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Deckel drauf! Die Gulli-Glosse (13/2011)

Gulli:Glosse (Logo)

Gulli:Glosse (Logo)

April, April macht ja bekanntlich was er will. Somit hat er eine Menge gemeinsam mit einigen Protagonisten der letzten Woche, unter anderem PJ Crowley, der Cybercrime-Szene, den Computern der NASA und der österreichischen Regierung. Entsprechend ist es kein Wunder, dass wir uns manches Mal passend zur Jahreszeit leicht veralbert vorkamen. Wir blicken zurück auf eine - wieder mal - skurrile Woche.

Wie so oft gab es dabei auch Verluste zu beklagen. Das Zeitliche gesegnet hat vor Kurzem das berüchtigte Botnet Rustock. Die einstmals potente Spamschleuder wurde von Microsoft - ausgerechnet, im englischen Sprachraum heißt sowas "adding insult to injury" - zur Strecke gebracht; momentan sucht man die Verantwortlichen. Das Spam-Aufkommen ging dadurch tatsächlich um rund ein Drittel zurück. Natürlich wissen wir: wie so viele gute Dinge - sonniges Wetter, Eis, die Jugend oder auch das gute Gefühl eines frisch installierten und nicht kaputtgespielten Betriebssystems - ist auch dieses Vergnügen vergänglich. Andere Botnets stehen schon Schlange, um die Ehre des massenweisen Versands von Werbemails für gefälschte Viagra- und Ritalinpillen (wie wäre es eigentlich innovativer Weise mal mit dem auf German-Bash vorgeschlagenen Vialin?) von Rustock zu übernehmen. Trotz Takedown also alles beim Alten - im Internet nichts Neues. Wie so oft.

Firewall und Monitoring der NASA (schematische Darstellung)

Firewall und Monitoring der NASA (schematische Darstellung)

Ebenfalls nicht neu ist die Tatsache, dass die IT-Infrastruktur der NASA mehr Löcher hat als die netzpolitischen Argumente der CDU/CSU. Jeder, der den Film "23 - Nichts ist so wie es scheint" gesehen hat, weiß, dass das schon der Fall war, als die Hälfte der gulli-Leser noch in den Windeln lag und statt Daten nur Milch saugte. Wie ein nun veröffentlichter Bericht offenbart, ist man dieser Tradition bislang treu geblieben und fühlt sich über so irdische Dinge wie Hackerangriffe erhaben. Es ist schon eine verrückte Welt , wenn in einer Behörde, die den Weltraum erforschen und die Menschheit zu neuen Ufern bringen will, technische Standards herrschen, für die ein mittelständischer Hersteller von Modellraketen längst verklagt worden wäre. Aber niemand hat jemals von der Realität verlangt, logisch zu sein - zumindest nicht von der gesellschaftlichen.

Nur damit ist es auch zu erklären, dass Österreich, nachdem die Vorratsdatenspeicherung in den meisten Ländern schon irgendwie out ist, diese jetzt unbedingt einführen will. Das ist irgendwie, als käme man jetzt auf die Idee, in seiner Firma Windows XP einzuführen. Nur, dass die Vorratsdatenspeicherung zusätzlich auch noch die Beliebtheit von Vista genießt. Diese Woche gab es wieder heftige Kritik vom österreichischen Datenschutzrat, der die Bürgerrechte durch die Vorratsdatenspeicherung massiv gefährdet sieht. Nicht nur das, man ist sogar überzeugt, dass die Vorratsdatenspeicherung gegen internationales Recht verstößt. Ob solche Kleinigkeiten allerdings bei der östereichischen Regierung irgendwen interessieren oder gar überzeugen, bleibt abzuwarten.

Machen, was sie wollen, tun offenbar auch manche Technologie-Unternehmen ganz gerne - vor allem, wenn man damit Geld verdienen kann. Daher verkaufen sie ungeniert Filtersoftware an restriktive Regimes im Mittleren Osten und Nordafrika. Auf die Idee, dass diese die Software zum Zensieren politischer oder gesellschaftlicher Inhalte benutzen könnten, kommt man dabei selbstverständlich nicht; liefert aber trotzdem kundenfreundlicher Weise entsprechende Listen gleich mit. "Nein, natürlich bin ich nicht darauf gekommen, dass der irre Serienkiller das Messer, das ich ihm verkauft habe, nicht nur zum Gemüseschneiden benutzt. Aber weil wir schonmal dabei waren, habe ich ihm halt auch noch eine Schaufel verkauft…"

