
Screenshot des "Collateral Murder"-Videos, das Manning mutmaßlich an WikiLeaks weitergab
Am gestrigen Samstag kamen unter anderem interessante Details über das Video des Garani-Luftschlags sowie über die forensische Untersuchung von Mannings Rechnern und Datenträgern ans Tageslicht. Auch wurde über Mannings angebliche persönliche Probleme gesprochen. Auffällig war, dass sich eine Zeugin der Anklage, Special Agent Toni Graham, bei ihren Vorwürfen gegen Manning in Widersprüche verstrickte.
Einer der vor Ort anwesenden Berichterstatter ist erneut der Blogger Kevin Gosztola vom kritischen Blog "FireDogLake". Gosztola berichtet auf Twitter und in einem Liveblog über die Anhörung. Vor Beginn des heutigen Verhandlungstages äußerte er interessante Ansichten über die Medienlandschaft der USA. Er erklärte, die Anzahl der Medienvertreter sei erneut zurückgegangen und es scheine, als hätten die meisten US-Publikationen kein großes Interesse an dem Fall. Ausländische Medien seien dagegen vertreten. "Ich denke wirklich, die Bedeutung der Manning-Anhörung wird von Menschen außerhalb der USA besser verstanden. Hier in der USA scheinen wenige Menschen den Geschehnissen folgen zu wollen", so Gosztola auf Twitter .
Die Verhandlung begann vor knapp einer Stunde. Momentan ist die erste Pause. Als erster Zeuge des heutigen Tages wurde Captain Casey Fulton, eine Kollegin Mannings bei der Analyse-Einheit, befragt. Fulton ist eine Zeugin der Anklage. Sie beschrieb ein Gespräch, das sie mit Manning über das als "Collateral Murder" bekannt gewordene Helikopter-Video hatte. Dieses Gespräch fand offenbar statt, nachdem das Video bereits geleakt und von WikiLeaks veröffentlicht worden war. Manning deutete Fulton gegenüber scheinbar an, dass er glaube, dass das Video aus dem Netzwerk der Einheit stamme. Mannings Anwalt, David Coombs, erhob offenbar gegen viele Fragen der Anklage an Fulton Einspruch. Paul Almanza, der Investigation Officer (IO) - also der zuständige Militärrichter - gab diesen Einsprüchen mehrheitlich nicht statt.
1. Update (17:45 Uhr):
Ellie Hall von NBC News zitiert Fulton mit der Aussage, Manning sei der Analyst gewesen, an den man sich in seiner Einheit bevorzugt gewendet habe. "Er erledigte Projekte gut, regelmäßig", soll Fulton gesagt haben.
2. Update (18:08 Uhr):
Zwei als wichtige Zeugen geltende Offiziere verweigerten die Aussage mit der Begründung, sie müssten sich anderenfalls selbst belasten. Es handelt sich um Master Sergeant Paul Adkins, den ranghöchsten Offizier in Mannings Einheit, sowie um Warrant Officer Kyle Balonek, den Aufseher von Mannings Schicht. Coombs erhob Einspruch. Der IO gab diesem aber nicht statt und erklärte, Adkins und Balonek stünden nicht für eine Zeugenaussage zur Verfügung. Mehrere anwesende Medienvertreter stufen die Tatsache, dass Adkins nicht aussagt, als äußerst signifikant ein. Er hätte Manning disziplinieren oder jemanden auf dessen psychische Probleme aufmerksam machen müssen, so die Argumentation.
3. Update (18:20 Uhr):
Sergeant Chad Madaras macht derzeit eine Zeugenaussage über seine Zusammenarbeit mit Manning und die gemeinsame Nutzung eines Computers. Kevin Gosztola zufolge schränkt der IO Coombs' Möglichkeiten, Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, ein. Coombs zeigt sich damit deutlich unzufrieden. Dan Choi, Ex-Militärangehöriger, Manning-Unterstützer und als "interessierter Bürger" bei der Anhörung anwesend, zitiert Coombs mit der Aussage, die Anhörung sei "nicht nur für die Anklage" .
4. Update (18:38 Uhr):
Die Anklage befragt offenbar alle in Mannings Einheit tätigen Zeugen, ob sie jemals nach Begriffen wie "WikiLeaks", "Iceland", "Reykjavik", "Julian Assange" oder "Birgitta Jonsdottir" gesucht hätten.
