
Für viele Europäer schwer vorstellbar, aber südamerikanische Staaten wie Brasilien prosperieren nicht nur auf den Feldern Drogenhandel, Kinderpornographie und Tourismus. So hat Chile eine lebendige Netaudio-Musikszene (unter creative commons Lizenzen verbreitet), [1] und im mittelamerikanischen Mexiko engagieren sich einige Menschen gegen ACTA [2].
Auch bei der barrierefreien Verbreitung von wissenschaftlicher (Fach-)Information „Open Access“ tut sich „da unten“ einiges und es scheint fast so, als ob im Vergleich Deutschland, das Land der Dichter, Denker und „Mein-Werk-gehört-mir!“-Autoren [3], noch auf den „Bäumen sitzt“.
Open Access [4] heißt: freier Zugang, nicht nur ins Internet, sondern speziell freier Zugang zu Informationen; das world wide web bzw. das zugrundeliegende HTTP ist von Tim Berners-Lee entwickelt und 1989 extra zu diesem Zweck entwickelt und aufgesetzt worden: um eine kostenlose und simple Möglichkeit zu schaffen, damit Wissenschaftler in aller Welt ihre Forschungsergebnisse schnell und unkompliziert austauschen können. Das world wide web ist also schon von der Idee und ihrem Wesen her eine „Kostenloskultur“. In der Wissenschaftskommunikation gelten andere Regeln als in der Medienindustrie, deswegen braucht es auch andere Rahmenbedingungen: jeder Wissenschaftler ist daran interessiert, dass seine Arbeiten nicht nur verbreitet, sondern auch zitiert, kritisiert und weitergedacht, also „remixed“ werden; denn jedes wissenschaftliche Werk baut auf anderen wissenschaftlichen Werken auf. Zudem ist der Text nur das schriftliche Ergebnis der Forschungen und nicht Selbstzweck, den Lebensunterhalt verdienen Akademiker im Wissenschaftsbetrieb mit Forschung und Lehre, Buchtantiemen ist, wenn überhaupt, ein seltenes und kleines Zubrot.
Open Access gewährt nun im digitalen Informationszeitalter, angepasst an den technologischen Fortschritt, den weltweiten einfachen Zugang zu Forschungsergebnissen anderer, die den wissenschaftlichen Diskurs befruchten und voranbringen. Während noch vor zehn oder zwanzig Jahren Publikationen beispielsweise aus Südamerika für europäische Forscher kaum zugänglich waren, man für einen wenige Seiten umfassenden Beitrag in einer kleinen Zeitschrift einen oft Wochen dauernden und teuren Leihprozess in Gang setzen musste, ist der Gedanke hinter Open Access so simpel wie genial: da wissenschaftliche Publikationen fast immer von der öffentlichen Hand finanziert werden und die wissenschaftlichen und studentischen Leser diese Publikationen selbst in der Regel nicht kaufen, sondern sich ausleihen, stellt man diese Schriften weltweit in die Plattform ein, die dafür entwickelt wurde: ins Internet.
In Deutschland ringt man noch mit „Open Access“, viele Menschen haben einfach keine Ahnung [5] oder fürchten massiv um ihre Existenz als Monopolisten in der Informationsverbreitung, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels: „Die deutschen Verleger, Buchhändler und Zwischenbuchhändler appellieren an die Bundeskanzlerin, sich des Schutzes des geistigen Eigentums persönlich anzunehmen und ein Gesamtkonzept für die Weiterentwicklung des Urheberrechts vorzulegen. Damit sollte der Schutz geistigen Eigentums vor Internetpiraterie nachhaltig verbessert werden – und verhindert werden, dass Beschränkungen des Urheberrechts und fehlgeleitete Open Access-Modelle unternehmerische Initiativen ersetzen und verdrängen.“ [6]
In Schwellenländern wie Brasilien, Indien und der Türkei, die es sich nicht leisten wollen, mit knappen Forschungsgeldern für teuere Publikationszuschüsse Fachverlage und überkommene Geschäftsmodelle zu subventionieren, ist man schon weiter. Kürzlich ist ein Karin Weishaupt zusammengestellter Bericht erschienen der interessante Ergebnisse zusammenfasst, die vor allem unter dem Blickwinkel „Warum soll - und wie kann Deutschland Open Access fördern?“: „Brasilien ist nicht nur stark im Fußball! Open Access in Brasilien und Deutschland im Vergleich“, erschienen in der Reihe Forschung Aktuell (Ausgabe 8/2010) des IAT [PDF].
„Open access promotes equity“ - Open Access fördert Verteilungsgerechtigkeit, ist ein wichtiges Motto der brasilianischen Wissenschaftskultur. Der soziale Druck auf die Forscher und die Erwartung der „scientific commmunity“, ihre Erkenntnisse barrierefrei im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit zu publizieren, ist in Brasilien ungleich höher als in Deutschland. Hier wehren sich Wissenschaftler wie 2009 der Heidelberger Roland Reuß und die Unterzeichner des so genannten „Heidelberger Appells“ schon gegen die Vorstellung, andere Forscher oder gar die Gesellschaft hätten Anspruch auf einen einfachen, kostenlosen und zeitgemäßen Zugang zu den Ergebnissen ihrer Arbeit, die in der Regel von der Gesellschaft bzw. der Wissenschaftsgemeinschaft mitgetragen und finanziert wird.
Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind in Brasilien andere, die Politik zeigt ein vitales Interesse an der Förderung von Open Access und schafft per Gesetz die Voraussetzung, dass wissenschaftliche Schriften, von Abschlussarbeiten bis Forschungsberichten aus öffentlich finanzierten Projekten, in entsprechenden Repositorien digital vorgehalten werden. Von einer solchen Unterstützung seitens der Regierungen ist man in Deutschland – wie könnte es anders sein – weit, weit entfernt. Selbst ein klares Bekenntnis zu Open Access, das bekanntlich noch nichts kostet, war in der „Berliner Rede zum Urheberrecht“ von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nichts zu hören. Zu groß scheint die Gleichgültigkeit gegenüber den Erfordernissen einer zukunftsfähigen Wissenschaftskommunikation und zu groß Angst vor denen zu sein, die Urheberrecht als Menschenrecht missverstehen, selbst dann noch, wenn sie alle Nutzungsrechte bereits an einen Verlag abgetreten haben.
„Generell lässt sich feststellen“, so Karin Weishaupt, „dass es in Brasilien und in anderen Schwellenländern sehr bemerkenswerte Open-Access-Initiativen gibt, die Vorbildcharakter für die entwickelten Länder haben können. Dann wäre es ein Ziel, ins Bewusstsein zu rufen, dass Open Access nicht nur der Förderung ärmerer Länder dient, sondern dass ein Eine-Welt-Denken angebracht ist, in dem die verschiedenen Partner voneinander lernen können.“
Hochentwickelte Länder sind meist der Auffassung, durch Open Access andere Staaten der Zweiten oder Dritten Welt mit Forschungsinformationen zu unterstützen; wie man ein funktionierendes und zeitgemäßes Publikationssystem aufbaut, das können „Wissensstandorte“ wie Deutschland von Ländern wie Brasilien lernen. Das deutsch-brasilianische Jahr der Wissenschaften 2010 ist eine gute Gelegenheit, zumal in Deutschland gerade der 3. Korb zum Urheberrecht, der ein „Wissenschaftskorb“ werden sollte, verhandelt wird. Große Erwartungen, aber geringe Hoffnungen. [7]
Quelle: Archivalia KG (Dr. Klaus Graf)
Dokument: Open Access in Brasilien und Deutschland im Vergleich (PDF)
Bildnachweis: www.open-access.net
Joachim Losehand am Freitag, 09.07.2010 08:09 Uhr
Vernünftige Computer -> ca. doppelt so teuer wie vergleichbare in Deutschland. tja, dann muss ich meine auswanderungspläne überdenken....mal schaun was ein haus neben dem foxconn werk kostet. ...
Also, dann lieber nach China oder Indien gehen. Die haben dort die PS3, sogar die Slim-Version. ...
Nicht zu vergessen das man in Brasilien nur die PS2 zu kaufen bekommt und die ist das unten erst frisch auf dem Markt ^^ ...
vll sollten wir nach brasilien auswandern.....wie sind denn da zurzeit die lebensbedingungen? Hängt davon ab, was für Dich wichtig ist. Vernünftiges DSL -> gibt's ab 30 Euro/Monat Vernünftige Computer -> ca. doppelt so teuer wie vergleichbare in Deutschland. Alterna ...
Obwohl der "Open Access" Gedanke voll guter Absichten ist befürchte ich, das jeder der mitmacht sich in der heutigen Welt sich damit langfristig schadet. Warum? Weil freies Wissen immer von denen missbraucht wird (zum Geld machen/andere vorteile) die mehr Macht haben, weil Sie Angst um Ihre Wirtsc ...
Lars Sobiraj am 04.02.2012, 11:32 Uhr
Während Die Linke zur Teilnahme an einem europaweiten Aktionstag gegen ACTA aufruft und Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger die Kritik am internationalen Handelsabkommen zurückweist, führte der Jurist Jens Ferner eine ausführliche Analyse jedes einzelnen Artikels durch. Wir fragten ihn, wie gefährlich ACTA tatsächlich ist. In welchem Rahmen bedroht dieses Abkommen unser aller Freiheit?
Lars Sobiraj am 09.02.2012, 11:40 Uhr
In der südenglischen Grafschaft Sussex ereignete sich letzten Monat ein Fauxpas der besonderen Art. Statt einen Einbrecher zu fassen, jagte ein Polizist mit Hilfe von Kameras für etwa 20 Minuten sich selbst. Sein Kollege an den Monitoren hatte ihn nicht erkannt und fand sein Verhalten sehr auffällig. Der beobachtete Mann habe auf heißen Kohlen gesessen, weswegen er dringend tatverdächtig sei.
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