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Deckel drauf: Die Gulli-Glosse (Woche 22/2009)

Wieder einmal ist eine Woche vergangen und es ist Zeit, zurückzublicken, in diesem Fall auf eine Woche, die vom Sommerloch trotz des teilweise schon sehr sonnigen Wetters noch nichts erahnen ließ.

Die Woche begann, unter anderem, mit einer weiteren Lektion im Bereich Kulturwissenschaft. gulli-Leser durften sich wieder einmal mit einer der britischen Spezialitäten erfreuen, sind die Bewohner der Insel doch für einige ganz spezielle Dinge bekannt, darunter Linksverkehr, Dauerregen, Fish and Chips und Datenskandale. Insbesondere letztere Tradition kann sich über einen Mangel an Brauchtumspflege nun beim besten Willen nicht beklagen. Den letzten Beitrag dazu, diesen schönen Brauch lebendig zu halten, leistete nun die Royal Air Force: Daten von rund 50.000 Angestellten kamen den Militärs abhanden. Verschwörungstheoretiker werden dafür wahrscheinlich die UFOs verantwortlich machen, denen Piloten ja angeblich des Öfteren begegnen. Alle anderen können nur wieder einmal fasziniert auf das ganz besondere Händchen der Briten mit sensiblen Daten schauen.

Zu den Verlustmeldungen dieser Woche gehören nicht nur zahlreiche britische Daten, sondern auch das für den 5. Juni in Karlsruhe geplante Intel Friday Night Game. Dieses nämlich sorgte bereits im Vorfeld für heftige Diskussionen in der politischen Landschaft der Stadt - für die einen ist es Counterstrike, für die anderen die wahrscheinlich blutigste Tötungstrainingssoftware der Welt. Kurz bevor diese Differenzen in einer finalen Entscheidung gemündet wären, machte der Veranstalter des Terrorcamps eSport-Events dem Trauerspiel ein Ende und verkündete freiwillig die Absage der Veranstaltung, da man befürchtete, für den Karlsruher Wahlkampf instrumentalisiert zu werden. Reaktiv schafften es die konservativen Spielegegner, das bisher dargebotene Stilniveau noch zu unterbieten und den taktischen Rückzug der eSportler als Sieg der eigenen Seite zu feiern. Ein paar Seitenhiebe gegen gefährliche Killerspiele und die geradezu reflexartige Forderung nach deren Verbot durften natürlich auch nicht fehlen. Einigen Spielefans wurde es daraufhin zu bunt und sie zogen aus, zu beweisen, dass Computerspieler auch andere Demos kennen als die von ihren erfolgreichsten Ligamatches. Bleibt nur zu hoffen, dass sie genügend Teammates zusammenbekommen und am Abend des Protestes nicht von den Admins in grüner blauer Kleidung der Map verwiesen werden. Auch auf das sonst gewohnte Mitführen einer Bombe sollten die Counterstriker wahrscheinlich in diesem Fall besser verzichten.

Bekanntlich eine ebenso große Gefahr für die abendländische Zivilisation wie gefährliche Killerspiele ist ein freies, unzensiertes Internet. Um dieser Bedrohung Einhalt zu gebieten arbeiten ja konservative Kräfte mit Hochtouren an der flächendeckenden Einführung von DNS-Sperren. Zur Begründung dieser Maßnahme wird die Bekämpfung der Kinderpornographie herangezogen. Wer sich gegen diese Sperren ausspricht, ist, wie die Damen und Herren von der Leyen, Uhl, Wellenreuther und Co. nicht müde werden zu betonen, sowieso irgendwie unethisch. In ihrem heroischen Tun mussten die Weißen Ritter der Großen Koalition (heroisch unterstützt ausgerechnet vom IT-Branchenverband BITKOM) jedoch in der vergangenen Woche einen herben Dämpfer wegstecken, erdreisteten sich Aktivisten des Arbeitskreises gegen Internetsperren und Zensur doch einfach, die auf den Sperrlisten aufgeführten Seiten zu löschen! Ganze 60 Seiten in zwölf Stunden konnten so entfernt werden. Beachtlich, angesichts der Tatsache, dass Regierung und Polizei das in weit längerer Zeit und mit größeren finanziellen und logistischen Mitteln nicht schaffen. Spielefans würden sich nun fragen, ob die Aktivisten wohl ganz dreist cheaten? Oder hatten etwa die datenstehlenden englischen Aliens ihre grünen Finger im Spiel? Oder aber hat man vielleicht auf Seiten der Netzsperren-Befürworter gar kein Interesse an einer Löschung der Seiten? Immerhin erfüllen sie so, wie sie sind, den nicht unpraktischen Zweck, ein Argument für Netzsperren zu liefern. Diese Denkweise allerdings wäre - irgendwie unethisch?

