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Privatermittler geben Tipps zur Diskreditierung von WikiLeaks

WikiLeaks (Logo)

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Eine Gruppe von im Auftrag der Bank of America (BoA) arbeitenden Privatermittler-Unternehmen befasste sich offenbar mit der Whistleblowing-Plattform WikiLeaks. Dabei wurde WikiLeaks nicht nur analysiert, sondern es wurden auch Tipps zur Schädigung des Projekts gegeben. Die Professionalität der Ermittler ist allerdings zweifelhaft.

Das Dokument, das mittlerweile selbst auf WikiLeaks veröffentlicht wurde, trägt den Titel "The WikiLeaks Threat" ("Die WikiLeaks-Bedrohung"). Aufgrund einiger Bezugnahmen im Inhalt lässt es sich auf Anfang Dezember 2010 datieren. Verantwortlich zeichnen für das Dokument drei "data intelligence companies" - auf den Bereich Internet und IT-Sicherheit spezialisierte Privatermittler. Konkret handelt es sich um die Unternehmen "Palantir Technologies", "HBGary Federal" und "Berico Technologies". 

Bank of America (Logo)

Bank of America (Logo)

Die Unternehmen arbeiteten offenbar im Auftrag der Anwaltskanzlei "Hunton and Williams", die wiederum von der BoA beauftragt wurde. Einem Bericht des Tech Herald zufolge wurde der BoA diese Anwaltskanzlei vom US-Justizministerium empfohlen.

Das Interesse der BoA an WikiLeaks ist leicht erklärbar: WikiLeaks-Sprecher Julian Assange hatte Ende November 2010 medienwirksam angekündigt, demnächst kompromittierende Interna einer bekannten US-Großbank leaken zu wollen (gulli:News berichtete). Seitdem gibt es hartnäckige Gerüchte, die BoA sei das Ziel des bevorstehenden Leaks. Davon fühlt sich die Bank offenbar bedroht - weswegen man wohl zu den im Dokument beschriebenen Mitteln griff. 

Julian Assange

Julian Assange

Das Dokument erhält im ersten Teil Informationen über WikiLeaks. Es beginnt mit einem kurzen Abriss der Geschichte des Projekts. Darauf folgen Informationen über die Organisationsstruktur und personelle Situation. Abgerundet wird dieser Teil durch einen kurzen Steckbrief - biographische Daten sowie einige Grundzüge der laufenden Ermittlungen - des prominentesten Mitarbeiters, Julian Assange. Hier werden jedoch bereits die Probleme des Dokuments deutlich. Kaum eine der präsentierten Informationen geht über das hinaus, was eine Internet-Recherche mit Hilfe gängiger Suchmaschinen zu Tage fördern würde. Die meisten der dargestellten Fakten waren bereits Thema von Analysen und Medienberichten. 

Anschließend folgt eine grafische Darstellung der personellen Situation von WikiLeaks. Diese ist für sich genommen durchaus interessant. Auch hier sind jedoch keine sensationellen Enthüllungen zu erwarten. Zudem sind einige der dargestellten Informationen zweifelhaft. So wird John Shipton als "bestätigter Angestellter" von WikiLeaks (also einer der fünf angeblichen Mitarbeiter des harten Kerns) bezeichnet. In der Tat war dieser wohl zum Zeitpunkt des Berichts als Domain-Inhaber der Domain "wikileaks.com" eingetragen. Wie jedoch ein Blick in Assanges Wikipedia-Artikel schnell deutlich macht, handelt es sich bei "John Shipton" um den biologischen Vater Julian Assanges. Es ist anzunehmen, dass Assange die Domain unter dessen Namen registriert hat. Bei WikiLeaks mitgearbeitet hat Shipton jedoch wohl nie. Ansonsten jedoch kennt man außer Assange keinen der festen Angestellten, wobei man sich offenbar bei den prominenten Unterstützern Jacob Appelbaum und Kristinn Hrafnsson nicht sicher ist, ob diese womöglich zum "inner circle" gehören. Somit hat man offenbar in etwa den selben Wissensstand wie die interessierte Öffentlichkeit. Ein anderer Eintrag dagegen zeugt von eher geringer Sorgfalt bei der Recherche: der ehemalige deutsche Sprecher des Projekts wird zwar korrekt als Aussteiger gelistet, aber noch unter seinem Pseudonym "Daniel Schmitt" aufgeführt. Der reale Name, Daniel Domscheit-Berg, war jedoch seit dem Ausstieg des Deutschen Ende September 2010 öffentlich bekannt. 

