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Wochenrückblick - Die Gulli-Glosse (47/2011)

Gulli:Glosse (Logo)

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Schon ist der November wieder fast vorbei und wir können darüber zu philosophieren anfangen, dass Weihnachten jedes Jahr so verdammt plötzlich kommt. Alternativ können wir aber auch über die News der letzten Woche sinnieren, von denen einige im Gegenteil mal wieder nur allzu absehbar waren. Denn wie heißt es so schön - so mancher bleibt sich treu, und Geschichte wiederholt sich. Lest selbst.

Für Schlagzeilen sorgte unter anderem mal wieder die Occupy-Bewegung. So bewegten heftige - und teils äußerst skurrile - Vorwürfe gegen Occupy London die Gemüter. Den Demonstranten wird offenbar vorgeworfen, Gottesdienste gestört, Passanten belästigt und sogar in die Kirche gekackt zu haben - Dinge, die, wie wir uns alle einig sein dürfen, nicht ganz dem entsprechen, was man gemeinhin als "die feine englische Art" bezeichnet. Sollten die Demonstranten sich tatsächlich derart verhalten haben, wäre ein Benimmkurs - einschließlich eines Trainings zur Stubenreinheit - sicher angemessen und die Empörung der Betroffenen nur allzu verständlich. Nicht vergessen darf man allerdings, dass keiner dieser Vorwürfe bislang bewiesen wurde. Politiker sind bekanntlich recht kreativ darin, sich Vorwürfe gegen Bewegungen auszudenken, die sie nicht leiden können, weil sie ihre Macht bedrohen (wären sie mal ebenso kreativ darin, Probleme zu lösen, ginge es uns womöglich besser). Gut, für den US-Präsidentschaftskandidaten Newt Gingrich gilt das offenbar nicht - der hatte nichts besseres zu bieten, als das Klischee vom schmutzigen und arbeitslosen Hobbydemonstranten auszugraben. Der Mann ist eben selbst in der Wahl seiner Beleidigungen konservativ. Aber andere Politiker entwickeln in diesen Dingen mitunter deutlich mehr Schöpfergeist. Ebenso wenig wie den Hang der Polit-Elite zum Erfinden kreativer Schmutzkampagnen - mitunter im wahrsten Sinne des Wortes - darf man auch vergessen, dass die erhobenen Vorwürfe mit den politischen Zielen der Occupy-Bewegung in etwa soviel zu tun haben wie das Design des neuen Flachbild-Fernsehers mit der politischen Aussage der Magazin-Sendung um drei Uhr nachts auf arte. Nicht, dass das noch einer verwechselt. Man weiß ja nie.

Deutlich überraschender als die täglichen Versuche, Occupy zu diskreditieren, war die Tatsache, dass der Vielleicht-oder-auch-nicht-Whistleblower Bradley Manning mittlerweile tatsächlich einen Anhörungstermin erhalten hat. Dieser Schritt zeugt von einiger Risiko-Bereitschaft der US-Regierung, muss man nun doch zumindest so tun, als wäre man an einer unvoreingenommenen Aufklärung der Fakten rund um Mannings Vielleicht-oder-auch-nicht-Heldentat interessiert. Eingesperrt ohne Möglichkeit der Stellungnahme war Manning sicher ungefährlicher für diejenigen in den USA, die an Transparenz nur sehr mäßig interessiert sind (also in etwa die 99% des 1%). Wenig überraschend ist dagegen das Timing der ganzen Angelegenheit. Manning ausgerechnet dann vor Gericht zu zitieren, wenn es, wie bereits erwähnt, auf Weihnachten zugeht und alle mit wichtigen Aktivitäten wie Plätzchen Backen, Plätzchen Kaufen, Plätzchen Futtern, sich maßlos über die Vorbereitungen zum Fest der Besinnlichkeit Stressen, sich mit Verwandten Streiten und Hardcore-Kampfshopping beschäftigt sind, ist ein typischer Versuch, die Sache so diskret wie möglich über die Bühne zu bringen. Wobei Bühne das falsche Wort ist, denn genau die will man ja nicht haben, da gäbe es ja ein Publikum. Aus der Abteilung Realsatire wäre noch zu vermelden, dass im Vorfeld des Prozesses, in dem es so maßgeblich um Transparenz geht, monatelang über die Notwendigkeit zum Schutz irgendwelcher Geheiminformationen, die für den Prozess relevant sein könnten, gestritten wurde. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich ins Koma lachen. Ziemlich meta wäre jedenfalls, wenn diese Daten im Rahmen des Leaking-Prozesses geleakt würden. Schauen wir mal, was die Zukunft so bringt. Interessierte können mit Berichterstattung zum Thema bei gulli:News rechnen. Solidarischer mit unseren amerikanischen Verbündeten wäre allerdings, sich - wie es wahrscheinlich auch gute Patrioten im Land der unbegrenzten Blödsinnigkeiten machen - Ohrstöpsel und Augenbinde im Design der US-Flagge zu besorgen, damit man auch ja nicht aus Versehen etwas davon mitbekommt, was die US-Regierung so mit denjenigen macht, die versuchen, Kriegsverbrechen aufzudecken.

