
Die letzte Woche begann direkt mit einer neuen Bundesregierung. Die wenigsten gullianer dürften das als Grund zur Freude empfunden haben, erfreuen sich doch hübsche CDU-Ideen wie Spieleverbote, Netzsperren und Totalüberwachung bei dieser Klientel erfahrungsgemäß einer eher geringen Beliebtheit. Einziger Lichtblick: Die Notwendigkeit, sich diese Regierung schönzusaufen, gab einem wenigstens eine Ausrede an die Hand, die Woche direkt mit einer riesigen Party zu beginnen. Womöglich wurde ja deswegen das Oktoberfest strategisch auf den Zeitraum um die Bundestagswahl gelegt - in Bayern hat man mit konservativen Regierungen schließlich Erfahrung.
Wie beim Saufen, so ist es allerdings auch beim Wählen: Der Kater kommt bestimmt, teilweise eher früher als später. So auch in der vergangenen Woche. Und nicht nur unsere neuen Volksvertreter wirkten kräftig daran mit, dass die Stimmung bei einigen Netizens bereits am Montag gehörig in den Keller ging.
Ebenfalls mal wieder nicht unbeteiligt daran war das allseits beliebte Dream-Team aus Musikindustrie und Abmahn-Anwälten. Über erhebende Post durften sich diesmal zahlreiche Musik-Blogger freuen. Dass es riskant sein kann, über Themen wie Politik, bekannte Firmen oder über das Kochen (Stichwort Marions Kochbuch) zu schreiben, wissen wir ja mittlerweile. Auch IT-Themen sind aufgrund der entstehenden Flamewars wie "Mac gegen Windows" , "Linux gegen Windows" oder "pro und contra World of Warcraft" nur mit einer kugelsicheren Weste, schlammbeständigen Klamotten und einer üppigen Gefahrenzulage zu empfehlen. Nun aber auch Musik? So langsam wird die Auswahl an Themen, über die man gefahrlos schreiben kann, wirklich überschaubar. Mal überlegen... Killerspiele? Ganz schlecht, wer will sich schon mit Herrn Pfeiffer anlegen. Bücher? Auch zu gefährlich, da, wie wir wissen, selbst eher harmlose Fantasy-Werke schon schlimme Folgen für die Leser haben können - spätestens seit Ex-US-Präsident und Universalgenie George Bush ist bekannt: Harry Potter verführt zur Hexerei. Nun wäre so ein Besen zum Reiten zwar ganz schick (wenn auch nur bedingt für das deutsche Herbstwetter geeignet) und auch die Vorstellung, Politiker mit einem Wahrheitszauber zu belegen, damit sie aus Versehen bei Reden anfangen, die Wahrheit zu sagen, hat definitiv ihren Reiz. Aber nicht jedem gefallen eiserne Jungfrauen (wobei ich persönlich ja zumindest für die gleichnamige Metal-Band noch zu haben wäre) und Scheiterhaufen. Also auch eine schlechte Idee. Es wird wohl darauf herauslaufen, dass die Redaktion sich so schnell wie möglich eine größere Menge Katzen anschafft.
