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Wochenrückblick – Die Gulli-Glosse (07/2012)

Gulli:Glosse (Logo)

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In einigen Gegenden Deutschlands feiert man derzeit Fasching, Fastnacht oder Karneval. Dies ist bekanntlich die Zeit, in fremde Rollen zu schlüpfen und diese auszuprobieren, und fast scheint es, als hätten auch viele Personen des öffentlichen Lebens die Gelegenheit genutzt. Wir haben die schrägsten Verkleidungen und Rollenspiele zusammen getragen - der Wochenrückblick.

Spaß am Verkleidungs- und Versteckspiel haben ganz offensichtlich die diversen Akteure der Überwachungs-Industrie sowie deren Kunden. Aktivisten wollten gerne mal unter die Maske schauen und fragten: "Wer ist wer in der Überwachungsindustrie?" Das dürfte den Überwachern, die seit zehn Jahren dem Blick der Öffentlichkeit entzogen ein trauriges Schattendasein fristeten, gefallen: endlich nimmt mal jemand ihre heldenhaften Bemühungen um höhere Werte zur Kenntnis. Wisst ihr eigentlich, wie frustrierend das ist, jahrelang im Namen von Freiheit und Demokratie Überwachungssoftware an Diktatoren, Putschisten, durchgeknallte Ölscheichs und kaum weniger durchgeknallte "gewählte Volksvertreter" zu verkaufen - und keiner merkt's? Tausende Demonstranten durch Social-Media-Überwachung den Behörden zugeführt, und dann darf man noch nicht einmal damit angeben? Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die eher weniger professionelle Arbeit der Firma DigiTask eine ganz andere Bedeutung: den dortigen Mitarbeitern fehlte einfach ein bisschen Liebe und Anerkennung, ein bisschen Wertschätzung ihres wichtigen Beitrags zu was auch immer für einer Ordnung. Denn ganz ehrlich: wie gut wäre euer Quellcode, wenn ihr wüsstet, dass es euch eh keiner danken wird? Eben. WikiLeaks und Privacy International leisten also einen wichtigen Beitrag zur Anerkennung bisher in der öffentlichen Wahrnehmung sträflich vernachlässigter Jobs. Was wäre das 21. Jahrhundert schließlich ohne Schnüffler, Spitzel, Überwacher und Opportunisten?

Eine "Verkleidung" ganz besonderer Art war ja bekanntlich das trojanische Pferd, in dessen Bauch sich gleich eine ganze Kommando-Einheit der griechischen Armee verstecken konnte (da seht ihr übrigens mal, dass wir dringend Nacktscanner brauchen, denn damit wäre das Ganze damals nicht passiert). Dessen entfernter Verwandter, der Staatstrojaner, beschäftigte unlängst wieder den Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar. Dieser kam zu der Erkenntnis: der Staatstrojaner weist Datenschutz-Mängel auf. Oh. Das kommt jetzt doch etwas überraschend. Eine Software, die der Überwachung und Bespitzelung dient, schadet dem Datenschutz? Danke, Kapitän Offensichtlich (damit ist natürlich keine Beleidigung gegenüber meinem Kollegen beabsichtigt). Demnächst in den News: vegetarisches Essen weist Fleischmängel auf, diese Glosse weist Ernsthaftigkeitsmängel auf und der Winter weist Hitzemängel auf. Ach ja, und natürlich weist das Internet Hierarchiemängel auf. Wir danken für eure Aufmerksamkeit für diese bahnbrechenden und überraschenden Neuigkeiten.

