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Update

Bradley Manning: Fünfter Tag der Anhörung (3. Update)

"Alleged Transparency" - Bild einer Manning-Unterstützerin

Die Anhörung des mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten Bradley Manning geht bereits in den fünften Tag. Laut den vorab erstellten Listen - die allerdings Änderungen unterliegen können - bleiben noch insgesamt neun Zeugen, die verhört werden sollen. Es bleibt abzuwarten, ob diese ebenso relevante - und womöglich belastende - Informationen beizutragen haben wie einige Zeugen der letzten Tage.

Nachdem gestern der IT-Forensiker David Shaver Manning schwer belastet hatte, blieben zahlreiche vor allem technische Fragen offen. So beispielsweise die Frage, wie Shaver an Mannings Login-Passwort für dessen privaten Laptop, ein MacBook Pro, kam. Shavers Aussagen schienen zunächst anzudeuten, dass er dass Passwort von Mannings Festplatte wiederhergestellt haben könnte. Dies erschien jedoch technisch nur schwer erklärbar. Mac OS X - zumindest dessen neuere Variante "Snow Leopard", es ist nicht abschließend geklärt, ob Manning diese verwendete, der Schluss liegt aber angesichts des Zeitpunkts der Ereignisse nahe - legt Passwörter standardmäßig als SHA-1-SALTED ab. Dieser Hash-Algorithmus hat zwar einige kryptographische Schwächen und soll mittel- bis langfristig ersetzt werden, die dokumentierten Angriffe sind jedoch bislang rein akademischer Natur. Somit bleibt realistisch gesehen nur ein Angriff auf das verwendete Passwort. Dieses allerdings hat 11 Zeichen, steht nicht in gängigen Wörterbüchern und verwendet Ziffern und Sonderzeichen (besitzt also eine gute Entropie). Da ein "salted" Hash verwendet wird, scheidet auch die Nutzung von Rainbow-Tables zum Knacken aus. Ein reiner Bruteforce allerdings würde erhebliche Rechenzeiten in Anspruch nehmen. Selbst ein äußerst leistungsstarker Cluster - beispielsweise unter Verwendung von GPU-Computing - würde einschlägigen Quellen im Internet zufolge im Durchschnitt rund zwei Jahre für das Knacken eines derartigen Passwortes brauchen (von dem erheblichen technischen und finanziellen Aufwand einmal abgesehen). Andere, allerdings unwahrscheinliche Möglichkeiten wären eine Backdoor oder ein undokumentierter Zero-Day-Exploit in OS X. Eine weitere, durchaus plausibel scheinende Möglichkeit erwähnte gestern der Wired-Redakteur Kevin Poulsen, der mit Mannings Fall äußerst vertraut ist, auf Twitter. Poulsen erklärte, Manning habe das gleiche Passwort für einen seiner Accounts bei der Armee verwendet und in den Chats Adrian Lamo mitgeteilt. In diesem Fall hätte Shaver lediglich das bekannte Passwort Mannings ausprobiert und damit Glück gehabt. Möglich wäre diese Variante definitiv. In dem Chats zwischen Manning und Lamo gibt es tatsächlich eine Stelle, an der Manning Lamo ein Passwort für einen entsprechenden Account übergibt. In der veröffentlichten Version wurde das Passwort redigiert. Poulsen hat allerdings die Original-Logs vorliegen; seine Aussage, es handle sich um das selbe Passwort, ist also durchaus ernst zu nehmen. Da Manning offenbar an zahlreichen Stellen das selbe Passwort verwendete - und auch an einigen anderen Stellen vermeidbare Fehler bei der Sicherheit machte - wäre es zudem durchaus plausibel, dass er es auch für seine berufliche Tätigkeit benutzte. Mit absoluter Sicherheit lässt sich aber bislang nicht sagen, ob es sich so zugetragen hat.

Als erste Zeugin am heutigen Dienstag sagte Specialist Jirhleah Showman, eine ehemalige Vorgesetzte Mannings, aus. Sie beschrieb Mannings "unkontrollierbares Verhalten". So habe Manning sie einmal ins Gesicht geschlagen. Manning erwähnt diesen Vorfall, nach dem er degradiert wurde, auch in den Chats mit Lamo.

