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Abschlussveranstaltung zum "Zukunftsweb.at" in Wien

Ohne Netz – ohne Zukunft? Können wir uns ein Leben ohne Internet noch vorstellen? Ein Jahr lang hat sich das Team um das Projekt Zukunftsweb.at zusammen mit Experten um Antworten bemüht; letzten Freitag war Zeit, einige davon zur Diskussion zu stellen.

Können wir uns ein Leben ohne Internet noch vorstellen?“ war die Leitfrage, an der sich die Abschlussveranstaltung zum "Zukunftsweb" (twitterwall) am heißen zweiten Juli-Abend im Wiener Filmmuseum am Albertinaplatz nach einem ausgiebigen „Apero“ abarbeitete. Angesichts der ungünstigen klimatischen, weil hochsommerlichen Voraussetzungen, die im fensterlosen Theatersaal besonders gut zur Geltung kamen, muss die Frage erlaubt sein: Wer – bitte – ist: „wir“?

Allenfalls Peter Martos (freier Journalist, früher: "Die Presse"), dessen einleitende Laudatio (auf was eigentlich?) in ihrer kühlen Zurückhaltung fern jeder Emphase erfrischend fadisierte, dürfte sich noch ein Leben ohne Internet vorstellen können. Und wahrscheinlich nicht nur darum, weil er sich noch gut an die Zeiten ohne Internet erinnern kann – und die ersten technischen Fußtapsen bis in die Gegenwart (der Zukunft der Vergangenheit von 1985). Die überwiegende Mehrheit aller anwesenden Diskutanten und Teilnehmer machte deutlich, dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Internet noch ein Randphänomen ist – und sicherlich noch einige Zeit bleiben wird.

Denn in Österreich herrscht die – wie könnte es anders sein: paradoxe – Situation, dass zwar über die Hälfte aller Menschen hierzulande täglich „online“ sind und auch die Zahl der mobilen Internetnutzer den europäischen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Trotzdem findet ein öffentlich wirksamer Diskurs zu den gesellschaftlichen (nicht: technischen) Implikationen und Konsequenzen nicht statt. Das mag daran liegen, dass vieles - im Gegensatz zu Medizinstudenten und Touristen – nur zögerlich in das Asylland Österreich quasi eintröpfelt und mit einer Verzögerung von zwei bis drei Jahren wirksam wird.

Allerdings sind – und da ist der Autor keine Ausnahme – besonders „Netz-affine“ Mitmenschen besonders anfällig dafür, ihre eigene Rezeptionspraxis hochzurechnen. In Österreich ist laut der „ConsumerLab-Studie 2010“ „die Kluft zwischen "Early Adopters", also technologie-affinen Internet- und Handy-Nutzern, die gerne mit neuen mobilen Diensten und Funktionen experimentieren, und der breiten Masse größer [...] als in anderen Teilen Europas. So ist es 47 Prozent der "Early Adopters" wichtig, überall Internet-Zugang zu haben, aber nur 18 Prozent der insgesamt Befragten.“ Wenn die „Early Adopters“ also – rein statistisch – um rund zwei bis drei Jahre hinter den gesellschaftlichen (nicht: technischen) Entwicklungen in Deutschland sind, ist es „die breite Masse“ rechnerisch um fünf Jahre.

Das ist prinzipiell nicht negativ und erst recht nicht negativ gemeint, ganz im Gegenteil. Denn einerseits bieten versetzte Entwicklungsstränge die Chance, dass die Späteren aus den Fehlern und Überraschungen der Früheren lernen („Historia docet!“), wenigstens, weil bestimmte Verläufe wenigstens im Ansatz voraussehbar sind. Ob diese Chance auch ergriffen wird, steht auf einem anderen Blatt und kann aller Erfahrung nach als offen gelten. Zwar sind auch österreichische Politiker nicht vor altbekanntem „Bullshit“ gefeit, wie die jüngsten Äußerungen zu Sperren von Seiten mit kinderpornographischem Material nahelegen. Wurschtigkeit und der Wille zur Prokrastination durch einen Gestaltungsunwillen werden hier aber weit mehr Positives bewirken als der netzpolitische Aktionismus jenseits der Grenzen.

