Platzgründen und aus Gründen der Nachvollziehbarkeit nur die Kandidaten kurz vorzustellen, deren Parteien den Parlamenten angehören bzw. nach den Umfragen am ehesten Chancen haben, in Bundes- oder Landtag einzuziehen. Dies ist gängige Praxis bei fast allen anderen Zeitungen, bei Fernsehen und Radio. Bei den übrigen Parteien - zum Beispiel den Freien Wählern oder der Piratenpartei - wollten wir die Berichterstattung nicht auf kurze Kandidatenporträts reduzieren, sondern im Interesse der Leserinnen und Leser stärker auf deren Wahlprogramme und Wahlkampfaktionen eingehen.

gulli:news: Die Piraten und die Freien Wähler haben am Donnerstag nachgelegt und eine weitere Pressemeldung veröffentlicht. Darin bezeichnen sie Ihre Darstellung als "Schutzbehauptung". Ihr Verlag würde versuchen, die beiden Parteien "entweder totzuschweigen oder so zu schreiben, dass bei den Lesern ein möglichst negatives Bild von den demokratischen Alternativen entsteht." Können Sie diese Anschuldigungen widerlegen?

Stephan Richter: Man schaue sich die veröffentlichten Beiträge in der Zeitung an. Die Gesprächspartner der Piratenpartei haben den Autoren der Zeitungsbeiträge anschließend bestätigt, fair und sachlich berichtet zu haben.

gulli:news: Die beiden Parteien haben sich nun wegen der angeblicen "massiven Wahlbeeinflussung" durch Ihren Verlag an die OSZE gewandt. Fürchten Sie Konsequenzen aus diesem Streit?

Stephan Richter: Ich befürchte ganz andere Konsequenzen. Die Kandidaten rechtsextremer Parteien - voran die NPD - haben sich bereits bei uns gemeldet und schließen sich den Forderungen der Piratenpartei an. Sie wollen sich der OSZE-Petition anschließen. Ich bin gespannt, ob die Piratenpartei den Mut hat, die Antwort der OSZE zu veröffentlichen.

gulli:news dankt Stephan Richter für das Interview.

Statement der Piratenpartei:

Wir haben allerdings auch die Piraten nach ihrer Sichtweise auf den Konflikt gefragt. Pressesprecher Wolfgang Dudda erklärte gegenüber gulli:news:

"Uns war von Anfang an völlig klar, dass die SHZ niemals zugeben würde, dass es diese "Stallorder" wirklich gab. Unser erklärtes Ziel war und ist daher auch keine Entschuldigung für die vergangenen Vorfälle, sondern vielmehr eine Änderung der hausinternen Totschweige-Politik.

Dass uns dies gelungen ist, hat Herr Richter ja in seinem Interview beschrieben. Die Beurteilung, ob eine angemessene Berichterstattung auch schon vor der gemeinsamen Pressemitteilung von Piraten und Freien Wählern stattgefunden hat, überlassen wir den Lesern der SHZ-Angebote und der OSZE.

Ob eine sachgerechte Darstellung der Programme und Kandidaten rechtsextremer Parteien wie der NPD für die Wähler wichtiger sind als die Berichterstattung über die Teilnahme von CDU-Politikern an Schützenfesten und ähnlichen Ereignissen, überlassen wir der SHZ-Redaktion. Traurig finden wir allerdings, dass Herr Richter als "politischer Kopf" von 14 Zeitungen das tatsächliche Bild der Parteienlandschaft nicht zur Kenntnis nehmen will und Piraten sowie Freie Wähler in eine Schublade mit rechtsextremen Parteien steckt. Hier stinkt der Fisch leider vom Kopf her.

Die an Ignoranz der politischen Wirklichkeit kaum zu übertreffende Argumentation des Herrn Richter, die die Piratenpartei mit einer dumm-dreisten Gedankenkette in die Nähe der NPD bringen soll, ist infam und Ausdruck für eine ganz besondere journalistische Schäbigkeit. Das ist politisches Angstbeißen."

Die Fronten zwischen den beiden Konfliktparteien sind also weiterhin verhärtet. Sowohl der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag als auch die Piratenpartei erwarten, dass die OSZE ihnen in ihrer Einschätzung der Situation zustimmen wird. Ob dadurch allerdings geklärt wird, ob es die "Stallorder" tatsächlich gab, bleibt fraglich.