Nicht überraschend ist auch, dass bei der österreichischen Regierung Anonymous Austria in etwa so beliebt ist wie ein Igel in der Kondomfabrik. Nicht bekannt war bisher allerdings, wie verzweifelt die Cops mittlerweile offenbar sind. Da griff sich die Polizei - nicht zu verwechseln mit der Pwnyzei, eifrige Leser des Anon-Austria-Twitterfeeds wissen, was ich meine - offenbar willkürlich Chatter aus dem Anon-Austria-IRC und verhörte diese. Unter anderem ging es um politische Ansichten, Internet-Aktivitäten, das Verhältnis zu Anon Austria und natürlich um die Maus und den Elefanten. Dieses Verhalten ist durchaus beunruhigend - an den Vorwürfen von Anon Austria, es handle sich um eine Einschüchterungskampagne, kann angesichts der Tatsache, dass die Befragten sich offenbar nichts zu schulden kommen ließen, außer ohne Anonymizer im falschen IRC abzuhängen, durchaus etwas dran sein. Auffällig ist aber auch, dass der in den Medien als Betroffener interviewte Mensch mit seinen Aussagen der vermuteten Intention der Polizei so gekonnt in die Hände spielt, dass auch mäßig paranoide Menschen sich des einen oder anderen Hintergedankens vermutlich nicht ganz erwehren können (genau weiß ich's nicht, ich war schon seit Jahren nicht mehr im Zustand nur mäßiger Paranoia). Jeder, der das Internet zu bedienen weiß und auf die Idee kommt, den IRC-Channel von Anon Austria zu beehren, sollte doch eigentlich wissen, dass eine polizeiliche Vorladung rechtlich in etwa so bindend ist wie die Briefchen, die man sich in der Unterstufe unter dem Schultisch durchschob, und dass, wenn man schon hingeht, man nicht mehr sagen sollte als unbedingt nötig. Stattdessen erzählt dieser anonyme Aktivist den Beamten ein Epos tolkienschen Ausmaßes und lässt sich dann noch in dem Medien mit der Aussage, er würde jetzt nicht mehr mit Anonymous verkehren, da dies ein deutlich zu hohes Risiko bedeute, zitieren. Mit diesem Glück sollte die österreichische Polizei Lotto spielen.

Immer wieder verblüffen kann auch die Selbstlosigkeit einiger Mitmenschen. So gibt es einen Engländer, der sich - natürlich aus rein altruistischen Motiven - als Bodyguard für Shooter-Spieler zur Verfügung stellt. Derartige Geschäftsideen haben Potential. Sollte jemand beim Kinobesuch das dringende Bedürfnis nach Personenschutz haben, würde ich diesen Dienst für ein kleines Entgeld gerne übernehmen - entsprechender Filmgeschmack vorausgesetzt; bei Twilight würde das Ganze dann doch schon wieder in Arbeit ausarten. Weitere entsprechende Jobs: Vorkoster für Eisdielen-Besuche, Freibad-Begleitung oder Teure-Gadgets-Testnutzer.

Das Überraschungspotenzial des zehnten Murmeltiertages haben die gebetsmühlenartigen Forderungen konservativer Politiker nach der Vorratsdatenspeicherung. Neueste Auflage: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sowie die Gewerkschaft der Polizei fordern die Vorratsdatenspeicherung wegen der Neonazi-Morde, sozusagen dann als Weltnetz-Verbindungsdatenspeicherung. Nach Terrorismus, Mafia und Kindesmissbrauch nun also Nazis; sind die wenigstens auch mal zu was gut. Demnächst: Vorratsdatenspeicherung gegen Amokläufe, Verkehrsraserei, Klimaerwärmung und gestiegene Kaffeepreise. Nur auf die Idee, die Vorratsdatenspeicherung gegen zwanghaftes Lügen, Korruption und illegale Waffenexporte einzusetzen, ist irgendwie noch keiner gekommen. Warum nur?

Ob überraschend oder nicht, die letzte Woche bot auf jeden Fall wieder eine Menge interessanten Gesprächsstoff. Wir sind zuversichtlich, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird, und lesen uns nächste Woche an gleicher Stelle wieder. Bis dahin macht es gut. 

Annika Kremer am Sonntag, 27.11.2011 18:12 Uhr

tagsTags: wochenrückblick gulli glosse vorratsdatenspeicherung bradley manning #occupywallstreet anon austria

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8 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • dynamikemiller am 29.11.2011 12:45:42

    Ich kümmere mich gerne um Fehler, dazu muss ich allerdings nicht geschlagen werden. Es wäre allerdings eine große Hilfe, wenn ein Link gepostet würde, damit ich auch dort hinfinde. lg, dynamikemiller ...

  • Annika_Kremer am 29.11.2011 12:39:21

    Habe das weitergeleitet. ...

  • Metal_Warrior am 29.11.2011 12:36:22

    Danke Leute :D freut mich, dass sie euch gefällt. Ich hatte auch mal wieder viel Spaß beim böse Sein. Kann ich mir vorstellen :D Übrigens: Schlag mal kurz den Webmaster. Seit etwa ner Stunde geht die Gulli-News-Seite nicht mehr. Der Bodyguard war letzte W ...

  • Annika_Kremer am 29.11.2011 11:50:50

    Danke Leute :D freut mich, dass sie euch gefällt. Ich hatte auch mal wieder viel Spaß beim böse Sein. ...

  • Metal_Warrior am 29.11.2011 11:08:40

    Ich mach mir ja immer einen Spaß daraus, den Schreiber der Glosse während des Lesens zu raten. Annika, du machst es mir leicht - wenn ich im ersten Absatz schon lache wie der debile Bruder der Grinsekatze, dann warst es du. Herzlichen Dank, sehr geile Glosse - wie immer! ...

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