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Update

Bradley Manning: Vierter Tag der Anhörung (7. Update)

Eine Interpretation des

Eine Interpretation des "Collateral Murder"-Video von C.T.Brown. Auch dieses Video soll Manning mutmaßlich geleakt haben.

Nachdem am gestrigen Sonntag wichtige - und teils äußerst belastende - Aussagen gemacht wurden, geht die Anhörung des mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten Bradley Manning am heutigen Montag in den vierten Tag. Dieser begann mit dem Kreuzverhör des Zeugen David Shaver, eines IT-Forensikers, der an den Ermittlungen gegen Manning beteiligt war und diesen gestern schwer belastet hatte.

Shavers Aussagen im Kreuzverhör werden von vielen Journalisten, darunter der Wired-Redakteurin Kim Zetter als "verwirrend" beschrieben. Die technischen Details verwirren offenbar die Mehrheit der anwesenden Pressevertreter. Allerdings zeichnet sich ab, dass der IT-Experte auch heute wieder einige äußerst relevante Punkte ansprach. So wurde Shaver gefragt, ob er die auf Mannings Computern gefundenen Diplomaten-Telegramme mit den von WikiLeaks veröffentlichten verglichen habe. Er sagte aus, dass die von ihm verglichenen Cables - er sagte nicht, wie viele - nicht mit denen auf WikiLeaks übereinstimmten. Die Gründe für diese Diskrepanz sind unklar; in der Verhandlung wurde offenbar angedeutet, dass bei einigen Depeschen womöglich die Datei beschädigt war und diese deswegen nicht an WikiLeaks weitergegeben wurden. Allgemein bleibt festzuhalten, dass es zwar starke Indizien dafür gibt, dass Manning die fraglichen Dateien herunterlud. Eine Weitergabe an WikiLeaks konnte aber bislang niemand beweisen.

Anschließend fand eine geheime Sitzung statt, in der offenbar Geheiminformationen besprochen wurden. Mehrere Reporter berichten, Mannings Anwälte hätten sich im Kreuzverhör darauf konzentriert, darzulegen, dass Manning womöglich legitime Gründe gehabt haben könnte, die betreffenden Informationen auf seinen Rechnern zu haben.

Außerdem wurde Mannings Zimmergenosse, Specialist Eric S. Baker, befragt. Er berichtete, Manning habe "recht oft" den Computer benutzt. Baker sagte allerdings, er und Manning seien nicht wirklich befreundet gewesen und hätten wenig miteinander gesprochen. Manning habe zu Beginn einige Dinge gesagt, die laut Baker "schwul" geklungen hätten, woraufhin Baker gesagt habe, es sei besser, sie würden nicht miteinander reden.

Am Rande des Prozesses gab es einem Bericht eines Reporters der Nachrichtenagentur AP zufolge eine Kontroverse darum, dass der Ex-Soldat und Schwulenrechtsaktivist Daniel Choi, der zur Unterstützung Mannings den Prozess als "interessierter Bürger" verfolgt, heute nicht in die Militärbasis vorgelassen wurde. Als Grund gaben die Verantwortlichen offenbar an, Choi habe seine Uniform trotz gegenteiliger Aufforderung getragen. Choi selbst bestätigt den Vorfall. Er betont, dass es sein Recht sei, Uniform zu tragen. Die beteiligten Sicherheitswächter beschuldigt er exzessiver Gewalt.