David Coombs, Mannings ziviler Verteidiger, beantragte, einen Teil der Sitzung nichtöffentlich abzuhalten, obwohl dabei keine Geheiminformationen besprochen werden sollen. Coombs hatte diese Absicht schon zu Beginn der Anhörung geäußert. Es hatte damals erklärt, einige der Informationen könnten die Chance seines Mandanten auf einen fairen Prozess beeinträchtigen, sollte es zu einer Kriegsgerichtsverhandlung kommen (wofür momentan vieles spricht). Warum er diese Befürchtung hegt, ist unklar, da der fragliche Vorfall von Manning in den Chats - deren Logs mittlerweile weithin bekannt sind - recht detailliert und drastisch geschildert wird. Derzeit wird eine mögliche nichtöffentliche Befragung (nichtöffentlich) diskutiert.

Update 1 (17:31 Uhr):

Showman wurde fünf Minuten lang vertraulich befragt. Danach sagte sie öffentlich aus. Sie berichtete, Manning habe mehrfach Fehlverhalten gezeigt, beispielsweise herumgeschrien und einen Tisch umgestoßen. Nachdem er Showman geschlagen habe, habe er gesagt, er habe Angst, dass die Armee ihn herauswerfen würde, wenn sie die Wahrheit über ihn wüsste, sagte die Zeugin aus. Diese Aussage bezieht sich wahrscheinlich auf Mannings sexuelle Orientierung; damals war noch die "Don't Ask, Don't Tell"-Regel in Kraft, die es offen homo- oder transsexuellen Menschen untersagte, in der Armee zu dienen. Diese wurde mittlerweile abgeschafft.

Außerdem sprach Showman über das "Collateral Murder"-Video. Sie, ein anderer Soldat und drei bis vier Offiziere hätten sich das Video mehrfach angeschaut, so die Zeugin. Dabei wurde offenbar diskutiert, "wie Dinge wahrgenommen werden konnten oder warum das Militär bestimmte Taktiken wählte". Auch sei die Frage aufgekommen, warum der Van - in dem sich, wie sich später herausstellte, zwei Kinder befanden, die bei dem Vorfall schwer verletzt wurden - beschossen wurde. Die "rules of engagement", also das Regelwerk, auf das sich das Militär beruft, um die Entscheidung der beteiligten Soldaten zu rechtfertigen, seien aber nicht in Frage gestellt worden, berichtete Showman.

Update 2 (17:58 Uhr):

Derzeit macht erneut David Shaver eine Zeugenaussage. Er berichtet über seine Untersuchung von Jason Katz' Computer, auf dem sich angeblich das Garani-Video befand

Update 3 (23:24 Uhr):

Einer der bekanntesten Zeugen in diesem Prozess, der Ex-Hacker Adrian Lamo, der Manning an die Behörden auslieferte, machte heute seine Zeugenaussage. Er begann seine Aussage damit, zu betonen, er habe kein Geld und auch sonst keine Versprechungen von den Beamten dafür erhalten, Manning auszuliefern. Ihm sei auch keine Immunität versprochen worden oder ähnliches. Lamo sagte, er sei bei der Anhörung, um "sicherzustellen, dass die Wahrheit präsentiert wird"  .

Lamo sagte aus, dass er sich einen Tag, nachdem "bradass87" - mutmaßlich Manning - ihn erstmals per Instant Messenger kontaktierte, dazu entschied, die Behörden über diesen zu informieren. Die in den Chats erwähnten Handlungen seien "so empörend" gewesen, dass er keine andere Wahl gehabt habe, als sich an die Behörden zu wenden, so Lamo.

Mannings Verteidigung befragte Lamo, wieso er Manning - falls dieser sein Chat-Partner war - so viele Fragen gestellt habe. Lamo hatte in den Chats viele und teils sehr spezifische Fragen gestellt, die sein Gegenüber dazu brachten, sich immer weiter selbst zu belasten. Zu diesem Zeitpunkt war ihm seinen eigenen Aussagen zufolge bereits klar, dass er zu den Behörden gehen würde. Lamo sagte: "Ich stellte diese Fragen aus Neugier. Ich bin eine neugierige Person." Auf die Frage hin, ob dies der Fall sei, weil er für die Ermittlungsbehörden arbeite - entsprechende Gerüchte halten sich hartnäckig - sagte Lamo, er empfinde "keine besondere  Liebe für die Ermittlungsbehörden".

