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Wochenrückblick – Die Gulli-Glosse (27/2012)

Gulli:Glosse (Logo)

Gulli:Glosse (Logo)

Trotz sommerlicher Hitze und verlockender Alternativen zur Gestaltung ihrer Zeit glänzen einige Menschen derzeit durch große berufliche Aktivität. Leider scheinen es wie üblich die Falschen zu sein, die meinen, die Welt mit ihrem Einsatz beglücken zu müssen. Wir listen im Wochenrückblick auf, wer dringend seinen Sommerurlaub antreten und somit auch uns eine Ruhepause gönnen sollte.

Wie üblich großes Engagement und wieder einmal ein Händchen für ungewöhnliche Marketing-Aktionen bewies die Whistleblowing-Website WikiLeaks. Dort dachte man offenbar - durchaus nachvollziehbarer Weise -, dass der Sommer auch die Zeit von Parties und Musikfestivals ist. Die daraus gezogenen Schlüsse sind allerdings durchaus gewagt: was dem WikiLeaks-Fanboy oder Fangirl, in dessen Besitz sich bereits alles vom geschmackvollen Assange-Shirt im Che-Guevara-Design bis hin zum WikiLeaks-Mauspad und -Kaffeebecher befindet, noch fehlt, ist offenbar eine WikiLeaks-CD, so offenbar die Überlegung der Transparenz-Aktivisten. Diesem Missstand half man natürlich umgehend ab und veröffentlichte vor Kurzem eine eigene Musik-Compilation. Die CD ist vollgestopft mit Musikstücken, die alle irgendwie mit WikiLeaks zu tun haben. Bei allem Respekt für gut gemachte Propaganda: das könnte doch ein kleines bisschen zu viel des Guten sein (womit es ja zu besagtem Che-Assange-Shirt wieder ziemlich gut passt). Allerdings sind einige WikiLeaks-Fans vermutlich so enthusiastisch, dass sie auch noch WikiLeaks-Gummibärchen, -Duschgel und -Toilettenpapier kaufen würden. Es bleibt zu hoffen, dass sie wenigstens vom Kauf von Kondomen der "Julian Assange Edition" Abstand nehmen... Kritiker könnten nun anmerken, dass das alles nicht mehr allzu viel mit Transparenz, Gesellschafts-Utopien und der Suche nach der Wahrheit zu tun hat, aber das sind vermutlich dieselben Spaßbremsen, die verlangen, dass man vor der Wahl die Wahlprogramme liest, statt für den bestaussehenden Kandidaten zu stimmen...

Total engagiert ist offenbar auch Twitter. Statt in der Sonne zu sitzen und Eis zu essen nahmen sich die Entwickler des Microblogging-Dienstes ein Beispiel an den Kollegen von Google und veröffentlichten den ersten Transparenzbericht. Das ist in etwa so hilfreich, wie mit einer Erkältung zum Arzt zu gehen: machen kann Herr oder Frau Doktor nichts, aber immerhin weiß man, wieso man sich scheiße fühlt. So ähnlich ist das auch mit dem Transparency Report: Daten-Löschungen und die Herausgabe von Benutzerdaten gibt es weiterhin, aber immerhin weiß man, wieviel von was und auf wessen Anweisung hin. Ebenfalls interessant: die USA, bekanntlich die Erfinder ebenso wie die Bewahrer von Freiheit und Demokratie, sind der Statistik zufolge für locker vier von fünf gestellten Anträgen auf Herausgabe von Benutzerdaten verantwortlich. Aber dafür gibt es ganz sicher eine logische Erklärung. Wahrscheinlich will man dem unzivilisierten Rest der Welt nur demonstrieren, wie man es eben nicht machen sollte. Diese Theorie gefällt mir ausnehmend gut, denn sie erklärt auf die Schnelle 90% der US-Außen- und Sicherheitspolitik der letzten zehn Jahre - ich hoffe doch, das Nobelpreis-Kommittee liest fleißig mit. Um wieder auf Twitter zurück zu kommen: den Betreibern dieses Dienstes muss man immerhin zugute halten, dass sie die Regierungen des Öfteren mit ihrem Dickkopf vor die Wand rennen lassen und die Daten eben nicht herausrücken. Ausgerechnet bei den USA scheint das aber nur selten zu klappen. Naja, wahrscheinlich ist Twitter in den Erziehungsauftrag des "Land of the Free" eingeweiht.

