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Die zwei Seiten der Internetgesellschaft: Ein Gespräch mit Hergen Wöbken

Berlin. Hergen Wöbken im Jahr 2009 auf dem DACH-Branchenforum der GVU. Foto: Lars Sobiraj.

Berlin. Hergen Wöbken im Jahr 2009 auf dem DACH-Branchenforum der GVU. Foto: Lars Sobiraj.

Wir sprachen mit dem Strategieberater Hergen Wöbken darüber, warum wir uns zwar im Straßenverkehr stets vorsichtig verhalten. Und egal ob jung oder alt: Sobald wir am PC sitzen, vergessen wir alle Gefahren und guten Vorsätze. Herr Wöbken liess sich auch über Wikileaks, Facebook, Raubkopierer und Kulturflatrates aus. Er rät dazu, lieber auf Vorrat zu denken als auf Vorrat Daten zu speichern.

Hergen Wöbken ist der Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE). Unter dem Titel 'Digitale Mentalität' erforscht er mit dem IFSE seit 2004 Fragen zu Recht und Eigentum, den Umgang mit digitalen Inhalten sowie Strategien und Wettbewerb im Internet. Der gelernte Bankkaufmann studierte Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Kulturreflexion an der Universität Witten/Herdecke.

Nach der Vorstellung seiner Branchenanalyse auf dem DACH-Branchenforum der GVU (gulli:News berichtete) wurde er letztes Jahr von rund 200 Managern der Film- und Spieleindustrie, zahlreichen Kriminalbeamten, Rechts- und Staatsanwälten in die Mangel genommen, weil er ihnen nicht das erzählte, was sie gerne hören wollten. Herr Wöbken versuchte in seiner Präsentation über der Tellerrand hinaus zu blicken und die Schuld auch abseits der böswilligen Downloader zu suchen. Kunden wollen nicht alles umsonst und würden unter bestimmten Umständen freiwillig Geld für digitale Inhalte bezahlen, so seine Thesen. Was nicht sein darf, das nicht sein kann? Die Zuhörer, zumeist Entscheider aus den Führungsetagen, nahmen ihm seine progressiven Ansichten übel. Geholfen haben die vielen Unkenrufe nichts. Die Problematik der Medienwirtschaft hält bis heute ungebrochen an.

Lars Sobiraj: Hallo Herr Wöbken. Sie haben ja ein bewegtes Berufsleben hinter sich. Wie kommt man vom Arbeiter-Samariter-Bund zu Scholz & Friends, Amnesty International, dem Schalter einer Sparkasse und am Ende zu einer eigenen Firma?

Hergen Wöbken: Hallo Herr Sobiraj. Mein Berufsleben im Augenblick ist sogar noch abwechslungsreicher. Dafür waren die bewegenden, skurrilen, manchmal frustrierenden und oft faszinierenden Erfahrungen in unterschiedlichsten Organisationen und Netzwerken eine gute Vorbereitung. In den letzten Jahren wurden so gut wie alle Vorstellungen über Karriere, Beruf und Bildung umgeworfen, an die wir uns in den Jahrzehnten zuvor gewöhnt hatten. Und jetzt entstehen völlig neue Muster. Wir erleben die Transformation zur Internetgesellschaft. Ich finde, es gibt nichts Aufregenderes.

Lars Sobiraj: Welchen Reiz haben all die Zahlen und Statistiken auf Sie? Kann man das Verhalten von Menschen denn wirklich messen oder sogar vorhersagen? Folgt deren Verhalten wirklich einem gemeinsamen Schema?

Hergen Wöbken: Habe ich behauptet, dass Zahlen und Statistiken einen Reiz auf mich ausüben? Die von uns veröffentlichten Ergebnisse sind vor allem interessant, weil sie in einem größeren qualitativen Zusammenhang eingebettet sind. Genau messbar und vorhersagbar wird der Lauf der Dinge damit zum Glück nicht. Sie können aber viel über gegenwärtige Verhaltensmuster und Vorstellungen lernen und sich damit gut auf unterschiedliche zukünftige Möglichkeiten einstellen. Strategische Relevanz erhalten quantitative Daten dadurch, dass Sie die richtigen Schlüsse daraus ziehen und dabei ihre bisherigen Annahmen überprüfen. Wenn Sie das nicht tun, sind Sie genauso schlau wie zuvor.