5. Update (19:13 Uhr):
Viele Beobachter sehen die erwähnte Frage nach den Suchbegriffen - sowie die Implikation, dass Manning nach diesen Begriffen suchte - als Versuch, eine "Verschwörung" zwischen WikiLeaks und Manning zu beweisen und so eine Anklage gegen Assange und WikiLeaks zu konstruieren.
6. Update (21:28 Uhr):
Als weiterer Zeuge wurde Jason Allen Milliman befragt, ein Zivilist, der mit der Wartung der Computer in Mannings Basis beauftragt war. Genauere Einzelheiten über seine Aussage sind bislang nicht bekannt. Allerdings war Milliman offenbar der erste Zeuge, der sich nicht vollkommen kooperativ verhielt. Gefragt, ob ein Computer abstürzen könnte, wenn er nicht defragmentiert wird, sagte der Zeuge: "Er könnte auch abstürzen, wenn ein Lastwagen darüber fährt, aber das ist nicht passiert". Er wurde daraufhin vom Richter zurecht gewiesen und aufgefordert. lediglich die gestellten Fragen zu beantworten.
7. Update (22:05 Uhr):
Captain Thomas Cherepko, der Sysadmin der Brigade, sprach in seiner Zeugenaussage über die schlechte Sicherheitslage in Mannings Basis. Er berichtete unter anderem, es habe keine Logs von Benutzer-Aktivitäten gegeben, sondern lediglich Logs zur Fehlerdiagnose. Es seien auch gelegentlich "rollenbasierte" statt personenbezogener Konten verwendet worden, was es zusätzlich erschwert habe, Aktivitäten einzelnen Personen zuzuordnen. Cherepko wurde laut Ed Pilkington vom Guardian nach Mannings Festnahme verwarnt, da er keine ausreichende Sicherheit des Netzwerks sichergestellt habe.
David Coombs, so berichtet Kim Zetter, zeigte sich heute frustriert über die Vorgänge. Mannings Anwalt sei mit "dem IO und Zeugen und den Fragestellungen der Regierung" unzufrieden gewesen und habe zeitweise deutliche Anzeichen von Frustration gezeigt, so Zetter.
Derzeit wird diskutiert, ob der nächste Zeuge Geheiminformationen erwähnen wird und daher nichtöffentlich vernommen werden soll. Diese Diskussion findet vertraulich statt.
8. Update (22:46 Uhr):
Kim Zetter beschreibt unter Berufung auf einen anwesenden Armeeangehörigen die Prozedur für Sitzungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Diese ist offenbar langwierig; eine geschlossene Sitzung erfordert rund 20 Minuten Vorbereitungszeit und die Umstellung zurück auf eine öffentliche Sitzung noch einmal so lange. Offenbar müssen geheime Informationen gesichert werden, überprüft werden, dass diese wirklich sicher sind, und das Protokoll muss umgestellt werden. Mitglieder "relevanter Regierungsbehörden" dürfen vor Ort bleiben. Es wird allerdings nicht transparent gemacht, welche Behörden dies umfasst. Nach wie vor ist nicht klar, wie verfahren wird. So könnten die Medienvertreter für den nicht geheimen Teil der Zeugenaussage wieder in den Gerichtssaal gelassen werden. Erst muss jedoch entschieden werden, ob und wann Geheiminformationen diskutiert werden. Einige Anwesende vermuten, dass die Befragung des Zeugen - oder zumindest der nichtöffentliche Teil der Befragung - auf morgen verschoben wird.
9. Update (23:49 Uhr):
10. Update (01:27 Uhr):
Die Anhörung ist für geschlossen und wird am Montag um 9 Uhr morgens Ortszeit - 16 Uhr deutscher Zeit - fortgesetzt.
