
Weniger die Kunst selbst, als vielmehr die rechtlichen Bedingungen ihrer Entstehung, Verbreitung und Nutzung im digitalen Zeitalter werden das Gespräch im Hof 8 des Museumsquartiers (MQ) in Wien bestimmen, zu dem die Wiener „Grünen“ für den kommenden Donnerstag (19.08.2010) ab 19 Uhr als Auftaktveranstaltung ihrer Sommergespräche einladen. Denn digitale Kunst, sofern sie nicht aus den PIXAR-Studios in Hollywood stammt, hat hierzulande und anderswo kaum genügend Interessenten und vor allem kaum gesellschaftliche Relevanz, um ins Blickfeld der Politik zu geraten.
Museumsquartier 2008
Eingeladen wurden neben Wolfgang Zinggl, Nationalratsabgeordneter der „Grünen“ und der bekannten ACTA-Gegnerin Eva Lichtenberger (für die „Grünen“ im Europaparlament) die Künstlerin Susanne Kirchmayr (aka „electric indigo“), die seit ihrem vierundzwanzigsten Lebensjahr als DJ tätig ist und zusammen mit Alexander Wagendristel für den Österreichischen Pavillon auf der EXPO Shanghai 2010 sechs Kompositionen beisteuerte; des weiteren Werner Müller, seines Zeichens Geschäftsführer des Fachverbands für Musik- und Filmindustrie und des "Verein für Anti-Piraterie der Film- und Videobranche (VAP)" sowie Peter Sunde, Mitbegründer von „The Pirate Bay“ und „Flattr“.
Eine spannende Runde, die sich bei hoffentlich sommerlichen Temperaturen zusammenfinden kann, wenn, ja, wenn sich „The Pirate Bay“ und der „Verein für Anti-Piraterie“ denn so „grün“ wären, wie die, die sie eingeladen hatten. Da Zusagen nie gleichzeitig erfolgen, hatten die Organisatoren wohl davon Abstand genommen, auch eine Liste der weiteren Angefragten bei der Einladung zu übermitteln; anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass Werner Müller erst nach seiner Zusage von der Teilnahme Peter Sundes erfuhr – und prompt seine Teilnahme zurückzog. In einer ausführlichen und auf der Internetpräsenz des Moderators Marco Schreuder (der für die „Grünen“ im Wiener Gemeinderat sitzt) veröffentlichten Begründung legt der „Anti-Piraterie“-Geschäftsführer dar, warum es ihm nicht möglich ist, mit dem Mitbegründer von “The Pirate Bay“ an einer gemeinsamen Diskussion teilzunehmen. Dieser Rückzug ist keineswegs überraschend und auch nachvollziehbar, wenn man die Positionen der Musik- und Filmindustrie zur Bedeutung des (illegalen) Filesharings berücksichtigt, die darin in der Hauptsache den Totengräber ganzer Branchen vermuten.
Eine der großen Schwierigkeiten, mit denen die Kreativindustrie kämpft, ist die große gesellschaftliche ausdrückliche oder unausgesprochene Akzeptanz, die auch illegalem Filesharing mit Filmen, Musik oder E-Books entgegengebracht wird. Die erhoffte Ächtung durch begriffliche Kriminalisierung wie „Diebstahl“ oder „Piraterei“ hat eher kaum oder gar gegenteilige Wirkung. Illegales Filesharing gilt als Kavaliersdelikt, wie das Überqueren einer Straße bei roter Ampel und erregt auch ähnlich viel Empörung – mit Ausnahme bei den betroffenen Branchen. „Es gibt keinen Grund, im Internet einen rechtsfreien Raum zu sehen. Bei Themen, wie die Beschränkung von Kinderpornografie oder rassistischem Material , ist das auch weitestgehend gesellschaftlicher Konsens. Beim Schutz von immateriellen Eigentumsrechten ist dieser Konsens halt leider nicht so“, schreibt Werner Müller in seiner Absage.