In anderer Hinsicht getan, was er wollte, hat PJ Crowley, der ehemalige Sprecher des US-Außenministeriums. Nach seinen kontroversen Äußerungen über Vielleicht-nicht-oder-doch-Whistleblower Bradley Manning - wir erinnern uns, Crowley hatte die in Quantico ablaufenden Schikanen als "lächerlich, kontraproduktiv und dumm" bezeichnet - wurde dieser Herr bekanntermaßen gegangen. Oder vielmehr, er trat, selbstverständlich rein freiwillig, zurück, weil es sonst für den armen unterdrückten US-Präsidenten Barack Obama zu peinlich geworden wäre. Nun betonte Crowley: er bereut nichts. Er findet Whistleblowing zwar total blöd und die USA total toll, aber das, so Crowley, gibt Regierung und Militär weder das Recht, jemanden zu behandeln als wolle man den Reenactment-Award für die realistischste Guantanamo-Darstellung, noch macht es dies zu einer guten Idee. Diese Aussagen sind natürlich in etwa so revolutionär wie "Vanilleeis ist kalt und schmeckt lecker" oder "wer mit einem ungepatchten XP-Rechner auf einem Admin-Account über Dutzende von Warezbörsen surft, könnte sich einen Trojaner einfangen". Trotzdem reichen sie in den USA offenbar, um den US-Präsidenten in eine so peinliche Situation zu bringen, dass man deswegen zurücktreten muss. Das erinnert an eine vielzitierte Aussage George Orwells: "Freiheit ist die Freiheit, zu sagen, dass eins und eins zwei ergibt. Wenn das gegeben ist, folgt alles andere." Crowley hat offenbar genau dies gesagt. Die Rückschlüsse über den Zustand der Freiheit im Land der Freien und Tapferen darf der geneigte Leser selbst ziehen.

Auf dem Weg zur Weltherrschaft

Auf dem Weg zur Weltherrschaft

Auch sonst war wieder einiges los im Städtchen. Freuen durften sich beispielsweise die Entwickler von Mozilla Firefox, deren neuestes Produkt mit guten Benchmarks und rekordverdächtigen Download-Zahlen glänzt. Vorbei offenbar die Zeiten, in denen "FF" ebenso gut auch für "fetter Fuchs" hätte stehen können angesichts von Ladezeiten und Speicherverbrauch. Weniger freuen dürften sich dagegen einige kanadische WoW-Süchtige, denen eine Filesharing-Limitierung des Providers kurzerhand den Spielspaß verdarb. Ob Provider Rogers Communications da wusste, was er tat? Filesharer und Verbraucherschützer gegen sich aufzubringen, ist ja das eine. Aber unter Entzugserscheinungen leidende WoW-Spieler als Gegner? Dagegen war das antike Sparta ein Ponyhof. Auf einem solchen muss auch aufgewachsen sein, wer auf die derzeit kursierende neue Ransomware-Software hereinfällt. Diese behauptet, sie sei vom BKA, habe Kinderpornos und Terrormails gefunden und würde das System jetzt sperren, aber selbstverständlich gegen Zahlung einer Summe von 100 Euro an die Mailadresse "Bundeskriminalamt@yahoo.com" wieder freigeben. Da will man doch wirklich die Adressen der Opfer haben. Dann braucht man sich nämlich nur noch spitze Latexohren anzukleben und in irgendeinem LARP-Shop mit Klamotten einzudecken, bei denen an der Tür zu klingeln und zu sagen, man komme aus dem Elbenwald und suche Helfer im Kampf gegen den dunklen Lord. Schon hätte man eine loyale - wenn auch nicht allzu helle - Privatarmee und den Weltherrschaftsplänen steht nichts mehr im Wege. Weitere Kurzmeldung: Bei den Big Brother Awards wurden wieder Datenkraken, Schnüffler und Allzuneugierige geehrt. Die Liste der Preisträger kann sich sehen lassen. Oder vielleicht war auch alles ganz anders, denn bei einer Veranstaltung, die am 1. April in Bielefeld stattfindet, weiß man nie so genau.

Aber das tut man ja eh selten. Dafür ist die Realität einfach zu verrückt. Wir wünschen weiterhin viel Spaß damit; macht es gut, habt eine schöne Woche mit oder ohne Elfenöhrchen und verkauft nicht versehentlich Waffen an irre Messerstecher. Bis nächsten Sonntag.

Bild-Quellen: "Piotrus" unter CC-BY-SA-2.5 via Wikimedia Commons

Annika Kremer (g+) am Sonntag, 03.04.2011 13:38 Uhr

Tags: wochenrückblick zensursoftware zensur nasa rustock gulli glosse vorratsdatenspeicherung april bradley manning pj crowley

 
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6 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Annika_Kremer am 10.04.2011 12:10:25

    Erst einmal danke für dein Lob :) freut mich, dass dir meine Sachen gefallen. Von mir gibt es einige weitere Glossen hier zu lesen. Was ist denn "Generation Raubkopierer" für ein Buch? Das kenne ich ehrlich gesagt gar nicht (mein Thema ist ja eher IT-Sicherheit und Netzpolitik als Urheberrecht). ...

  • WilliManilli am 10.04.2011 10:48:23

    Deine Glossen lesen sich wirklich gut, Annika :T Ich bin ja eh ein Freund des gediegenen Zynismus mit zarten Tendenzen zum Sarkasmus (dieser Drahtseilakt gelingt Dir). Gibt's mehr von Dir zu lesen? Tipp von mir: Schreib ein Buch, so was wie "Generation Raubkopierer", sonst mach ich das :D ...

  • Akira1993 am 05.04.2011 07:31:29

    Danke annika! Sehr schön geschriebene Glosse :) ...

  • TRON2 am 03.04.2011 18:50:39

    Routiniert gut. ...

  • Juuichi am 03.04.2011 15:25:52

    Dann braucht man sich nämlich nur noch spitze Latexohren anzukleben und in irgendeinem LARP-Shop mit Klamotten einzudecken, bei denen an der Tür zu klingeln und zu sagen, man komme aus dem Elbenwald und suche Helfer im Kampf gegen den dunklen Lord. Schon hätte man eine loyale - wenn auch nich ...

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