
Our big brother Google - Grafik von rodrigocartoon.com
Erst gestern sind im Stadtteil Essen Bergerhausen Übergriffe bekannt geworden, die sich ausdrücklich gegen das Recht der Bürger auf Handlungsfreiheit aussprechen. Wahrscheinlich handelt es sich um Anwohner aus nächster Nähe, die sich darüber lustig machen, dass bei Google Street View das Haus der Nachbarin auf ihren Wunsch hin unkenntlich gemacht wurde. Sie bewarfen das Reihenhaus mit Eiern und hinterließen Zettel mit der Aufschrift „Google's cool“. Die Betroffene wird die Übergriffe hingegen weniger „cool“ gefunden haben.
FAZ-Autor Rainer Meyer alias Don Alphonso sieht die flächendeckende Aufnahme und Publikation aller Fassaden sogar als einen totalitären Schritt an. Wer Google Mail benutzt, tut dies freiwillig und er weiß hoffentlich, welchen Vorteil der Anbieter davon hat. Wer seine Daten Xing, den VZ-Netzwerken oder Facebook übergibt, der wird selber aktiv. Die Handlung geht also vom Anwender und nicht vom Unternehmen aus. Die Fahrzeuge von Google haben die Aufnahmen und die Scans der WLAN-Router aber ohne unsere Erlaubnis oder unser Zutun gemacht. Wer bei Street View nach langem Suchen endlich den rechten Ort dafür gefunden hat, der darf zwar der Veröffentlichung widersprechen. Das alleine aber macht das aktive Verhalten des US-amerikanischen Unternehmens nicht passiver. Enno Park schrieb auf CARTA, dass Privatsphäre auch bedeutet, dass man das Recht hat, bitteschön in Ruhe gelassen zu werden. Er weist auch darauf hin, dass die Grenzen zwischen der Öffentlichkeit und der Privatsphäre immer mehr verwischt werden. Fotoaktivisten wie Jens Best sollten dieses Recht auf Zurückgezogenheit tolerieren, wie er meint. Jens Best & Co. sollten vielmehr überprüfen, ob die Interessen einer ausländischen Firma über denen der Einwohner eines ganzen Staates stehen dürfen. Das wäre doch die zentrale Frage, die es zu stellen gilt.
Doch die Überlegungen müssen noch viel weiter reichen. Mercedes Bunz hat vor drei Monaten einen höchst interessanten Artikel bei CARTA mit dem Titel „Dear Google, please be evil“ veröffentlicht. Sie stützt sich dabei auf Aussagen des Wall Street Journal. Google Street View könnte weit mehr sein als nur ein unterhaltsamer Touristenführer, den man online bedienen kann. Es geht hier um systematisches Indizieren von Straßen und Häusern, die man nach Möglichkeit mit den gesammelten Cookies, dem entsprechenden Such- und Surfverhalten der Bewohner, deren Gmail-Accounts und IP-Adressen, und im schlimmsten Fall auch mit deren Namen und Adressen verknüpfen könnte. Wenn das passieren sollte, wäre eine gezielte Werbung möglich, die sich den Gegebenheiten der Stadt, des Stadtteils, der Straße, des Hauses oder sogar der einzelnen Wohnung anpassen könnte. Zielgerichteter geht es nicht mehr.
Dann bräuchte Google nicht mehr nach Schlagwörtern in Texten oder E-Mails zu suchen, um mit Hilfe des gekauften Wissens von double click die auf den Nutzer zugeschnittenen Werbeanzeigen zu vermarkten. Nein, dann wüsste Google tatsächlich, zum Beispiel wie hoch der Anteil der Menschen mit einem Migrationshintergrund im Stadtteil XY ist. Oder, wie hoch die Scheidungsrate ausfällt, wie oft Menschen dort umziehen, welches Einkommen sie haben und so weiter. Sehen sie die Bilder, wissen sie, ob man den Surfern dieses Straßenzugs lieber Werbung für einen Daihatsu Cuore, einen protzigen Geländewagen oder einen hochpreisigen Porsche einblenden sollte. In Vierteln der Unterschicht werden halt entsprechend mehr Anzeigen für Kinderartikel oder Entertainmentgeräte eingeblendet. Werbeeinblendungen für Zigaretten wären vielleicht besser geeignet, wären sie denn erlaubt.