Gerne in der Rolle des Superhelden sieht sich offenbar Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Nachdem ihm die Rolle des Intellektuellen keiner mehr so recht abnahm - stellte sich doch sein Doktortitel als in etwa das heraus, was heutzutage jeder Schüler spätestens in der achten Klasse beherrscht, nämlich geschicktes Copy and Paste - versucht er es nun (mit bislang noch nicht messbarem Erfolg) als einsamer Kämpfer für Bürgerrechte in den unwirtlichen Weiten des Cyberspace. Als Berater der neuen "No-disconnect"-Strategie der Europäischen Union sollte der Freiherr von und zu cmd-c und cmd+v sich eigentlich gegen Zensur und Überwachung in repressiven Regimes einsetzen. Das wirkt etwas befremdlich angesichts der Tatsache, dass sich die Parteifreunde des Freiherrn zuhause gerne für Zensur und Überwachung einsetzen, aber Inhalte interessieren bei derartigen Dingen ja bekanntlich weniger. Hauptsache wenigstens irgendein hübsch klingender Titel, für den man nicht viel tun muss - insofern bleibt Herr zu Guttenberg sich treu. Soviel Aufrichtigkeit brachte ihm ja auch prompt die Aufmerksamkeit einiger getreuer Unterstützer ein, die ihm immerhin eine Torte als Wegzehrung mitgaben in die öden Weiten des Cyberspace - sei es die reale oder die virtuelle Variante. Hoffen wir nur, die betreffende Bäckerei hatte keine Hygienemängel - wie einige derzeit medial diskutierte Äquivalente - sonst hat es zu Guttenberg demnächst auch noch mit der Bekämpfung böser Computerviren zu tun. Ob da das versprochene "Survival Pack" viel hilft? Was soll da eigentlich drin sein? Ein Schweizer Taschenmesser Modell "Cybertool"? Ein paar Meter Netzwerkkabel für den nächsten Blackout? Ein Drucker, damit die Bewohner repressiver Regimes sich, wie es die CDU/CSU ja bekanntlich gerne tut, das Internet ausdrucken können? Die von der Regierung geächteten Hackertools, weil es ja etwas ganz anderes ist, wenn Iraner oder Chinesen diese einsetzen, als wenn Deutsche das tun? Eine Liste mit DNS-Servern der Bundesregierung, komplett mit Stoppschildern, weil man die ja sonst leider nicht mehr brauchen kann? Oder doch bloß ein Backbuch mit den besten Torten-Rezepten? Fragen über Fragen…

Nicht ganz so heroisch, wie Befürworter gerne glauben würden, ist aber offenbar nicht nur Herr zu Guttenberg, sondern auch Apples aktuelles iPhone, mittlerweile auch als "Weich-iPhone" bekannt. In einer ganzen Reihe überempfindlicher Sensibelchen von Smartphones, die bereits bei moderaten Wintertemperaturen den Dienst quittieren, ist das kleine Äpfelchen offenbar von der ganz besonders zarten Sorte. Schon bei zehn Grad unter null geht nichts mehr. Hersteller Apple kommentiert das Problem lediglich damit, es stehe ja auch drauf, dass das Gerät lediglich bis null Grad benutzt werden solle. Offenbar haben die Entwickler im sonnigen Cupertino ("Cause it never rains in Southern California…") vergessen, dass es auch in weniger sonnigen Gegenden Menschen gibt, die ihr Smartphone gerne für das nutzen würden, wozu es gemacht ist, nämlich telefonieren, surfen, SMS schreiben, Musik hören, die Weltherrschaft übernehmen und Kaffee herbeizaubern… ach nein, die letzten beiden Features kommen ja erst in der nächsten Version. Die Weisheit aus "Armageddon", dass sowohl russische wie auch amerikanische Technik ohnehin aus Taiwan kommt und nur etwas härter angefasst werden muss, bewahrheitet sich hier ganz offensichtlich nicht - Temperaturen wie in den letzten Wochen in Deutschland hat Sibirien vermutlich im Hochsommer und die dort gebräuchlichen Telefone kommen bei -10 Grad gerade mal so langsam auf Betriebstemperatur. Und ganz nebenbei kann man sich an denen vermutlich angesichts der dortigen lockeren Strahlenschutz-Grenzwerte noch die Hände wärmen, statt sie mühsam warm kuscheln zu müssen, damit sich überhaupt was tut - in Soviet Russia, mobile phone warms you.

