
Die Deutsche Bank ist nicht dafür bekannt, ein Hort des Webkommunismus zu sein. Umso mehr erstaunt ein Papier, das das ihr zugehörige Unternehmen „Deutsche Bank Research“ kürzlich veröffentlicht hat: „Der Pirat in uns. In den Tiefen des Urheberrechts“ (PDF).
Mit dieser Zusammenfassung der „Internet-Kultur“ wenden sich die Analysten (als Autor zeichnet Thomas F. Dapp) vornehmlich an Finanzkunden, die wie der Großteil der Bevölkerung nur einen oberflächlichen Einblick in die digitale Informationsgesellschaft und ihre Folgen für die gesellschaftliche wie ökonomische Entwicklung haben. Ist-Zustand und Prozesse, die durch das Internet angestoßen werden und die folglich auch für Investitionsentscheidungen eine Rolle spielen (können), werden hier in einem Überblick dargestellt und unter dem Aspekt „Kreativität, Urheberrecht und die digitale Informationsgesellschaft“ behandelt. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung wie auch einzelne Aussagen legen einen direkten Bezug zu den laufenden Anhörungen und Verhandlungen zur Novelle des Urheberrechts nahe. Ist die Deutsche Bank zwar kein natürlicher Teilnehmer an diesen Diskussionen, hat ihre Stimme doch Gewicht im Konzert der Wortmeldungen.
All Rights Reserved
Die Analyse der DB Research stellt nicht nur die verschiedenen Konflikte zwischen „raukopierenden“ Internetnutzern und der Medienindustrie sachlich dar und gibt auch der Alternative zur klassischen Lizenzierung von kreativen Werken, den Creative-Commons-Lizenzen einen großen Raum, sie erfüllt zudem keineswegs die generelle Erwartung, in der digitalisierten Informations- und Werkverbreitung vornehmlich Risiken zu sehen. Denn nicht die ideologisch unterfütterte Klage der deutschen Feuilletons, mit dem Digitalen und der massiven Verletzung von Urheber- und Verwertungsrechten verschwinde die Kultur („filesharing is killing music“), oder eine ökonomische Begründung für Forderung nach einem „starken Urheberrecht“ wird im Text vertreten. Im Gegenteil: Es wird die gängige Rede vom Urheberrecht als Motor für Kreativität („je mehr Urheberrecht, desto mehr Kreativität“) in Frage gestellt und das „Mehr-Desselben-Prinzip“ klar verneint: „Das Urheberrecht in seiner extremen Form „all rights reserved“ kann Kreativität unterdrücken. Im schlimmsten Fall hemmt es dadurch Innovationspotenzial. Es stellt sich daher die Frage, ob im digitalen Zeitalter ein Interessenkonflikt zwischen dem Verständnis des Urheberrechts als Quelle oder als Behinderung von Innovation existiert“.
Dieser in der digitalen Informationsgesellschaft, die auf eine barrierefreie Verbreitung von Information und Wissen ausgelegt ist, unzweifelhaft bestehende Interessenkonflikt zwischen einzelnem Nutzer, Künstler, Rechteverwerter und Allgemeinheit führt dazu, dass, „während die Rechteverwerter durch ihre kostenintensiven Lobbyanstrengungen um eine stärkere Durchsetzbarkeit des herrschenden Urheberrechts plädieren, um an ihren teils überholten Geschäftsmodellen festzuhalten, [...] die Interessen der Kreativschaffenden sowie die der Internet-Nutzer in den Hintergrund“ treten. Beispiel dafür ist, natürlich, das Digital Rights Management, das immer noch vor allem in der Filmwirtschaft und neuerdings bei Buchverlagen zum Schutz vor illegaler Verbreitung und auch zur Aushebelung der Privatkopie-Schranke favorisiert wird. DB Research nimmt auch hier kein Blatt vor den Mund: Solche technischen Schutzmaßnahmen „rufen [...] erfahrungsgemäß den Ehrgeiz von Nutzern hervor, diesen wieder zu knacken. Außerdem schränkt eine DRM-geschützte Datei die Kompatibilität mancher Wiedergabegeräte ein. So lässt sich beispielsweise eine durch DRM geschützte Mediendatei trotz erworbener Lizenz nicht auf allen mobilen Endgeräten abspielen, sondern nur mit DRM unterstützenden“. Sperrung von Internetseiten wird ebenso wie dem Aussperren von Nutzern durch „Three-Strikes“-Regelungen eine Absage erteilt, insofern Ersteres als Zensur von den Nutzern empfunden werde, Letzteres als ungerechtfertigte Einschränkung der Kommunikationsfreiheit.