Lamo berichtete, seiner Meinung nach habe "bradass87" ihn unter anderem kontaktiert, um mit seinen Erfolgen beim Umgehen der Sicherheitsmaßnahmen anzugeben. Er habe aber auch einen tieferen Grund gehabt. "Ich glaube, dass er nach Bestätigung gesucht hat, und nach einer gleichgesinnten Person, die in seinem Leben eine ähnliche Rolle übernehmen würde wie Julian Assange," sagte Lamo.

Die Verteidigung merkte an, dass Lamo sich selbst als Journalisten betrachte. Er sei außerdem ein Priester der "Universal Life Church", die ihren Mitgliedern freistellt, sich diesen Titel selbst zu verleihen. In den Chats hatte Lamo gesagt: "Du kannst dies als Interview - das nie veröffentlicht werden wird - oder als Beichte betrachten".

Lamo berichtete außerdem, er habe vor seinem Treffen mit der Bundespolizei die Chatlogs an das IT-Magazin "Wired" weitergegeben, da er unsicher gewesen sei, ob er von diesem Treffen zurück komme. In seinem Blog beim aktivistischen Blog-Netzwerk "FireDogLake" gibt Kevin Gosztola, einer der anwesenden Medienvertreter, eine äußerst detaillierte Zusammenfassung von Lamos Zeugenaussage.  

Nach Lamo sagte Troy Bettencourt, einer der Ermittler im Fall Manning, erneut aus. Er hatte aber wenig Neues beizutragen und wurde bald entlassen. Dann wurde die Anhörung für heute beendet. Morgen sollen die drei verbliebenen Zeugen der Verteidigung gehört werden. Anschließend werden die Schlussplädoyers gehalten. Mit einer Entscheidung, ob der Fall vor ein Kriegsgericht kommt, ist wahrscheinlich in frühestens einem Monat zu rechnen.

Bild-Quellen: Alleged Transparency (Bradley Manning & “Collateral Murder”) by Nora See

Annika Kremer am Dienstag, 20.12.2011 23:30 Uhr

tagsTags: whistleblowing wikileaks it-forensik bradley manning

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12 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • TinderSticks am 21.12.2011 23:26:24

    Beitrag gelöscht ...

  • Annika_Kremer am 21.12.2011 12:07:37

    1. Er hat sich noch keiner Geschlechtsumwandlung unterzogen. Transsexuell ist daher definitiv falsch. Homosexuell und Veranlagungen zur Transvestie oder Pläne zur Transsexualität meinetwegen, aber insbesondere die letztere beide Posten wissen wir nicht. Meines Wisse ...

  • Baal_Zebul am 21.12.2011 10:35:00

    In den Chats hatte Lamo gesagt: "Du kannst dies als Interview - das nie veröffentlicht werden wird - oder als Beichte betrachten". Damit hat sich Lamer als unglaubwürdig herausgestellt, denn immerhin hat er schon mal gelogen, und das nachweislich, wie das Zitat sagt. @VacuumClener: ...

  • Mr_J am 21.12.2011 10:31:32

    wofür ein Mann nicht in der Form anfällig ist Kannst du diese Behauptung irgendwie belegen? Ich halte es für unwahrscheinlich dass Männer nicht gegen diese Art der Erniedrigung anfällig sind. MfG Mr. J ...

  • VacuumCleaner am 21.12.2011 08:52:46

    @ Denke: Dass der Begriff "transsexuell" zutreffend verwendet wird setzt nicht eine Geschlechtsumwandlung voraus... Was ist daran falsch, konservativ zu sein? Ja, für mich ist es pauschal erstmal schlimmer, eine Frau zu schlagen. Genauso wie es für mich noch schlimmer ist, ein Kind zu ...

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