Glenn Greenwald

Glenn Greenwald

Eine eigene Seite wird dem US-Journalisten Glenn Greenwald gewidmet (dieser wird übrigens unerklärlicherweise an einigen Stellen mit dem Vornamen bezeichnet, ebenso wie Assange, bei dem noch dazu die falsche Schreibweise "Julien" verwendet wird). Greenwald ist ein US-amerikanischer Journalist und ehemaliger Jurist. Er ist als ausgesprochener Unterstützer von WikiLeaks und Kritiker der US-Regierung - aber auch der konservativen Opposition - bekannt. Greenwald, so der Bericht, habe WikiLeaks neben seiner Berichterstattung auch bei der Umstellung von Amazon auf einen anderen Hosting-Dienst geholfen. Leute wie Greenwald, so die Einschätzung des Berichts, seien "etablierte Profis, die eine liberale Einstellung [in den USA hat der Begriff eine etwas andere Bedeutung als in Deutschland, Anm. d. Red.] haben, aber letztendlich werden die meisten, wenn man sie unter Druck setzt, den Schutz ihrer Karriere über die Sache stellen, so ist die Mentalität der meisten Profis." Dies impliziert offenbar die Idee, Druck auf die Presse auszuüben, um diese von einer WikiLeaks-freundlichen Berichterstattung abzuhalten. WikiLeaks, so die Einschätzung der Autoren, könne ohne die Unterstützung von Leuten wie Greenwald nicht weiter arbeiten. Greenwald veröffentlichte in seiner Kolumne eine Antwort auf die Vorgänge. Er argumentiert dort, dass trotz der offensichtlichen Schwächen des Berichts derartige Vorgänge ernst genommen werden sollten, da sie auf eine grundlegende Problematik hinweisen.

Auf die Äußerungen über Greenwald folgt eine Analyse der technischen Infrastruktur von WikiLeaks. Diese ist jedoch nicht besonders interessant; es handelt sich lediglich um aus der Presse bekannte Informationen über die verwendeten Hosting-Unternehmen sowie eine mit Hilfe von Tools wie traceroute und whois erstellte Liste aktiver Server.

Von den Analysten verwendetes Foto des Eingangs zum schwedischen Rechenzentrum des Providers Bahnhof. Auch WikiLeaks hostet hier viele seiner Ressourcen.

Von den Analysten verwendetes Foto des Eingangs zum schwedischen Rechenzentrum des Providers Bahnhof. Auch WikiLeaks hostet hier viele seiner Ressourcen.

Den nächsten Teil des Dokuments bildet eine Analyse der Schwächen und Stärken von WikiLeaks sowie möglicher Angriffsvektoren. Als Stärke wird vor allem der flexible personelle und technische Aufbau von WikiLeaks betrachtet, der es dem Projekt ermöglicht, schnell und kreativ auf Probleme zu reagieren. Zudem wird die absolute Loyalität vieler Unterstützer zu Julian Assange als Vorteil genannt. Als Schwäche sehen die Analysten vor allem den steigenden "finanziellen Druck". Dieser beruht auf - womöglich auf Druck der US-Regierung zustande gekommenen - Kündigungen des Geschäftsverhältnisses durch mehrere wichtige Finanzdienstleister. Daneben planen die Analysten offenbar auch, das Vertrauen von Quellen und Öffentlichkeit in die technische Infrastruktur von WikiLeaks zu untergraben: "Sicherheit: Notwendigkeit, an den schwedischen Server zum Einreichen von Dokumenten heranzukommen. Notwendigkeit, Zweifel an ihrer Sicherheit entstehen zu lassen und das Bewusstsein dafür zu verbessern, dass eine Interaktion mit WikiLeaks einen gefährdet." Auch interne Streitigkeiten sieht man als Schwäche: "Es gibt einen Bruch zwischen den Unterstützern aufgrund der Überzeugung, dass [Assange] sich von der gemeinsamen Sache entfernt und seine eigene Mission, nämlich die USA anzugreifen, gewählt hat.

WL wird aufgrund aktueller Geschehnisse als geschwächt und unter großem Stress stehend angesehen. Dies könne man für sich nutzen, so die Analysten. Dafür, WikiLeaks zeitnah zu analysieren und auszuforschen, bieten die Unternehmen sich und ihre angeblich umfassende Expertise in Bereichen wie Cyber-Sicherheit, der Analyse von Insider-Bedrohungen und Social Media natürlich gerne an.

