
Zugegebenermaßen: Häufig ist es nicht der Fall, dass das passiert. In Wahrheit schubsen wir uns nur YouTube-Links zu. Aber nun mal ernsthaft. Gleich vorweg: Man sollte den Titel nicht als Aufforderung verstehen, auch wenn es so scheint. Die Formulierung hat ihren Grund - und er ist kein Pro-Piratiger. Der Grund liegt ganz woanders, nämlich bei der Welt. Also der Zeitung "Die Welt". Da ist gestern Abend ein herrlicher Kommentar erschienen mit dem - Achtung! - Titel: "Liebe andere Parteien, lernt nicht von den Piraten."
Ein Kommentar ist - so will es nun eben die Definition - ein journalistischer Text der auch Meinung beinhaltet. Das ganz Tolle an einem Kommentar: Da jeder weiß, dass Meinung drin ist, braucht man gar nicht erst versuchen sie zu verstecken. Aber bloß weil man Meinung verbreitet, heißt das nicht, dass man die journalistische Sorgfaltspflicht jetzt einfach untern Teppich kehren darf. Oder die gewissenhafte Recherche - nach bestem Wissen & Gewissen - dort entfallen darf. Von einem so tollen Medium wie der Welt hätten wir jetzt aber schon erwartet, dass man da fehlerfrei arbeitet und sich an journalistische Grundsätze hält. Aber zurück zum Wesentlichen. Der Verfasser des Artikels erklärt sehr plausibel und gar nicht pauschal, warum die anderen Parteien keinesfalls von den Piraten lernen sollten. Scheinbar ist man erschrocken von der Tatsache, dass 13 Prozent der männlichen Erstwähler (der Personenkreis: Killerspiel-Spieler) der Piratenpartei ihre Stimme gaben.
Deswegen serviert man die Agenda 2020, den 5-Jahres-Plan, den 3-Punkte-Plan, was die etablierten Parteien auf keinen Fall von den Piraten lernen sollen. Denn damit würde man gegen alle Regeln des politischen Geschäfts verstoßen.
Punkt 1: "Die Piraten haben keinen Kopf, den irgendjemand kennt." Jetzt ist bloß nicht so ganz klar, was die anderen Parteien hieraus lernen könnten und nicht sollen? Angela Merkel flimmert seit Jahren über die Fernsehbildschirme, ihren Kopf kennt man. Genauso wie Schäuble, Steinmeier, Gysi und wie sie da alle heißen. Was genau sollen diese Parteien jetzt aber nicht begreifen bzw. umsetzen? Es ist wohl unwahrscheinlich, dass die bekannten Größen der deutschen Politikbühne über Nacht verschwinden und wir uns dann völlig hilflos neuen Gesichtern gegenübersehen. Oder wollte man damit zum Ausdruck bringen, dass der Piratenpartei einfach ein lobbygefütterter und PR-technisch aufpolierter Politiker fehlt? Hoffen wir es mal nicht. Die Piraten rücken immer mehr ins Rampenlicht. Ob man das nun will oder nicht. Sie sind eine Partei und haben ihre Existenzberechtigung. Mir persönlich ist eine Partei lieber, die ihre "Gesichter" erst formt weil diese daher bodenständig bleiben. Die schwedische Piratepartiet hat mit Christian Engström einen solchen "Fang" gemacht und ihn auch entsprechend aufgebaut. Noch ist er nicht so "bekannt" wie manche das gerne hätten. Aber noch immer gilt: Gut Ding will Weile haben.
Punkt 2: "Keinerlei geschlechterausgewogene Repräsentanz, die doch heute angeblich zwingend notwendig ist." Ja, tatsächlich. Bei den Piraten sind - so wie man das bisher überblicken konnte - weit weniger Frauen als Männer aktiv. Das liegt vielleicht an deren Präsentation der Dinge. Oder auch nicht. Irritierend finde ich aber, dass man kein Wort über die "jetzt regierenden Parteien" verliert. Zugegebenermaßen, der Anteil an Frauen bei den Piraten mag wohl im einstelligen Prozentbereich liegen. Aber die CDU/CSU braucht sich mit ihren 25,5/18,9 Prozent auch nicht gerade rühmlich feiern lassen. Somit ist ja nur jedes vierte/fünfte Parteimitglied weiblich. Bei der FDP sieht es mit 22,8 Prozent Frauenanteil nicht viel besser aus. Diese Zahlen (und Fakten) hätten sich übrigens leichtens ermitteln lassen. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt sie bereit. Gut, deren Zahlen sind auch nicht immer optimal. Aber wir vertrauen ihr diesmal einfach.
Natürlich ist es so, wenn man sonst nichts zu kritisieren hat, sucht man sich einfach was. Und stellt das als absolut hin. Ich kritisiere jetzt mal einfach so die alten Strukturen der etablierten Volksparteien. Fast 50 Prozent der CDU/CSU Mitglieder sind über 60 Jahre alt. Bei der FDP sind es immerhin noch 33 Prozent. Das durchschnittliche Alter liegt nur geringfügig niedriger. Alter bedeutet aber nicht automatisch Weisheit und politisches Wissen. Viele sehen darin festgefahrene alte Betrachtungsweisen. Da wirkt die Piratenpartei mit einem Durchschnittsalter ihrer Mitglieder von 29 Jahren doch viel attraktiver für Erstwähler. Aber das Alter oder die Jugend als Makel vorzuwerfen, ist genauso absurd, wie die Frauenquote. Auch wenn mich EMMA jetzt zerreißt (auch wenn dort übrigens mitunter sehr interessante Artikel zu finden sind!).