Fest steht, dass eine ausgewogene Berichterstattung über die Parteien große Bedeutung für die Wahlentscheindung der Bürger hat. Es muss Medien wie der SHZ aber auch zugestanden werden, eigenständig über ihre Themen zu entscheiden. Allerdings sollte man sich als Zeitungsleser entscheiden, ob man sich auf die Filter der Redaktion verlassen will. Gerade die Tatsache, dass rechte Parteien in der Berichterstattung häufig schlichtweg ignoriert werden, wirft die Frage auf, wie viel eigene Urteilsfähigkeit die Medienhäuser ihren Kunden überhaupt zutrauen." (Simon Columbus)

News Redaktion am Freitag, 25.09.2009 23:17 Uhr

tagsTags: schleswig-holstein freie wähler shz stallorder stephan richter wolfgang dudda piraten partei

Bookmark and Share
Rating Rating Rating Rating Rating
 
Weitere interessante News
34 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • energy107 am 03.11.2009 00:59:48

    Zur mangelnden Berichtserstattung NPD: "Wenn ich Kuchen verbieten will, stelle ich mich nicht in der Kuchen-Schlange an, und fordere Kuchen!" Vielleicht mal durch den Kopf gehen lassen ;) ...

  • rockmachine am 02.11.2009 14:12:51

    also ich finde das statement der piratenpartei echt lächerlich. er geht garnicht auf den chefredakteur ein, sondern verdreht seine aussage total und schwafelt was von nazis. also echt lächerlich der typ von den piraten. und die zeitung bringt doch nachprüfbar oftmals was über die piraten. mit ...

  • Gravenreuth am 02.11.2009 12:30:08

    Die Redakteure enscheiden nunmal, was in der Zeitung steht. Genausogut könnte man Gulli eine sehr einseitige Berichterstattung vorwerfen. Ich wünsche euch viel Spaß beim auf mir rumhacken. :) Letzteres werde zumindest ich nicht tun, weil der 1.Absatz absolut ...

  • forkpower am 02.11.2009 12:26:49

    piraten partei geht ja mal garnicht da kann ich gleich Pädophile wählen und mir ss in den nacken tätowieren lassen und an alle die jetzt schimpfen :eek: es ist wie es ist und es bleibt wie es bleibt Hm - was geht denn deiner Meinung nach? CDU? :D Da kann ich ...

  • Tanto am 29.10.2009 00:25:23

    Naja, ich denke hier wird mal wieder mächtig überreagiert. Holt mal alle nochmal tief Luft. Die Redakteure enscheiden nunmal, was in der Zeitung steht. Genausogut könnte man Gulli eine sehr einseitige Berichterstattung vorwerfen. Ich wünsche euch viel Spaß beim auf mir rumhacken. :) ...

weitere Kommentare lesen     Nachricht kommentieren

 
Fotostrecke
News [Kurioses]

Apple filterte den Begriff "Jailbreak" im iTunes Store

Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr

befreit: ipad 3 & iphone 4s

Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.

mehr mehr lesen...

Browsergames
Gondal World

TOPTIPP: Gondal World

Kämpfe als Held in diesem einzigartigen Fantasy Game. Viele Gefahren und Abenteuer erwarten dich! Escaria spielen

Escaria

Escaria

Erschaffe deine eigene Insel und erobere die Welt. Krieg oder Wachstum - deine Strategie entscheidet! Escaria spielen

Artyria

Artyria

Werde Gladiator und kämpfe im antiken Zeitalter um Ruhm und Ehre. Gehe Bündnisse mit anderen Spielern ein und kämpft gemeinsam gegen die schrecklichen Barbaren. Artyria spielen

Gondal

Gondal

Ziehe als einsamer Waldläufer oder an der Seite von Kampfgefährten in einem Fantasy-Spiel von Abenteuer zu Abenteuer. Gondal spielen

Last Emperor

Last Emperor

Tritt gegen legendären Samurai aus Japan des 19. Jahrhundert an und werde der gefürchtetste aller Samurai. Last Emperor spielen

Nightcreeps

Nightcreeps

Tritt in eine epische Schlacht zwischen Werwölfen und Vampiren, in der nur die Stärksten überleben werden, ein. Nightcreeps spielen

gulli:picsArtikel empfehlengulli RSS News Feedsgulli RSS NewsPresso Feedsgulli:Newslettergulli twittertgulli bei facebookgulli:news im AppStoreSeitenanfang