Logos der beteiligten Unternehmen

Logos der beteiligten Unternehmen

Zum Abschluss gibt es (neben sehr viel Werbung für die verantwortlichen Unternehmen) noch einige Tipps, wie WikiLeaks beizukommen ist. "Die Stimmung zwischen verfeindeten Gruppen anheizen. Desinformation. Nachrichten erstellen […], um die gegnerische Organisation zu sabotieren oder zu diskreditieren. Gefälschte Dokumente einreichen und dann den Fehler öffentlich machen," heißt es dort. Daneben will man das Vertrauen der Menschen in die Infrastruktur von WikiLeaks untergraben, indem man beispielsweise Geschichten über enttarnte Informanten verbreitet. "Wenn der Prozess als nicht sicher angesehen wird, sind sie am Ende," so die Einschätzung der Analysten. Man will auch Quellen mit Hilfe von "Cyber-Angriffen auf die [technische] Infrastruktur" identifizieren. Dies, so versprechen die Ermittler, würde "das Projekt töten". Man schlägt außerdem eine Medienkampagne vor, die sich auf die "radikalen und rücksichtslosen ["reckless"] Ideen" von WikiLeaks konzentriert. Diese, so glaubt man, werde zwar "bei den Fanatikern nichts helfen". Unter den "Moderaten" könne sie aber "Besorgnis und Zweifel auslösen". Last but not least will man auch innerhalb der WikiLeaks-Unterstützer nach potentiellen Informanten suchen, indem man unter anderem Social Networks durchforstet.

Angenommen, das Dokument ist echt - wofür die eher defensive Reaktion der Beteiligten auf Nachfragen zum Thema spricht - bietet es für WikiLeaks-Sympathisanten ebenso wie für Medienvertreter Stoff zum Nachdenken. Zwar ist das vorliegende Beispiel eher dilettantischer Natur. Der offensichtliche Versuch eines namhaften Unternehmens, unliebsame Wahrheiten in dieser Form zu unterdrücken, ist jedoch trotzdem durchaus relevant. Es ist anzunehmen, dass dies in nächster Zeit noch Stoff für zahlreiche Diskussionen sein wird. 

Bild-Quellen: Glenn Greenwald unter CC-BY-SA 2.5 via Wikimedia Commons

Annika Kremer am Samstag, 12.02.2011 16:12 Uhr

tagsTags: whistleblowing julian assange wikileaks bank of america jacob appelbaum kristinn hrafnsson daniel domscheit-berg glenn greenwald

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29 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Chibo am 15.02.2011 12:37:27

    Ich stimme dir grundsätzlich zu, habe aber den Eindruck Wikileaks sei ein Zoo und 95% der Besucher scharen sich vor dem Andenkenshop, wo eine Massenschlägerei ausgebrochen ist :D Ich verstehe den Vergleich nicht so ganz und trotzdem erscheint er mir unglaublich ...

  • Shodan_v2-3 am 13.02.2011 22:33:02

    Eine gesund kritische Meinung ist jedenfalls besser, als Wikileaks grundsätzlich für bare Münze zu nehmen. Ich stimme dir grundsätzlich zu, habe aber den Eindruck Wikileaks sei ein Zoo und 95% der Besucher scharen sich vor dem Andenkenshop, wo eine Massensch ...

  • TRON2 am 13.02.2011 21:10:27

    Das Wettbewerbsthema ist extrem interessant. Aber ich glaube kaum, dass News-Redakteure da mitmachen können und sollten. ;) Sind bestimmt auch nicht ausgeschlossen und du bist sowieso mehr beim Thema als viele andere. Da ja 0 Fehlertoleranz herrscht, bin ich d ...

  • VacuumCleaner am 13.02.2011 21:01:03

    WikiLeaks ist böse, die Leaks sind Lügen und Regierungen, Banken und andere große Unternehmen würden sich niemals dazu herablassen ihre Kritiker zu diskreditieren um in der öffentlichen Meinung besser da zu stehen :beer: Eine gesund kritische Meinung ist j ...

  • Annika_Kremer am 13.02.2011 20:42:30

    Das Wettbewerbsthema ist extrem interessant. Aber ich glaube kaum, dass News-Redakteure da mitmachen können und sollten. ;) ...

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