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Ist der Einsatz von Schulbüchern unter freien Lizenzen möglich? (Interview)

Deutsche Schulen: alles dicht?

Deutsche Schulen: alles dicht?

Im Landtag von NRW wurde am Montag, den 26. der "Tag der Medienkompetenz" veranstaltet. In deutschen Schulen haben die Verlage bekanntlich die indirekte Kontrolle über alle im Unterricht verwendeten Materialien inne. Die Lehrer dürfen lediglich die vom Kultusministerium des jeweiligen Bundeslandes genehmigten Materialien einsetzen, selbst wenn sie bessere Unterlagen zur Hand hätten.

Um das vorhandene Material zu ergänzen, erstellen viele Lehrer ihre Unterrichtsmaterialien selbst. Inhaltlich dürfen diese wegen des Urheberrechts didaktisch nicht zu eng an die erhältlichen Schulbücher angelehnt werden. Bis jetzt hielt sich die Begeisterung der Verlagshäuser für freie Lizenzen oder DRM-freie E-Books stark in Grenzen. Ist das Material technisch gesehen frei kopierbar oder der juristische Schutz gilt als weniger gut, so glauben viele Unternehmen, ihre Einnahmen würden ins Bodenlose sinken. Daher verfolgen sie das Ziel, neben der Vermarktung der Schulbücher auch Gewinne aus deren elektronischer Verwendung zu generieren. Vor allem deswegen sollte zur Überwachung von Lehrern und Schülern sogar der Schultrojaner eingeführt werden.

Wie bloggte ein ehemaliger Studienreferendar wegen der Erstellung von Kopien so passend: „Lehrer stehen immer mit einem Bein im Gefängnis“. Aufgrund des Internets und der starren Regelungen hätten sich die Möglichkeiten der Lehrer, unbewusst gegen das Urheberrecht zu verstoßen, noch weiter erhöht. Die Piratenfraktion NRW verspricht jetzt Abhilfe. Es solle erlaubt sein, wenn Pädagogen ihre Materialien oder sogar die verwendeten Schulbücher eigenhändig aktualisieren. Auch der freie Austausch der Unterrichtsmaterialien wird gefordert. Wir befragten Dr. Joachim Paul, den Fraktionsvorsitzenden der Piratenfraktion, wie dies in der Praxis geschehen soll.

Lars Sobiraj: Wie viele Unterrichtsmaterialien unter freien Lizenzen sind in NRW beziehungsweise Deutschland denn momentan überhaupt verfügbar?

Dr. Joachim Paul: Die Lern- und Übungsmaterialien um die es in unserem Antrag „Freie Lernmaterialien fördern“ geht, darf man mit Schulbüchern und sonstigen offiziellen Lernmitteln nicht verwechseln. Solche Materialien werden auch von Lehrern seit Langem oftmals selbst hergestellt. Die älteren Semester erinnern sich vielleicht noch an duftende Abzüge von Matrizen. Im Netz gibt es nun die Möglichkeit, solche Materialien einfach auszutauschen. Dafür bieten sich freie Lizenzen besonders an. Zu den genauen Zahlenverhältnissen ist keine seriöse Schätzung möglich. Sie werden, im Gegensatz zu Schulbüchern, keiner Stelle zur Genehmigung vorgelegt und auch nirgends zentral erfasst.

Es gibt bereits eine Reihe von Repositories und Plattformen für Open-Educational Resources -international und auch in Deutschland. Als Beispiele seien genannt:

Die Bildungsserver von Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg, das Angebot des Bundesumweltministeriums „Umwelt im Unterricht“ sowie das Portal „SEGU - Selbstgesteuert entwickelter Geschichtsunterricht“ bieten ausdrücklich CC-lizenziertes Material an.

Auf Plattformen wie 4teachers.de, lehrerfreund.de, learn:line NRW und vielen weiteren, werden vielfältige Materialien auch kostenlos zur Verfügung gestellt. Leider sind hier die Lizenzbedingungen meist nicht deutlich ausgewiesen.

Internationale Angebote wie OER Commons oder Open Education Directory bieten mehrere zehntausend Lernmaterialien, allerdings zumeist in englischer Sprache.

Lars Sobiraj: … womit der Einsatz hierzulande stark begrenzt ist. Wie sollen bereits veröffentlichte unfreie Materialien (die urheberrechtlich geschützt sind) gemeinfrei oder mit einer CC-Lizenz angeboten werden? Wie stellen Sie sich den juristischen Übergang vor?

Dr. Joachim Paul:
Bei Schulbüchern, die bereits von einem Verlag veröffentlicht wurden, dürfen wir uns keine allzu großen Hoffnungen machen. In diesem Fall müssten die Verlage die Vervielfältigungs-, Vermarktungs- und Verbreitungsrechte freiwillig abtreten, die sie sich meist von den Autoren vertraglich haben zusichern lassen. Anders sieht es bei Werken aus, bei denen die Autoren die Verwertungsrechte innehaben. Diese können sie einfach selbst unter eine freie Lizenz stellen.