Die schwedische Regierung bewies kurz darauf, dass sie der Karlsruher CDU in Sachen Stilgefühl in keinster Weise nachsteht. So lehnte sich die schwedische Kultusministerin Lena Adelsohn-Liljeroth mit ihren Aussagen über das Urteil gegen The Pirate Bay (das sie natürlich sehr begrüßte) so weit aus dem Fenster, dass einige Kritiker schon Beeinflussung des Gerichts befürchteten. Vielleicht sollten sie dort oben ein paar Austausch-Handlungen vornehmen und in Zukunft die Elche regieren lassen, während die Politiker als Touristenattraktion durch die Wälder ziehen. Kompetenz und Unterhaltungswert könnten dabei wahrscheinlich nur gewinnen.

Eine weitere Erkenntnis der letzten Woche: Das Lied vom Tod sollten Nadeldrucker ihrem Besitzer lieber nicht vorspielen, sonst wird dieser womöglich bald als Terrorverdächtiger verhaftet, gelang es doch einer Gruppe von Wissenschaftlern, anhand der Druckgeräusche auf den Inhalt der gedruckten Seiten zu schließen. Eine clevere Entdeckung, die leider geschätzte zehn Jahre zu spät kommt, denn wer verwendet im Jahr 2009 noch Nadeldrucker? Nun ja, angesichts ihrer üblichen Geschwindigkeit bei der Anpassung an technische Neuerungen wären unsere Spitzenpolitiker mögliche Kandidaten. Vielleicht benutzen sie die Dinger ja, um das Internet auszudrucken.

Der Bundestrojaner, auch das eines der Themen, die uns letzte Woche bewegten, soll demnächst womöglich ein zweites Zuhause bekommen und auch beim Verfassungsschutz seinen Dienst versehen. Wirklich wundern können solche Forderungen wohl leider niemanden mehr. Verwunderlich ist allerdings, dass angesichts solch grundgesetzwidriger Ideen noch niemand den Begriff "Verfassungsschutz" für einen Satire-Preis vorgeschlagen hat. Man würde sich totlachen, wäre diese ganze Angelegenheit nicht so verdammt traurig.

