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Deckel Drauf: Die Gulli Glosse (Woche 39/2009)

Der Wochenrückblick der gulli:news - eine Chronik des Schreckens in mehreren Akten.

Deutschland hat gewählt - und wie. Ganz Deutschland? Nun, wahrscheinlich gibt es irgendwo ein kleines Dorf, das noch immer Widerstand leistet gegen die römischen Legionen von Angela Merkel (deren Oberweite allerdings unter dem Brustpanzer eines Centurions weit weniger gut zur Geltung kommen dürfte als unlängst auf dem CDU-Wahlplakat) und ihrem wohl zukünftigen Adjutanten Guido Westerwelle. Gibt es in diesem kleinen Dorf auch Zaubertrank? Man weiß es noch nicht. Vier Jahre haben wir nun Zeit, das herauszufinden. Im Großen und Ganzen kann man wohl nur feststellen: Die spinnen, die Germanen.

Dies zeichnete sich auch schon im Laufe der vergangenen Woche mehrfach ab. So bewegte beispielsweise die killerspielfreie Schule im schönen Schwarzwald die Gemüter. Deren Rektor hält seine Schüler offenbar für so amoklaufgefährdet, dass er sie dazu bringen will, sich bis zum Abitur zum Verzicht auf Counterstrike, Unreal Tournament und Crysis zu verpflichten. Wie, wenn nicht durch solche bis in die Freizeit reichende Entmündigung, sollen Jugendliche dazu erzogen werden, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen? Nun will man sogar als Vorbild für andere Schulen dienen, die brave Elternschaft, die "Counterstrike" wahrscheinlich für "eine von diesen satanistischen Metal-Gruppen" hält, stets treu an seiner Seite. Eines steht fest, die Schwarzwälder Luft ist etwas ganz besonderes - man sollte angesichts derart irrsinniger pädagogischer Vorhaben den Tannenduft einmal auf bewusstseinserweiternde Substanzen untersuchen. Der Ausdruck "vom falschen Baum geraucht" gewinnt da gleich eine ganz andere Bedeutung. Das Zeug muss derartig potent sein, dass die Schwarzwälder Tourismus-Industrie wahrscheinlich demnächst einen Aufschwung ohne gleichen erleben wird - Kuckucksuhren-Verkauf an jugendliche Touris, denen Amsterdam und Jamaica zu langweilig geworden sind, mit inbegriffen. Eine besonders nette Fußnote bei diesem Versuch, sich seinerseits als kleines gallisches Dorf im Kampf gegen die verderbliche Jugendkultur zu präsentieren: Auch einige Leser des gulli:boards schafften es mit ihren durchweg skeptischen bis verärgerten bis belustigten Kommentaren bis in die Mainstream-Medien. Dort zeigte man sich unter anderem etwas befremdet darüber, dass in Diskussionsforen in der Regel unter Pseudonym geschrieben wird. Man sollte sich das als politisch engagierter Zocker zu Herzen nehmen und demnächst Foren, Chats und auch den Gameserver seiner Wahl nur noch unter vollem Namen besuchen. "Max Peter Mustermann totally pwned Susanne Meier's head." Hört sich doch gut an. Und Steuergelder spart es auch: Zum Anlegen einer Datenbank potenzieller Amokläufer muss nicht erst mühsam der Nickname h4nn1b4l-l3ct3r einem realen Namen zugeordnet werden. Klare Win-Win-Situation - zumindest für die römischen Truppen, Verzeihung, die neue Regierungskoalition. Wir wollen ja auch den alten Römern nicht unrecht tun, diese waren damals in Sachen Demokratie wie auch in Naturwissenschaft, Kultur, Philosophie und Technik in Europa führend. Nicht gerade etwas, das man mit der CDU assoziieren würde. In Sachen killerspielfreie Schule jedenfalls kommen positive Anregungen eher aus den USA: Dort macht man vor, was die Schüler mit ihrer Zeit anfangen können, wenn sie nicht mehr zocken dürfen. Ganz einfach, sie entwerfen Werbung für die RIAA und das Urheberrecht. Alternativ könnte man die Kids auch Werbeplakate für andere wichtige politische Maßnahmen gestalten lassen - beispielsweise für die zahlreichen Überwachungsmaßnahmen, die eine Regierungsbeteiligung der CDU so mit sich bringt. Wie wäre es als Slogan mit "Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Ignoranz ist Stärke"?