Fiktion? Vielleicht jetzt noch. Aber Big G macht wirklich nichts zufällig. Die komplette Abbildung der Straßenzüge dürfte Unmengen an Geld verschlungen und jede Menge negativer PR mit sich gebracht haben. Aber das Management wird sich davon einen erheblichen Vorteil versprechen. Ist der Nutzen der User, dass sie sich virtuell in Städten bewegen können, schon Nutzen genug? Was bitteschön hat Google von dieser Investition? Es ist eine attraktive und sinnvolle Erweiterung der Google Maps. Okay, aber damit alleine lässt sich noch kein Geld verdienen. Warum künftig für teuer Geld Anzeigen mit der Gießkanne verteilen, wenn man viele Vorlieben, die persönlichen Daten und ganz grob die Vermögensverhältnisse auch so anhand der Aufnahmen von Street View herausfinden könnte?
Um mal bei unseren Eierwerfern zu bleiben. Auch wenn es im Ruhrgebiet weitaus elitärere Gegenden gibt: Wer in Essen Bergerhausen lebt, der hat (oder leiht sich) Geld. Zumindest so viel, um sich die höheren Grundstückspreise oder Mietpreise leisten zu können. Wer aber beispielsweise in unmittelbarer Nähe der Villa Hügel residiert, will der wirklich Autos der untersten Preisklasse erwerben? Werbung für einen billigen PKW wäre höchstens geeignet, sofern die Ehefrau einen Zweitwagen kaufen will. Aber selbst die wird in einer der Elitevierteln lieber einen Mini oder einen VW New Beetle benutzen wollen. Alles darunter wäre wie Perlen vor die Säue. Man sieht also, wie viele Vorteile sich ergeben könnten, sollte der Plan gelingen.
Der Hammer aber ist: Was ist, wenn ich mein Gebäude vor fremden Blicken schützen möchte? Ausgerechnet Google bekommt bei meinem Abmeldevorgang jede Menge privater Daten frei Haus geliefert, damit sie meine „Privatsphäre“ bei Street View sicherstellen können. Im Klartext: Entweder die Einblicke in mein Küchenfenster oder auf meinen Balkon bleiben im Internet. Oder aber ich werde gezwungen, Google jede Menge Angaben zu machen oder aber zu lügen. Dabei wollte ich den tiefen Einblick ja eigentlich unmöglich machen, statt ihn zu gewähren. Mein Glückwunsch! Das ist in der Tat eine sehr clevere Vorgehensweise! Sehr viel besser geht’s eigentlich nicht.
Video: UdL Digital Talk: Brigitte Zypries & Jens Best - Die Öffentlichkeit des Privaten.
Der netzpolitische Aktivist Jens Best diskutierte (siehe Video oben) unlängst im Berliner UdL Digital Talk mit Moderator Cherno Jobatey und der ehemaligen Justizministerin Brigitte Zypries. Der Fotograf möchte sichtbar machen, was andere nicht von sich im Netz sehen wollen. Er plant, in mühsamer Kleinarbeit alle Gebäude samt GPS-Daten abzulichten und sie im Internet zu veröffentlichen, damit der lückenlose virtuelle Rundgang durch Deutschland möglich wird. Auch auf dem Netzpolitischen Kongress der Grünen (gulli:News berichtete) sprach er sich kürzlich gegen Peter Schaars Variante der abgeschwächten Vorratsdatenspeicherung aus. Übrigens: Zu sehen ist er dabei nicht. Die Videoaufnahme von Herrn Schaars Keynote endet ausgerechnet wenige Sekunden, bevor der kritische Diskurs mit dem Publikum begann. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Doch Jens Best hofft, dass bei einigen Politikern quer durch die Reihen beim Thema digitaler Fortschritt und digitale Aufklärung „noch nicht Hopfen und Malz verloren“ sei. Best weiter: „Der ständige Dialog, den gerade die "Digitale Gemeinde" mehr und mehr suchen muss, jeder, überall, ist nicht einfach, aber nur so wird sich, ein besseres Verständnis über die Chancen des Web für die Gesellschaft ergeben können. Runter von der Kanzel und Hände dreckig machen oder wir ein Blogger Anfang 2010 schrieb: 'Stop evangelizing, start educating'.“
