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Heidelberg Reloaded (Buchempfehlung)

Passend zur SIGINT 2010 für Euch gelesen: Klaus Grafs Urheberrechtsfibel – oder wie ich lernte, das Urheberrecht zu lieben. Von Joachim Losehand.

Die beschauliche Stadt am Neckar, die mit ihrer konkurrierenden Schwester Tübingen Neckart-aufwärts nicht nur die große Zahl an studierenden Fahrradfahrenden (oder fahrradfahrenden Studierenden – hoffentlich studieren sie nicht so, wie sie allgemein fahren) gemeinsam hat, ist seit März 2009 um eine Attraktion reicher: den „Heidelberger Appell“. Der „Heidelberger Appell“ ist, wie fast auf den Tag genau ein Jahr später die "Leipziger Erklärung" textgewordenes Unverständnis und Unbehagen an einem der umfassendsten technischen wie kulturellen Fortschritte, den wir seit sehr, sehr langer Zeit erleben: am world wide web. Die Auswirkungen dieses Wandels auf unseren Umgang mit Kulturgütern, mit Ideen und Innovationen in fast allen kreativen Bereichen haben die Diskussionen über das juristische Regelwerk in das Zentrum des Interesses von Kreativen und Internet-Nutzern rücken lassen: das Urheberrecht, bis vor wenigen Jahren eine von der Öffentlichkeit nur schemenhaft wahrgenommene Randdisziplin des Rechts, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen - so wie nun tagtäglich in deutschen Haushalten anwaltliche Abmahnungen zu Urheberrechtsverletzungen ankommen.

Kreative, Konsumenten und Konzerne sind sich nur in einem einig: so wie es ist, kann es nicht bleiben, das Urheberrecht. Den einen ist "Heidelberg" der Ort für die "gute alte Zeit" des urheberrechtlichen Schutzes der Originalschöpfung - nicht umsonst ist dort auch einer der berühmtesten Druckmaschinenhersteller angesiedelt. Den anderen ist es ein Symbol für die Entrechtung von Urhebern und Nutzern, für die Einengung von Kreativen und Wissenschaftlern, für die Abhängigkeit vom rein erlösorientierten Umgang mit geistiger Schöpfungskraft.

Ein Jahr nach den ersten Diskussionen um das Urheberrecht, finden in Köln in kurzem Abstand zwei Diskussionsrunden zum Urheberrecht in der digitalen Epoche statt, die dort einsetzen, wo wir im letzten Sommer aufgehört haben: auf der SIGINT (22.-24.05.2010) am 23.05.10 zum Thema "Kommunismus oder Kommunitarismus? Voraussetzungen für und Anforderungen an ein Neues Urheberrecht" und auf der Cologne Commons (11.-12.06.2010) am 12.06.10, 17-18h: "Das Mitmach-Web rüttelt am Urheberrecht - Brauchen wir eine Reform?".

Aus diesem Anlaß möchte ich hier kurz, aber umso nachdrücklicher ein schon im Oktober 2009 erschienenes Buch empfehlen, das dem interessierten juristischen Laien einen Einblick in das Urheberrecht bietet: Die "Urheberrechtsfibel – nicht nur für Piraten. Der Text des deutschen Urheberrechtsgesetzes, erklärt und kritisch kommentiert von Klaus Graf, Contumax: Berlin 2009" (PiratK-UrhG) diese Fibel ist "The Consumers Guide to the German Copyright", nur, daß nicht auf dem Buchdeckel in beruhigenden Buchstaben die Tröstung "Don't Panic" steht und nicht stehen kann. Denn beruhigend sind Text und Kommentar dazu in keinem Fall. Klaus Graf ist vor allem in Archiv-Kreisen und wissenschaftlichen Bibliotheks-Zirkel bekannt, nicht zuletzt für seine komprimißlose Befürwortung von "Open Access", dem barrierefreien Zugang zu (wissenschaftlicher Fach-)Information. Sein Engagement und seine Beiträge haben ihn nicht unumstritten werden lassen, was aber prinzipiell eher für, denn gegen ihn spricht.

