Der unabhängige IT- und Tech-Kanal!
internet.board.entertainment.games.hardware

  • gulli
  • Nachrichten
  • Musikindustrie frohlockt wegen Gallo-Beschluss - ein (bitterböser) Kommentar

Musikindustrie frohlockt wegen Gallo-Beschluss - ein (bitterböser) Kommentar

Es gibt etwas zu feiern! Der Jubelschrei beim Bundesverband Musikindustrie (BVMI) dürfte gestern in Berlin unüberhörbar gewesen sein. Am Mittwoch hat das Europäische Parlament den Gallo-Report ohne größere Probleme durchgewunken. Vielen mag die Feierstimmung der Lobbyisten wenig überraschend erscheinen. Sie würden ihren Job schlecht machen, würden sie bei solchen Aussichten keinen Beifall spenden.

RIAA

RIAA

Die konservative Politikerin Marielle Gallo gehört im Europäischen Parlament der Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten) an. Die Französin ist auch die Autorin des gleichnamigen „Reports über die Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums im Binnenmarkt“, kurz: Gallo-Report. In ihrem Bericht fordert sie einen stärkeren Schutz des geistigen Eigentums auf EU-Ebene ein. Verletzungen des Urheberrechts sollen künftig länderübergreifend strafrechtlich verfolgt werden. Die Unternehmen der Content-Industrie und die Internet-Anbieter sollen Hand in Hand aktiv gegen den illegalen Tausch von Daten vorgehen. Marielle Gallo versteht darunter auch Internetsperren à la three strikes und HADOPI wie in Großbritannien und Frankreich. Sie macht sich auch dafür stark, dass die EU-Kommission (endlich) die Verhandlungen zum strittigen ACTA-Abkommen fortsetzen soll.


Nun, machen wir uns nichts vor. Der BVMI ist nichts anderes als die PR-Agentur der Großunternehmer der Branche. Den Damen und Herren leuchten derzeit keine Dollarnoten, sondern vor allem unzählige Zangen in den Augen. Auf ihrer Netzhaut ist nicht Platz genug für all die Scheren, die sie sich eiligst herbeisehnen. Natürlich ist die Vorfreude auf das Durchtrennen der Internetleitungen deswegen so groß, weil man hofft, danach wieder das große Geld verdienen zu können. Weswegen wohl auch sonst? Mit welcher Begründung die Trennung auch immer durchgeführt werden soll die Gesetzgeber werden der Entwicklung der Technik immer hinterher hinken. Das liegt in der Natur der Sache.

BVMI-Chef Prof. Dieter Gorny bekundet seine Vorfreude mit den Worten: „Das ist ein klares Signal aus Straßburg - auch an die nationalen Gesetzgeber -, endlich pragmatische Lösungen gegen die illegale Nutzung von Musik, Filmen, Büchern, Games oder Software zu entwickeln und umzusetzen.“ Die Abstimmung mit 328 zu 245 Stimmen ist aber bei weitem nicht so eindeutig, wie der BVMI das Ergebnis gerne in der Öffentlichkeit darstellen würde.

Solange die Quellen im Graubereich sprudeln, würde dies die Erforschung innovativer Angebote behindern und Arbeitsplätze kosten, kommentiert man die Gründe für den seit vielen Jahren eingeforderten Schutz der Kreativwirtschaft. Wenn schon der Wettbewerb behindert wird, und ihnen noch immer niemand von der politischen Riege zuhören möchte, dann kommt spätestens das senilste aller Totschlagargumente zum Einsatz: die Bedrohung von Arbeitsplätzen.

Das bringt auch die im April veröffentlichte TERA-Studie zum Ausdruck. Tera Consultants hatte errechnet, dass die illegale Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte im Internet alleine in Deutschland im Jahr 2008 bei Produktion und Vertrieb von Spielfilmen, TV-Serien, Musik und Software einen Schaden von 1,2 Milliarden Euro verursacht haben soll. Rund 34.000 Arbeitsplätze seien deswegen hierzulande vernichtet worden. Für alle 27 EU-Staaten zusammen rechnete man 10 Milliarden Euro und 186.000 verlorene Jobs hoch. Sehr viel spekulativer fällt aber die Prognose aus, sobald die etwas weiter entfernte Zukunft beschrieben wird. Auf EU-Ebene sollen aufgrund der Urheberrechtsverletzungen bis in fünf Jahren 56 Milliarden Euro Schäden entstanden und 1,2 Millionen Arbeitsplätze zerstört worden sein. Innerhalb von fünf Jahren ändert sich aber derartig viel; die Studie als ungenau oder nur spekulativ zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Imaginär, mit Hilfe einer Glaskugel vielleicht? Aufgrund von aktuellen Zahlen frei erfunden trifft es besser.