Das Chatlog zwischen Manning und Lamo wurde der Aussage eines zivilen IT-Experten, der die Ermittler unterstützte, zufolge auf Mannings persönlichem Laptop, einem MacBook Pro, gefunden. Manning habe den populären Multi-Messenger Adium benutzt, so Zetter. Diese technischen Informationen werfen weitere Fragen auf. So stellt sich einerseits die Frage, warum Manning OTR-verschlüsselte Chats mitloggte (Adium beziehungsweise das zugehörige OTR-Plugin bietet die Möglichkeit, diese vom Logging auszunehmen). Außerdem bietet Mac OS die Möglichkeit, mit geringem Aufwand die Verschlüsselungs-Lösung "FileVault" zu aktivieren, die das Benutzer-Verzeichnis mit Hilfe von AES verschlüsselt. War diese auf Mannings Laptop nicht aktiviert? Wenn nein, wieso verzichtete er trotz seiner offensichtlich vorhandenen technischen Kenntnisse auf diese Sicherheitsmaßnahme? Oder gelang es den IT-Forensikern womöglich, die Verschlüsselung zu umgehen - und wenn ja, wie? Auf letztere Option deutet bislang allerdings praktisch nichts hin; es ist eher davon auszugehen, dass Manning auf eine Verschlüsselung verzichtete. Dies würde zu anderen Verhaltensweisen seinerseits passen, etwa dazu, dass er Daten - obwohl er wusste, dass dies nötig gewesen wäre - nicht sicher löschte und dass er seine Vorgesetzte auf das "Collateral Murder"-Video ansprach und andeutete, dieses stamme wahrscheinlich von den Rechnern der Einheit. Wollte Manning womöglich erwischt werden, da er nicht damit zurecht kam, ein derartiges Geheimnis für sich zu halten? Einige seiner Aussagen in den Chats mit Lamo würden durchaus zu dieser Theorie passen. Nichtsdestotrotz sind diese Überlegungen natürlich rein spekulativ.

Update 1 (18:17 Uhr):

Neben Choi geriet offenbar auch der in den USA bekannte - und immer wieder als Manning-Unterstützer aufgetretene Whistleblower Daniel Ellsberg in Fort Meade mit den Wachen aneinander. Ellsberg, der während des Vietnam-Kriegs Geheimdokumente des Pentagon leakte, sagte während der Pause hallo zu Manning und drückte diesem seine Unterstützung aus, woraufhin die Wachen - offenbar erfolglos - versuchten, ihn zu entfernen

Update 2 (18:33 Uhr):

Ellsberg wurde offenbar tatsächlich aus dem Gerichtssaal eskortiert. Er sagte, er habe die Regeln nicht gekannt - womöglich war das Problem die Tatsache, dass er Manning zur Begrüßung die Hand auf die Schulter gelegt hatte - und wurde daraufhin wieder herein gelassen.

Das Bradley Manning Support Network veröffentlichte eine Stellungnahme zur Entscheidung des Gerichts, den Zeugen Shaver zu einigen Punkten unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu befragen. Die Aktivisten erklären, sie seien "tief besorgt" darüber, dass die Medien und interessierten Bürger ohne Angabe von Gründen und ohne die Möglichkeit, Einspruch einzulegen, von der Verhandlung ausgeschlossen worden seien. Die Materialien, über die gesprochen worden sei, seien wahrscheinlich durch die Leaks ohnehin bereits öffentlich einsehbar, so die Manning-Unterstützer.

Update 3 (22:11 Uhr):

Birgitta Jonsdottir

Birgitta Jonsdottir

Im Guardian-Liveblog berichtet der Journalist Dominik Rushe von einem Interview mit der isländischen Aktivisten, Parlamentarierin und ehemaligen WikiLeaks-Mitarbeiterin Birgitta Jonsdottir. Diese äußerte sich besorgt und kritisch über die Manning-Anhörung. "Ich habe wirklich das Gefühl, dass Bradley Manning zum Sündenbock gemacht wird, um andere Leute daran zu hindern, die Öffentlichkeit zu informieren, wenn ihnen Fehlverhalten auffällt," sagte Jonsdottir. Sie sagte weiterhin, es sei "schwer zu glauben", dass die Anhörung zufällig am Tag vor Mannings Geburtstag begonnen habe, und erklärte, sie sei "schockiert" darüber, dass ein so großer Teil der Anhörung hinter verschlossenen Türen stattfinde. "Die einzige Waffe, die wir haben, ist es, so viele Menschen wie möglich auf das, was hier passiert, aufmerksam zu machen," sagte die Parlamentsabgeordnete, "Ich bin sehr besorgt über den Mangel an Transparenz im Zusammenhang mit dieser Anhörung." Jonsdottir hatte am vergangenen Samstag im Rahmen eines internationalen Aktionstages eine Solidaritäts-Demonstration für Manning in der isländischen Hauptstadt Reykjavik organisiert, die sie auch in ihrem Blog beschreibt.