Die Schlussfolgerung der DB Research für die Zukunft des Urheberrechts im digitalen Zeitalter lautet darum dann wenig überraschend: „Eine erfolgreiche Urheberrechtsreform kann gelingen, wenn neben den Rechteverwertern, den Künstlern selbst auch die Interessen der Internet-Nutzer mit angehört werden. Die steigende Gleichgültigkeit vieler Internet-Nutzer gegenüber Urheberrechtsverletzungen spricht eine deutliche Sprache“. Eine einseitige Bevorzugung partikulärer Interessen einzelner Beteiligter führt dazu, dass die Endverbraucher, jene, die ja die eigentliche Zielgruppe von Kreativen und Werkschaffenden sind, den Regelungen und Normen im Urheberrecht gegenüber immer gleichgültiger werden, weil sie in ihrer Lebenswirklichkeit keinen Sitz mehr haben. Am Ende wird eine Urheberrechtsreform, die nur wirtschaftliche Belange der Verwerter im Blick hat, die Legitimationskrise des überkommenen Urheberrechts nur verstärken und es werden mehr und mehr alternative Lizensierungsmodelle abseits des traditionellen Geschäftes nachgefragt und genutzt werden.
Die Zukunft der Kreativen und der Kreativwirtschaft sieht das Papier der DB Research keineswegs so dunkel wie die Branchen selbst. Das Festhalten und die Heilssuche in den „überkommenen Geschäftsmodellen“ wird unausgesprochen als eine nicht durch die Geschichte bevorzugte Reaktion abgetan und das Verschwinden von bisher etablierten Angeboten weder als bedrohlich noch als unnatürlich eingestuft: Denn „selbst wenn einige klassische Geschäftsmodelle aus der analogen Welt dem Untergang geweiht sind, sorgt die digitale Welt für eine Fülle an neuen Geschäftsmodellen und -ideen, insbesondere auch im Dienstleistungsbereich. Hierfür ist allerdings auch Kreativität gefragt“.
Bild-Quellen: Paul (cc-by-sa)
Text-Quellen: Deutsche Bank Research (PDF)
Joachim Losehand am Donnerstag, 22.07.2010 12:01 Uhr
Ein kleiner Hinweis. "DB" ist Deutsche Bahn. Die Deutsche Bank hat kein Kürzel (jedenfalls nicht in der Presse...) http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Bank_Research "Die Deutsche Bank Researc ...
Also ich meine auch, dass alleine aus namensrechtlichen Gründen, die Deutsche Bank niemals mit DB abgekürzt werden sollte. Denn diese Bezeichnung ist seit 1995 (oder so) streng geschützt. Zumindest in Deutschland* *In England dürfen das nur Autos der Marke "Aston Martin" tragen, ...
Ein kleiner Hinweis. "DB" ist Deutsche Bahn. Die Deutsche Bank hat kein Kürzel (jedenfalls nicht in der Presse...) Auch in den USA heisst sie "Deutsche Bank" und nicht DB. Ich frage mich, ob Ghandy je ein Printmedium in den Händen hielt oder was er mit dem Wort Journalismus gemein hat. EDIT: ...
Und das Internet ist wohl so ein Einschlag für die Content-Dinos. Genauso sieht's aus :D Grueße Ignatz ...
@Losehand Könnte es sein, dass hier ein Wort fehlt? "für etw. verantwortlich zeichnen" heißt die vollständige Phrase, das "verantwortlich" habe ich mir geschenkt. :) Topic bitte. Insofern hier Metaphern geritten werden ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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