Lars Sobiraj: Kann man, wie in Ihrer Pressemitteilung geschehen, tatsächlich Wikipedia-Beiträge, die wissenschaftlichen Prüfungen zumeist nicht standhalten, mit Schulbüchern vergleichen, die zu Lernzwecken stets zu 100% korrekte Inhalte bereithalten müssen?

Dr. Joachim Paul: Wie bereits angemerkt bezieht sich dieser Antrag nicht auf Schulbücher. Sollten aber Schulbücher kollaborativ produziert und unter CC-Lizenz veröffentlicht werden, müssten sie in NRW vor der Zulassung für den Unterricht durch das Ministerium für Schule und Weiterbildung begutachtet werden. Die Qualitätskontrolle wäre in diesem Fall also gewährleistet.

Video: SCHULBUCH-O-MAT - Schulwissen in freie E-Books gepackt!
 

Lars Sobiraj: Mit welchen Reaktionen rechnen Sie aus den Reihen der Schulbuchverlage, die bekanntlich am bestehenden Geschäftsmodell verdienen?

Dr. Joachim Paul: Der Schulbuchmarkt zeichnet sich durch ein Oligopol aus und durch garantierte Umsätze für die Verlage. Die gesetzliche Regelung der Lernmittelfreiheit in NRW sieht Durchschnittsbeträge für Schulbücher pro Schüler vor. Diese betragen je nach Schulart zwischen 36 und 78 Euro. Bei rund 2,7 Millionen Schülern kommt da einiges zusammen. Und die öffentliche Hand trägt dabei zwei Drittel der Kosten. Zudem beinhaltet der "Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung und die Verwertungsgesellschaften von Ansprüchen nach §53 UrhG“ besonders günstige Regelungen für die Verlage und Verwertungsgesellschaften. Deshalb werden sie sicher nicht begeistert sein, aber auch nicht überrascht.

Es gibt ja nun auch in Deutschland einige Initiativen zur Förderung von OER, beispielsweise in der Enquetekommission „Internet & Gesellschaft“ des Bundestags, aber auch von verschiedenen Bundesministerien. Im Vergleich mit dem Schulbuchmarkt sind die Lern- und Übungsmaterialien für die großen Schulbuchverlage weniger bedeutend. Wenn wir aber mit einem Antrag zur Förderung der Produktion von Schulbüchern unter freien Lizenzen nachlegen, wird es wohl deutliche Reaktionen geben. Zumal die Verlage längst an proprietären Online-Angeboten arbeiten.

Lars Sobiraj: Stimmt, 16 Verlage bereiten derzeit das Verkaufs-Portal „Digitale Schulbücher“ vor, auf dem die Frankfurter VBM Service GmbH E-Books für den Schülerbedarf anbieten will. Man bezeichnet das eigene Geschäftsmodell trotz der geplanten Kopierschutzmaßnahmen übrigens als „offene Lösung“. Diese Bezeichnung dürfte mitunter für Erheiterung sorgen.

Wie soll der Autor eines Schulbuches für die Erstellung seines Werkes bezahlt werden, sofern kein Verlag das Buch vertreibt oder er nicht dazu bereit ist, die Rechte an seinem Buch aufzugeben?

Dr. Joachim Paul:
Hier sind verschieden Modelle denkbar: In Polen und Kalifornien wird die Produktion von Schulbüchern unter freier Lizenz mit öffentlichen Mitteln direkt gefördert. Eine andere Möglichkeit wäre auch die Ausschreibung von Wettbewerben. So wie bei öffentlichen Bauvorhaben, bei denen besonders überzeugende Entwürfe mit Preisgeld versehen werden. Diese für Schulbücher durchzuführen ist übrigens keine neue Idee, sondern wurde bereits im 18. Jahrhundert in Frankreich von Vordenkern des öffentlichen Unterrichts wie Antoine de Condorcet propagiert.

Lars Sobiraj: Würde sich das Angebot von Büchern, die ohne Einschränkung benutzt werden, nicht automatisch auf Werke beschränken, die völlig veraltet sind und dementsprechend nicht mehr in den Schulen eingesetzt werden können? Die Schutzfrist dehnt sich ja über viele Jahre hinaus.

SCHULBUCH-O-MAT: Schulwissen in freie E-Books gepackt!

SCHULBUCH-O-MAT: Schulwissen in freie E-Books gepackt!

Dr. Joachim Paul: Es werden ständig neue Bücher geschrieben und andere Werke geschöpft. Wir meinen, es müssen Anreize geschaffen werden, diese Werke unter freien Lizenzen zu veröffentlichen. Dies gilt vor allem für Werke, die heute überwiegend mit öffentlichen Geldern bezahlt werden, wie zum Beispiel Schulbücher.

Lars Sobiraj: Eine Querfinanzierung des Autors mittels eigener Seminare oder anderer Dienstleistungen, die verkauft werden sollen, wäre möglicherweise ein Ausweg für Buchautoren, die auf ihre Umsätze für neue Schulbücher verzichten. Wie schätzen Sie das ein?