 

Auch immer beliebt sind Verkleidungen, die an Bücher und Filme erinnern. US-Präsident Barack Obama ist dabei offenbar ein Fan von Klassikern. Anders ist es kaum zu erklären, dass er seine Teams für den Graswurzel-Wahlkampf ausgerechnet als "Wahrheitsteams" bezeichnet. Wenn das nicht aus Orwells 1984 geklaut ist, weiß ich es auch nicht (Kenner erinnern sich: dort hieß das Propaganda-Ministerium "Ministerium für Wahrheit"). Sollte Obama demnächst doch noch irgendwo einmarschieren, heißen seine Truppen vermutlich "Friedensteams". Das würde ja ganz gut dazu passen, dass man angeblich immer nur Frieden und Demokratie in andere Länder bringt (wie genau das aussieht, zeigen Collateral Murder und andere einschlägige Dokumente).

 

Offenbar sehr gut verkleidet hat sich ein österreichischer Hacktivist mit dem Pseudonym "The_Dude". Zuerst mimte er anscheinend so glaubwürdig den Nazi, dass die Behörden ihn kurzerhand als Volksverhetzer einstuften, und anschließend verschleierte er seine Identität so gekonnt, dass die Polizei in einer beeindruckenden Demonstration ihrer IT-Kompetenz mit viel Drama und Special Effects den Falschen durchsuchte. All das hat natürlich nichts damit zu tun, dass Anoynmous die Behörden fast so nervt wie die Tatsache, dass es im Internet mit Hierarchien, Gewaltmonopol und Deutungshoheit ein bisschen schwierig ist für unsere Damen und Herren Staatsdiener. Auch nichts damit, dass Anonymous die Vorratsdatenspeicherung und ACTA doof findet. Nein, es hat einzig und allein damit zu tun, dass die Polizei die albernen, provokanten und geschmacklosen Äußerungen eines pubertierenden Hacktivisten nicht von nationalsozialistischen Weltherrschaftsplänen unterscheiden kann. Und morgen kommt der Weihnachtsmann - oder doch schon der Osterhase?

Wie ihr also seht, steht der gepflegten Kostümparty nichts mehr im Wege - Inspiration habt ihr ja jetzt hoffentlich genug. Notfalls könnt ihr euch ja einfach als iPhone 4S verkleiden: ihr zieht euch - je nach Geschmack - schwarze oder weiße Klamotten an, klebt euch einen angebissenen Apfel auf den Rücken und jammert den ganzen Abend über die mörderische Kälte. Wenn euch danach ist (oder der Alkoholpegel es nahelegt) legt ihr euch einfach sang- und klanglos in die Ecke und sagt kein Wort mehr. Nie war eine glaubwürdige Darstellung so einfach.

In diesem Sinne: Viel Spaß, Alaaf, Helau und bis nächste Woche.

Annika Kremer (g+) am Sonntag, 19.02.2012 10:16 Uhr

Tags: wochenrückblick iphone karl-theodor zu guttenberg anon austria überwachungsindustrie

 
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2 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Metal_Warrior am 19.02.2012 14:36:24

    Und das Warten hatte sich gelohnt... Sehr gut gemacht, Frollein Kremer, sehr amüsante Vorstellung :) ...

  • satn00b am 19.02.2012 10:57:47

    Wieder eine sehr gelungene, humorvolle und doch informative Glosse. Weiter so! :) ...

  • Annika_Kremer am 19.02.2012 10:16:07

    In einigen Gegenden Deutschlands feiert man derzeit Fasching, Fastnacht oder Karneval. Dies ist bekanntlich die Zeit, in fremde Rollen zu schlüpfen und diese auszuprobieren, und fast scheint es, als hätten auch viele Personen des öffentlichen Lebens die Gelegenheit genutzt. Wir haben die schrägsten ...

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