WikiLeaks (Logo)
Er sei nicht stolz auf das, was er getan habe, erklärt Lamo. Er habe vielmehr vor einer Entscheidung gestanden, bei der es keine richtige Lösung gegeben habe. "Ich konnte jemanden verraten, den ich nach der kurzen Zeit, den ich ihn kannte, als Freund betrachtete, und dadurch Diplomatie, operative Sicherheit und menschliches Leben vor weiterer Gefahr schützen, oder ich konnte mich zurücklehnen und diesen Dingen feige erlauben, stärker beschädigt zu werden, als sie es ohnehin schon waren, indem ich nichts tat," beschreibt Lamo in einer Stellungnahme auf Twitter seine damalige Situation.
"Es wäre so einfach gewesen," schreibt Lamo, "den 'Informationen wollen frei sein'-Ausweg zu wählen - frei ohne Rücksicht darauf, wem es schadet, welche Prozesse es gefährdet, welche Ereignisse es im Stillen hinter den Kulissen stört, wo es die Öffentlichkeit weder sieht noch sich dafür interessiert, bis negative Ereignisse sich entwickeln und sie sich wundern, warum sie geschehen. Aber ich hätte nicht mit mir selbst leben können. Also habe ich meinen Freund verraten. Das war auch nicht die richtige Entscheidung. Es war die am wenigsten falsche Entscheidung von den beschissenen Möglichkeiten, die sich mir boten. Ich habe nie darum gebeten, vor diese Wahl gestellt zu werden. Das hat Bradley Manning implizit getan, als er seinen Mund aufgemacht hat. Fühle ich mich sicher in meinem Patriotismus in dem Wissen, das Richtige getan zu haben? Nein. Es ist immer noch schwer, mit mir selbst zu leben. […] Manchmal gibt es im Leben keine richtigen Entscheidungen, nur verschiedene Grautöne, und alle führen zu negativen Folgen für einen selbst."
Er habe aber sein Ziel erreicht, erklärt Lamo: es habe keine weiteren militärischen Leaks gegeben, kein "weiteres Geheimmaterial, das WikiLeaks falsch handhaben kann". Lamo erklärt, er glaube an "den Geist und das Anliegen von Organisationen wie WikiLeaks". WikiLeaks selbst aber sieht er auf einem falschen Weg. "Julian Assanges Führung hat WikiLeaks zu radioaktiv gemacht, um jemals wieder ohne grundlegende Änderungen in Führung und Politik auf höchster Ebene vertrauenswürdig zu sein." Ebenso sei das von WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg gegründete Portal OpenLeaks "zu autokratisch und launisch, um zum jetztigen Zeitpunkt ohne große und fortgesetzte Demonstrationen guten Glaubens durch seine Entwickler Vertrauen zu verdienen". Beide Plattformen kämen ihm "verlogen" vor, so Lamo.
Nach eigenen Angaben glaubt Lamo noch immer daran, dass viele Transparenz-Aktivisten "talentierte und wirklich gute Leute" seien. Er wolle glauben, dass die meisten dieser Leute Materialien, bei denen "der Kollateralschaden schwerer wiegt als das öffentliche Interesse", nicht veröffentlichen würden.
Lamo macht sogar einen Vorschlag, wer Assange bei WikiLeaks "beerben" könnte: Cryptomes Nadim Kobeissi. Dieser solle aufhören, WikiLeaks "anzufeuern" und handeln, da er "sich mehr Gedanken um die Wahrheit als um sein Ego macht". Den WikiLeaks-Unterstützern, die "im Geiste der Wahrheit" handeln, statt "eine billige Gelegenheit, eine Regierung fertig zu machen, die sie nicht mögen" zu suchen, wünsche er das Beste, betont Lamo. Diese Aktivisten sollten daran denken, dass "die Wahrheit nicht ein irgendein reines Ding ist, das Licht bringt und Rosenblätter verstreut, wo immer es geht", sondern dass sie "Menschen verletzen kann, die nicht verdienen, verletzt zu werden," gibt Lamo ihnen mit auf den Weg. "Sie [die Wahrheit] hat Dornen. Behandelt sie vorsichtig," betont der Ex-Hacker.
Der von Lamo vorgeschlagene Assange-Nachfolger Kobeisse veröffentlichte als Antwort auf Lamos Äußerungen mittlerweile ebenfalls eine Stellungnahme. Diese ist in einem äußerst ironischen bis sarkastischen Tonfall gehalten. Er sei schockiert und verwirrt über "die Demut und Bescheidenheit", die Lamo in seiner Stellungnahme zum Ausdruck bringe, so Kobeissi. Ihm sei bewusst gewesen, dass der Ex-Hacker "eine Säule menschlicher Wahrhaftigkeit" sei. In seiner Stellungnahme stelle er sich jedoch zudem als "endlosen Ozean der Selbstlosigkeit, der die nobelsten Opfer der Menschheit ertränkt" dar. Dementsprechend schlage er vor, dass, sollte Assange jemals als WikiLeaks-Chef zurücktreten, Lamo selbst der geeignetste Nachfolger sei. "Adrians Historie von Integrität, Kompetenz und Patriotismus resultierte in den nobelsten Festnahmen aller Zeiten. Er hat tragische Opfer gebracht - versucht, den freien Fluss von grauenhaften Videos wie Collateral Murder daran zu hindern, die Öffentlichkeit zu erreichen, da, wie wir alle wissen, es diese Videos selbst sind, die Tode von US-Bürgern verursachen - nicht die Barbarei, die sie zeigen." Es sei bereits eine große Ehre, "den selben Planeten mit so einem fähigen, bescheidenen, talentierten Führungstalent wie Adrian Lamo zu teilen". Man dürfe aber auch dessen Verdienste um die Transparenz-Bewegung nicht unterschätzen.