Was schon für die alten Römer und ihre Angriffe auf Asterix und sein kleines Dorf galt, gilt auch heute noch: Ein jeder blamiert sich, so gut er kann. Diesen Grundsatz nahm sich auch die Künstlerin Lily Allen zu Herzen und wetterte erst theatralisch gegen Raubkopierer - um dann selbst im Netz durch ein dreistes Plagiat aufzufallen. Dumm gelaufen, oder, wie Zocker sagen würden, self-owned. Man könnte auch Orwell zitieren, der da sagte "Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als andere." Aber das wäre wahrscheinlich schon zuviel der Ehre für eine derart dummdreiste Aktion - wenn auch treffend. Ebenfalls sehr treffend ist auch ein in musikalischer Form vorgetragener offener Brief an die mittlerweile (vorläufig?) von der Bühne verschwundene Künstlerin. Eines jedenfalls kann sich Frau Allen auf die Fahnen schreiben: Sie hat bewiesen, dass die momentan viel bemühte Rhetorik vom Generationenkonflikt in etwa soviel reale Grundlage hat, wie die Wahlversprechen der CDU. Auch junge Menschen, dafür ist diese Dame der lebende Beweis, gehen teilweise nicht mit der Zeit, sind nicht besonders intelligent und haben keinerlei Ahnung vom Internet. Wie unsere römischen Freunde gesagt hätten: Quod erat demonstrandum.

Wenig Gehalt haben offenbar auch die Aussagen vieler Microblogger. Diese nämlich, das stellte eine Studie kürzlich fest, sind größtenteils eher langweilig. Themen wie Schlafen, Essen und Arbeit machen einen wichtigen Teil der dort geschriebenen Updates aus. Man würde sich wünschen, dass die Menschen diese Themen lieber am Telefon diskutieren. Dann nämlich würden sie die Ermittler, die immer häufiger Telefongespräche abhören, für diesen Eingriff in die Privatsphäre wenigstens mit gähnender Langeweile bestrafen. Eine ganz eigene Meinung zur Telefonüberwachung hat indes der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg - er findet, das hätte alles schon seine Richtigkeit mit der Überwachung. Bei solchen Ansichten muss der Mann den unpassendsten Namen in der gesamten Deutschen Politik haben. Naja, "Polizeistaatberg" klingt auch irgendwie blöd...

An einen Polizeistaat lassen auch Pläne der EU denken, die europäischen Überwachungsmaßnahmen mit dem Projekt Indect künftig noch umfassender zu vernetzen. Dabei geht es natürlich nur um unsere Sicherheit. Wovor man uns genau mit der Kombination von Datamining, Internet-Überwachung, Kameras, Reisedaten und anderen Nettigkeiten schützen will, bleibt unklar. Wahrscheinlich vor wildgewordenen Bürgerrechten, die uns sonst aus dem Hinterhalt angreifen und mit Killerspielen bewerfen...

Um diese gefährlichen Bürgerrechte endgültig in ihre Schranken zu verweisen, forderte das Innenministerium kurzerhand eine Kompetenzerweiterung für den Verfassungsschutz (gut, angesichts dieser Behörde müssen wir uns das mit Herrn Freibergs Namen noch einmal überlegen). Die dort aufgestellten Forderungen wurden zwar nach öffentlicher Kritik kurzerhand relativiert, aber ein bisschen klingt das nach "Nein, niemand hat vor, eine Mauer zu bauen. Aber wo du schonmal da stehst, kannst du mir bitte den Mörtel reichen?" (Danke an den- oder diejenige aus dem gulli:board, von dem/der ich diesen genialen Satz gerade raubmordkopiert habe).

Eine Kompetenzerweiterung ganz anderer Art (nämlich ein Mindestmaß an Medienkompetenz) könnte offenbar CDU-Politiker Günther Beckstein gebrauchen. Dieser war offenbar schon vom Gedanken an böse Killerspiele so verstört, dass er kurzerhand Counterstrike mit America's Army verwechselte und selbst den Hintergrund des falschen Spiels dann noch unzutreffend darstellte. Aber wahrscheinlich war das nicht seine eigene Schuld - es steht zu vermuten, seine Parteifreunde hatten, um Verlinkungen auf Kinderpornoseiten auszuschließen, Stoppschilder vor Google und Wikipedia platziert und dem armen Mann so eine Recherche unmöglich gemacht. Man stelle sich sein Gesicht vor, als nur Stoppschilder aus dem Drucker kamen...