Musikindustrie

Musikindustrie

Wer hätte denn beispielsweise vor fünf Jahren geglaubt, welchen Siegeszug Facebook vollziehen würde? Wer konnte vor fünf Jahren ahnen, wie sich das Internet entwickelt und wie sehr es unsere Gesellschaft und die Marktwirtschaft beeinflusst? Egal, wen man in Interviews fragt - niemand hat den Mut für eine konkrete Prognose. Wie auch will man seriös bestimmen, wie es weitergeht, haben so unglaublich viele Faktoren Einfluss darauf, die man unmöglich wirklich exakt einschätzen kann. Nur Tera Consultants, die wissen natürlich genauestens Bescheid, was passieren wird. Facepalm?
 

Un meine verwaiste Gebetsmühle nicht einrosten zu lassen: Nach den Ursachen der gigantischen Schäden, die schon jetzt durch den illegalen Vertrieb von Werken entstanden sind, wird wie üblich nicht gefragt. Das liege wohl alles in der Hand der bösen Raubmordkopierer, die quasi in Horden über die nicht mehr schützbaren Musikstücke hergefallen sind. Dass wir mittlerweile eine Generation von Jugendlichen haben, die gar nicht mehr wissen, was das Urheberrecht in der Praxis bedeutet, steht außer Frage. Die heutigen Kids kommen mit dem Thema nur dann in Berührung, wenn ihre Eltern oder die Eltern anderer Filesharer eine Abmahnung wegen eines P2P-Transfers kassiert haben. Und dann wird’s für die Betroffenen richtig teuer.

Nun, jetzt ist also Madame Gallo aus Sarkozys Lager gefragt, das alles wieder in Reih und Glied aufzustellen, was angeblich von ganz alleine durcheinander gewürfelt wurde. Ehrlich Leute. Was würde mit einer anderen Branche passieren, wenn sich niemand mehr auf die Bedürfnisse der Kunden einstellt, und so lange verpasst zu realisieren, dass sich die Welt um sie herum nicht nur gedreht sondern auch verändert hat. Kann es sich die Gemeinschaft der Bäcker leisten, 10 Jahre lang die immer gleichen Brötchen auf die immer gleiche Weise zu verkaufen?

Edit: Der Vergleich zwischen manchen Bäckereiketten und den Labels ist schnell erklärt. Vielen Filialen werden die Teigwaren fertig geliefert, um sie dort im Laden fertig zu backen. Auch die Musikwirtschaft greift auf unfertige Talente und deren geistige Leistungen und ihre Kreativität zurück, um sie zur Reife zu bringen und das Produkt zu optimieren. Die Plattenlabels als auch die Bäckerei-Geschäfte sind dafür verantwortlich, ihre Waren so gut wie möglich zu vermarkten. Dazu gehört natürlich auch ein Konzept, welches den Besuchern der Läden immer mal wieder ein neues Highlight anbietet. Natürlich hat sich das eine Gewerbe nicht ansatzweise so sehr gewandelt, wie das andere. Trotzdem ist man überall stets darauf angewiesen, es seinen Kunden im wahrsten Sinne "schmackhaft" zu machen, damit sie wieder kommen, weil sie beim Gang in den Laden einen Mehrwert entdecken. Wäre das nicht so, könnten sie das Brot auch selber machen. Im übertragenen Sinn könnten die Musikliebhaber auch freie Musik bei Jamendo & Co. beziehen oder diese selbst machen, wie es z.B. Netlabels tun. In den eigenen vier Wänden musizieren die Menschen aber schon so lange, wie es Musikinstrumente gibt. Und auch sehr viel länger, als die Musikwirtschaft existiert. In den Flaschen der Mineralwasserfirmen ist neben H2O auch ein Mehrwert enthalten, weswegen die Kunden nicht einfach den Wasserhahn aufdrehen.


Viel wichtiger an dieser Stelle ist aber: Was tun, wenn das Geschäftsmodell doch mal kaputt geht, weil man die Zeichen der Zeit nicht erkannte? Wenn dann keine Teigwaren mehr verkauft werden? Mahnt man dann die Hausfrauen ab, die ihr Brot zuhause gebacken oder die Zutaten im Internet bestellt haben? Fordert dann die Bäcker-Innung als Interessenverband der leidenden Branche Herd- und Ofensperren für die bösen SelbstBrotBäcker? Oder gar eine Geräteabgabe, weil die heimischen Backautomaten den unterbezahlten Angestellten von Kamps & Co. die Arbeit streitig machen? Nichts anderes passiert in der Musikwirtschaft seit Jahren.


