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Wikimedia e.V. gründet gemeinnützigen e.V. (Wiederveröffentlichung)

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Ende September letzten Jahres veröffentlichte Rechtsanwalt Markus Kompa den nachfolgenden Artikel auf Telepolis, der wenig später ohne Angabe von Gründen entfernt wurde. Um zu verhindern, dass der Inhalt in Vergessenheit gerät, haben wir den Autor und den Heise Verlag um Erlaubnis gebeten, den Artikel erneut zu publizieren. Auch die Wikimedia Deutschland wurde um eine Stellungnahme gebeten.

Geheime Verhandlungen stellen Vereinsmitglieder vor vollendete Tatsachen

 

Markus Kompa 29.09.2010 
Quelle: Telepolis

Als sich der erste Vorsitzende Sebastian "Sebmol" Moleski im Mai dem Verein "Wikimedia Deutschland e.V." (WMD e.V.) zur Wiederwahl stellte, bewahrte er vor seinen Wählern ein pikantes Geheimnis: Seit Ende 2009 stand nämlich fest, dass das Chapters Agreement zwischen der Wikimedia Foundation, San Francisco und dem deutschen Verein zum Jahresende auslief. Denn die Amerikaner haben mit dem deutschen Partner eine Rechnung offen: Für die jährliche Lizenz fordert die Foundation in San Francisco einen Großteil des Spendenaufkommens, der Schätzungen zufolge bei 50 % liegen soll (in den Niederlanden sind es 75 %). Das Problem ist jedoch, dass WMD e.V. die Spenden nicht in cash über über den Atlantik reichen darf, denn das wäre mit dem Status der Gemeinnützigkeit unvereinbar. 

WMD gibt vor, offiziell rechtlich eher wenig mit der Wikipedia bzw. der Foundation zu tun zu haben. Die Wikipedia - auch die deutschsprachige - wird in den USA von der Foundation gehostet - praktisch, da es auf diese Weise in Deutschland keinen haftenden Ansprechpartner bei rechtlichen Problemen zu geben scheint. Auch bei der jährlichen Spendenkampagne, zweckmäßig immer während der Geberlaune stimulierenden Vorweihnachtszeit, wurde WMD e.V. stets über ein Werbebanner innerhalb der Wikipedia als Geldempfänger angepriesen, was letztes Jahr 614.000,- Euro in die Kassen des so ehrenamtlichen Vereins spülte. Diesmal peilt man laut Finanzbericht 2009 stolze 1.087.000,00 Euro an.

Obwohl WMD e.V. es offensichtlich billigend in Kauf nimmt, dass viele Spender vermeintlich "für die Wikipedia" spenden, hat der Verein weder mit den Inhalten, noch mit dem Hosting sonderlich viel zu tun. Gerade einmal 5,6% der erwirtschafteten Einnahmen fließen in Technik wie angemietete Server in Amsterdam, die als Zwischenspeicher die Server in den USA entlasten und den Traffic beschleunigen. 

Inwieweit die restlichen Spenden wirklich der Wikipedia Nutzen stiften, ist Ansichtssache. Dem Verein sind allein Geschäftsstelle, Vereinsarbeit, Fundraising, Rechts- und Steuerberatung etc. rund 258.000,00 Euro wert. Barem ohne Gegenleistung ist man natürlich aufgeschlossen, das funktionierende Geschäftsmodell scheint den Beteiligten zu gefallen und löst Begehrlichkeiten aus. So hat man etwa eine Hand voll bezahlte bzw. mit großzügigen Reisekosten ausgestattete Pöstchen geschaffen, etwa eine "Community-Beauftragte", einen "Lobbyisten" und eine Pressesprecherin - weil der ebenfalls gut verdienende Geschäftsführer damit alleine offenbar überfordert wäre. Einen Spezialisten für Fundraising gibt es natürlich auch, der offenbar darüber wacht, dass jede Email mit einem Spendenaufruf versehen wird, seit gestern gibt es einen "Qualitätsreferenten".

Doch auch die bislang ehrenamtlichen Vorstände denken inzwischen offen über eine teilweise hauptamtliche Anstellung nach. Bis dato mussten sich die WMD e.V.-Eliten mit läppischen Dienstreisen zu internationalen Wikipedia-Partys rund um den Globus zufrieden geben. Die Gehälter und Spesen der Bediensteten des gemeinnützigen Vereins werden trotz Kritik nicht explizit offen gelegt. Das Deutsche Spendensiegel wurde gar nicht erst beantragt, was mit dem Gebot von Transparenz und einer lästiger Bilanzprüfung u.a. auf sachliche Verwendung der Mittel verbunden wäre, zumal auch hier die Begehrlichkeiten aus den USA schaden.

