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Update

WikiLeaks veröffentlicht interne Stratfor-Mails

WikiLeaks (Logo)

WikiLeaks (Logo)

Die Whistleblowing-Website WikiLeaks veröffentlichte in der Nacht von Sonntag auf Montag unerwartet den ersten Teil eines neuen Dokumenten-Bergs: die ersten 167 von angeblich über fünf Millionen E-Mails des Sicherheits-Unternehmens Stratfor. Diese sollen unethische Geschäftspraktiken des Unternehmens sowie Verflechtungen zwischen Staat und Wirtschaft dokumentieren.

Stratfor hat sich auf die Fahnen geschrieben, für Unternehmen (insbesondere Technologie- und Rüstungsfirmen) und Behörden als eine Art "privater Geheimdienst" tätig zu sein und diesen sensible Informationen zu liefern. Die nun von WikiLeaks angekündigten und teilweise schon veröffentlichten E-Mails zeigen angeblich Stratfors "Informanten-Netz, Bezahlstruktur, Techniken zum Waschen von an Informanten gezahlten Geldern und psychologische Methoden". WikiLeaks arbeitet bei dieser Veröffentlichung mit bisher 25 Medienpartnern aus verschiedenen Ländern - bislang keinen aus Deutschland - zusammen. Interessant ist der Zeitpunkt des Leaks: WikiLeaks hatte eigentlich angekündigt, vorerst kein weiteres Material zu veröffentlichen, sondern sich auf die Veröffentlichung von Spenden zu konzentrieren. Der neueste Leak wird von WikiLeaks als "Global Intelligence Files" (Twitter-Hashtag "#gifiles") bezeichnet.

Offenbar sieht WikiLeaks bei dieser Veröffentlichung auch einen Bezug zu seinen eigenen Aktivitäten. Das Material enthalte Material über das Projekt und dessen Mitbegründer Julian Assange sowie Dokumente darüber, dass Stratfor versucht habe, WikiLeaks zu unterwandern, schreibt WikiLeaks in einer Pressemitteilung anlässlich der Bekanntgabe des Leaks. Demnach gibt es "über 4000 Mails, die WikiLeaks und Julian Assange erwähnen", wobei natürlich abzuwarten bleibt, wie relevant diese Erwähnungen jeweils sind.

Außerdem sollen die Mails die "Drehtür" bei privaten "Geheimdiensten" wie Stratfor offen legen. So habe Stratfor viele Quellen in Regierungsbehörden oder dem diplomatischen Dienst gehabt. Diese hätten die Firma vorab über globale Ereignisse und politische Entscheidungen informiert und dafür Geld genommen, behauptet WikiLeaks. Auch Journalisten sollen Stratfor in dieser Weise mit Informationen versorgt haben. Stratfor "kultiviert enge Verbindungen zur US-Regierung und beschäftigt frühere Angestellte der US-Regierung", schreibt WikiLeaks. Außerdem soll das Unternehmen Briefings und Fortbildungen für Angehörige des US Marine Corps abhalten. Trotz dieser Verbindungen, so WikiLeaks, agierten Stratfor und andere Unternehmen seiner Art "komplett im Geheimen ohne politische Kontrolle oder Rechenschaftspflicht". Behauptungen Stratfors, die Firma arbeite "ohne ideologische, agenda-bezogene oder nationale Voreingenommenheit", sei vor diesem Hintergrund kein Glauben zu schenken. Neben der US-Regierung unterhalte auch der israelische Geheimdienst Mossad enge Beziehungen zu Stratfor. So gebe es einen Stratfor-Informanten bei der bekannten israelischen Zeitung Haaretz, der "mit dem Guardian-Journalisten David Leigh konspirierte, um heimlich und unter Verletzung des Vertrages zwischen WikiLeaks und dem Guardian WikiLeaks gehörende US-amerikanische diplomatische Depeschen nach Israel zu schaffen". Leigh ist ein bekannter Widersacher Julian Assanges, seit die beiden sich im Rahmen der früheren Medien-Partnerschaft zwischen WikiLeaks und dem Guardian spektakulär zerstritten. Unter anderem beschuldigen Assange und Leigh sich gegenseitig, für die fahrlässige Veröffentlichung eines Passwortes und das daraus resultierende öffentliche Bekanntwerden der nicht redigierten Versionen der Cablegate-Depeschen verantwortlich zu sein.

Neben den E-Mails konnte WikiLeaks nach eigenen Angaben auch Stratfors Informanten-Liste sowie eine Reihe von Transaktions-Informationen über an Informanten gezahlte Gelder in seinen Besitz bringen.

Bisher liegt keine offizielle Stellungnahme von Stratfor zu diesem Thema vor. Die Echtheit des Leaks lässt sich also nicht zweifelsfrei bestätigen. 