Zuletzt wurde SA David Shaver, ein IT-Forensiker, der an den Ermittlungen gegen Manning beteiligt war, befragt. Er sagte sehr detailliert und mit vielen technischen Einzelheiten aus. Seine wohl wichtigste Aussage: bei der forensischen Untersuchung von Mannings Computer seien Beweise gefunden worden, die ihn direkt mit den Daten in Verbindung bringen, die er mutmaßlich geleakt haben soll. Konkret habe Manning unter anderem einen Ordner mit über 4000 Diplomaten-Depeschen sowie Informationen über Guantanamo-Insassen auf seinem Rechner gehabt. "Manning hatte tausende von Dateien auf zwei Computern. Depeschen des Außenministeriums, Bilder des Farah-Vorfalls, Apache-Helikopter-Videos…", berichtet die NBC-Journalistin Ellie Hall. In der Anhörung wurde dargelegt, wann Manning spezifische Dateien mit Hilfe des Programms WinGet - das er über 700 mal genutzt haben soll - herunterlud. Interessantes Detail: In seinen Chats mit Lamo sagte Manning, die fraglichen Computer seien "zerofilled" worden, er habe also die Festplatten mit Nullen überschrieben. Das allerdings hätte eine IT-forensische Untersuchung eigentlich verhindern müssen. Es dürfte interessant sein, diesen Widerspruch aufzuklären.
Manning sei während der Verhandlung trotz der präsentierten Beweise ruhig und gefasst gewesen, berichtet Hall. Er habe sich angeregt mit seinem Anwalt unterhalten und diesem einmal sogar das "Daumen hoch"-Zeichen gegeben.
11. Update (03:29 Uhr):
Ein Wired-Artikel von Kim Zetter gibt genauere Informationen über Shavers Aussagen. So soll Manning nicht - wie zuvor berichtet - gut 4000, sondern 10.000 Diplomaten-Depeschen gespeichert gehabt haben. Auch wird berichtet, die Dateien wären im "nicht zugewiesen Speicherplatz" ("unallocated space" gefunden worden, was andeutet, dass Dateien zwar gelöscht wurden, die Festplatte aber nicht wieder beschrieben wurde, so dass die Dateien wiederherstellbar waren. Scheinbar überschrieb Manning die Festplatte also nicht, wie Lamo gegenüber angedeutet, um eine sicherere Vernichtung der Daten zu erreichen. Eine Einführung in Untersuchungen wie die von Shaver durchgeführte gibt der gulli-Hintergrundartikel über IT-Forensik.
Außerdem gibt der Artikel nähere Informationen zu den Manning zur Last gelegten Suchanfragen. Diese fanden nicht über eine öffentliche Suchmaschine statt, sondern über "IntelLink", die Suchmaschine der Armee zum Durchsuchen der Geheimnetzwerke. Manning suchte also nach Geheiminformationen über WikiLeaks und damit in Verbindung stehende Themen und Personen. Die Hintergründe sind unklar. Es könnte sein, dass Manning Assange mit diesen Suchen einen Gefallen tun wollte. Manning sagte Lamo gegenüber laut Chatlogs "das ist es, was ich für Freunde tue", als er berichtete, ein Geheim-Dossier der CIA über WikiLeaks geleakt zu haben. Shaver sagte, die Suchanfragen Mannings "erschienen fehl am Platze" angesichts von Mannings Aufgaben im Irak.
Eine weitere relevante, von Shaver offenbar getroffene Feststellung: alle auf Mannings Rechnern und Datenträgern gefundenen Dateien waren solche, deren Weitergabe er Lamo gegenüber laut Chatlogs zugab.
Annika Kremer am Montag, 19.12.2011 03:29 Uhr
Kommt mir immer noch sehr unwirklich vor, die ganze Sache. Es sollte illegal sein solche Inhalte von dokumentierten Verbrechen NICHT zu veröffentlichen, wenn man sie findet. Nicht umgekehrt. tja so sollte es sein. ist es aber nicht und wird es (leider) nie sein. ...
Kommt mir immer noch sehr unwirklich vor, die ganze Sache. Es sollte illegal sein solche Inhalte von dokumentierten Verbrechen NICHT zu veröffentlichen, wenn man sie findet. Nicht umgekehrt. ...
In der Tat, vielen vielen Dank für die Berichterstattung. Ihr seid m.E. auch die einzige größere Newsseite in Deutschland, die die Ereignisse schnell und mit Hintergrundinformationen zusammenfasst. Weiter so :) ...
Danke euch. :) ...
pfff.. Offensichtlich will die Anklage 2 Fliegen mit einer Klappe schlagen. Es siehst für Manning, zumindest im Moment, ja leider nicht so rosig aus. Ps.: Möchte mich Oben anschliessen: Prima Berichterstattung Annika! ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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