Genausowenig, wie die „Grünen“ zu den anderen Terminen einen Gegner „feministischer Stadtpolitik“ oder einen Vertreter der „extremen Rechten auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft“ eingeladen haben, um ihnen nicht ein Podium für ihre Ansichten zu schaffen, genausowenig hätte man konsequenterweise – aus Sicht der Kreativindustrie – einen in 1. Instanz strafrechtlich Verurteilten einladen dürfen. Zudem soll ja in Österreich mit der kommenden Novelle des Mediengesetzes eine Änderung der Strafprozessordnung einhergehen, so dass „Filesharing als gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzung interpretiert werden [kann], worauf in Österreich bis zu zwei Jahre Haft drohen“.
Es wäre also kaum ein geeignetes Signal des Fachverbands der Film- und Musikindustrie gewesen, sich gemeinsam mit einer der exponiertesten Gallionsfiguren der Piratenschiffe im Datenmeer in einer öffentlichen Runde zu präsentieren. Und aller Erfahrung nach dürfte eine solche offensichtliche Gegensätzlichkeit der Positionen dem Sommergespräch auch nicht gut getan haben. Wie die anderen Sommergespräche der „Grünen“ auf Konsens in der Sache setzen und nicht auf Konfrontation, dürfte das Ergebnis moderater Unterschiede durchaus fruchtbarer sein.
Nichtsdestotrotz ist ein konstruktives und ergebnisorientieres Gespräch aller (!) Beteiligten an der Schaffung, Verbreitung und Nutzung von kreativen Schöpfungen im digitalen Zeitalter nach wie vor ein dringendes gesellschaftliches Anliegen. Dabei reicht es nicht, sich mit der Erosion traditioneller kommerzieller Finanzierungs- bzw. Geschäftsmodelle auseinanderzusetzen, die rechtlichen Rahmenbedingungen unternehmerischer Initiativen wie künstlerischen Schaffens Schritt für Schritt anzupassen. Vielmehr geht es um die individuellen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Mediennutzung, welche sich vor allem im Umbruch befinden. Es geht auch um die erstarkende Position der Nutzer, die nicht mehr nur passive Konsumenten von Dargebotenem sind, sondern sich Zugang zu den von ihnen gewünschten Medien zu verschaffen wissen. Die Basis der digitalen Informationsgesellschaft ist nicht mehr übersichtliche Knappheit von digitalen Gütern, sondern zu ordnender Überfluss. Der fortdauernde Wunsch der Kreativbranche nach einer regulativen Schwächung der Privatkopie offenbart die Hilflosigkeit im Umgang mit dem prinzipiell grenzenlosen Überfluss, der ihren bisherigen Finanzierungsmodellen (wie jeder Ökonomie, die ja auf Verknappung aufsetzt) den Boden entzieht.
Ob „Grüne Kulturpolitik“ im Bereich der rechtlichen Rahmenbedingungen im Umgang mit kreativen Leistungen mit ihrem Sommergespräch zu „Kunst im digitalen Zeitalter“ Akzente setzen kann, bleibt auch nach dem missglückten Start im Vorfeld offen. Zu hoffen ist auf eine konzentrierte und konstruktiv-kontroverse Diskussion, die weit über das eher wolkige „Kulturprogramm“ der Partei hinausweist.
Bild-Quellen: Andre Lung (cc-by-sa)
Text-Quellen: Marco Schreuder (Die Grünen Wien)
Joachim Losehand am Sonntag, 15.08.2010 18:12 Uhr
was wir brauche ist eine debatte über die folgen von geistigen besitz und individuellen eigentumsrechten, wie es das urheberecht erlaubt. man stelle sich nur mal vor, dass grundstücksbesitzer selbst die rechte für ihr grundstück festlegen dürfen. ()klar gibt es das hausrecht, aber ich will auf ...
Die „Grünen Wien“ laden kommende Woche, am 19. August ab 19 Uhr zum Sommergespräch über „Kunst im digitalen Zeitalter“ ins Museumsquartier (MQ) ein. Thema wird speziell das Urheberrecht und die Zukunft der (nicht-)kommerziellen Rechteverwertung sein, ein Zankapfel, der den Veranstaltern s ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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