Die Relevanz der geleakten Informationen ist schwer zu beurteilen. Die Thematik als solche und die von WikiLeaks angesprochenen Problemfelder sind zweifellos interessant und relevant. Allerdings dürften die grundlegenden Sachverhalte, die in den Mails angeblich dokumentiert werden - nämlich die Verflechtungen zwischen Regierungen, Geheimdiensten, der Presse und Wirtschaftsunternehmen - Menschen, die in den letzten Jahren die politischen Geschehnisse aufmerksam verfolgt haben, keineswegs neu sein. Zudem ist der Blickwinkel einer Firma wie Stratfor auf die Ereignisse - trotz der angeblichen Verbindungen der Firma zu einflussreichen Akteuren - notwendigerweise äußerst eingeschränkt. Abzuwarten bleibt natürlich, ob die von WikiLeaks aufgestellten Behauptungen über den Inhalt der Mails sich in vollem Umfang bewahrheiten oder sich im Nachhinein als Übertreibung herausstellen werden.

Durchaus einen Gedanken wert ist auch die Frage nach der Herkunft der Mail. Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass ein Zusammenhang zwischen den Leaks und dem Hack von Stratfor-Servern durch Anonymous-Hacktivisten im Dezember 2011 besteht. Die Datierung der E-Mails auf den Zeitraum zwischen "Juli 2004 und Ende Dezember 2011" würde zu dieser Theorie passen. Zwar hatten die Aktivisten damals behauptet, der Hack seit weitaus eher erfolgt. Dabei könnte es sich jedoch auch um Desinformation handeln, oder aber es wurde womöglich zu einem früheren Zeitpunkt eine Backdoor auf dem Server platziert und die Mails später abgegriffen. Dies ist reine Spekulation. Sollte sich jedoch tatsächlich eine derartige Verbindung herausstellen, könnte dies äußerst weitreichende Folgen haben.

Derweil reagiert Anonymous auf seine Weise auf den Leak. So wird von Hacktivisten eine Pastebin-Nachricht mit einer angeblich geleakten E-Mail des Stratfor-CEOs verbreitet, in der dieser seinen Rücktritt aufgrund des Leaks erklärt. Außerdem wurde die Website des Unternehmens durch einen DDoS-Angriff außer Betrieb gesetzt.

Update:

Screenshot des Tweets, in dem Anonymous-Hacktivisten die Verantwortung für den Stratfor-Leak übernehmen

Screenshot des Tweets, in dem Anonymous-Hacktivisten die Verantwortung für den Stratfor-Leak übernehmen

Anonymous bestätigte mittlerweile über den Microblogging-Dienst Twitter, dass die betreffenden E-Mails tatsächlich - wie an dieser Stelle vermutet - durch Hacktivisten des Kollektivs an WikiLeaks weitergegeben wurden. Eine Analyse der möglichen Folgen dieser Verbindung zwischen Anonymous und WikiLeaks folgt im Laufe des Tages. Auch erste Analysen der bereits veröffentlichten E-Mails sind geplant.

Annika Kremer (g+) am Montag, 27.02.2012 04:36 Uhr

Tags: leak wikileaks überwachungsindustrie stratfor global intelligence files

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12 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Tagesmenu am 27.02.2012 19:40:47

    ... warum veröffentlicht man nicht deren Kontakte? Braucht denn keiner mehr Geheimnisse heutzutage? Naja, wenn Stratfor, wie in einigen Artikeln bereits beschrieben, die "Verflechtung zwischen Wirtschaft und Staat" fördert und sogar einen Hedgefonds plante, der mit ...

  • Keule44 am 27.02.2012 17:16:59

    Stratfor sammelt Nachrichten/Infos und verkauft die dann relativ teuer. Das ist dann schon alles. Noch nicht ganz. Aber man kann die Ausführung der besagten Tätigkeiten ja nun studieren. ...

  • MMv2 am 27.02.2012 17:01:15

    Das freut mich wieder, wenn so ne Überwachungsfirma Probleme hat . Hoffe das schädigt die ordentlich.Wen überwacht denn Stratfor? Natürlich niemanden. Stratfor sammelt Nachrichten/Infos und verkauft die dann relativ teuer. Das ist dann sc ...

  • meranti am 27.02.2012 16:22:18

    Das freut mich wieder, wenn so ne Überwachungsfirma Probleme hat . Hoffe das schädigt die ordentlich. Wen überwacht denn Stratfor? ...

  • Lovntola am 27.02.2012 14:59:23

    Danke Annika, tolle Arbeit! Der Ruf der Gulli News lebt von deinen News.:T Ruf? ...

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