Die Guardian-Redakteure kritisieren die von WikiLeaks derzeit erwogene Entscheidung, alle gut 250.000 Depeschen in ihrer ursprünglichen Fassung ins Netz zu stellen. Sie betonen mögliche Auswirkungen auf in den Cables erwähnte Personen, insbesondere US-Informanten. Dies unterminiere "Bemühungen des Guardian und anderer Nachrichten-Organisationen, Hinweise auf vertrauliche Informanten vor der Veröffentlichung ausgewählter Cables zu entfernen: Bemühungen, die, wie es nun erscheint, größtenteils verschwendet waren," beklagt man. Die Redakteure berichten, Assange habe derartige Pläne bereits im vergangenen November angedeutet.
Dafür, wie die unredigierten Cables in Umlauf gelangten, haben Leigh und Ball eine Erklärung, die von der von WikiLeaks präsentierten in wichtigen Punkten abweicht. Die beiden erklären, eine Datei mit WikiLeaks-Informationen sei Anfang Dezember 2010 auf der Filesharing-Website "The Pirate Bay" aufgetaucht. Nominell und mehrheitlich enthielt diese Datei ein Archiv alter WikiLeaks-Veröffentlichungen. Sie wurde laut Leigh und Ball - die sich hierbei auf den ehemaligen WikiLeaks-Mitarbeiter Daniel Domscheit-Berg berufen, der WikiLeaks allerdings bereits im September 2010 verließ - von einem namentlich nicht benannten WikiLeaks-Unterstützer hochgeladen, ohne Assange zu kontaktieren. Die fraglichen Aktivisten hätten wahrscheinlich gar nicht realisiert, dass das Datenpaket Assanges verschlüsselte Kopie der Depeschen enthielt, so die Guardian-Redakteure.
Einige Monate zuvor gab Assange dem Guardian als damaligen Medienpartner von WikiLeaks eine Kopie der Daten. Er habe den Redakteuren ein Passwort und Zugriff auf einen "speziellen Online-Server" (was genau damit gemeint ist, ist unklar) gegeben, auf dem er eine Kopie der Depeschen hinterlegen wollte, die nur für kurze Zeit verfügbar war, berichten die Journalisten. Assange habe aber, was den Redakteuren damals unbekannt gewesen sei, "konventionelle Sicherheitsregeln nicht befolgt" und "für die Transaktion" kein neues Passwort erstellt. Stattdessen, so berichtet der Guardian unter Berufung auf Domscheit-Berg, habe Assange das existierende Master-Passwort - das anderen WikiLeaks-Aktivisten bekannt gewesen sei - wiederverwendet. "Die Datei war nie dazu da, mit irgendwem geteilt zu werden. Um eine Kopie zu erhalten, würde man normalerweise eine neue Kopie mit einem neuen Passwort machen. Er war zu faul, um etwas neues zu erstellen," wird Domscheit-Berg von Leigh und Ball zitiert.
Im Februar 2011 veröffentlichten David Leigh und sein Kollege Luke Harding dann ein Buch über WikiLeaks und ihre Zusammenarbeit mit dem Projekt. Darin veröffentlichten sie das von Assange mitgeteilte Passwort, angeblich unter der Annahme, dass dieses längst "überholt" sei. Das Buch enthalte keinerlei Informationen, die es ermöglichen würden, die verschlüsselte Datei zu finden und herunterzuladen, betonen die Journalisten.
Vor einigen Wochen habe Domscheit-Berg sich an die deutsche Zeitung "Der Freitag" gewandt und erklärt, WikiLeaks sei unsicher. Er habe berichtet, dass im Internet eine Datei existiere, die die Cables in ihrer Rohform enthalte und auf die man mit Hilfe des veröffentlichten Passworts zugreifen könne. Domscheit-Berg und der Freitag hätten aber darauf geachtet, "keine Ortsdaten anzugeben, die es ermöglichen würde, dass die Datei von der Öffentlichkeit gelesen wird". Kurz darauf habe Assange auf Twitter Hinweise darauf verbreitet, wie man die Datei aufspüren könne.
Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter weist Assange die vom Guardian erhobenen Anschuldigungen zurück. Er erklärt, man habe dem Guardian niemals gesagt, Datei oder Passwort seien temporärer Natur. Zudem wirft er Leigh und Ball indirekt schlechten Journalismus vor, indem er sie beschuldigt, Meinungsmache als sachlichen Nachricht auszugeben.
Es hat ganz den Anschein, als würden sich der Guardian und WikiLeaks die Schuld für diesen schweren sicherheitsrelevanten Vorfall weiterhin gegenseitig zuzuschieben versuchen. Es dürfte nur schwer aufzuklären sein, was tatsächlich im Einzelnen getan oder gesagt wurde. In den Augen der Öffentlichkeit dürfte dieser Vorfall wohl allen Beteiligten empfindlich schaden.
Text-Quellen: The Guardian
Annika Kremer (g+) am Freitag, 02.09.2011 02:57 Uhr
Klar war es fahrlässig die Datei nicht zu löschen, aber hey, selbst passwort ändern bringt nichts, wenn dumme Journalisten solche heiklen Sachen ABDRUCKEN!?! Ich denke das ganze ist vergleichbar mit einem Windows Login, welchen man sich ja logischerweise zulegt um Leuten den Zugang zu erschweren, b ...
Die Regel dass man Passwörter nie veröffentlichen darf ist mir persönlich unbekannt. Wenn man davon ausgehen kann dass die Datei die damit geschützt wurde nie öffentlich zugänglich war und kurz nach dem Download gelöscht wurde, ist da nix dabei. So hat Assange es auch offensichtlich aussehen lassen ...
man veröffentlicht keine Passwörter! Nie! Der Guardian kann nicht behaupten keine Schuld zu haben. ...
Es sind definitiv beide schuld die Reporter und WikiLeaks weil man bei solchen Datein die Passwörter wirklich öfters ändern sollte. Die Reporter hätten das Passwort auch nicht erwähnen dürfen... Ich finde eigentlich auch, dass die schuld bei WikiLeaks liegt wenn die ihre Passwörter nicht sorgfältig ...
Allein die technische Unbedarftheit nimmt die Guardian-Reporter in meinen Augen schon ein Stück weit aus der Verantwortung. Um mal aus der fraglichen Stelle im Wikileaks-Buch von Leigh & Harding zu zitieren (Kap 11: The Cables): Leigh set off home, and successfully installed the PGP softwar ...
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