Dr. Joachim Paul: Die Autoren von Schulbüchern bekommen auch heute meist nur geringe Honorare. Deshalb werden Schulbücher auch nur selten von hauptberuflichen freien Autoren verfasst, sondern von Lehrern und Wissenschaftlern. Wir erwarten nicht, dass sich dies grundlegend ändern wird.

Lars Sobiraj: Oder wäre unter dem Strich etwas anderes möglich, als die Aufgabe aller Rechte am neuen Werk? Das zumindest glauben viele Menschen, wenn die Rede von freien Lizenzen ist.

Dr. Joachim Paul: Wenn man ein Werk unter eine freie Lizenz stellt, gibt man damit nicht die Rechte an diesem Werk auf. Das Urheberrecht besteht selbstverständlich weiter. Der Autor gestattet dann der Allgemeinheit die freie Verteilung und, wenn gewünscht, die Veränderung des Werks bei Namensnennung. Bei einer kommerziellen Veröffentlichung überträgt der Autor normalerweise die Vervielfältigungs-, Vermarktungs- und Verbreitungsrechte an einen Verlag.

Lars Sobiraj: Welche weiteren Anregungen hätten Sie, wie Autoren, Grafiker, Lektoren und Verlage mit CC-lizenzierten Werken Geld verdienen können?

Dr. Joachim Paul: Wir können keine tragfähigen Geschäftsmodelle für die genannten Branchen und Berufsfelder entwickeln. Stattdessen wollen wir Anreize geben und uns politisch für die notwendigen Rahmenbedingungen einsetzen.

Lars Sobiraj: Aber genau das werden die Gegenargumente der Verlagshäuser sein: Sie und ihre Honorarkräfte können nicht überleben, weil sich mit freien Lizenzen angeblich kein Geld mehr verdienen lässt. Anders gefragt: Sind die Verlage denn überhaupt schon reif für den Einsatz von CC-Lizenzen? Wenn nein, wann könnten sie es sein?

Dr. Joachim Paul: Diese Frage sollte man mit den Verlagen diskutieren. Wir sind offen für einen konstruktiven Dialog und laden die Verlage gern zu Gesprächen ein. Außerdem planen wir, Vertreter der Verlage in die Anhörungen zu unserem Antrag einzuladen.

Lars Sobiraj: Lieber Joachim Paul, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

Schulbücher ohne Update-Feature: Befreiung oder Belastung?

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Anmerkung: Beim Fundraising-Portal startnext findet derzeit eine Sammlung für den „SCHULBUCH-O-MAT“ (siehe Video oben) zweier Lehrer statt. Hans Hellfried Wedenig und Heiko Przyhodnik konnten etwas über 1.800 Euro einsammeln. Von den angestrebten 10.000 Euro ist man zwar noch weit entfernt, allerdings verbleiben noch 48 Tage bis zum Ende der Aktion. Mit dem „SCHULBUCH-O-MAT“ sollen alle Inhalte in beliebiger Form veröffentlicht und ohne Einschränkung benutzt werden. (gulli:news berichtete)

Zudem setzen die beiden Pädagogen auf die Macht der Masse. Sie hoffen, dass E-Books (notfalls) auch von der Community auf den neuesten Stand gebracht werden. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Projekt weiter entwickelt.

Bild-Quellen: mr-poo.deviantart.com shimpo.deviantart.com

Lars Sobiraj (g+) am Montag, 26.11.2012 23:05 Uhr

Tags: joachim paul schulbuch-o-mat hans hellfried wedenig heiko przyhodnik tag der medienkompetenz

vgwort
 
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8 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • mrtnschn am 14.01.2013 07:12:54

    So die Schwelle im Schulbuch-O-Mat ist geschafft: 10500 € :) ...

  • Ghandy am 27.11.2012 19:34:18

    Du hast deine Ironie-Tags vergessen! ...

  • MrDraco am 27.11.2012 18:18:45

    Wo kommen wir denn da hin, eine für die Konsumenten ungünstige Marktlage nicht weiter auszunutzen? :D Und auch hier lohnt der Blick auf das WARUM: Warum werden keine freien Inhalte benutzt? Ganz einfach: weil es ein STAATLICHES GEBOT gibt, nur "freigegebene" Materialie ...

  • widarr am 27.11.2012 11:41:37

    Schulwissen und geistiges Eigentum... Bei sowas kann ich immer nur wieder sagen: Ich scheisse auf das Urheberrecht. Und dabei bleibe ich. ...

  • Metal_Warrior am 27.11.2012 11:14:03

    Kann man, wie in Ihrer Pressemitteilung geschehen, tatsächlich Wikipedia-Beiträge, die wissenschaftlichen Prüfungen zumeist nicht standhalten, mit Schulbüchern vergleichen, die zu Lernzwecken stets zu 100% korrekte Inhalte bereithalten müssen? Hab ich was verpasst? Ic ...

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