Patrick Dax von der futurezone.orf.at hat in diesem Zusammenhang eine banale aber nichtsdestotrotz wichtige Beobachtung herausgestrichen: das Internet wird dann verschwinden, wenn es in unseren Alltag aufgegangen ist. Unsichtbarkeit durch stete Präsenz kennen wir inzwischen von den meisten arrivierten Technologien. Menschen, die mit einem kleinen Kästchen am Ohr laufend vor sich hinplappern, bewegte Bilder und Töne, die die Wohnstuben akustisch und visuell ausfüllen, sind eine Selbstverständlichkeit geworden, die keiner Diskussion mehr bedarf. Wirkliche Aufreger waren die ersten Mobiltelefone (bzw. ihre Benutzer) am Anfang der 1990er Jahre, wer heute mit einem Smartphone oder Netbook im Wiener Stadtpark sitzt wird keines Blickes gewürdigt. Sobald Technik nicht mehr Selbstzweck ist, sondern lediglich Aufgaben erfüllt, wird sie als selbstverständlich und damit nicht mehr bewusst wahrgenommen.

In die gleiche Richtung zielt die Medienwissenschaftlerin Jana Herwig mit ihrer Einschätzung, „Im Zukunftsweb sind wir dann angekommen, wenn wir die Kontextualisierung als Zukunftsweb gar nicht mehr benötigen“. Es müssen Zweifel angemeldet werden, ob wir dann jemals im „Zukunftsweb“ ankommen werden, denn das Internet ist nicht nur Technik, ist nicht nur Dienstleistung oder Informationsplattform, sondern auch ein soziologischer - öffentlich-horizontaler – Kommunikationsraum, der zwar nicht nur von „early Adopters“ eifrig genutzt wird, dessen Verfasstheit und Regelwerk keinesfalls in naher Zukunft, also zum Beispiel 2020, abgeschlossen sein wird. Da es wenig wahrscheinlich ist, dass das world wide web zu einem reinen Marktplatz für Presseerzeugnisse und Medienangebote, zu einem „iWeb“ degeneriert, sondern vielmehr zunehmend politisch im Sinne einer Bürgeröffentlichkeit wird, muss diese zu erwartende Realität reflektiert vorbereitet werden. Defragmentierung von Gesamtöffentlichkeit und Solidarisierung von Teilöffentlichkeiten werden dabei mehr eine Rolle spielen als die vielbeschworene Informationsüberflutung und eine so genannte „Demokratisierung“ durch das Internet.

Wenn, wie Jürgen Habermas herausgearbeitet hat, die politische Öffentlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert aus der literarischen hervorgegangen ist, geht vielleicht die politische Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts aus der technikaffinen Öffentlichkeit hervor?

Natürlich, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Aber das Internet hat die Chance, das Kaffeehaus des 21. Jahrhunderts (auch im Sinne Habermas') zu werden: nur wenige verbringen dort ihren ganzen Tag, nur wenige lesen dort alle ausliegenden Zeitungen und Zeitschriften, nur wenige diskutieren und debattieren dort das Tagesgeschehen und zukünftige Entwicklungen. Aber es ist prinzipiell offen für alle und man kann auch, wenn man nicht gerade lieber allein sein will und dazu Gesellschaft benötigt, über die Tische hinweg ins Gespräch kommen.

In Österreich ist man da noch am Anfang, aber - „great expectations!“ - wie die lebendige Blogger-Szene rund um das Zukunftsweb zeigt, ist der nucleus schon eingepflanzt. Allein: nur darauf warten, das da was wächst, reicht nicht. Das Zukunftsweb will gestaltet sein.

[Der Abschlussbericht zum zukunftsweb.at ist im guten Buchhandel erhältlich: ZukunftsWebBuch 2010, edition mono/monochrom (Juli 2010), ISBN: 3950237275]

Bildnachweis: zukunftsweb.at und losehand.at (cc-by-sa)

Joachim Losehand am Montag, 05.07.2010 10:24 Uhr

tagsTags: zukunft

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