Da die geforderten Anteile der Spendeneinnahmen nicht an die Foundation weitergespendet werden durften, hielt man sich bislang die amerikanischen Partner bei Laune, indem man in Deutschland etliche internationale Wikipedianer-Conventions veranstaltete oder großzügig die Flugtickets von Gästen ferner Chapter etwa zur Wikimania 2009 in Buenos Aires mit üppigen 75.384,16 Euro sponserte. Ob diese Partys des internationalen Wiki-JetSets wirklich im Sinne der Wikipedia-Spender sind, mag dahinstehen; die Autoren jedenfalls haben eher wenig davon.

Nunmehr besteht die Foundation auf unmittelbarer Überweisung der Beute, eine Fundraising-Vereinbarung wurde erst einmal nicht unterzeichnet. In finanziellen Dingen verstehen die Amerikaner keinen Spaß. Auch, wenn es bislang verheimlicht wurde, ist WMD e.V. seit Jahresanfang als Chapter der Wikimedia Foundation also nur noch geduldet. Hierzu gehört etwa die Nutzung des als Puzzleball ausgestalteten Wikipedia- Logos, das - welch Ironie - gerade nicht zum freien Wissen gehört.

Auf der diesjährigen Wikimania in Danzig war die bedröppelte WMD e.V.-Delegation nicht einmal auf die VIP-Party gelassen worden. Die deutschen Vereins- Enzyklopädisten mussten damit rechnen, dass ihnen zum Jahresende das in den USA kontrollierte Spendenbanner nicht aus alter Freundschaft Willen wieder freigeschaltet werden würde, sondern nur gegen harte Dollars und Euros.

Im Juni hatte Moleski sogar in San Francisco eine Anwaltskanzlei mit Verhandlungen gegenüber der Foundation beauftragt, anscheinend ohne den gewünschten Erfolg. Schließlich begaben sich Moleski und seine Getreuen in halbwegs geheimer Mission selbst nach San Francisco, um die Wogen zu glätten. Ergänzung: Hier merkte RA Feldmann an, dass man eine Anwaltskanzlei pro bono mit der Prüfung beauftragt habe, nicht mit "Verhandlungen". "Offenbar handelte sich nicht um "Verhandlungen", sondern eine Rechtsberatung. 

Derweil wurde die Entmachtung der einfachen Vereinsmitglieder von WMD unterschwellig vorangetrieben. So hatte man den Mitgliedern eine "AG Verantwortungsstruktur" mit zum Teil externen Dienstleistern untergejubelt, in der hinter verschlossenen Türen die Zukunft des Vereins diskret geplant werden sollte - ohne lästige Diskussionen. Ohne Wissen und Placet der Hauptversammlung hat man längst mit dem Finanzamt Verhandlungen über eine gemeinnützige GmbH aufgenommen. Erstaunlicherweise waren offenbar nicht einmal alle Mitglieder der "neuen AG Verantwortungstruktur" informiert, etwa Martina Nolte, welche seit diesem Jahr ausdrücklich die Interessen der Vereinsmitglieder vertreten soll.

Rechtzeitig also zum jährlichen Spendenmarathon realisiert man nun die "Wikimedia gGmbH", die nicht dem Recht gemeinnütziger Vereine unterliegt, sondern der Foundation anscheinend geben kann, was der Foundation ist: Money. Die finanzrechtlichen Details sind derzeit nicht transparent. Einziger Gesellschafter der gGmbH wird wohl der Verein werden, wobei die gGmbH der Kontrolle der Vereinsmitglieder noch weniger zugänglich sein wird als der ohnehin schon geheimnisvolle Verein. Die gGmbH wird vom Geschäftsführer gesteuert, ohne dass die einzelnen WMD e.V.-Vereinsmitglieder etwas zu melden hätten. Die Vereinselite stellt das im Dunkeln gehaltene Vereinsvolk, das seine Zeit lieber auf absurde Streitereien über den Donauturm verwendet, vor vollendete Tatsachen.

Es stellt sich die Frage, worum es dem Verein bzw. seinen Meiern wirklich geht. Als bloßer Wikipedia-Fan-Verein, der die deutschsprachige Community zu organisieren hilft und freies Wissen fördert, bedürfte der in Berlin ansässige und unabhängige Verein der Amerikaner nicht. Umgekehrt würde es wohl auch niemand bemerken, wenn dieser Verein von heute auf morgen verschwände, denn für die Wikipedia und ihre ehrenamtliche Community ist der Verein von nahezu keinerlei Relevanz. Niemand also hätte einen Verlust, wenn die Spenden ausblieben - einzig die gut im Speck des vermögenden Vereins sitzenden Angestellten müssten sich dann auf dem Arbeitsmarkt versuchen.