Mir sind noch keine Raubmordkopierer begegnet!

 

Lars Sobiraj: Um den Durchblick zu bekommen und zu vermitteln haben sie ja dann auch im Jahr 2004 eine Studie im Auftrag von Microsoft erstellt. Demnach wissen die meisten PC-Anwender genau, dass sie bei der Benutzung von Raubkopien eine Straftat begehen. Da das kaum jemanden abschreckt: Wie verwandelt man damals wie heute die ach so bösen Raubmordkopierer in zahlende Kunden?

Hergen Wöbken: Raubmordkopierer sind mir noch nicht begegnet. Wer soll das sein? Ich muss ja in diesem Forum nicht erklären, dass schon der Begriff „Raubkopierer“ schwierig ist, da die Silbe „Raub“ eine gewaltsame Wegnahme unterstellt. Wir helfen unseren Kunden seit Jahren dabei, Produkte von Anfang an so zu entwickeln, dass sie den neuen Gegebenheiten im Internet entsprechen. Alles andere ist nicht von Erfolg gekrönt. Medienunternehmen können von keiner Gruppe soviel lernen, wie von den so genannten „Raubkopierern“. Diejenigen, die am meisten illegal kopieren, gehören oft zu den Pionieren, wenn es um neue legale Angebote gibt, da sie meist vielfältig interessiert sind. Wichtig ist, dass die Medienunternehmer lernfähig und wirklich zum Dialog bereit sind. Wenn sie sich nur schwer von Ihren Überzeugungen aus der analogen Welt trennen können und die am besten noch mit technischem Schutz und mit erzieherischen Maßnahmen im Internet verbreiten wollen, werden sie keinen Erfolg haben. Trotzdem werden wir diese Reflexe noch einige Jahre erleben. Wie auch immer wir die Entwicklungen für uns persönlich bewerten: Anprangern und Lamentieren sind reine Zeitverschwendung. Wer alle analogen Geschäftsmodelle im digitalen Umfeld verteidigen möchte, hat schon jetzt verloren.

Hergen Wöbken. Foto: Lars Sobiraj

Hergen Wöbken. Foto: Lars Sobiraj

Lars Sobiraj: Ihre aktuelle Studie zeigt, dass jeder zweite Internetuser gerne für eine Kulturflatrate bezahlen würde. Ist es die Angst der Industrie vor Veränderung oder hakt es an der Politik, dass man diese nicht einführt?

Hergen Wöbken: Einen Moment bitte, von unseren 6.67 Millionen Webaktiven in der Bundesrepublik stimmen 43% mehr oder weniger zu, dass auf alle Internetzugänge in Deutschland eine monatliche Pauschale erhoben werden sollte, die den Urhebern von Musik, Büchern und Filmen zugute kommt. Auf diesem Weg würde illegales Filesharing legalisiert werden. Das bedeutet nach meiner Interpretation, dass eine so genannte ‚Kulturflatrate’ bei den Aktivsten im Netz keine mehrheitliche Unterstützung findet. Vergessen wir doch alle mal diese Pauschallösungen! Abgesehen von den etlichen noch ungeklärten Problemen einer Kulturflatrate: Wer will entscheiden, was Kultur ist? Zur Zeit sind Vielfalt und Flexibilität gefragt. Wir sollten lieber mit vielen kleinen Lösungen experimentieren und dabei lernen, was sich sozial bewährt, anstatt so zu tun, als ob wir das moralisch oder technisch entscheiden könnten. Es spricht nichts dagegen, ab sofort mehrere unterschiedliche Modelle auszuprobieren. Früher haben wir lange für eine vermeintliche Ewigkeit geplant. Jetzt gilt es, schnell zu handeln und aus Fehlern täglich zu lernen. So entstehen die neuen Modelle durch Evolution im Internet. Unsere Workshops und runden Tische sollten wir vermehrt dafür nutzen, Erfahrungen zu evaluieren und auf Vorrat zu denken, anstatt endgültige Antworten auf metaphysische Fragen zu diskutieren.

 

"Das Absurde ist, dass diese vermeintlichen Lösungen wie HADOPI gar nichts lösen, sondern tatsächliche Probleme, unfruchtbare Asymmetrien und Ungerechtigkeiten eher befördern."