Äußerst brisant ist eine in diesen Minuten erstmals bekannt gewordene Zeugenaussage des IT-Experten Mark Johnson: auf Mannings Computer wurden offenbar Chatlogs zwischen Manning und WikiLeaks-Gründer Julian Assange gefunden. Von der Existenz dieser Logs war bislang nichts bekannt. Manning hatte lediglich Lamo gegenüber angedeutet, mit Assange über den dezentralen Instant Messenger Jabber kommuniziert zu haben. Assange soll den Account "dawgnetwork@jabber.ccc.de" verwendet haben. Dies deckt sich mit einer Andeutung Mannings gegenüber Lamo, dass Assange den Jabber-Server des Chaos Computer Club nutzte.

Außerdem zeigte die IT-forensische Untersuchung von Mannings Rechner angeblich Verbindungen zur sicheren Datei-Upload-Seite von WikiLeaks. 

Es gibt außerdem Neuigkeiten zur Absicherung der Chatlogs: diese waren zwar verschlüsselt. Manning benutzte jedoch das gleiche Passwort, das er auch als Login-Passwort verwendete und das Johnson nach eigenen Angaben von der Festplatte des MacBooks auslesen konnte. Auch für eine verschlüsselte SD-Karte mit sensiblen Daten soll Manning das selbe Passwort verwendet haben. Die Mehrfach-Benutzung von Passwörtern ist ein sehr häufiger Fehler bei der Computer-Nutzung und wird von Experten als ernstzunehmendes Sicherheitsproblem eingestuft. Johnson berichtete außerdem, er habe Hinweise auf zwei Versuche gefunden, die Festplatte des Computers zu leeren. Am 1. Januar 2010 habe jemand versucht, die Daten zu vernichten, indem er sie "35 mal mit Datenmüll überschrieb" - wahrscheinlich ein Hinweis auf den Gutmann-Algorithmus. Dies sei aber abgebrochen worden. Später im Januar sei die Festplatte tatsächlich "zerofilled" - also mit Nullen überschrieben - worden, wie Manning in den Chatlogs angegeben hatte. Die von Johnson wiederhergestellten Daten seien ausnahmslos nach dieser Löschung auf dem Rechner gespeichert worden, so der IT-Experte. 

Ferner präsentierte die Anklage E-Mails zwischen Manning und einer Person namens Eric Schmiedl, wahrscheinlich ein Student am MIT. Manning schrieb Schmiedl demzufolge, dass er für den Leak des "Collateral Murder"-Videos verantwortlich sei.

Update 4 (22:16 Uhr):

Die Anhörung ist für heute beendet und wird morgen - ebenfalls um 9 Uhr Ortszeit - fortgesetzt.

Update 5 (22:48 Uhr):

Auf Mannings Computer wurde angeblich auch eine Textdatei mit einer noch offenen WikiLeaks-Anfrage nach der "globalen Adress-Liste" der US-Streitkräfte im Irak gefunden. Das könnte signifikant sein; die Anklage hatte schon einmal versucht, anhand der "Most Wanted"-Listen von WikiLeaks zu argumentieren, dass die Whistleblowing-Plattform Leaks aktiv anfordere und sich somit womöglich der Verschwörung schuldig mache.

Update 6 (00:09 Uhr):

Kim Zetters Wired-Artikel wurde mittlerweile um zusätzliche Informationen ergänzt. So schreibt Zetter, Assange und Manning hätten nach Aussage Johnsons "unspezifizierte Regierungs-Informationen" diskutiert. Es sei auch speziell das erneute Hochladen bestimmter Informationen besprochen worden. Zudem sei auch über den Upload von Dateien per SFTP - Secure FTP, also ein verschlüsselter FTP-Transfer - diskutiert worden. Dies deutet darauf hin, dass Assange Manning einen eigenen Server für seine Daten zuwies, dieser also nicht das normale Upload-System von WikiLeaks benutzte. 

