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Deckel drauf! Die Gulli-Glosse (34/2010)

Die letzte Woche hatte es mal wieder in sich. Die Nachrichten waren nicht nur haarstäubend bis zur Afrofrisur, nein, sie waren auch gefährlich. So kam es bereits Mitte der Woche zum massiven Aufkommen von verrenkten Hälsen und Platzwunden an der Stirn aufgrund von verstärktem Kopfschütteln und Haupt gegen die Wand schlagen. Was bei dieser Woche nicht verwundert...

Natürlich gibt es in solchen Situationen andere Möglichkeiten die Welt zu ertragen, die zwar nicht weniger gefährlich sind, aber dafür wenigstens angenehmer. Doch auch im Bereich der chemischen Beruhigung auf Ethanolbasis blieb man diesmal nicht verschont. Denn auf ihrem diesjährigen Treffen wünschten sich die Barkeeper in den USA ein Urheberrecht auf ihre Cocktails. Ein Schelm, wem da spontan das Wort "Schnapsidee" einfällt. Wie dürfte die Durchsetzung eines solchen Urheberrechts wohl aussehen? Selbstverständlich müssten alle verfolgt werden, die eine illegale Kopie eines Drinks "heruntergeladen" haben. Aber eben diese Urheberrechtsverletzer würden wie das Pils aus dem Zapfhahn schießen. Plötzlich gäbe es Gin-Sharer, Ein-Shot-Hoster und Beer-to-Beer-Tauschbörsen. Aber viele Begriffe würden sich auch wieder ihrer ursprünglichen Bedeutung annähern: Piraten könnten wieder Rumschmuggler sein und ein Bootleg wäre auch mal wieder das, was er zur Prohibitionszeit war. Aber letztendlich ist es doch eine böse Sache die niemand mag, Fälschungen zu benutzen, denn damit schadet man den ursprünglichen Herstellern. Offensichtlich nicht, wenn man einer Studie im Auftrag der Europäischen Union glaubt. Die hat nämlich herausgefunden, dass die Fälschungen weder den Originalvertreibern schaden, noch dass die Menschen für schärfere Maßnahmen gegen Produktpiraterie sind. Außerdem stellt die Fälschung gewissermaßen eine Art Ritterschlag dar, denn es werden nur solche Dinge gefälscht, die wirklich einen guten Ruf besitzen. Was auch der Grund sein könnte, warum es keine gefälschten Kik-Kleider gibt.

Die Gulli-Glosse: Hart, aber gemein.

Die Gulli-Glosse: Hart, aber gemein.

Aber manche Zeitgenossen reagieren etwas empfindlicher auf die Wahrheit als andere. Ein schönes Beispiel wäre da Indect. Nachdem es nämlich zu großer Kritik am EU-weiten Überwachungssystem kam, hat man sich einfach entschlossen, mehr geheim zu halten. Ein neuer Ethikrat soll nun entscheiden, was an die Öffentlichkeit dringen darf, damit die armen Angestellten sich nun besser der Überwachung der gemeinen Bürger widmen können, anstatt sich andauernd vor diesen rechtfertigen zu müssen. Ob es allerdings sonderlich klug ist, bei einem Überwachungsprojekt der Kritik von Datenschützern durch eine höhere Geheimhaltung zu begegnen, bleibt fraglich. Außerdem hätte man einen glücklicheren Namen für das Entscheidungsgremium wählen können. Rat für Wahrheit und Information zum Beispiel. Aber man muss ja nicht für alles einen neuen Namen erfinden. Die Polizei und der Bundesnachrichtendienst behalten zum Beispiel beide ihren Namen. Sie tauschen lediglich regelmäßig Mitarbeiter aus. Es wird also offiziell gar keine Behörde geben, die eine so klangvolle Bezeichnung wie "Geheimpolizei" benötigen würde. Bei solchen Entwicklungen möchte man liebsten in die Luft gehen. Oder unter die Erde, denn genau das macht Wikileaks. Die haben nämlich ihre Server in einem alten schwedischen Atombunker untergebracht, wohl auch aus Sicherheitsgründen. Diese Maßnahme hat aber auch noch einen weiteren positiven Nebeneffekt, nämlich die Verbesserung der artgerechten Haltung. Die in Gefangenschaft aufgezogenen Dokumente sind nämlich bisher an eine unterirdische Umgebung gewöhnt und müssen erst auf ihre digitale Auswilderung vorbereitet werden.