 

Lars Sobiraj: Der Bundesverband Musikindustrie setzt sich seit seiner Evaluation für eine Leitungstrennung nach französischem bzw. britischem Vorbild ein. Wäre eine Hadopi-Behörde mit einer Three-Strikes-Regelung wirklich die Lösung aus der Krise der Medienindustrie? Wenn nicht, was dann?

Hergen Wöbken: Nein, das wird keine Lösung sein. Das EU-Parlament hat allerdings vor drei Monaten den Gallo-Bericht verabschiedet, der die Verletzungen von geistigem Eigentum im Internet als ein wachsendes Problem für die Wirtschaft wertet und eine strafrechtliche Verfolgung vorschlägt. Somit ist HADOPI für uns alle relevant, auch wenn die Verabschiedung zuerst nur eine Meinungsäußerung des Parlaments ist. Viele Produzenten von Kreativwirtschaftsgütern, Kreative wie Verwerter, gehen davon aus, dass es ein Recht auf gegebene Rahmenbedingungen gibt, in diesem Fall aus dem analogen Zeitalter, und es nicht die unternehmerische Aufgabe der Wirtschaft ist, sich neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Wenn sich die Politik dieser Perspektive anschließt, dann versucht sie, ein Problem durch moralische oder technische Restriktionen zu lösen, und zwar mit Hilfe der Rechtsprechung. Meine These dazu ist, dass diese Versuche in den nächsten Jahren immer weniger von Erfolg gekrönt sein werden.

Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Abgesehen vom nicht unerheblichen Aufwand gesellschaftlicher Umerziehungsmaßnahmen spricht gegen einen Erfolg dieser Maßnahmen, dass die Bürger den Sinn von künstlichen Restriktionen mehrheitlich nicht nachvollziehen, und eine Immunität gegenüber Umerziehungsmaßnahmen weit verbreitetet ist.

Zweitens: Technische Restriktionen waren bisher immer ein starker Anreiz, sie erfolgreich zu umgehen. Für viele Künstler sind technische Restriktionen übrigens kontraproduktiv. Mal abgesehen von der Unmöglichkeit, das Internet zu überwachen, hat jeder Versuch der Überwachung, wer wann wo ein digitales Kreativwirtschaftsgut kopiert, Nebeneffekte, die wir zur Zeit mehrheitlich ablehnen. Es ist im Augenblick davon auszugehen, dass diese Ablehnung eher zu- als abnimmt. Das mag sich ändern. Zur Zeit spricht allerdings viel dafür, sofort Erlös- und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die nicht davon abhängig sind, die Verbreitung digitaler Kreativwirtschaftsgüter zu verhindern, sondern im besten Fall davon profitieren. Das Absurde ist, dass diese vermeintlichen Lösungen wie HADOPI gar nichts lösen, sondern tatsächliche Probleme, unfruchtbare Asymmetrien und Ungerechtigkeiten eher befördern.

Die Angst davor, erwischt zu werden. IFSE-Studie 2010

Die Angst davor, erwischt zu werden. IFSE-Studie 2010


"Die Frage nach Recht und Unrecht stellt sich im Internet neu. Sie kann nicht durch eine Anpassung bisherigen Rechts gelöst werden."

 

Lars Sobiraj: Die Ergebnisse ihrer aktuellen Umfrage belegen, dass es die von vielen Lobbyisten propagierte Rechtsfreiheit im Netz nicht gibt. Wenn über 80% der Webaktiven keine Probleme mit Gesetzen haben, werden sie auch keinen Einspruch erheben, wenn der Jugendmedienstaatsvertrag, die Vorratsdatenspeicherung, Internetsperren oder Ähnliches eingeführt werden? Wo sind die Grenzen zwischen genügend und zu vielen gesetzlichen Regeln?