Obwohl sich Kobeissi in seiner Stellungnahme über Lamo lustig macht, verfasste dieser eine offenbar ernst gemeinte Antwort darauf, in der er Kobeissi auffordert, die vorgeschlagene Möglichkeit ernster zu nehmen. Assange könne seinen Ruf nicht mehr retten, so Lamo. Kobeissi dagegen habe "die Jugend, das Talent und die Ideale, die für ein solches Unterfangen benötigt werden". Er habe eine weiße Weste und das Vertrauen anderer Aktivisten. Zudem habe er nicht "die Hintergedanken, die Daniel [Domscheit-Berg] und Julian [Assange] zeigen". Es wäre "eine Tragödie", wenn Kobeissi jahrelang warte, um festzustellen, dass er "einen egoistischen Blender" und "ein Projekt, das von einer politischen Agenda beschwert wird" unterstützt habe. "Ich weiß, dass du versuchst, schlagfertig zu sein, aber tu das nicht zu deinem eigenen Nachteil. Du hast Möglichkeiten in deinem Leben, derer du dir nicht bewusst bist." Kobeissi solle seine "Brillanz" nicht an Leute verschwenden, für die er nur ein Mittel zum Zweck sei.
Auf Twitter zeigte sich Kobeissi auch von dieser Stellungnahme unbeeindruckt. Es ist mehr als zweifelhaft, dass Lamos Vorschläge tatsächlich jemanden außer ihm selbst beeindrucken. Die Motive des Ex-Hackers, dem häufig vorgeworfen wurde, es mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen, sind unklar. Ist sein Verhältnis zu WikiLeaks tatsächlich derartig ambivalent, oder handelt es sich womöglich um einen Versuch, Kobeissi und Assange gegeneinander auszuspielen? Sollte letzteres der Fall sein, hält sich der Erfolg anscheinend in Grenzen. In jedem Fall zeigt dieses sommerliche Kammerspiel trotz seiner letztendlich eher geringen Relevanz, wie verwirrend es momentan in der Whistleblowing-Szene zugeht.
Annika Kremer (g+) am Samstag, 27.08.2011 18:31 Uhr
"Julian Assanges Führung hat WikiLeaks zu radioaktiv gemacht, um jemals wieder ohne grundlegende Änderungen in Führung und Politik auf höchster Ebene vertrauenswürdig zu sein." Hm...aber damit hat er irgendwo auch recht....klar, man kann davon halten was man will, aber seine Aussage ...
Eben. Daher rührt mein Erstaunen. ...
@KaPiTN Ließ dir doch mal den Thread durch. ...
@Annika Du hast im vorletzten Absatz "have" statt habe geschrieben. Tippfehler... danke, ist korrigiert. ...
aber ist ja auch zu einfach, jeden als patriotisches Arschloch abzutun, nur weil er die Konsequenzen seiner Handlungen bedenkt. Das hat wer wann wo getan? :confused: ...
Heutzutage ist die Internettelefonie neben Fest- und Mobilnetztelefonie immer gefragter. Per Internet zu kommunizieren ist nicht nur komfortabler und billiger, man ist zudem unabhängig von Tarifen, welche nur eine bestimmte Gesprächszeit günstig ermöglichen. Also wieso nicht auch Internet-Telefonie nutzen?
Lars Sobiraj am 14.05.2013, 13:52 Uhr
Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags steht seit vielen Jahren den Bürgern und Gruppen für ihre Anliegen offen. Wir haben uns kürzlich mit einem der 80 Mitarbeiter des Hauses unterhalten. Da seit der Gründung nur sehr wenige Gesetzesänderungen durch Petitionen entstanden sind, wollen wir den Sinn dieser Institution hinterfragen. Dies ist vorerst der letzte Teil unserer Interview-Serie.
Lars Sobiraj am 12.05.2013, 12:51 Uhr
Wie ein 73-jährige Japaner beweist, kann man das am häufigsten benutzte Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel nicht nur für reguläre Berechnungen einsetzen. Tatsuo Horiuchi erstellt ausnahmslos seine traditionellen Gemälde mit Hilfe dieses Programms. Er arbeitet bereits seit 10 Jahren mit der Software und stellt seine Bilder in diversen Ausstellungen vor.