Und dann: „Wenn wir einen brauchbaren Begriff von Privatsphäre wollen, müssen wir auch wissen, was für uns 'Öffentlichkeit' im Informationszeitalter bedeutet. Das letztere peu a peu wegen einer Illusion des ersteren zu beschneiden, ist keine Art, die für mich akzeptabel ist. Wichtig ist mir festzustellen, dass wir durch die Herausforderung Internet einer neuen gesellschaftlichen Herausforderung gegenüber stehen. In aller Kürze: Das Web ist nichts weiter als der deutlichste Spiegel, in den die Menschen bis dato geblickt haben. Ein Zerschlagen oder Zudecken dieses Spiegels wird nichts an der gesellschaftlichen Realität ändern, die sich dort abbildet. Alle Personen, die sich über "das Internet" echauffieren, spucken sich selbst als Teil der Gesellschaft ins Gesicht - für mich ist dies kein positiver Weg Gemeinschaft zu gestalten. Neue Offenheit benötigt neues Vertrauen, Neue Partizipationsmöglichkeiten brauchen Neue Verantwortung. Neu heisst nicht notwendigerweise 'neu erfinden', sondern sich über die Werte einer Aufgeklärten Gesellschaft erneut klarzuwerden - in breiter Runde -, um dann daraus andere Formen des Umgangs, des Respekts und des gemeinsamen Handelns zu definieren. Die eigentliche Herausforderung des Internets ist die Umsetzung einer verantwortungsvollen, empathischen und demokratischen Gesellschaft. Ein paar verpixelte Häuser sind nichts weiter als Showkämpfe, von denen wir uns nicht ablenken lassen dürfen.“
Inwieweit sich ein auf Gewinn strebendes Unternehmen wie Google an einer Wertediskussion beteiligen will, bleibt aber dahingestellt. Für Google war immer dann etwas wertvoll, wenn man Geld damit verdienen kann, das liegt in der Natur der Sache. Umso höher der mögliche Profit, desto höher der Wert des Projekts. Fest steht: Mit seinen Äußerungen wird sich Jens Best in der Netzkultur mehr Feinde als Freunde gemacht haben. Aber dennoch. Er hat im Gegensatz zu manchen Politikern den Mut, die Kritik anzunehmen und sich damit konstruktiv auseinander zu setzen. Das ist heute leider eher die Ausnahme denn der Normalfall. Chapeau!
Video: Alt aber noch immer unterhaltsam. Die Satire vom ZDF: Google Home View.
Bild-Quellen: Rodrigo Cartoon
Lars Sobiraj am Mittwoch, 24.11.2010 15:03 Uhr
...kanns sein, dass dir jetzt nichts mehr an anderen Argumenten einfaellt? Was hat die rechtslage in den USA mit der hier ion .de zu tun? Oder soll das jetzt ein Foermchenschmeissen werden? Im uebrigen - was ist denn nu mit den ganzen Wohngebietsdatenbanken der Immobilien[ST ...
Nochmal für die die komische fragen dazu stellen: Rechtlich gesehen hätte Google nicht mal verpixeln müssen. Wurde nun bereits von einigen Anwälten im Internet publiziert. Suchen dürft ihr das aber selber. ...
Hat sich Google im Vornherein eine Erlaubnis für die Fotos eingeholt? Seit wann erteilen Hausfassaden Erlaubnisse.? Ansonsten: viel Text, viel Jammertal und Null neue Infos. Schade ...
Ich hab nichts dagen, wenn es sich um verstreut aufgenommene Einzelbilder ohne Adresse handelt. Wenn aber jemand damit Geld verdient, dass man gezielt mein Haus anschauen kann, fühl ich mich in meiner Privatsphäre gestöhrt. Wieso, wenn ich grade von dei ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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