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Cablegate: Fragwürdige Inhaftierung eines Kanadiers

Die von WikiLeaks veröffentlichten Cablegate-Depeschen enthalten Informationen über Khaled Samy Abdallah Ismail, einen unter einer psychischen Krankheit leidenden ägyptisch-kanadischen Mann, dessen Rechte die USA anscheinend massiv verletzten. Im Jahr 2006 wurde Ismail in Afghanistan festgenommen. Er wurde anschließend über 18 Monate lang in einem von den USA betriebenen Gefängnis festgehalten.

Einem Bericht von CBC News Kanada zufolge wurde Ismail, ein in Ägypten geborener Ingenieur, der die ägyptische sowie die kanadische Staatsangehörigkeit besitzt, im April 2006 in Afghanistan festgenommen und an die US-Truppen übergeben. Er wurde daraufhin in der "Bagram Theater Internment Facility" inhaftiert. Bagram gilt als Gefägnis mit äußerst harten Haftbedingungen, weswegen es auch den Spitznamen "das andere Guantanamo" bekam. Die Gefängnisärzte diagnostizierten bei Ismail später paranoide Schizophrenie.

Ismail war bis mindestens Oktober 2007 in Bagram inhaftiert und wurde immer wieder in Einzelhaft verlegt, obwohl die Beweise gegen ihn - auch das geht aus den Depeschen hervor - alles andere als stichhaltig waren. Währenddessen wurde darüber diskutiert, ob Ismail an Ägypten oder an Kanada ausgeliefert werden sollte. Kanadische Behörden unternahmen zunächst offenbar wenig, um Ismail zu unterstützen. Nach acht Monaten Haft wurde er erstmals von einem Angehörigen des Konsulats besucht. Erst neun Monate später begann sich die kanadische Regierung massiv für seine Auslieferung einzusetzen, wie Cables vom März und Oktober 2007 ergeben. 

Die Cables enthalten keine weiteren Hinweise auf das Schicksal Ismails nach dem Oktober 2007. CBC konnte durch weitere Recherchen jedoch einige zusätzliche Informationen ermitteln. Sie sprachen mit Bekannten Ismails, die dessen Persönlichkeit als äußerst widersprüchlich beschrieben - mal sei er "sanft, nachdenklich und liebenswürdig" gewesen, mal "wütend und hasserfüllt". Dies könnte womöglich auf seine psychische Erkrankung zurückzuführen sein. Ismail erlangte hohe Qualifikationen als Ingenieur. Er studierte zunächst in Kairo, lebte dann eine Weile in Europa und zog 1995 schließlich nach Kanada. Dort habe er aber seine Träume nicht erfüllen können, was zu Depressionen, Wut und Frustration geführt habe, berichtet CBC. Er beklagte, Opfer von Diskriminierung geworden zu sein, und reagierte, als die "Ontario Human Rights Commission" darauf nicht zügig reagierte, äußerst unangemessen. So verschickte er sexuell explizite Zeichnungen und Beleidigungen an die Verantwortlichen sowie an Medien-Organisationen, wofür er schließlich wegen übler Nachrede belangt wurde. Später wurde er verdächtigt, außerdem Kreditkarten-Betrug begangen zu haben. Er zog in den Jahren bis 2001 mehrfach um. 

Zwischen 2001 und 2006 verliert sich Ismails Spur. Ein Bekannter berichtete, er sei auf eine lange Reise gegangen, die er als eine "spirituelle Suche" angesehen habe. Im Frühjahr 2006 tauchte Ismail im afghanischen Kandahar in der Nähe des Gouverneurspalastes auf. Einer "anonymen mit dem Fall vertrauten Quelle" zufolge zeigte er "verdächtiges Verhalten" und trug eine Tasche mit elektronischen Bauteilen. Die afghanischen Behörden nahmen Ismail fest und übergaben ihn an die US-Behörden. Im Mai 2006 wurde er in Bagram inhaftiert. 

Zunächst wurde Ismail als geistig gesund - aber, so die Cables, "narzisstisch und arrogant" - eingestuft. Er wurde als Gefangener vergleichsweise geringer Wichtigkeit und Gefährlichkeit eingestuft. Man debattierte darüber, an welches Land Ismail auszuliefern sei. Am 11. Januar 2007 wurde Ismail erstmals von einem Angehörigen des kanadischen Konsulats besucht. Dieser erfragte nach einem Gespräch mit dem Gefangenen bei der Gefängnisleitung die Gründe für Ismails Festnahme und fragte, ob Ismail von einem kompetenten Mediziner untersucht worden sei.

Im Februar erlitt Ismail einen massiven psychotischen Schub und es wurde bei ihm paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Es ging ihm äußerst schlecht; er verweigerte Nahrung und orale Medikamenten-Einnahme und verlor stark an Gewicht. Daraufhin wurde er isoliert und ihm wurden intravenös Psychopharmaka verabreicht. Aufgrund Ismails gesundheitlicher Probleme nahmen die USA davon Abstand, Ismail wie zunächst geplant für eine "weitere Inhaftierung" nach Ägypten zu überstellen. Stattdessen begann man, seine Auslieferung an Kanada vorzubereiten.

Es bestehen offenbar massive Zweifel, ob Ismails Festnahme und Inhaftierung überhaupt gerechtfertigt waren. Eine anonyme mit dem Fall vertrauten Quelle erklärte, die Tasche mit Elektronik, die Ismail bei seiner Festnahme bei sich getragen habe, sei als harmlos eingestuft worden. "Jeder auf der amerikanischen und kanadischen Seite erkannte, dass [Ismail] gar nicht in Bagram hätte sein sollen," erklärte die Quelle gegenüber CBC News. Ähnlich äußerte sich Dr. Ghairat Baheer, ein ehemaliger Mithäftling. Ismail sei nicht als Kämpfer festgenommen worden. "Er war ohne jeden Grund dort und [er] litt, weil er nicht mit dem rechnete, was ihm passierte," so Baheer.

Erschwerend kommt hinzu, dass Ismail viel Zeit in Einzelhaft verbrachte. Dies wird durch US-Depeschen bestätigt und geschah angeblich zu Ismails Schutz. Baheer bestätigt, dass Ismail aufgrund seiner säkularen und eher westlichen Ausrichtung von anderen Gefangenen mit Distanz, teilweise sogar mit Hass begegnet wurde. 

Die USA, so legen die Cables nahe, waren sehr darauf bedacht, Ismail an Kanada zu übergeben, und sahen früh ein, dass sie keine aussagekräftigen Beweise gegen den Ingenieur hatten. Trotzdem zog sich seine Übergabe 18 Monate lang hin. Ende 2007 sollte Ismail dann an Kanada übergeben werden. Ob dies tatsächlich geschah, ist nicht letztendlich zu beweisen. Die kanadischen Behörden bestätigten gegenüber CBC News, im fraglichen Zeitraum die Überstellung eines kanadischen Staatsbürgers aus Bagram begleitet zu haben. Sie bestätigten aber aus Datenschutz-Gründen nicht, dass es sich tatsächlich um Ismail handelte. Anfragen zum Fall unter dem kanadischen Informationsfreiheitsgesetz wurden aus Gründen der "nationalen Verteidigung" und des Datenschutzes abgelehnt. Das US-amerikanische Außen- und Verteidigungsministerium kommentierten den Fall gar nicht. Auch gelang es CBC nicht, Ismail zu lokalisieren. Somit ist fraglich, was mit Ismail letztendlich geschah. 

Annika Kremer (g+) am Dienstag, 27.09.2011 12:44 Uhr

Tags: kanada menschenrechte bagram usa wikileaks cablegate

 
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