Hergen Wöbken: Mit Schlussfolgerungen muss man sehr vorsichtig sein. Zahlen für sich sagen nichts. Die Intelligenz ergibt sich nur aus dem Kontext. Die Webaktiven werden Probleme mit dem Jugendmedienstaatsvertrag, der Vorratsdatenspeicherung und mit Internetsperren haben. Für die Vorratsdatenspeicherung und Internetsperren haben wir das auch quantitativ belegt. Webaktive sind für Jugendschutz, gegen Kinderpornografie und für sinnvolle Kriminalitätsbekämpfung zu gewinnen wie die absolute Mehrheit in Deutschland. Aber: Die Frage nach Recht und Unrecht stellt sich im Internet neu und kann nicht durch eine Anpassung bisherigen Rechts gelöst werden. Logik von Online-Welt und Offline-Welt sind nicht kompatibel, so dass im Internet nur die Regeln akzeptiert werden, die aus der Logik des Internet im Internet entstehen. Wir müssen einen Schritt zurück gehen und uns fragen, wie Ziele des bisherigen Rechts und neue Ziele mit neuen Gesetzen und neuen Formen von Gesetzen erfüllt werden. Nur wenn sie die Eigenlogik und –dynamik von Zusammenhängen im Internet verstehen und nutzen, werden aus den vermeintlichen Risiken und Herausforderungen im Netz noch mehr Chancen.

Lars Sobiraj: Die Vertreter der Film- und Spieleindustrie haben Ihnen letztes Jahr auf dem DACH-Branchenforum der GVU ordentlich eingeheizt. Sie wurden dort zusammen mit dem Vertreter der Internet-Provider geradezu als Feindbild abgestempelt. Wann wird die Filmwirtschaft dazu bereit sein, ihre Verwertungskette aufzubrechen, um Streamingseiten wie Kino.to, movie2k etc. Konkurrenz zu machen? Oder müssen die Filmstudios ähnlich große Umsatzeinbrüche wie die Plattenlabels erleiden, bevor sie ihr Geschäftsmodell ändern?

Hergen Wöbken: Das war schon drollig. Ein Feindbild kann ich ja nur für jemand sein, der mir eine Boshaftigkeit dafür zuschreibt, dass sich meine Wirklichkeitsbeschreibung von seiner unterscheidet. Es zeigt sich seit Jahren, dass unsere Analysen und Schlussfolgerungen eine gute Hilfe für eine radikale Transformation von Unternehmen in diesen schwierigen Medienbranchen sind. Zum einen gibt es für die hiesige Filmwirtschaft auch noch andere grundsätzliche Probleme wie z.B. einen fragmentierten europäischen Markt und komplizierte internationale Rechtslagen. Zum anderen gilt: An jedem Tag, an dem die etablierte Filmwirtschaft nicht mit neuen Produktions- und Verwertungsmodellen sowie unterschiedlichen Streamingangeboten und vielen anderen denkbaren Formen experimentiert, verliert sie wertvolle Zeit. In dieser Zeit etablieren sich Neugründungen in dem Bereich und Innovationen aus bisherigen Nachbarbranchen. Natürlich können Umsatzeinbrüche zu überfälligen Veränderungen führen, aber dann wird es für viele der heutigen Player zu spät sein.
 

"Vor ihren Rechner mit Internetanschluss setzen sich manche wie Hein Blöd und denken, dass ihnen nichts passieren kann."

 

Lars Sobiraj: Sie haben die Ergebnisse der Studie in kleinen Häppchen auf Facebook veröffentlicht. Hat sich das neue System bewährt? Warum ist Facebook trotz der Vorbehalte der Datenschützer so erfolgreich? Warum machen sich so viele Menschen so wenig Gedanken um den Wert ihrer Daten? Worin ist dies begründet und wie könnte man für mehr Datenbewusstsein sorgen?

Hergen Wöbken: Facebook war für uns einer von mehreren Kanälen im Internet. Entscheidend ist immer noch der Austausch in den alten Formen jenseits des Internet. Vertrauen entsteht im persönlichen Gespräch. Darauf kann man bei einer Zusammenarbeit nicht verzichten. Wir experimentieren seit Jahren mit neuen Formen der Erstellung und Verbreitung von Studieninhalten. Dabei konnten wir manches darüber lernen, wie sowohl Wissenschaft als auch Strategieberatung unter den Bedingungen der Internetgesellschaft funktionieren oder eher noch nicht funktionieren. Ich würde daraus noch keine Konsequenzen ableiten wollen. Für mich steht aber fest, dass wir in Bildung, Wissenschaft und Beratung ein Gespür dafür erlernen müssen, wann wir wie online interagieren und wann wir wie und wo bewusst besser mal offline sind.

