
Vor wenigen Tagen hat sich die Politik in die Sommerpause verabschiedet. Während die Kabarettisten diese Zeit wohl nutzen werden, um das Überangebot an Vorlagen abzuarbeiten, das die Regierungen in letzter Zeit produziert hatten, wird der eine oder andere Journalist wohl oder übel über Dinge berichten müssen, deren Erwähnung ansonsten eher Platzverschwendung wäre. Dementsprechend mag wohl der eine oder andere User seine Nachrichtenseiten wohl seltener besuchen als üblich. Bei der Online-Ausgabe der britischen Times jedoch liegt der massive Leserwegfall nicht an unbedeutenden Meldungen, sondern an der Paywall, die installiert wurde. Nun ja, eigentlich ist die Paywall ja ein voller Erfolg. Sie wurde installiert, um die Leute davon abzuhalten, die Inhalte der Times kostenlos zu lesen. Diese Aufgabe vollführt sie auch bravourös. Zu dumm, dass man so zwei Drittel seiner Leser aussperrt. Einen großen Vorteil hat dieses Desaster aber: es wurden während dieser Zeit wesentlich weniger unsinnige Leserkommentare abgegeben. Aber über die unsinnigen Äußerungen kommen wir auch gleich wieder zurück zur Politik. Dort ist es ja Gang und Gebe, Gesetze zu beschließen, die gerade einmal halbfertig sind und dann einfach auf Druck hin nachzubessern. Derartig fixe Ideen scheinen nun auch bei der Spielebranche angekommen zu sein. Dort kam nämlich der Gedanke auf, Spiele halbfertig zu verkaufen und weitere Teile davon übers Netz zu vertreiben, als eine andere Möglichkeit des Kopierschutzes. Bei Spielen mit klaren Levelstrukturen ist das ja noch logisch möglich, aber wie verhält es sich mit einer Wirtschaftssimulation oder einem Rennspiel? Muss man dann die Inhalte "Finanzkrise" oder "Bremsen" zusätzlich kaufen, und wenn ja, wird man von dieser Notwendigkeit unterrichtet bevor man mit 240 Sachen auf die Haarnadelkurve zurast?
Aber es sind ja ohnehin sehr schwere Zeiten für Content-Industrien angebrochen. Das Volk findet Wege, sich gegen die überhöhten Preise der Produkte zu wehren und auch jene schönen Einnahmequellen, die komplett ohne eigene Leistungen funktionieren, scheinen zu versiegen. Denn die schwedische Verwertungsgesellschaft Copyswede hat besorgt festgestellt, dass der Verkauf von Rohlingen, und damit die Abgaben an die Gesellschaft, rückläufig ist. Und schon denkt man über Alternativen nach, wo man noch Tribute, Verzeihung, Abgaben eintreiben könnte. Und die Möglichkeiten sind vielfältig. denkbar wären Gebühren bei der Fläche von Elektromärkten, die ja das Rüstzeug für den Raubkopierer verkaufen, oder auf Kaffee, da der böse Copyrightverletzer ja das Tageslicht scheut und seine Missetaten nachts begeht. Noch kreativer wären Abgaben auf Instrumentenläden, Musikhochschulen und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, da diese eine Copyrightverletzung ganz anderer Bandbreite unterstützen, das sogenannte "Nachspielen". Gewissermaßen eine Kopf-, Hand- und Zungensteuer. Einen eher klassischen Ansatz in Sachen Ertrag ohne Aufwand scheint der Geschäftsführer des Musiklobby-Verbands UK Music zu verfolgen. Denn Gerüchten zufolge soll er geadelt und ins britische House of Lords berufen werden. Doch auch wenn dieser Rückgriff auf alte Methoden des Erwerbs interessant ist, dürften auf den Mann wohl arge Umstellungsschwierigkeiten zukommen. Denn von nun kann er in den Parlamentssaal hinein und muss nicht mehr davor herumlungern und auf Opfer warten. Außerdem muss er sich daran gewöhnen, dass nun andere Leute versuchen, ihn zu bestechen, und nicht mehr umgekehrt. Wäre ja auch peinliche, wenn Parlamentsmitglieder plötzlich anfangen würden, Lobbyisten zu kaufen. Wo käme man da hin?
Aber nicht nur bei den herrschenden Klassen, auch bei den Rebellen lernt man aus der Geschichte. Und so, wie jede gute Freibeutermannschaft auch einen Heimathafen hatte, braucht auch der Internetpirat von heute einen Ort, von dem aus er operieren kann. Also entschloss sich die schwedische Piratenpartei, einen eigenen Internet Service Provider zu schaffen. Natürlich mit völliger Anonymität für die einlaufenden User. Man will ja nicht, dass die königliche Internetmarine oder die West Media Trading Company ihre Nase in Grog steckt, der sie nichts angeht.