Punkt 3: "Mit dem unter einem grauenvollen Verdacht stehenden Ex-SPD-Abgeordneten Jörg Tauss ein und damit mit dem wählerabschreckendsten Thema überhaupt: der Kinderpornografie." Ja. Kinderpornografie ist böse. Und jetzt? Ich ahne, welche Lösung dem Kommentator vorschwebt. Stoppschilder. Aber es geht ja nicht um Kinderpornografie selbst, sondern um Jörg Tauss. Bei dem hat man ja Kinderpornos gefunden. Und jetzt? Ja was jetzt? Gegen ihn wird ein Prozess geführt, und danach sind wir alle viel schlauer. Die Formulierung suggeriert aber - trotz des Wortes Verdacht - dass das, was man bei Tauss gefunden hat, so grauenvoll kinderpornografisch war, dass man auf ein Urteil gar nicht mehr warten muss. Naja, vielleicht interpretiere ich da jetzt auch zu viel hinein. In meiner kleinen schnöden Welt gilt aber noch die Unschuldsvermutung. Wenn der Ex-Bundestagsabgeordnete rechtskräftig verurteilt wird, kann man noch immer alles präzise analysieren und aufarbeiten. Beziehungsweise wird das ja die Gerichtsverhandlung für uns erledigen.
Dass die Aufnahme von Tauss in die Partei kein genialer Schachzug war, dies wird man wohl akzeptieren müssen. Aber inwiefern die Punkte 1 und 2 gegen "politische Regeln" verstoßen, ist mir schleierhaft. Am besten lösen wir sofort alle Parteien auf, denen nicht mindestens 50 Prozent Frauen angehören. Weil sonst ist ja was unfair. Und Parteien, die keine endlos teure PR-Kampagne für ihren Kandidaten fahren können und dies auch nicht durch "Spenden" realisieren wollen, gehören sowieso weg. Damit der Kommentar nicht gänzlich zur Glosse verkommt - es tut mir leid - widmen wir uns aber den weiteren "Fakten". Als abschließender Leckerbissen: "Oder soll man das Anliegen der Piratenpartei ernst nehmen? Nein! Auf keinen Fall! Denn sie verteidigt die Kostenlos-Kultur des Netzes." Eine kleine Empfehlung: Hier gibts das Parteiprogramm der Piraten. Nur 9 (in Worten: neun) Seiten stark und wirklich keine sprachlich schwere Kost. Auf den neun Seiten habe ich übrigens spontan keine Suchtreffer für die Worte "kostenlos", "umsonst" oder "gratis" im Zusammenhang mit urheberrechtlich geschützten Inhalten gefunden. Ich kann mich jetzt auch gar nicht daran erinnern, dass die Piratenpartei gesagt hätte: "Jeder darf jedes urheberrechtlich geschützte Werk runter- und raufladen, ohne dass er dafür eine Strafe erhalten soll!" Ich hab das Wahlgeschehen ja nur sporadisch beobachtet, aber ich glaube, dass es den Piraten um ein zeitgemäßeres Urheberrecht und ein faires Recht auf eine private Kopie geht. Aber ich denke, der Redakteur des Ur-Artikels wird uns das Parteiprogramm viel besser erklären können. Bis dahin gebe ich meinen virtuellen Lesern ein virtuelles Bier aus. Den in der realen Welt, werde ich sie wohl nie alle treffen, und doch bekomme ich online unglaublich viel Feedback - und das, obwohl sie mir - dem Urheber - ja nur das Geld aus der Tasche ziehen. Vielleicht habe ich aber einfach nur eine modernere und jüngere Betrachtungsweise für das Urheberrecht im "digitalen Zeitalter."
Mit freundlichen Grüßen
Der Typ, der privat ne Music-CD unter Umgehung des Kopierschutzes brennen möchte, ohne dafür mit einem Bein im Knast zu stehen.
(Bild via cyberresistance, thx!)
News Redaktion am Dienstag, 29.09.2009 20:51 Uhr
und falls du nicht mitbekommen hast, die cdu hat bei der btw 09 dramatische verluste hinnehmen müssen. Doch und ich hoffe das sie trotz ihrer Angstchürerei immer mehr verlieren werden! ...
http://www.welt.de/die-welt/debatte/article4665013/Nicht-von-den-Piraten-lernen.html Ähhhh vielleicht ist mein Humor-Detektor schrott...oder nicht? Ich las in dem Kommentar jedenfalls bissigen Humor^^ Die Einleitung suggeriert mir auch noch humor, der Rest wirk ...
ach kwatsch, die cdu wird niemanden umbringen. und falls du nicht mitbekommen hast, die cdu hat bei der btw 09 dramatische verluste hinnehmen müssen. ...
Und mal ganz ehrlich: So richtig wurde auf "Terrorvideos" nicht von der (momentanen) Regierung reagiert. Das kann man als "gut" empfinden, weil wir noch immer noch unsere "Freiheiten" haben oder als "schlecht", weil es sein kann, dass uns heimlich doch die Al Quaida überfällt. ...
Ja, das stimmt. Es kotzt uns viel an. Daher hat die Piratenpartei auf Anhieb gleich einen "riesigen Boom" erlebt, als immerhin 3.stärkste Kraft, die es aufgrund der 5%-Hürde nicht in den Bundestag geschafft hat. Und mal ganz ehrlich: So richtig wurde auf "Terrorvideos" nicht von der (momen ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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