Das selbe gilt offenbar für die EU. Die allerdings fiel diese Woche nicht durch Aktionismus, sondern eher durch das Gegenteil davon auf. EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström erklärte, eine überarbeitete Version zur Vorratsdatenspeicherungs-Richtlinie werde wahrscheinlich, trotz des miesen Ergebnisses bei der Evaluation, erst 2013 kommen. Deutschland müsse die aktuelle Richtlinie aber trotzdem umsetzen. Auf Deutsch: "Wir haben Mist gebaut, aber irgendwie ist es am Pool gerade so gemütlich und außerdem gefällt uns der Mist, so wie er ist, ganz gut, also haben wir gar keine Lust, das zeitnah zu korrigieren. Umsetzen müsst ihr das Ganze aber trotzdem, aus Gründen und so." Wunderbar. Das bestätigt doch nur mal wieder, was die meisten von uns eh schon lange wussten, auch wenn es im Politik-Unterricht in der Schule immer großzügig unterschlagen wird: wenn man in der Hierarchie nur weit genug oben steht, kann man so schlecht arbeiten, wie man will, ohne dass es großartige Konsequenzen hat. Außerdem darf man willkürlich Leute herumkommandieren und sogar gelegentlich die Grundrechte missachten. Und da wundert sich noch jemand, dass bis auf sehr wenige Ausnahmen immer Leute in die Politik gehen, die faul, machtgeil oder (meistens) beides sind? Die Spaß daran haben, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie zu tun haben, ob es irgendeine Form von Sinn ergibt oder nicht? Ja, wer denn bitte sonst? Leute, die ein positives Gesellschaftsmodell umsetzen und Menschen glücklich machen wollen? Vergesst es, die werden Buchautoren oder programmieren Simulationsspiele...

Wo wir gerade bei Spielen sind: auch Diablo 3 tauchte natürlich wieder in unseren News auf. Publisher Schneesturm Unterhaltung stellte nämlich unlängst fest, dass die Langzeitmotivation des Spiels zu wünschen übrig lässt. Ein binnen weniger Tage erreichter Maximal-Level, ein Skillsystem, das es völlig überflüssig macht, mehr als genau einen Charakter pro Klasse zu spielen, ein ziemlich linearer Spielaufbau und das bisherige Fehlen eines PvP-Modus sind schlecht für die Langzeitmotivation von Zockern? No shit, Sherlock. Wir hatten jetzt gedacht, dass jeder Spieler vollauf damit zufrieden ist, wochenlang hinter dem epischen Riesen-Dildo des Grauens oder wie auch immer die Items da mittlerweile heißen herzujagen. Das war wohl nichts. Schneesturm will jedenfalls jetzt nachbessern, was die Liste an offenen Baustellen bei Diablo 3 mal eben auf etwa die Länge anwachsen lässt, die auch die Liste aller Threads im gulli:board, in denen völlig unmotiviert die Bilderberger erwähnt werden, hat. Wenn wir mal positiv denken: wenigstens wird den Entwicklern - im Gegensatz zu den Zockern - so schnell nicht langweilig.

WikiLeaks bewies seine Aktivität auch noch durch andere Dinge als fragwürdige Werbe-Aktionen: die anti-amerikanische Seite des vom Kreml indoktrinierten Julian A. begann mit der Veröffentlichung von E-Mails, die angeblich massive Missstände in Syrien aufdecken, was wiederum einige, ich nenne sie mal kreative Realitätstheoretiker, dazu brachte, WikiLeaks als zweifelsfrei von der CIA unterwandert einzustufen. Ich glaube, wenn ich versuche, das logisch zu durchdringen, gibt es einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum und die Welt geht nicht erst im Dezember, sondern sofort unter. Oder aber ich bekomme bloß so höllische Kopfschmerzen, dass mir der Weltuntergang attraktiv erscheint. So oder so habe ich vom Selbstversuch abgesehen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fressen Sie die Packungsbeilage, verprügeln Sie Ihren Arzt oder verklagen Sie Ihren Apotheker.

Mit diesem Ratschlag verabschiede ich mich von euch. Genießt weiterhin den Sommer und nehmt das merkwürdige Spiel von Aktionisten, Faulpelzen und Opportunisten um euch herum gelassen. Denkt daran: letztendlich wollen sie uns alle nur einen Dienst erweisen, indem sie die undankbare und viel zu wenig gewürdigte Rolle des abschreckenden Beispiels übernehmen. Erfreut euch daran und lernt daraus. Wir lesen uns wieder - ich bin sicher, die Themen werden uns nicht ausgehen.  

Annika Kremer (g+) am Sonntag, 08.07.2012 23:48 Uhr

Tags: diablo 3 wochenrückblick twitter wikileaks vorratsdatenspeicherung

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2 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • StaTiC am 09.07.2012 09:41:29

    meinen auch ...

  • Metal_Warrior am 09.07.2012 09:34:29

    Hach, das versüßt mir doch gleich den Arbeitsmorgen in der Hotline. Jetzt noch ne lustige Spam lesen und ich bin vollauf zufrieden :) ...

  • Annika_Kremer am 08.07.2012 23:48:22

    Trotz sommerlicher Hitze und verlockender Alternativen zur Gestaltung ihrer Zeit glänzen einige Menschen derzeit durch große berufliche Aktivität. Leider scheinen es wie üblich die Falschen zu sein, die meinen, die Welt mit ihrem Einsatz beglücken zu müssen. Wir listen im Wochenrückblick auf, wer dr ...

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