Face the facts: Professor Gorny wird für die Durchführung von Lobbyarbeit bezahlt. Und wir dafür, die Augen aufzuhalten und nicht an Gedächtnisschwäche zu leiden. In dem Sinne wünschen wir weiterhin guten Hunger und denkt bitte daran:

Homefucking is killing prostitution and homebaking is killing the bread industry!

Wohl bekomm's!

Bild-Quellen: negatyve.deviantart.com blitzgraphics.deviantart.com

Lars Sobiraj am Donnerstag, 23.09.2010 18:45 Uhr

tagsTags: bvmi hadopi loi hadopi gorny dieter gorny gallo

Bookmark and Share
vgwort
 
Weitere interessante News
28 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Lobo0202 am 24.09.2010 19:46:07

    da spende ich lieber an nen künstler der gute musik macht und sie unter cc lizens veröffentlicht. ist das ein konjunktiv, oder hast du wirklich schon gespendet? ich bin zwar auch der typ "wenn ich das geld hätte, würde ich es kaufen", aber wie viele geben dann t ...

  • Grazer57 am 24.09.2010 17:05:33

    Also argumentiert doch mal vernünftig, sonst haben wir keine Chance was zu verbessern. Gute Idee. Aber was willst Du für Argumente finden, wenn die MI mittels den Politikern das uralte Recht des Tauschens kriminalisieren? Egal wie man das Tauschen juristisch bewer ...

  • Sm0KeHeaD am 24.09.2010 11:47:57

    ich wüsste garnicht welche musik ich (illegal) runterladen sollte. wie schon von einem vorposter erwähnt, das meißte ist es nichtmal wert runtergeladen zu werden. da spende ich lieber an nen künstler der gute musik macht und sie unter cc lizens veröffentlicht. ...

  • tommmer am 24.09.2010 11:46:14

    Der Vergleich hinkt. Selber Backen kann man mit selber Musikmachen gleichsetzen ... Es geht hier natürlich nicht um das Brot bzw. die CD als Produkt, sondern um den geistigen Inhalt. Das wird immer verkannt. Kann ich nur zustimmen. Ich verstehe immer nicht, wie man ...

  • Knuffbox am 24.09.2010 11:32:49

    Habe mir gerade ein extrem gutes Album von Parov Stelar (Coco) geladen. Ich habe schon ein leicht schlechtes Gewissen O:) Kann das bitte jemand an meiner Stelle kaufen? Ich habe nämlich kein Geld ;) Es ist w ...

weitere Kommentare lesen     Nachricht kommentieren

 
Fotostrecke
News [Kurioses]

Apple filterte den Begriff "Jailbreak" im iTunes Store

Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr

befreit: ipad 3 & iphone 4s

Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.

mehr mehr lesen...

Browsergames
Gondal World

TOPTIPP: Gondal World

Kämpfe als Held in diesem einzigartigen Fantasy Game. Viele Gefahren und Abenteuer erwarten dich! Escaria spielen

Escaria

Escaria

Erschaffe deine eigene Insel und erobere die Welt. Krieg oder Wachstum - deine Strategie entscheidet! Escaria spielen

Artyria

Artyria

Werde Gladiator und kämpfe im antiken Zeitalter um Ruhm und Ehre. Gehe Bündnisse mit anderen Spielern ein und kämpft gemeinsam gegen die schrecklichen Barbaren. Artyria spielen

Gondal

Gondal

Ziehe als einsamer Waldläufer oder an der Seite von Kampfgefährten in einem Fantasy-Spiel von Abenteuer zu Abenteuer. Gondal spielen

Last Emperor

Last Emperor

Tritt gegen legendären Samurai aus Japan des 19. Jahrhundert an und werde der gefürchtetste aller Samurai. Last Emperor spielen

Nightcreeps

Nightcreeps

Tritt in eine epische Schlacht zwischen Werwölfen und Vampiren, in der nur die Stärksten überleben werden, ein. Nightcreeps spielen

gulli:picsArtikel empfehlengulli RSS News Feedsgulli RSS NewsPresso Feedsgulli:Newslettergulli twittertgulli bei facebookgulli:news im AppStoreSeitenanfang