In Japan wiederum versucht man sich an der Zukunft, denn dort werden nun Werbetafeln getestet, die Alter und Geschlecht erkennen, ihre Werbung dementsprechend anpassen und sogar die Reaktion darauf messen sollen. Böse Zungen behaupten allerdings, das ganze würde auf lediglich 4 Kategorien von Werbung hinauslaufen. Pornos, teure Uhren und Viagra für Männer(gestaffelt nach Altersklassen) und Schuhe für Frauen. Also um Grunde das, was man auch tagtäglich im E-Mail-Postfach findet. Die automatische Erkennung von Alter und Geschlecht wäre jedoch auch für noch finsterere Zwecke als Offline-Spam interessant. Denn die würde sich sicherlich gut in die Planungen von Kommissarin Malmström für eine EU-Sicherheitsarchitektur einfügen. Gewissermaßen zur Abrundung der totalen Überwachung. Frei nach dem Motto: Heute Europa, morgen die W...nein, das war was anderes. Allerdings kann man mit der Überwachung auch schon mal Probleme haben. Zum Beispiel, wenn die feststellt, dass der zu Überwachende sich nichts zu schulden kommen lässt. Aber zum Glück ist das Problem schon von unseren Freunden und Vorreitern in Sachen Experimentaldemokratie, den Russen, gelöst worden. Dort muss man gar nichts mehr getan haben, um vom Geheimdienst verhaftet zu werden. Also wie in den guten alten Zeiten. Das dieses Konzept Schule macht, ist zu erwarten. Denn immerhin sind die Russen auch die Erfinder der Kommissare, die sich mit Politik beschäftigen.
In Frankreich scheint hingegen der Kampf gegen Raubkopierer trotz neuer Behörde namens HADOPI nicht wirklich in Fahrt zu kommen. Denn die von der Inquisition übernommene Taktik, die Werkzeuge des Grauens zuerst zu zeigen, um den Delinquenten bereits zur Aufgabe des Widerstands zu zwingen, scheint nicht zu fruchten. Es mag daran liegen, dass bei der Konvertierung des Konzepts ein wichtiger Punkt übersehen wurde, nämlich der Glaube. Während hinter der Inquisition die geballte Macht der Glaubensorganisation Kirche stand, scheint es nun so, als könnten die Franzosen einfach nicht glauben, dass eine Behörde mit einem so drolligen Namen solche schlimmen Dinge wirklich tun würde. Gewissermaßen das Dilemma des Folterknechts im Hasenkostüm. Die Frage "tot oder lebendig?" wird derzeit auch an anderen Orten gestellt. So steht Facebook vor dem Problem, dass verstorbende Mitglieder klassischerweise ihren Account nicht mehr löschen. Die Feststellung des Daseinszustandes des Users bleibt also problematisch. Verworfen wurde bereits die Möglichkeit, als Status "mumifiziert" anzugeben, ebenso wie der "become a funeral person"-Button. Auch der Aufbau eines Unterportals mit Namen "Facebook of the Dead" verzögert sich noch, da sich Gerüchten zufolge Probleme beim Auslesen der spirituellen Kontaktdaten ergeben haben.
gulli glosse
Aber man sollte sowieso nicht die ganze Zeit über mit der digitalen Welt in Kontakt bleiben. Das kann sogar zu einem Sicherheitsrisiko werden, vor allem im Urlaub. Daher sollte man sich in seiner Freizeit grundsätzlich nicht mit der Arbeit beschäftigen. Aus Gründen der Sicherheit, selbstverständlich. Außderdem wird die nächste Woche sicher auch so schon anstrengend genug.
Christian Maxheimer am Sonntag, 25.07.2010 15:45 Uhr
Köstlich. :D Und auch schön lang, hat mir wirklich den Abend gerettet. Bitte mehr davon! Grueße Ignatz ...
Gut geschrieben. Weiter so. ...
Es gibt keine Sommerpause, zumindest nicht für den Irrsinn auf dieser Welt. Denn während sich mancher bereits in den Urlaub verabschiedet hat, hatte diese Woche einige interessante Meldungen in petto. Die Bandbreite der Akteure ist dabei recht groß: Freibeuter und (Vielleicht-)Adlige, Lebende und ...
Lars Sobiraj am 04.02.2012, 11:32 Uhr
Während Die Linke zur Teilnahme an einem europaweiten Aktionstag gegen ACTA aufruft und Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger die Kritik am internationalen Handelsabkommen zurückweist, führte der Jurist Jens Ferner eine ausführliche Analyse jedes einzelnen Artikels durch. Wir fragten ihn, wie gefährlich ACTA tatsächlich ist. In welchem Rahmen bedroht dieses Abkommen unser aller Freiheit?
Lars Sobiraj am 09.02.2012, 11:40 Uhr
In der südenglischen Grafschaft Sussex ereignete sich letzten Monat ein Fauxpas der besonderen Art. Statt einen Einbrecher zu fassen, jagte ein Polizist mit Hilfe von Kameras für etwa 20 Minuten sich selbst. Sein Kollege an den Monitoren hatte ihn nicht erkannt und fand sein Verhalten sehr auffällig. Der beobachtete Mann habe auf heißen Kohlen gesessen, weswegen er dringend tatverdächtig sei.
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