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Deckel drauf! Die Gulli-Glosse (02/2011)

Gulli:Glosse (Logo)

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In einigen Gebieten Deutschlands ist es noch kalt, in anderen geradezu frühlingshaft. Aber nicht nur das Wetter spielt verrückt, auch der Rest der Welt scheint sich angepasst zu haben. Ob politische Eiszeit, windige Geschäfte oder digitaler Shitstorm - wir beleuchten die Großwetterlage der letzten Woche. Die gulli:Glosse - garantiert verlässlicher als der Wetterbericht.

Neben dem Wetter ist für einige Branchen auch das Spiel der Gezeiten wichtig - beispielhaft zu nennen wären hier Seefahrer und Kraftwerksbetreiber. Oder aber die Betreiber von WikiLeaks. In deren Kasse herrscht nämlich Ebbe, wie Julian Assange nun erklärte. Die von ihm genannten Beträge sorgten allerdings für einiges Stirnrunzeln im Netz. Die Summen, mit denen da mal so eben jongliert wurde, kann Assange selbst als Mac-User nicht allein für die technische Infrastruktur ausgeben. Selbst dann nicht, wenn er als waschechter iLemming auch noch Mäuse, Router und externe Festplatten mit angebissenem Apfel kauft, was in etwa eine so zuverlässige Methode zum Ausgeben größerer Geldbeträge ist wie Paris Hilton zum Klamotten-Shopping einzuladen. Wofür aber dann die sechstelligen Summen? Eine Auflistung oder zumindest einige Erklärungen würden Wunder wirken, aber Fehlanzeige, ist doch das Transparenz-Projekt selbst leider in etwa so transparent wie Apples iPhone-Entwicklungsabteilung. Und die Moral von der Geschicht'? Nichts genaues weiß man nicht. Aber auch das Rätselraten ist ja für viele Menschen ein Teil der Faszination bei spannenden Ereignissen. Ansonsten bleibt immer noch das Warten auf die mittlerweile vier angekündigten Enthüllungsbücher. Wenn das so weitergeht, wird "WikiLeaks-Enthüllungsbuch" demnächst ein eigenes Genre.

Weitere Wettervorhersage: es wird wolkig. Cloud Computing eignet sich für so einige spannende Anwendungen. Unter anderem dazu, zu zeigen, dass WPA-PSK nicht so sicher ist, wie viele Leute annehmen. Aber das gilt ja nun für so einige Dinge. Im Falle von Drahtlos-Netzwerken steht wenigstens mit WPA2 noch eine sicherere Alternative zur Verfügung. Allerdings ist fraglich, ob diese sich vor dem Jahr 2020 wird durchsetzen können, wenn man sich überlegt, wie lange es gedauert hat, dem durchschnittlichen Nutzer die Verwendung von WEP (auch bekannt als das "oh klasse, kann ich mal schnell Mail checken" der Vor-UMTS-Ära) abzugewöhnen. Man darf gespannt sein, ob es demnächst zu großflächigen Cloud-Angriffen auf Nachbars WPA-Key kommen wird. Gulli:News hält euch auf dem Laufenden. Über die Angriffe natürlich. Nicht die Keys. Schämt euch.

Wenn allerdings die Bandbreite schneller genutzt wird, als man es sich erklären kann, müssen nicht unbedingt der Nachbarsjunge und die Amazon-Cloud dahinter stecken. Auch nicht die Illuminaten oder die CIA. Womöglich hat man einfach nur Windows Phone 7. Das nämlich macht derzeit durch einen mysteriösen Bug auf sich aufmerksam, der sich in unerklärlich hohem Verbrauch an UMTS-Traffic äußert. Telefonieren die Geräte einfach nur in bester Microsoft-Tradition etwas übereifrig nach hause oder will man so anhand erhöhter Internet-Rechnungen das Preisniveau von Konkurrent Apple erreichen? Wir sind gespannt. 

Was gut ist, kommt wieder, sagt man. Das Sprichwort ließe sich ergänzen: was eigentlich fast niemand mag oder braucht, auch. Beispielsweise Spam. Kaum jemand hat die Werbung für Viagra, Penisvergrößerungen und Sofortkredite in seiner Mailbox wirklich vermisst, als sie zwischenzeitlich in geringerer Stückzahl verschickt wurde. Trotzdem wurde nun das Spam-Aukommen wieder auf die vor der Pause beobachteten Werte erhöht. Die inaktivere Phase wurde offenbar nur genutzt, um die verwendete Infrastruktur moderner, sicherer und zuverlässiger zu machen. Wieder einmal können wir nur sagen: würden sich doch mehr Unternehmen und Behörden ein Beispiel an der Cybercrime-Branche nehmen. Stattdessen wartet man dort teilweise vermutlich noch auf die Installation des Service Pack 2 auf den Windows-XP-Rechnern und überlegt verzweifelt, ob "Rechteverwaltung" wieder was mit den neuen Anti-Diskriminierungs-Gesetzen zu tun hat. Und Microsoft selbst ist kaum besser. Bestes Beispiel dafür ist die derzeit aktuelle CSS-Schwachstelle im Internet Explorer. Stellte man sich dort bisher auf den Standpunkt "solange es keiner ausnutzt, brauchen wir es auch nicht zu patchen" ist man nun aus gegebenem Anlass zu "so lange es nur ein paar Leute ausnutzen, brauchen wir es auch nicht zu patchen" übergegangen. Die Einführung der Stufe "solange überhaupt noch irgendein Rechner fehlerfrei funktioniert, brauchen wir es auch nicht zu patchen" ist nur noch eine Frage der Zeit. Ich glaube, die Risiko-Einschätzung von Microsoft und BKA-Chef Jörg Ziercke ist jeweils so völlig fernab jeder Realität, dass das statistische Mittel ein Ideal sowohl für IT-Unternehmer als auch für Minister und Ermittler darstellen dürfte. Stellt sich nur die Frage nach der Umsetzung…