Dann allerdings könnte man so durchweg überraschende Nachrichten wie diese hier nicht mehr veröffentlichen: Das FBI soll im Patriot Act enthaltene Sonderrechte missbräuchlich eingesetzt haben! Nein, wer hätte das gedacht? Normalerweise funktioniert es doch sehr gut, dass man Ermittlungsbehörden Sonderrechte ohne Ende gibt, Kontrollmöglichkeiten abbaut und in der Bevölkerung so viel Angst schürt, dass sich kaum Widerstand regt. Dann gibt man den Ermittlern noch das Recht, jede Zielperson ihrer Maßnahmen zum Schweigen zu verpflichten, alles natürlich nur im Sinne der inneren Sicherheit. Amtsmissbrauch? Einschränkung individueller Rechte? Nein, damit haben wir nicht gerechnet, schließlich ist jeder Polizist ein Heiliger, der niemals auf die Idee käme, Fehler zu machen, seine Macht zu missbrauchen oder irrational zu handeln. Staatliche Macht dient immer nur dem Schutz der Bürger - und wird auch nur so angewendet. Zumindest ist dieses Weltbild das einzige, das die Existenz des Patriot Act halbwegs schlüssig erklärt, ohne den Verantwortlichen zu unterstellen, dass ihnen Bürgerrechte und individuelle Freiheiten schlicht und ergreifend egal sind. Keine angenehme Alternative: Entweder, die mächtigsten Menschen der Erde beziehen ihr Welt- und Menschenbild geradewegs aus "Hanni und Nanni auf dem Ponyhof" - oder aber sie sind einfach machtgeile, ultrakonservative Unsympathen, die die Belange der Bevölkerung mit Füßen treten.
Stichwort konservativ und unsympathisch: In diese Kategorie fällt nach Ansicht vieler Spielefans definitiv auch Professor Christian Pfeiffer. Pfeiffer, der normalerweise mit einer Armee erfundener Zivilisten und Kinderwagen gegen Spiele wie Counterstrike zu Felde zieht, hat sich nun offenbar ein neues Hassobjekt gesucht. Nein, nicht die Schulen, die junge Menschen durch Demütigungen und Misserfolge zu verzweifelten Amokläufern machen. Auch nicht die Schützenvereine, die dem Nachwuchs den Umgang mit scharfen Waffen beibringen, und schon gar nicht die CDU, die durch Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung und Bundestrojaner den Aggressionspegel junger Menschen in ungeahnte Höhen treibt. Nein. Das alles wäre ja noch einigermaßen logisch und damit für Menschen wie Herrn Pfeiffer uninteressant. Neuester Kandidat für das Auslösen des baldigen Untergangs des Abendlandes ist... Trommelwirbel... World of Warcraft. Genau. Kein Schreibfehler. Wir reden hier über das Spiel, in dem grüne Elfen mit spitzen Ohren durch eine comicartige Fantasy-Landschaft laufen und Drachen mit Schwertern verhauen. Das Spiel, in dem man aufgrund der geringen Grafik-Details Splatter-Effekte wahrscheinlich noch nicht einmal darstellen könnte, wenn man das wollte, und das Kids wahrscheinlich schon deswegen vom Amoklaufen abhält, weil man in dieser Zeit keinen Raid durchführen kann und somit wertvolle Erfahrungspunkte verliert oder weil sie nunmal schlecht ohne Maintank ins Gefecht gehen können. Wer nun schon gespannt auf die Begründung wartet, mit der Herr Pfeiffer nun gegen World of Warcraft wettert, sei nicht mehr länger auf die Folter gespannt: Das Spiel verführt nach Meinung von Pfeiffer und anderen konservativen Kritikern Jugendliche zum maßlosen Alkoholkonsum. Vergesst Flatrate-Parties, Ersti-Parties, Bier-Pong oder freitägliche Disco-Touren, vergesst das Oktoberfest - die Gefahr des Alkoholismus lauert in Form bunter Pixel auf dem Rechner. Grund für diese Anschuldigung ist ein im Spiel dargestelltes "Braufest", bei dem in hohem Maße dem Alkoholgenuss gefrönt wird und auch Wettkämpfe, bei denen das gute Zeug eine maßgebliche Rolle spielt, angeboten werden. Nun ist Saufen in MMORPGs nicht gerade neu - bei meinem ersten Guild Wars-Abend im Jahr 2006 war so ziemlich eines der ersten Dinge, die ein erfahrenerer Gilden-Kollege tat, meine kleine Waldläuferin mit Reiswein abzufüllen und sich dann über deren leicht indisponiertes Verhalten zu amüsieren. Aber Leute wie Pfeiffer brauchen ja tendenziell eher etwas länger, bis ihnen auffällt, was gerade beliebt bei jungen Leuten und somit ein gutes Ziel für ihre Entrüstung ist. Bei World of Warcraft, so die Begründung für die massive Kritik, können schon Zwölfjährige ihrem Charakter virtuell die Kante geben. Nun, im Real Life können Zwölfjährige, wie zahlreiche Medienberichte zeigen, sich selbst ganz real die Kante geben. Verbietet das Real Life - WoW für alle! Sollte man Herrn Pfeiffer vielleicht mal vorschlagen. Stattdessen fordert er WoW erst ab 18. Offenbar glaubt er, dass Jugendliche nirgendwo anders als lediglich in MMORPGs von der Möglichkeit, betrunken zu werden, erfahren. Die oben genannten Möglichkeiten "Ponyhof" und "naja, ihr wisst schon" gelten offenbar uneingeschränkt auch hier.