Zu Facebook: Ohne Übertreibung kann man Facebook im Vergleich zu ähnlichen anderen Angeboten als technisch gut, funktional und ansprechend bezeichnen. Und es wird evolutorisch durch das Feedback der weltweiten Community jeden Tag besser. Natürlich gibt es viele Aspekte, auf die wir im Umgang mit Facebook achten sollten. Das gilt aber eigentlich prinzipiell für das Internet. Wir haben als Kinder gelernt, vorsichtig über die Straße zu gehen. Mit 18 machen wir unseren Führerschein. Doch vor ihren Rechner mit Internetanschluss setzen sich manche wie Hein Blöd und denken, dass ihnen nichts passieren kann. Dabei gibt es sehr viele gute und unterschiedliche Angebote zum Aufbau einer Medienkompetenz. Es liegt auch in der Verantwortung jedes Einzelnen, sich damit zu beschäftigen. Das fängt bei den Kindern an wie im Straßenverkehr. Wer sich keine Zeit nimmt, nach links und rechts zu sehen, der lebt gefährlicher. Abgesehen davon gibt es Möglichkeiten, die Rechte des Einzelnen zu stärken.

Lars Sobiraj: Schon jetzt hat Facebook mehr Trafficaufkommen als Google. Welche Zukunft sagen Sie dem weltweit größten Internetportal voraus? Facebook ist kostenlos aber bekanntlich nicht umsonst. Zu welchem Preis bekommen wir diesen Dienst geliefert?

Hergen Wöbken: Jeder von uns entscheidet über diesen Preis auf der einen Seite selbst. Auf der anderen Seite gibt es eine soziale Dynamik, so dass jeder Einzelne auch unter einem gewissen Druck steht, sich in irgendeiner Weise zu exponieren, wenn er in manchen Zusammenhängen vorkommen möchte. Deshalb hat bei diesen Entwicklungen die Politik eine wesentliche Verantwortung, dass weder Apple, noch Facebook oder Google Ähnlichkeiten mit einem „Betriebssystem des Web“ entwickeln. Es muss stets gewährleistet bleiben, dass Kontrolle und Transparenz beidseitig möglich sind. Persönliche Daten werden von Unternehmen vielfältig genutzt. Darüber muss transparent informiert werden: Jeder Einzelne muss detaillierte Möglichkeiten haben, vorab sein Einverständnis zu erklären und jederzeit zu widerrufen. Ich halte den Datenbrief für einen sehr guten Vorschlag. Warum sollten sich Unternehmen nicht darauf einstellen können, uns auf Knopfdruck wesentliche Daten zu nennen, die sich mit unserer Identität verbinden? Über die Ausgestaltung des Datenbriefes lässt sich reden. Natürlich soll er nicht die zentrale Erfassung von Daten befördern. Ebenso denke ich, dass es privaten Personen möglich sein muss, bestimmte Daten aus dem Internet entfernen bzw. ergänzen zu lassen. Stellen Sie sich vor, jemand wird beispielsweise von unüberlegten Äußerungen in der Zeit seiner geistigen Pubertät ein Leben lang verfolgt. Aber auch hier gilt: Vielfältige pragmatische Lösungen sind besser als das vermeintlich ideale Totalkonzept.

Bereitschaft für eine monatliche Pauschale. IFSE-Studie 2010

Bereitschaft für eine monatliche Pauschale. IFSE-Studie 2010

Julian Assange ist wahrscheinlich weder ein Held noch ein Schurke.

 

Lars Sobiraj: Darf eine Internetplattform wie Wikileaks, wie unlängst geschehen, die Wahrheit ungeschminkt ans Tageslicht bringen? Selbst wenn die Akten von namhaften Medien geprüft wurden: Fällt dies noch immer unter die Presse- oder Meinungsfreiheit?