Grafs "Urheberrechtsfibel" ist kein juristischer Kommentar und ersetzt keine fachanwaltliche Beratung. (Wie überhaupt jeder Laie es nicht unternehmen sollte, sich im Dickicht des Urheberrechts, in dem auch so mancher versierte Anwalt schon verloren ging, alleine durchschlagen und gegen anwaltlich unterstützte Attacken wehren zu wollen.) Klaus Graf legt nicht mehr und nicht weniger als einen persönlichen, aber vom common sense der creative-commons-Bewegung getragene Erläuterung zu jeder einzelnen Bestimmung des Urheberrechts vor und klopft diese auf ihre Praxis- und Zukunftstauglichkeit ab. Sein Blick ist der des Urhebers und des Nutzers gleichermaßen, er analysiert deutlich, wo im Einzelnen den Verlagen und der Verwertungsindustrie Freiheiten gewährt, den Kreativen und den Konsumenten jedoch Fesseln angelegt werden.

Die Forderungen von Klaus Graf für eine Neugestaltung des Urheberrechts sind für die alltägliche Praxis und vor allem urheber- und nutzerorientiert: "Legalisierung der Tauschbörsen und einer fairen Nutzung!", "Schlichten statt abmahnen!", "Weg mit der Strafbarkeit!", "Weg mit dem Schutz von DRM!", "Verbraucherrechte stärken!", "Für ein faireres Urhebervertragsrecht!", "Runter mit den Schutzfristen!", "Nutzung verwaister Werke ermöglichen!", "Weg mit den Leistungsschutzrechten!", "Remix ermöglichen!" sind Kernpunkte und wichtigste Themen in der heutigen Diskussion, zu denen alle interessierten Nichtjuristen eine allgemeinverständliche gesetzesorientierte Unterstützung an die Hand bekommen.

In der Einleitung erinnert Klaus Graf an die für alle Wissensgebiete gültige Maxime: "Um beim Urheberrecht mitreden zu können, muss man es kennenlernen." Auf der SIGINT und der cologne commons wollen wir - Urheber, Nutzer und Werkvermittler - uns persönlich kennenlernen und miteinander reden, statt nur übereinander. Die "Urheberrechtsfibel" von Klaus Graf  ist im Contumax-Verlag Berlin unter der Lizenz cc-by-sa 3.0 erschienen und kann sowohl als gedrucktes und gebundenes Exemplar käuflich erworben, als auch - natürlich - als pdf-Dokument "open access" und kostenlos heruntergeladen und überallhin mitgenommen werden. Eins ersetzt allerdings auch dieses Buch nicht: ein Handtuch.

Bild: Chewy Photography

Lars Sobiraj am Samstag, 22.05.2010 17:35 Uhr

tagsTags: urheberrecht graf openaccess

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3 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Losehand am 23.05.2010 10:12:46

    und die von dir aufgezählten Kernpunkte seiner "Fibel": ...sind absolut gegensätzlich. Kein einzger Punkt kommt dem Urheber entgegen. Andere sehen das anders: :cool: Für die Nutzer: - "Legalisierung der Tauschbörsen und einer fairen Nutzung!" - "Schlichten stat ...

  • Stread am 23.05.2010 06:25:58

    hoffentlich studieren sie nicht so, wie sie allgemein fahren Wie wahr :p Ich komme aus Heidelberg. ...

  • cOlz.de am 22.05.2010 20:28:24

    Sein Blick ist der des Urhebers und des Nutzers gleichermaßen... und die von dir aufgezählten Kernpunkte seiner "Fibel": "Legalisierung der Tauschbörsen und einer fairen Nutzung!", "Schlichten statt abmahnen!", "Weg mit der Strafb ...

  • Ghandy am 22.05.2010 17:35:24

    Passend zur SIGINT 2010 für Euch gelesen: Klaus Grafs Urheberrechtsfibel – oder wie ich lernte, das Urheberrecht zu lieben. Von Joachim Losehand. zur News ...

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