
WikiLeaks (Logo)
Kaum jemand, selbst die weniger netzaffinen Leute, konnte sich in den letzten zwei Wochen dem Thema WikiLeaks und dessen Auswüchen - von A wie Amazon bis Z wie Zensur - entziehen. Weit über die Fakten der eigentlichen Leaks hinaus wurde berichtet, diskutiert, verlinkt, analysiert, es wurden DDoS-Attacken gefahren und Demos organisiert, Menschen spendeten, erklärten sich solidarisch oder aber waren entsetzt und wütend über das Verhalten von WikiLeaks.
Was allerdings bei den Diskussionen auffällig war, war die Tatsache, dass die nun veröffentlichten Depeschen selbst vergleichsweise wenig diskutiert wurden; ebenso wie die Tatsache, dass es erst eines Leaks bedarf, um bestimmte Informationen öffentlich zu machen. Es wurde diskutiert, ob es richtig war, die Informationen zu veröffentlichen. Es wurde diskutiert, ob es richtig war, bestimmten Zeitungen Exklusiv-Zugriff auf das Material zu geben und nur ungefähr 100 der insgesamt über 250.000 Cables am Tag zu veröffentlichen. Es wurde sehr viel über Julian Assange diskutiert. Nur die Informationen selbst gingen teilweise unter. Natürlich, in den Medien wurde darüber geschrieben - wenn auch zuwenig. Wir, die Presse, müssen hier auch selbstkritisch sein. Wir müssen feststellen, dass auch bei uns der Fokus teilweise mehr auf den Eskapaden des Julian A. lag als auf dem, was die zahlreichen veröffentlichten Botschafts-Depeschen über die Welt, in der wir leben, aussagen, und wir müssen versuchen, dies zu ändern. Alle der zuvor genannten Fragen, und viele weitere, sind legitim - einige sind sogar sinnvoll und notwendig. Aber wir dürfen dabei nicht außer acht lassen, worum es eigentlich bei diesem ganzen Thema geht und warum Menschen für diesen Leak ihre Freiheit riskiert haben. Mehr dazu später.
Auf das Argument der angeblichen inhaltlichen Irrelevanz der Leaks werde ich hier nicht näher eingehen - wer daran ernsthaft glaubt, ist entweder schlicht uninformiert - die Berichterstattung einiger Kollegen, die so tat, als seien peinliche Spitznamen für Angela Merkel der interessanteste Teil der Depeschen, dürfte dazu nicht unerheblich beigetragen haben - oder verwechselt "das habe ich vermutet" mit "hier gibt es schwarz auf weiß Beweise und Hintergründe". Beides ist bedauerlich, aber keine Basis für eine ernsthafte Diskussion.
Nein, hier geht es um andere Fragen. Unter anderem darum, wie unsere Politik funktioniert - und darum, inwiefern und warum unsere Regierungen uns die Antwort auf diese Frage vorenthalten. "Wir diskutieren nicht über die Wahrheit, sondern darüber, ob es erlaubt ist, die Wahrheit zu sagen", war einer der Kommentare, die ich dazu im Internet las. Er fasst die Problematik sehr gut zusammen. Und völlig unabhängig davon, ob diese Meta-Diskussion nun mit Absicht von denjenigen geführt wird, die etwas vor den Bürgern zu verbergen haben, oder nicht - das sollte uns zu denken geben. Eigentlich müsste die Frage nicht lauten, ob WikiLeaks richtig gehandelt hat. Die Frage müsste vielmehr lauten, wieso wir WikiLeaks überhaupt brauchen. In einer perfekten Welt gäbe es das Projekt nicht. In einer Welt allerdings, die so ist wie unsere, ist es wichtig und notwendig, dass es solche Seiten gibt. Mit welchem Recht werden wir - die Bürger Europas und der USA -von der Regierung belogen, werden uns Dinge verschwiegen, die jeden im Land angehen (sollten)? Wie sollen sich Menschen eine Meinung bilden, die Gesellschaft aktiv mitgestalten, wenn diese Gesellschaft offenbar so intransparent gestaltet ist, dass es ein derartiges Drama auslöst, wenn Informationen über die Verhandlungen der Mächtigen an die Öffentlichkeit dringen? Informationen sind Macht - wer uns willkürlich Informationen vorenthält, verschafft sich Macht auf unsere Kosten. Eine insbesondere in den letzten Jahren zu beobachtende Tendenz hin zu mehr staatlicher Kontrolle auf Kosten individueller Freiheiten wird so fortgesetzt und zementiert. Das ist das eigentliche Problem. WikiLeaks versucht lediglich, dieses Problem, das von Anderen verursacht wurde, zu beheben - und macht dabei keine schlechte Arbeit. Anstatt den Boten zu erschießen (oder sich anderweitig zu sehr auf diesen zu konzentrieren), täten viele Menschen besser daran, seine Botschaft zu lesen.
Ein Wort zum Boten muss allerdings auch noch verloren werden. WikiLeaks, das ist klar, ist nicht perfekt. Einer der Fehler dieser Plattform, die offensichtliche Konzentration auf die Person von Julian Assange, könnte einen Teil der beschriebenen problematischen Meta-Diskussion durchaus mit verursacht haben. Vor diesem Hintergrund ist es eine gute Nachricht, dass in Kürze das Projekt "OpenLeaks" an den Start gehen wird, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, bei seinem Bemühen um Transparenz genau diese von WikiLeaks gemachten Fehler zu vermeiden. Noch muss sich das Projekt natürlich bewähren, aber wer an Transparenz interessiert ist, sollte ihm alles Gute wünschen - schon weil wir nicht genug Boten haben können, solange uns die Mächtigen nicht freiwillig die Informationen darüber zukommen lassen, was sie in unserem Namen entscheiden und welche Bündnisse sie eingehen; solange weiterhin so schamlos manipuliert und gelogen wird.
Ein positives Fazit läßt sich in jedem Fall aus der Diskussion um WikiLeaks ziehen: das Thema Transparenz bewegt die Gemüter. Viele Menschen befassen sich nun - alle auf ihre Weise - mit dieser Problematik. Darauf läßt sich aufbauen. Alleine können solche Plattformen ihrer Definition nach nicht funktionieren, ist es doch ihr Ziel, die Informationen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Es braucht Menschen, die analysieren, kommentieren, weiterverbreiten, Diskussionen starten. Es braucht Journalisten, die helfen, die Informationen zu analysieren und einzuordnen, und eine interessierte Allgemeinheit, die die Informationen aufnimmt und umsetzt. Wird es das zukünftig geben? Wir wissen es nicht. Aber jetzt ist der Moment, um es herauszufinden.
Annika Kremer am Montag, 13.12.2010 04:41 Uhr
Das kann ich auch. Ich weiß, das ich längst nicht mehr in einer "heilen Welt" lebe, die mich rundum versorgt. Ich weiß, dass ich auf mich darauf einlassen muss, alleine auf mich gestellt zu sein. Aber ob es Wikileaks nicht geben würde, das bezweifle ich. Denn selbst in einer "perfekten Welt" fin ...
Nein, kann sie höchstwahrscheinlich nicht. Das hat ja auch niemand behauptet. Aber uns eine perfekte Welt vorstellen und darüber nachdenken, wie sie sich von unserer unterscheidet, können wir trotzdem. ...
...aber kann die welt denn perfekt sein....?!? ...
Sehr genialer Bericht. Öffnet die Augen und lässt einen jeden Leser näher und verbundener zum Thema fühlen.:T ...
Wieso sollte ich etwas schreiben, das ich nicht ernst meine? Und wieso glaubst du, dass ich das nicht tue? ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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