Als wären Killerspiele und Kinderpornos noch nicht genug, waren letzte Woche auch Bombenbauanleitungen (wobei viele wohl den Begriff "Bombenanbauanleitungen" mittlerweile bevorzugen) wieder groß in den Schlagzeilen. Deren "gezielte Verbreitung" nämlich soll nach einem nun gefassten Beschluss des Bundestages strafbar sein und in bis zu zehn Jahren Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen resultieren. Angesichts des bombastischen Namens, den man sich für diese Handlung ausgedacht hat, muss man fast schon froh sein, dass es nicht direkt dafür nach Guantanamo Bay geht: Als "schwere staatsgefährdende Gewalttat" soll das Verbreiten von Bombenanbauanleitungen (ebenso wie der Besuch von Terrorcamps) gelten. Aufmerksame Beobachter mögen sich fragen, wobei in einem solchen Fall die "Gewalt" besteht - haben die auch besagte Aliens gestohlen? Oder tut es dem Webserver weh, wenn er derartige Inhalte hosten muss? Auch bezüglich der Staatsgefährdung sind Zweifel nicht zu vermeiden. Ein Staat, der durch einige Bombenanbauanleitungen im Internet schon in seiner Existenz gefährdet ist? Also, entweder, das Delikt trägt den unpassendsten Namen, seit jemand auf die Idee kam, die braune Brühe aus diversen Automaten als "Kaffee" zu bezeichnen - oder aber Deutschland hat ein ernsthaftes Problem. Unabhängig von Namen jedoch sollte man in Zukunft mit einer weiteren Art von Informationen im Internet vorsichtig umgehen -zumindest sollte man seine staatsgefährdenden gewalttätigen Chemie-Skripte wohl nicht auf einem Nadeldrucker ausdrucken.

Bei wem es dann doch soweit ist, dass er irgendeiner Straftat verdächtigt wird, der sollte sich bei der Beweismittelvernichtung lieber kein Beispiel an einem Nordeuropäer nehmen, der seinen Rechner kurzerhand in den Fluss warf. Die so misshandelte Festplatte war zwar ein Totalschaden, die darauf befindlichen Daten (ob es sich um Killerspiele, Bombenanbauanleitungen oder noch etwas anderes handelte, ist nicht bekannt) ließen sich aber komplett wiederherstellen. Vielleicht wäre die sicherste Methode, die Festplatte loszuwerden, sie den Briten zu geben und diese zu bitten, gut darauf aufzupassen. Obwohl - angesichts der Wahrscheinlichkeit, dass die Daten anschließend im Internet auftauchen, ist das wohl auch keine allzu gute Idee.

Mit diesen guten Ratschlägen soll dieser Wochenrückblick schließen. Man darf gespannt sein, was die nächsten sieben Tage bringen - allen gulli:Usern sei auf jeden Fall eine erfolgreiche Woche gewünscht. Lasst euch nicht von den Aliens entführen!

(Annika Kremer)

News Redaktion am Montag, 01.06.2009 02:35 Uhr

tagsTags: großbritannien wochenrückblick killerspiel cdu bundestrojaner uhl internetsperren dns-sperren verfassungsschutz esport schweden deckel drauf counterstrike datenskandal ifng intel friday night game grundgesetz karlsruhe zensur ursula von der leyen the pirate bay beweismittelvernichtung datenrettung internetausdrucker nadeldrucker royal air force staatsschutzstrafrecht ingo wellenreuther netzsperre gulli glosse online-durchsuchung kinderporno

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16 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • am 03.06.2009 14:05:09

    Ich denke, ich werde diese in Zukunft öfter mal übernehmen. *freu* :T Du und francesco, ihr seit die besten Autoren. ...

  • bundaf am 03.06.2009 11:45:19

    @Annika: Beste Glosse, die hier je geschrieben wurde, bzw, erste, die den Namen "Glosse" überhaupt verdient! Öfter? Du solltest die IMMER schreiben :T immer noch kichernd... bundaf ...

  • Sempralon am 02.06.2009 08:20:00

    Jouh ... das trifft es ! Ich schlage vor, alle Festplatten mit einer Kapsel zu versehen, deren Inhalt den/die Datenträger im Gehäuse sicher auflöst ! Eine "Terroristen-Festplatte" quasi und dann ein OS in der Terroristedition drauf ! ... selbstvertändlich müssen alle die eine solche HDD erwe ...

  • Annika_Kremer am 02.06.2009 03:04:02

    Danke für die positiven Kommentare zu meiner ersten Gulli-Glosse. Ich denke, ich werde diese in Zukunft öfter mal übernehmen. ...

  • xzeNji am 01.06.2009 21:11:44

    Tolles Posting! Hab sehr gelacht.:T ...

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