Komm, Schöpfergeist (Veni, Creator Spiritus)! Das von gulli auf der SIGINT 2010 veranstaltete Panel zum Urheberrecht am Pfingstsonntag in Deutschlands Katholiken-Metropole Nummer Zwei mußte ja unter einem guten Stern stehen. Und in der Tat, die Diskussion ist "grandios gescheitert", ob grandios furchtbar oder grandios fruchtbar gescheitert, darüber werden die Meinungen auseinandergehen. Tatsache jedoch ist: lange haben es die Beteiligten nicht geschafft, auch einmal nicht über Materielles zu reden.
Nach einer instruktiven Einführung des Politikwissenschaftlers und Philosophen Felix Neumann aus Freiburg, der verschiedene Aspekte des Begriffs "Geistiges Eigentum" beleuchtete, kam die Diskussion eher schleppend in Gang, einzig der Musiker Lukas Schneider nahm den Faden verschiedentlich auf und hob ihn mit der Forderung nach gesellschaftlicher Verantwortung des Urhebers und der Nutzer auf. "Welche Rechte wollen wir Urhebern an ihren Werken zugestehen? Was passiert mit Ableitungen?" fragte er. Wem "gehört" eine kreativ-geistige Schöpfung? Wem "gehört" unbewohntes und neu entdecktes Land? Indem Siedler in der Neuen Welt Land bebauten, machten sie mit ihrer eigenen Arbeit sich auch (fremdes, eigentlich den Ureinwohnern, den "first nations" gehöriges) Land zu Eigen. Kurz: Mit kreativer Arbeit eignet man sich Fremdes an und macht es zu Eigenem.
Die Boden-Eigentum-Analogie war für Stefan Herwig vom “Dependent Label” und Vertreter des Verbandes Unabhängiger Tonträger dann Anlass, von "Selbstschussanlagen" zu sprechen, die ein Eigentümer um sein Grundstück ("property") aufstellen dürfe - so auch der Urheber um sein "intellectual property"? (Zitat: "Jeder Urheber legt die Regeln selbst fest. Genauso bei einem Grundstück: Wer darf drauf, gibt es Selbstschussanlagen, wird es vermietet usw. legt man alles selbst fest. Das UrhG funktioniert wie bei einem Grundstück.") Nichtsdestotrotz schien auch dem Produzenten ein freierer kreativer Umgang mit fremden Werken denkbar: "Ich habe nichts gegen kreative Remixes, die werden dann eventuell auch nicht rechtlich angegangen".
Während die selbsternannte "Content-Mafia" (O-Ton Stefan Herwig ganz selbstironisch) sich "Gewehr-bei-Fuß" gegen Übergriffe Außenstehender zu verteidigen gedenkt, ist die Piratenpartei schon längst über den Zaun geklettert und durch die Rabatten getrampelt: "Es gibt kein 'Geistiges Eigentum'" sagt Jens Seipenbusch, Bundesvorsitzender und intellektueller Vordenker seiner Partei. Denkt Stefan Herwig noch: "good fences make good neighbours", sind die Piraten von der Macht des Faktischen überzeugt; die "Weisheit der Vielen" oder wenigstens die "Praxis der Vielen" ist für sie der der Maßstab, an dem sich die Theorie messen lassen muß. Was nicht von der Hand zu weisen ist, denn kluge Landschaftsplaner legen feste Wege erst dann an, wenn viele Fußgänger "ihren" Pfand durchs Grüne gefunden haben.
Trotzdem: gerade in der grundsätzlichen Frage vom Verhältnis zwischen Urheber und seinem Werk scheiden sich die Geister, die Theorie der "Urheberschaft als Werkherrschaft" ist keinesfalls "abgefrühstückt", sondern bricht immer wieder auf, sei es im Diskurs um "open access" in den Wissenschaften ("Heidelberger Appell") oder bei der literarischen wie musikalischen "remix-culture" von Helene Hegemann oder Nick Bertke aka "Pogo".
Warum überhaupt kreativ sein? "Wieso soll ich mich für etwas anstrengen, wenn ich nichts davon habe?" fragt Patrick Wolf, Geschäftsführer der CoSee GmbH. Was "hat" ein Künstler von seiner Kunst? In der Logik der "content-Industrie": materiellen Gewinn. "Primärer Grund des UrhG ist es nicht, dem Künstler ein Einkommen zu schaffen, sondern die Motivation zu erzeugen, neue Werke zu erzeugen" erinnert Jens Seipenbusch (PPD). Die Motivation dazu, so darauf Stefan Herwig, "geht doch auf Knappheit zurück: Nämlich Leistung. Für Leistung brauchen wir Anreize. Das UrhG ist ein Anreizsystem für Leistung".
Braucht ein Künstler Anreize, um ein Kunstwerk zu schaffen? Muß man ihn locken? Zum "Kunstmachen" tragen?
