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Occupy-Bewegung muss "ihre radikale Struktur erhalten"

Die Occupy-Bewegung ist mittlerweile seit rund einem halben Jahr aktiv. In dieser Zeit gab es zahlreiche Angebote von Unterstützern, der Bewegung finanziell unter die Arme zu greifen, erzählte der aus Oklahoma (USA) stammende Occupy-Aktivist Isham Christie kürzlich in einem Interview. Wichtiger als Geld für Projekte und Infrastruktur sei jedoch, dass die Bewegung unabhängig bleibe.

Christie war zeitweise in der linken Szene, der Friedens- und Umweltbewegung sowie der Gewerkschaft aktiv. Derzeit engagiert sich der 26-jährige Philosophie-Student vor allem für Occupy Wall Street. Er campierte zeitweise fast jede Nacht im ursprünglichen, mittlerweile von der Polizei geräumten "Occupy Wall Street"-Protestcamp im New Yorker Zuccotti-Park und hatte dabei mehrfach mit der Polizei zu tun. Neben dem Versuch, die Bewegung durch Polizeimaßnahmen zu behindern, gab es jedoch auch Unterstützungs-Angebote von verschiedenen Seiten. Auch diese jedoch können sich durchaus als problematisch für eine derartige Bewegung erweisen, gab Christie während seines Interviews mit der Zeitung "Die Zeit" zu bedenken.

Das Verhältnis zu den Medien, so der Aktivist, sei schwierig gewesen. "Die großen US-Medien sind diese Form des Protests nicht gewohnt, es passte nicht zu dem, was sie kannten, also haben sie es nicht verstanden," berichtet er, "Natürlich mögen vor allem die Mainstream-Medien in den USA Spektakel, sie mögen es, wenn Leute festgenommen werden. Zwei Monate lang waren wir ein Medienereignis. Das konnte nicht ewig so weitergehen. Jetzt sind wir eine echte Bewegung. Das ist natürlich weniger sexy. Fast ist es, als würden sie uns jetzt ignorieren, weil sie wollen, dass die Bewegung stirbt. Aber für mich ist es zweitrangig, ob wir jeden Tag Schlagzeilen machen." Vorwürfe, der Bewegung fehle eine klare Forderung, was mit für das Unverständnis bei Medien und Bevölkerung verantwortlich sei, will er aber nicht gelten lassen. Occupy Wall Street sei "bewusst als sehr breiter Protest angelegt", der durch die Vorgabe konkreter Ziele zu sehr eingeengt worden wäre, so Christie. Mittlerweile allerdings werde die politische Arbeit konkreter und es würden von einzelnen Gruppen zunehmend auch spezifischere Ziele formuliert. 

Kann eine kapitalismuskritische Bewegung wie Occupy Wall Street überhaupt genug einflussreiche Unterstützer bekommen, um längerfristig erfolgreich zu sein? Dies sei durchaus schwierig, so Christie: "Es ist sicher schwieriger, Unterstützung zu bekommen, wenn man kapitalismuskritische Forderungen hat. Und wenn, dann heißt das oft nicht viel. Die Gewerkschaften haben zum Beispiel sehr früh ihre Unterstützung versprochen. Aber dann schreiben sie eine Solidaritätsbekundung und damit hat es sich. Allerdings haben wir mit einigen Gewerkschaften tatsächlich eng zusammengearbeitet und unter anderem gemeinsam Veranstaltungen organisiert." Dies berge aber andererseits das Risiko, sich zu sehr anzupassen und womöglich vereinnahmen zu lassen. "Die Sache ist nicht einfach. Occupy Wall Street muss einerseits seine radikale Natur behalten, die Bewegung muss autonom und unabhängig bleiben. Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass wir uns mit Gewerkschaften und anderen Organisationen zusammentun, um Einfluss zu gewinnen. Wir sind einfach grundsätzlich anders organisiert und haben Probleme mit Organisationen, die stark hierarchisch aufgebaut sind. Deswegen gibt es auch keinen offiziellen Sprecher," erklärte Christie.

Werde der Bewegung statt Solidaritätsbekundungen auch Geld angeboten, bringe auch dies ganz eigene Probleme mit sich, so Christie: "Mit Geld ist das so eine Sache. In den ersten zwei Monaten gab es jede Menge Leute, die uns Geld geben wollten. Wir haben das aber abgelehnt, weil wir uns nicht kaufen lassen wollten. Spenden haben wir nur sehr begrenzt von Einzelpersonen angenommen. Wir hätten wahrscheinlich Millionen von Dollar haben können, aber das hätte die Bewegung sabotiert und ihr die Authentizität genommen." Dieses Risiko wollten die Aktivisten offenbar auf keinen Fall eingehen.

Trotz dieser Probleme und der Räumungen vieler Camps sieht Christie die Occupy-Bewegung nach wie vor als sehr lebendig an. Die Bewegung sei dezentraler geworden, man erreiche andere Aktivisten häufig über das Internet, insbesondere über Soziale Netzwerke wie Facebook. Aber auch die eigentlichen Besetzungen sollen, wenn das Wetter sich wieder freundlicher gestaltet, zurückkehren, verriet der Aktivist: "Im Frühling werden wir versuchen, mehr öffentlichen Raum zurückzuerobern und Plätze zu schaffen, zu denen die Leute kommen können, wo sie übernachten und essen können." Er sei "optimistisch, dass das Engagement, die Energie und die Intensität fortbestehen und im Sommer wieder zunehmen werden. Die Schwelle ist einmal überschritten, zumal die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, aus denen die Bewegung entstanden ist, nicht einfach verschwinden werden." Die Bewegung werde "in den kommenden Jahren und Jahrzehnten an Einfluss gewinnen", zeigte sich der Aktivist überzeugt.

Bild-Quellen: "Occupy Wall Street" by shiaking@DeviantArt

Annika Kremer am Dienstag, 31.01.2012 17:09 Uhr

tagsTags: aktivismus usa #occupywallstreet

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