Ganz sicher kein Ponyhof ist es, sich momentan die Stellungnahmen von CDU und CSU durchlesen zu müssen. Diese nämlich betonen immer wieder in unzähligen Varianten, wie wichtig Überwachung und Zensur (Verzeihung, angemessene und verhältnismäßige Kriminalitätsbekämpfungs- und Präventionsmaßnahmen) sind, um die Sicherheit in Deutschland zu gewährleisten. Wer nämlich auf solche Kleinigkeiten wie Bürgerrechte, Datenschutz und Informationsfreiheit achtet, der kann genausogut gleich "den Terror mit der Steinschleuder bekämpfen". Ein paar dieser Steine müssen wohl namhafte Unionsvertreter am Kopf getroffen haben, wenn sie noch immer Argumente anführen, die schon vor Jahren nur diejenigen überzeugt haben, die ihnen unbedingt glauben wollten. Nun ja, wie hieß es schon in Akte X? I want to believe. Aber der Glaube an UFOs und Aliens ist dieser Tage wahrscheinlich leichter aufrecht zu erhalten als das Vertrauen in die Tatsache, dass die CDU nur unser Bestes will - oder dass die FDP bei den Koalitionsverhandlungen nicht umfällt. Wobei der Platz auf dem Boden knapp sein dürfte, denn da liegt nach der letzten Legislaturperiode noch die SPD - und womöglich der eine oder andere von virtuellem Bier sturzbetrunkene Rollenspieler. Oder aber die eingangs angesprochenen Netizens, die bei dem Versuch, sich die neue Regierung schönzusaufen, schließlich entkräftet aufgeben mussten. Dazwischen laufen dann friedlich und von den ganzen Alkohol-Exzessen unbeeindruckt die Kätzchen der gulli-Redakteure herum. Na dann: Prost!
(Grafiken: Creative Commons: NC-SA-BY Daschka)
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News Redaktion am Montag, 05.10.2009 18:19 Uhr
Super Glosse! Leider zu einem traurigen Anlass ... ...
ich glaube die raubmordkillerspieler werden bald alle nurnoch auf der map cs_guantanamobay spielen. und sicher nicht als counterterroristen. naja ich daddel jetzt nochnbischen de_reichstag. und sicher nicht als terrorist, denn die wurden durch piraten ersetzt. toller mod! obwohl cs_germany auch wi ...
Sehr schöne Glosse, Danke! Vor einer Woche ist mir das Lachen vergangen. Ich dachte, ich werde die Bundestagswahl-Depression nicht mehr los. Jetzt bin ich wieder geheilt. Mit Lachen lässt sich vieles besser ertragen ... P.S. Redaktion-Kätzchen, wie schön ... helfen sie euch gegen den Kater? ;) ...
Klasse Glosse! Macht immer wieder Spaß zu lesen, tolle Tradition ;) ...
Annika, ick will dir fruchteln... ne im Ernst, hat meinen Tag versuesst, auch wenn es bitter ist. :T ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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