Dass man sich beim Sex etwas einfangen kann, ist nun keine sonderlich neue Nachricht. Für Aufsehen sorgten allerdings in der vergangenen Woche mit Computerviren verseuchte Kamasutra-Präsentationen. Neben Stellungen wie "Der Frosch", "Schubkarre" oder die "Lyoner Postkutsche" wurde auch Schadcode mitgeliefert, der dann den Rechner infizierte. Da half auch kein Kondom, sondern nur der Apfel anstatt - entweder erotischer PPTs oder PC, das konnte man sich aussuchen. Anderenfalls hatten Rechner und Benutzer das selbe Problem: Gedanken und Entscheidungen kamen nicht mehr von der erwarteten und erwünschten Stelle.

In den USA will die Polizei nun wissen, welche Medikamente man kauft, damit man nicht etwa auf die Idee kommt, sich selbst irgendwelche Drogen zu mischen. "Warum haben Sie denn fünf Schachteln Kopfschmerztabletten gekauft?"-"Anders hält man doch diese Regierung nicht aus." Na dann gute Besserung.

Einen interessanten neuen Standard für Rechtsstaatlichkeit lieferte vergangene Woche der US-amerikanische Hacker und WikiLeaks-Mitarbeiter Jacob Appelbaum. Nachdem er zum wiederholten Mal am Flughafen durchsucht und befragt worden war, twitterte er, die Agenten in Seattle seien "netter gewesen als die in Newark", die ihn im vergangenen Sommer durchsucht hätten, da "keiner von ihnen implizierte, dass ich für den Rest des Lebens im Gefängnis vergewaltigt werden würde". Da haben wir doch mal eine Messlatte, die auch nach 9/11 für die meisten Ermittlern und ihre Dienstherren zu erreichen sein müsste. Na gut, da gab es die deutschen Urheberrechtsschützer, die dieses Niveau mit ihrem berüchtigten "Raubkopierer sind Verbrecher"-Spot schon vor Jahren unterboten. Aber so ganz generell… es ist jedenfalls einfacher, als auf willkürliche Schikanen und Einschüchterungsversuche gegenüber Transparenz- und sonstigen Aktivisten zu verzichten.

Die Zeichen also, das zeigt dieser Rückblick, stehen weiterhin auf Sturm. Ihr solltet euch also warm anziehen. Aber das dürften regelmäßige gulli-Leser ja schon gewöhnt sein, denn wann wäre es jemals schon einmal ruhig und zivilisiert zugegangen in der Welt? In diesem Sinne macht es gut, habt keinen ungeschützten PowerPoint-Verkehr und beherzigt unsere neuen Kriterien zur kompetenten Bewertung von Ermittlungsbeamten. Bis nächste Woche.

Annika Kremer am Sonntag, 16.01.2011 22:08 Uhr

tagsTags: wochenrückblick spam wpa cloud computing gulli glosse wikileaks bürgerrechte jacob appelbaum microsofts windows phone wpa-psk

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3 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • cato_i am 18.01.2011 05:06:00

    Jau dat Annika hats druff:D 05:03 Uhr hab ich immer schlechte laune , heut nicht:T ...

  • H1N1 am 18.01.2011 02:08:01

    Wieder mal sehr schön geschrieben. :T ...

  • Soulvation am 17.01.2011 13:22:52

    Tolle Glosse, und auch noch gelacht dabei. Beim PP fiel mir die Hubschrauberstellung ein, auch witzig und noch nicht ausprobiert. Jemand Erfahrung damit? Nur interessehalber. Zum Wetter: der Planet hat sich 2010 schneller gedreht als sonst und der Mond entfernt sich pro Jahr 2-3 cm von der Erde. Als ...

  • Annika_Kremer am 16.01.2011 22:08:17

    In einigen Gebieten Deutschlands ist es noch kalt, in anderen geradezu frühlingshaft. Aber nicht nur das Wetter spielt verrückt, auch der Rest der Welt scheint sich angepasst zu haben. Ob politische Eiszeit, windige Geschäfte oder digitaler Shitstorm - wir beleuchten die Großwetterlage der letzt ...

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