Hergen Wöbken: Ich kann mich nur über die tatsächliche oder bewusst inszenierte Naivität von vielen Medienprofis wundern, wenn von einer ungeschminkten Wahrheit gesprochen wird. Wo soll es die denn geben? Sie sind einer Wahrheit nicht näher, wenn sie alle Akten aller Zeiten der ganzen Welt studieren. Wir sollten lieber individuell im jeweiligen Kontext nach bestem Wissen und Gewissen Verantwortung für unsere Konstruktionen von Wirklichkeit übernehmen. Prinzipiell können sie jederzeit auf allen Plattformen Geheimnisse von anderen weitergeben, so lange sie damit kein Vertragsverhältnis mit anderen Personen, Organisationen oder Staaten verletzen. Dafür müssen sie noch nicht einmal das Recht auf freie Meinungsäußerung bemühen, es würde ein Recht genügen, sich äußern zu dürfen. Es ist eine Frage von Geschmack und persönlicher Einschätzung, ob sie damit eher andere bloßstellen oder tatsächlich die Welt verbessern. Interessiert es mich, was ein Botschaftsmitarbeiter über unseren Außenminister schreibt? Das kann ich mir auch so denken. Von manchen vermeintlich und letztendlich unwichtigen Neuigkeiten hatte ich schon gehört, weil in Berlin jeder mit jedem über alles spricht, ohne dass man genauer nachfragt. Mich hat auch wenig erstaunt, dass Diplomaten in unterschiedlichen Verhandlungen ihre Worte zum gleichen Sachverhalt so wählen, dass es für einen Außenstehenden den Anschein von Widersprüchen erweckt. Das ist das Wesen der Diplomatie. Den Fall von Assange kann ich nicht beurteilen, weil ich ihn weder persönlich kenne, noch auf Schritt und Tritt verfolgt habe. Wahrscheinlich ist er weder Held noch Schurke. Ich glaube, dass hier eine sehr differenzierte Betrachtung angezeigt ist, die auch die Art und Weise der Weitergabe von Geheimnissen einschließt. Ab jetzt gehört das so zu unserer Wirklichkeit wie das illegale Kopieren urheberrechtlich geschützter Werke. Das mag man verurteilen oder begrüßen, ändern kann man es nicht. Ich kann nur sagen, dass ich auf die verantwortungsvolle Arbeit von investigativen Journalisten und NGOs wie Amnesty International bisher nicht verzichten möchte.

Lars Sobiraj: Wie frei dürfen brisante Informationen sein? Glauben Sie, von den aktuellen Veröffentlichungen (Cables) geht eine ernsthafte Gefahr für Nationen oder Regierungen aus? Sollte man den Autor der Unterlagen oder den Überbringer, also Wikileaks, für diese Aussagen belangen?

Hergen Wöbken: In Demokratien kann und soll alles transparent sein. In anderen politischen Systemen ist das so nicht möglich und sinnvoll. Sie verbessern die Lage der Menschenrechte nicht automatisch dadurch, dass sie vertrauliche Informationen autokratischer Systeme offen legen. Natürlich erzielen sie mit einer unreflektierten und im schlimmsten Fall eigensinnigen Veröffentlichung nicht nur positive Effekte. Das Gegenteil kann der Fall sein. Wikileaks ist zunächst eine Plattform. Informationen dürfen veröffentlicht und Informanten geschützt werden. Das heißt nicht, dass die Welt automatisch transparenter und besser wird. Wikileaks, Openleaks & Co. werden das Verhältnis von Vorder- und Hinterbühne der Gesellschaft nicht auflösen, sondern verschieben: Wenn in ein paar Jahren alle mit einer Veröffentlichung ihrer Dokumente rechnen, stellen sich auch alle so darauf ein, dass die vermeintlich ungeschminkte Realität sich wieder verbirgt. Bevor wir uns also an Informationen berauschen, die keinen Unterschied machen, sollten wir einen Umgang mit Informationen kultivieren, der ein Wissen um unser Nichtwissen wach hält und Abstand nimmt von einfachen Erklärungen. Es gibt in jedem Augenblick mindestens auch eine andere Deutungsmöglichkeit. Wir werden die grundlegende Frage, wer was mit welcher Berechtigung im Internet darf, noch über Jahre diskutieren.
 

"Wir werden die grundlegende Frage, wer was mit welcher Berechtigung im Internet darf, noch über Jahre diskutieren."

Lars Sobiraj: Betrachtet man den akuten Informationskrieg um Wikileaks als auch die sich wandelnde Gesellschaft und Wirtschaft, die beide mehr und mehr vom Internet abhängig werden. Wie könnte unsere Welt in fünf oder 10 Jahren aussehen? Und wo werden Sie stehen, wo Sie doch einst planten, ihre Brötchen mit Zins und Zinseszins zu verdienen? Kann man irgendetwas davon schon jetzt absehen oder ist dafür einfach zu viel im Fluss?