Aber das mit der Sicherheit ist ja so eine Sache. Denn eine Untersuchung hat ergeben, dass Sierra Leone ein sicherer Ort ist als die USA. Natürlich nur, wenn es ums Surfen im Word Wide Web geht. In anderen Bereichen ist das Verhältnis ganz anders. So dürften bei der Wahrscheinlichkeit, einen unnatürlichen Tod durch den massiven Einsatz von Schusswaffen zu erleiden, beide Länder in etwa gleich auf sein. Wobei die größere Auswahl an Kalibern und Modellen eher für einen Lebensabbruch durch Bleiauspolsterung in den Vereinigten Staaten spricht. Doch die Sicherheitsfrage ist in vielen Bereichen präsent. So versprach ein nicht gerade basketballtauglicher Bundesminister in den Neunzigern, dass die Versorgung im Falle des Erreichens eines gewissen Mindestalters (auch umgangssprachlich als "Rente" bezeichnet") gesichert sei, entgegen aller damals vorherrschen Bedenken. Vor kurzer Zeit erst bekundete unser Bundesinnenminister, dass er den neuen elektronischen Personalausweis für sicher halte. Ebenfalls entgegen anderslautender Bedenken. Mal sehen, ob er mehr Erfolg mit seiner Behauptung hat.

Nun könnte ja manch böser Mensch auf die Idee kommen, dass Politiker wider besseres Wissen lügen. Natürlich ist das nicht wahr. Das Belügen scheint nämlich Sache der Behörden zu sein. Zumindest behauptet Edward Hasbrouck, dass das Department of Homeland Security die Europäische Union angelogen hätte. So hätte man anscheinend nicht, wie behauptet, sämtliche Anfragen bezüglich der Fluggastdaten beantwortet. Womöglich handelt es sich aber auch einfach nur um ein Missverständnis. Vielleicht wollte der US-Heimatschutz damit nur sagen, dass man bisher jede Anfrage von Dritten nach den Daten beantwortet und bewilligt hat. Ob das den Unmut allerdings dämpfen würde, ist zu bezweifeln.

Ganz schlechte Nachrichten gab es auch für die Romantiker unter uns, besonders in England. Dort wurde ein Mann, der wegen einer Messerattacke vorbestraft war, wieder in Untersuchungshaft gesteckt, und zwar weil er eine Rose in der Hand hielt. Eifrige Überwachungs..., Verzeihung, Ermittlungsbeamte sahen den Mann zusammen mit seiner Verlobten, wie er die gefährliche Waffe in der Hand hielt, die gegen die Den Haager Gartenkriegsordnung verstieß. Da kann man nur froh sein, dass der Valentinstag noch einige Monate entfernt ist. Nicht auszudenken, wie die britischen Behörden reagieren würden, wenn plötzlich ganze Horden schwer bewaffneter und unzurechnungsfähiger Menschen durch die Straßen laufen würden. In diesem Sinne noch eine schöne neue Woche.

Christian Maxheimer am Sonntag, 05.09.2010 19:47 Uhr

tagsTags: gulli glosse

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5 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • TRON2 am 09.09.2010 02:13:07

    Gut gemacht.:T ...

  • eliveo am 08.09.2010 11:29:04

    Ja, die Artikel sind echt super geschrieben. Ihr deckt viel Unrecht im Internet und gegenüber "unbescholtenen" Bürgern auf, was sonst in der Presse meistens tot geschwiegen wird, ohne gleich in "Verschwörungstheorie-Schwachsinn" zu verfallen. ...

  • withmorten am 06.09.2010 20:12:36

    Klasse Artikel! :T Besonders bei der Rosenattacke musste ich lachen :D ...

  • Ghandy am 05.09.2010 23:19:29

    Danke Christian, die Glosse rockt das Haus! ...

  • geodreieck24 am 05.09.2010 19:56:28

    Schön geschrieben, vielen Dank dafür! Was auch der Grund sein könnte, warum es keine gefälschten Kik-Kleider gibt.:D ...

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