Ein dummes Gesicht machen wohl auch all diejenigen, die wirklich geglaubt haben, dass Barack Obama das Lager Guantanamo Bay wie versprochen vor Ende des Jahres schließt - also wahrscheinlich ungefähr drei Leute. Die Schließung dieses Ortes gastfreundlicher Völkerverständigung nämlich wird wahrscheinlich noch weit länger als geplant auf sich warten lassen. Auch Obama kocht offenbar nur mit Wasser (wieso fällt mir zu "Obama" und "Wasser" jetzt eigentlich ein dummer Jesus-Witz ein...?) - aber wenigstens wird das Wasser dann hoffentlich nicht mehr für's Waterboarding, die neue kubanische Nationalsportart, sponsored by CIA, benutzt.

Erneut eine Analogie zu Asterix dem Gallier findet sich in einer weiteren Nachricht der letzten Woche. Erinnert ihr euch an den Barden Troubardix? Etwas ähnliches wie den eher mäßig begabten Vokalartisten, allerdings automatisiert, hat auch die Polizei in Pittsburgh in ihrem Arsenal: Eine Schall-Kanone. Diese setzte sie gnadenlos gegen einige Anti-G20-Demonstranten ein. Wie im Board bereits treffend gesagt wurde, sollte man wahrscheinlich überprüfen, ob für den entsprechenden Ton überhaupt korrekte Lizenzgebühren für eine öffentliche Aufführung gezahlt wurden - schließlich ist so eine gegen Zivilisten eingesetzte Waffe kein rechtsfreier Raum. Ansonsten allerdings hätte die Technologie Potenzial: Im Rahmen eines neuen Three-Strikes-Plans für lernresistente Bundesregierungen. Beim ersten Überwachungsgesetz geht es mit verstärkten Yeah-Flashmobs noch vergleichsweise harmlos zu - beim zweiten allerdings rückt dann die Schall-Kanone an. Als dritten Schritt sollte man dann das Motto "Three Strikes Out" wörtlich nehmen und die verantwortlichen Politiker auf irgendeine Insel verbannen. Dort gibt es dann auch keine Terroristen und Raubmordkopierer, kein Internet und keine Killerspiele - und vor allem keine kritischen Menschen. Eigentlich paradiesische Zustände. Der Verzicht auf die entsprechende Infrastruktur allerdings dürfte dem einen oder anderen Politiker schwer fallen - während Frau Merkel erwiesenermaßen auch ohne Friseur auskommt, dürfte dieser Verzicht Herrn Westerwelle weitaus schwerer treffen. Auch die Abwesenheit von Kameras, seien es nun die der Medien oder die Überwachungs-Variante, dürfte für die Damen und Herren gewöhnungsbedürftig sein. Aber das Leben ist nunmal kein Ponyhof, für verbannte Politiker schon gar nicht. Sie können sich ja aus Langeweile gegenseitig bespitzeln - oder aber man bringt doch einige Kameras ins Exil und vermarktet das Endprodukt bei RTL 2 als "Reality-Soap". Wahrscheinlich wird diese Schicksalsgemeinschaft dann bald als "der Fluch der Karibik" bekannt.

Mit dieser schönen Perspektive beenden wir den Wochenrückblick und überlassen die Leser ihrer wie auch immer gearteten Bewältigung des Wahlergebnisses (notfalls mit ein paar Schwarzwälder Tannenzweigen). Und immer daran denken: Wir haben nichts zu befürchten, außer, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. (Annika Kremer)

News Redaktion am Montag, 28.09.2009 17:33 Uhr

Tags: kommentar wochenrückblick killerspiel freiberg guantanamo lily allen verfassungsschutz gulli glosse überwachung

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13 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • lavalampe am 28.09.2009 18:05:37

    Dann will auch ich mal loben, eine der besten DeckelDrauf`s der letzten Zeit... :P ...

  • Asound am 28.09.2009 17:34:27

    Ich sag dann auch mal Danke, für die sehr genial geschrieben Glosse! ...

  • The | Commander am 28.09.2009 17:25:06

    Wär hätte gedacht, dass Frauen Humor haben. Weiter so :p ...

  • Karusselbremser am 28.09.2009 13:52:08

    Ich schließe mich dem eindeutigen Tenor an. Sehr sehr schön zu lesen und der Galgenhumor gefällt mir auch wunderbar:T Auch wenn man aus den ganzen Geschehnissen eigentlich ein bürgerliches Trauerspiel machen sollte. :( ...

  • satn00b am 28.09.2009 12:59:32

    diese glosse war so genial geschrieben, dass ich mich extra im board registiert hab um mich dafür zu bedanken. imho die beste glosse (lese seit anfang an) bisher überhaupt :T ...

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