Hergen Wöbken: Brötchen esse ich immer noch gern, aber Müsli mag ich mittlerweile lieber. So ändern sich die Zeiten. Was die Zukunft bringt, kann nur ein Verrückter sehen. Und dem glaubt man eh’ nicht. Im IFSE fragen wir im Gegensatz zu Trendforschern nicht nur nach dem, was kommt, sondern vor allem nach dem, was bleibt. Wir legen Wert darauf, die Gegenwart aus allen Perspektiven so gut wie möglich zu verstehen. Das ist beim Internet besonders wichtig, denn eine technische, rechtliche oder betriebswissenschaftliche Perspektive allein reicht nicht aus. Durch das Internet reproduziert sich die moderne Gesellschaft als Internetgesellschaft. Wenn wir die moderne Gesellschaft ein wenig besser verstehen, ist das ein guter Anfang. Dann wissen wir schon mal, dass die Gesellschaft empirisch nicht erreichbar ist. Genauso wenig wie das Internet. Ich empfehle bei aller Unerreichbarkeit trotzdem Denken auf Vorrat. Wenn dieses Denken die Möglichkeiten von Organisationen in ihrem komplexen Umfeld betrifft, nennen wir es Strategie. Dann wächst eine Achtsamkeit für vermeintlich spektakuläre Neuigkeiten, und es entsteht Raum für bedeutende Überraschungen und relevante Fragen, um besser auf Unerwartetes vorbereitet zu sein als die verschlafene Konkurrenz. Außerdem ist einem nicht so langweilig.

Gratis- und Bezahlkultur im Internet. IFSE-Studie 2010

Gratis- und Bezahlkultur im Internet. IFSE-Studie 2010

Lars Sobiraj: Ich denke, es ist schon sehr schwer herauszufinden und zu verstehen, welche Kräfte derzeit im Internet wirken. Mal davon abgesehen, welchen Einfluss das Netz auf Dauer auf unsere Gesellschaft haben wird. Langeweile wird da sicher keine aufkommen.

Dann wünsche ich Ihnen für die Weihnachtstage und darüber hinaus jede Menge schmackhaftes Müsli, viele gute Erkenntnisse und nicht zu viele harte Nüsse, die sie knacken müssen!

Die genauen Ergebnisse der diesjährigen Studie "Digitale Mentalität der Webaktiven" können hier im Detail nachgelesen werden.

Fotos: Lars Sobiraj. Grafiken vom Institut für Strategieentwicklung, danke!

 

 

Weitere gulli:Interviews mit dem Schwerpunkt Urheberrecht:

 

Bild-Quellen: ifse.de Fotos: Lars Sobiraj

Lars Sobiraj am Donnerstag, 23.12.2010 15:17 Uhr

tagsTags: ifse hergen wöbken

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7 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Jambold am 29.12.2010 00:02:10

    Intelligenter Typ. :T ...

  • jackspears am 26.12.2010 08:21:18

    Das Interview ist gut ohne Frage, hier machen aber alle beteiligten (ausgenommen die Gulli-Nutzer) einen gemeinsamen Denkfehler. Sie versuchen neue Modelle zu entwickeln wo die alte reinpassen sollen. Eigentlich müssen alle Strategien die sich zwar im realen Leben bewährt haben, aber im Internet a ...

  • H1N1 am 25.12.2010 16:36:19

    Prima Interview ! :T Kam mir gar so vor als würde der Herr Wöbken hier des öfteren seine Nase drin haben. :beer: Auf jeden Fall ist er mitten im Prozess stehend und sehr umsichtig. Das gefällt mir außerordentlich. Wie schon Metal_Warrior sagte, wären gewisse Leute gut beraten ihm zu lauschen, ...

  • benzin06 am 25.12.2010 14:39:27

    :T Prima Interview! Bitte mehr davon. Spannend zu lesen, welche Visionen Querdenker haben. Gulli sollte alle paar Jahr in alte Interviews reinschauen und zeigen, was davon tatsächlich eingetreten ist und was gerade nicht. ...

  • Metal_Warrior am 24.12.2010 10:59:13

    Gutes Interview - die Verantwortlichen würden sich selbst einen Gefallen tun, auch auf solche Leute zu hören. Man kann einen Patienten nur dann behandeln, wenn man ihn auch untersucht, und nicht seinen Zustand dogmatisch vorher festlegt... ...

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