Johnson sagte außerdem aus, dass er auf Mannings Computer SSH-Logs gefunden habe, die eine SFTP-Verbindung zwischen einer Verizon-IP-Adresse, die angeblich zum Haus von Mannings Tante gehörte, und einer Adresse des schwedischen Providers PRQ dokumentieren. Es ist bekannt, dass WikiLeaks viele seiner Ressourcen bei PRQ hostet. Womöglich, so suggeriert diese Aussage, lud Manning vom Heimaturlaub bei seiner Tante aus Daten auf einen Server, der WikiLeaks gehörte.

In Mannings Quartier im Irak wurde Johnson zufolge außerdem eine externe Festplatte gefunden, auf der sich eine Datei namens "wl-press.txt" befand. Diese wurde am 30. November 2009 erstellt, also in etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem Manning seinen Chats zufolge erstmals mit WikiLeaks Kontakt aufnahm. In der Datei fand sich eine isländische Telefonnummer und die Anmerkung "frag' nach Julian Assange".

Auch über die im Haus von Mannings Tante gefundene SD-Karte gibt Zetter neue Informationen. Neben einer großen Sammlung von Daten über den Irak und Afghanistan hätte sich auf eine "readme.txt"-Datei auf dem Datenträger befunden, die eine Nachricht an WikiLeaks darstellt, so Johnson. Darin habe es geheißen: "Informationen von historischer Bedeutung über zwei Kriege, Irak und Afghanistan […] Auszüge aus CSV-Dateien vom Verteidigungsministerium und aus der CIDNE-Datenbank. Diese Dateien wurden bereits von allen Informationen, die die Identität der Quellen gefährden, gesäubert. Womöglich solltet ihr diese Informationen 90 bis 180 Tage zurückhalten, um eine solche Datenmenge am besten an ein großes Publikum zu verteilen und die Quelle zu schützen. Dies ist eines der wichtigsten Dokumente unserer Zeit, das den Kriegsnebel lichtet und die wahre Natur der asymmetrischen Kriegführung des 21. Jahrhunderts offenlegt. Ich wünsche euch einen schönen Tag.

Update 7 (12:22 Uhr):

Eine technische Frage wurde mittlerweile geklärt: Adium loggt OTR-verschlüsselte Chats standardmäßig mit; das Logging müsste von Hand deaktiviert werden. Mittlerweile existiert ein Bug Report zu dieser Problematik.

Bild-Quellen: Bradley Manning Support Network

Annika Kremer am Dienstag, 20.12.2011 12:22 Uhr

tagsTags: whistleblowing wikileaks it-forensik bradley manning

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8 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Annika_Kremer am 20.12.2011 11:22:05

    Danke, Shodan. Bezüglich der Möglichkeit, dass die Beweise nachträglich platziert wurden: das kam mir auch schon in den Sinn. Es ergibt einfach keinen Sinn, die Festplatte erst zu überschreiben und dann die ganzen belastenden Daten wieder drauf zu laden. Es sei denn, uns fehlen Informationen... ...

  • DrFahnenflucht am 20.12.2011 07:31:32

    Ich drücke ihm ganz Fest die Daumen! und verfolge das ganze gespannt... ich hoffe, nein ich wünsche mir das es gut für ihn ausgeht!! Bradley Manning, halt durch! ...

  • Shodan_v2-3 am 20.12.2011 05:44:34

    Ich lese immer wieder von diesen 22 Anklagepunkten. Wired hat im März 2011 das Charge-Sheet veröffentlicht. Hier eine kleine Timetable: >> Anfang eines Zeitraumes, ...

  • DenKe am 20.12.2011 00:04:19

    Die Konstruktion einer Verschwörung ist einfach lächerlich. Demnach wäre jeder investigative Journalist, der seine Quellen um Material bittet, ein Verschwörer. Kurzum jeder, der versucht, die Lügen und Verbrechen des Staates aufzudecken. Tolle Taktik, oder? Wie gesagt, das hatten wir auch mal ...

  • Warlord85 am 20.12.2011 00:03:50

    Textdatei mit Anfrage von Wikileaks? Ich frag mich gerade wieviele Beweise vermutlich gefälscht sind... Frag ich mich irgendwie auch... Wenn Manning so fähig war aus einem geheimen, militärischen, gesicherten Netzwerk Dateien zu kopieren (auch wenn er begrenzte ...

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