Update: Die neue gGmbH soll Wikimedia Fördergesellschaft mit beschränkter Haftung heißen.

 

Anmerkung: 

Autor Markus Kompa teilt auf Anfrage mit, dass WikiMedia e.V. den Heise-Verlag seines Wissens nicht zur Löschung aufgefordert habe, sondern wohl darauf hingewiesen habe, dass etwa ein Jahresbericht eines falschen Jahrgangs verlinkt worden sei. Auch sei wohl beanstandet worden, dass WikiMedia e.V. vorher nicht um Stellungnahme ersucht wurde, wobei Kompa anmerkt, dass die Pressesprecherin ohnehin nie auf eine Anfrage reagiert habe. Warum der Artikel nicht einfach richtig gestellt, sondern gelöscht wurde, kann Medienanwalt Kompa nicht nachvollziehen. Er hat die Angelegenheit auf sich beruhen lassen, schreibt jedoch für Heise nicht mehr zu Wikipedia. Der Anwalt von WikiMedia e.V., der die formlose Beanstandung vornahm, vertritt übrigens auch den Heise-Verlag, mit dessen Justiziar er ein gemeinsames Buch herausbringt.

Der Beitrag hatte eine Vorgeschichte: Ende 2009 waren nach der missglückten Podiumsdiskussion u.a. im Blog von WikiMedia unwahre wie ehrverletzende Tatsachenbehauptungen über Kompa aufgestellt worden, die Kompa nach ignorierter Abmahnung schließlich gerichtlich untersagen ließ. Der Großteil der persönlichen Differenzen wurde Ende 2010 einvernehmlich beigelegt.

Kompa bedauert, dass WikiMedia e.V. sich seinerzeit nicht in der Sache geäußert oder ein Gespräch gesucht habe, sondern ihn ausschließlich in der Person auf vielfältige Weise in Misskredit zu bringen versuchte, zum Teil hintenherum, was für Wikipedianer geradezu typisch sei. Das Wikipedia-Motto "Keine persönlichen Angriffe" werde weder von Vereinsfunktionären, noch von Admins beherrscht. Das negative Arbeitsklima in der Wikipedia sowie die aktuellen Vereinsquerelen seien kaum ein Zufall.

 

Die Hintergründe des gelöschten Artikels können hier nachgelesen werden. gulli versuchte kurze Zeit später zu ergründen, ob Wikipedia tatsächlich demokratisch aufgebaut ist. Wikimedia Deutschland wurde vor exakt 14 Tagen per Fax um eine Stellungnahme gebeten. Es erfolgte allerdings bis heute keine Antwort.

Bild-Quellen: de.wikipedia.org

Text-Quellen: Markus Kompa

Lars Sobiraj (g+) am Montag, 17.01.2011 06:03 Uhr

Tags: wikimedia wikipedia markus kompa sebastian moleski

vgwort
 
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8 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Isschonwech am 20.01.2011 11:23:25

    Nunmehr besteht die Foundation auf unmittelbarer Überweisung der Beute... lol. so schön ausgedrückt :D werde aber nie verstehen, wie man für sowas freiwillig geld geben kann. ...

  • Reldresal am 20.01.2011 10:20:00

    Der Heise-Verlag liess Kompas Beitrag über Wikimedia in Deutschland e.V. und deren heimliche GmbH-Gründung an den Vereinsmitgliedern vorbei, vom 29. September 2010 samt 200 Leserbriefen ohne weitere Erläuterung gegenüber den Lesern ohne Begründung gegenüber dem Autoren etwa zw ...

  • Farzi am 18.01.2011 02:31:06

    Aboow! So wird aus einer tollen Idee, die tyüisch deute BEamtenscheißerei. Super Wikimedia. Wo muss ich ein Kreuz setzen, damit die deutsche Wiki wieder der egnlischen gleicht? Die deutsche Seite ist verloren. Die Vogonen haben dort das Sagen. Dir bleibt wohl ...

  • ThomasHHH am 17.01.2011 16:02:54

    @ThomasHHH: Klick, unter "Genehmigung". Gilt für die englische Version ebenfalls. Danke! ...

  • DanteConstantin am 17.01.2011 15:00:20

    Aboow! So wird aus einer tollen Idee, die tyüisch deute BEamtenscheißerei. Super Wikimedia. Wo muss ich ein Kreuz setzen, damit die deutsche Wiki wieder der egnlischen gleicht? ...

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