Piratenpartei und Produzent waren sich einig: das Urheberrecht soll Anreize schaffen. Aber - worin besteht der Anreiz, der Lohn für Kunstschaffende? In materiellem Gewinn? Mein allgemeiner Einwand, dass das Urheberrecht als juristische Rahmenbedingung "Respekt" von den Beteiligten (Urhebern wie Nutzern) einfordert und die Regeln des Miteinanders im Umgang festlegt, wurde von Jens Seipenbusch als "Politikergewäsch" abgetan. Warum? Wie äußert sich denn ein respektvoller Umgang zwischen Menschen und ihrer Leistung? Doch beispielsweise in Anerkennung und Aufmerksamkeit, Zuneigung und Zuvorkommenheit. "Ich wäre gerne gefragt worden" sagen sicherlich viele Blogger, deren Videos oder Texte von anderen ohne Quellenangabe und kommentarlos übernommen werden. Jemanden fragen, heißt: Anerkennung ausdrücken, Respekt bezeugen. Und daran mangelt es meiner Meinung nach immer noch und immer wieder im world wide web. Wir brauchen eine Netz-Kultur der Anerkennung und des Respekts im Umgang miteinander und mit dem, was wir kreativ schaffen. Nicht theoretisch und philosophisch abgehoben, sondern praktisch und in selbstverständlichen Gesten.
Niemand, nicht einmal der Vertreter der "content-Mafia" wurde auf dem Panel "geteert und gefedert" - im Gegenteil. Trotz eines längeren Exkurses zum "Abmahnwahn" (darüber hielt anschließend gulli-Redakteur firebird77 einen Vortrag) und einer lebhaften Publikumsdiskussion zu den Ver-Fehlungen der Musikindustrie hat das Panel in einem Wort gehalten: Wir haben miteinander geredet, nicht übereinander. Und das in guter und konstruktiver Atmosphäre, trotz aller Unterschiede und Untiefen.
Danke an Stefan Herwig, Felix Neumann, Lukas Schneider, Jens Seipenbusch, Patrick Wolf und "Danke!" an das engagierte Publikum!
NB: Ein grundsätzlich dogmatisch ausgerichteter Blick von Felix Neumann findet sich auch bei carta.info
NBB: Danke auch an MrTopf für die Zusammenfassung! Es gilt das gesprochene Wort.
Joachim Losehand am Dienstag, 25.05.2010 23:02 Uhr
@Metal Worryor Sei doch so nett und schreibe mich bitte richtig. Der Nick ist mein Name, und du willst auch nicht "Stoffan" von mir genannt werden. Mein Nick ist Metal_Warrior, zusammengesetzt aus meiner bevorzugten Musikrichtung und dem großgeschriebenen, ...
Glaubst du nicht, dass 6-8 Jahre genug zeit sind, damit sich Marktmodelle hätten herausbilen können? 6-8 Jahre im Zuge einer globalen technischen Umwälzung sind so gut wie nichts. Selbst wirklich grosse Vorreiter in Sachen Netzökonomie wie google sind noch schwe ...
Um einmal die Diskussion um die Begrifflichkeit "geistiges Eigentum" in die richtige Richtung zu lenken. Prof. Dr. Reto M. Hilty, Direktor Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht definierte das geistige Eigentum wie folgt: Geistiges Eigentum:[/SIZE ...
Keine Ursache. Gib ihnen einfach etwas Zeit. Momentan werden erstmal alle neuen Möglichkeiten ausprobiert und das dauert eben seine Zeit. Ausserdem müssen viele den mentalen Paradigmenwechsel selbst erstmal schaffen und einsehen, dass sie auf Mittelsmänner und Rechteverwalter ...
@ St. Herwig wenn ein filesharer kaufen möchte , kauft er, wenn nicht dann eben nicht. Das Platzangebot in einem Bus, einer Bahn ist beschränkt. Von daher nimmt ein Schwarzfahrer schon "etwas" weg. Auch zahlt er nicht für die Dienstleistung .... Wie kann man das aber mit dem filesharing ver ...
Heutzutage ist die Internettelefonie neben Fest- und Mobilnetztelefonie immer gefragter. Per Internet zu kommunizieren ist nicht nur komfortabler und billiger, man ist zudem unabhängig von Tarifen, welche nur eine bestimmte Gesprächszeit günstig ermöglichen. Also wieso nicht auch Internet-Telefonie nutzen?
Lars Sobiraj am 12.05.2013, 12:51 Uhr
Wie ein 73-jährige Japaner beweist, kann man das am häufigsten benutzte Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel nicht nur für reguläre Berechnungen einsetzen. Tatsuo Horiuchi erstellt ausnahmslos seine traditionellen Gemälde mit Hilfe dieses Programms. Er arbeitet bereits seit 10 Jahren mit der Software und stellt seine Bilder in diversen Ausstellungen vor.