
Die Woche begann mit Nachrichten aus der Gruft - und damit ist nicht der Wahlkampf der SPD gemeint, auch wenn dieser in Nordrhein-Westfalen so langsam Fahrt aufnimmt. Vielmehr handelte es sich wirklich um fleißig Nachrichten versendende Grabsteine. Wer sowas braucht - die Toten sicher nicht. Bei den Lebenden habe ich allerdings auch so meine Zweifel. Wem nutzt es dann? Ganz klar: denjenigen, die mit diesem Quatsch Geld verdienen. Nichts Neues also. Hoffen wir mal, dass nicht die mit moderner Technik völlig überforderte Oma Müller eines Tages einen Herzinfarkt bekommt, weil der Geist ihres seeligen Gatten über das Senioren-Handy mit ihr Kontakt aufnimmt.
Ebenfalls gruselig, allerdings auf ganz andere Art und Weise, war folgende Nachricht: SSL-verschlüsselte Datenübertragungen sind teilweise alles andere als sicher. Mit den richtigen Analysen lassen sich erstaunlich genaue Aussagen darüber treffen, was genau da verschickt wird. Offenbar kann man auch dieser Sicherheitsmaßnahme nicht unbedingt weiter trauen, als man ein Server-Rack werfen könnte. Lösungen sind theoretisch möglich, aber vorerst noch in recht weiter Ferne. Braucht man aber auch nicht - denn wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten. Oder?
Das dachten sich offenbar auch US-amerikanische und isländische Geheimdienste und beschlossen, zu überprüfen, was WikiLeaks so zu verbergen hat. Umgekehrt funktioniert das recht gut - WikiLeaks weiß meist recht genau, was die Mächtigen verbergen. Zu genau, wenn es nach deren Geschmack geht. Genau deshalb will man ja nun ein genaueres Auge auf die Betreiber der Whistleblowing-Seite werfen. Der Ausgang des Ganzen ist ungewiss. Eines jedoch ist klar: solche Aktionen bringen WikiLeaks nur zusätzliche Aufmerksamkeit - und das, wo die Machthaber doch lieber sehen würden, dass über ihre Verfehlungen und Geheimabsprachen Gras wächst. Gras haben sie offenbar auch geraucht, wenn sie so ein Vorgehen für zweckmäßig halten - und zwar ganz schlechtes. Statt an WikiLeaks sollten sich die Damen und Herren erstmal an Wikipedia versuchen. Dort steht bestimmt etwas über den Streisand-Effekt. Zum Thema Friedhof und Geister passt diese Geschichte übrigens auch ganz gut, immerhin kommen die geheim geglaubten Verfehlungen ans Licht, um die Verantwortlichen zu verfolgen. Nur ruft man heutzutage statt der Ghostbusters die CIA. Noch nicht einmal Geisterjäger sind mehr das, was sie mal waren. Politiker dagegen schon - die waren vermutlich schon immer so opportunistisch. Und Geheimdienste sind sowieso ein Anachromismus, da braucht man auf Veränderungen vermutlich gar nicht erst zu hoffen.
Das ist bei den namhaften Browser-Herstellern glücklicherweise anders. Bei diesen kann man sich durchaus noch positive Veränderungen denken. Das allerdings ist auch nötig, erwiesen sich doch sowohl der Internet Explorer als auch seine Konkurrenten Firefox und Safari im Pwn2Own-Wettbewerb als in etwa so sicher wie amerikanische Staatsgeheimnisse. Schon am ersten Tag boten alle drei Webbrowser den Sicherheitsexperten freundlich Einlass. Da war doch sicher schwarze Magie im Spiel! Wo bleibt der Exorzist? Wo die CIA? Und haben die Browser die Nachricht ihrer Niederlage wenigstens per MMS verschickt?
Geowned, um in der Terminologie zu bleiben, wurden wohl auch die Chinesen. Allerdings ganz ohne fremde Hilfe. Irgendwas ging schief mit der großen Firewall, und schon gab es peinliche Netz-Ausfälle im Rest der Welt. Firewall war das keine - eher eine Art digitaler Waldbrand. Das kommt davon, wenn man glaubt, das Internet kontrollieren zu können. Ob Chinas Regierung daraus lernt? Eher unwahrscheinlich. Immerhin hat sie offenbar einen erheblichen Teil der Bevölkerung hinter sich. Viele Chinesen glauben anscheinend ernsthaft, dass zensierte Suchmaschinen besser sind als nicht zensierte - oder zumindest etwas in der Art. Soviel blindes Vertrauen in die Regierung läßt wahrscheinlich die gewählten Volksvertreter, die so gerne WikiLeaks überwachen, vor Neid erblassen. Der Rest der Welt kann nur ratlos den Kopf schütteln.
Das Kopfschütteln allerdings ist ja für viele gulli:Boardies und News-Leser schon Dauerzustand angesichts der News. Immer aus dem Untergrund, diese Woche sogar aus dem Grab - und doch sind es oftmals dieselben, die unangenehm auffallen. Aber das bietet ja wenigstens eine gewisse Kontinuität, einen Fixpunkt, ohne den die Welt allzu verwirrend wäre. Die CIA spioniert Leute aus, Webbrowser sind unsicher und die chinesische Regierung macht totalitären Kram - das verursacht doch gleich ein wohliges Gefühl von Routine, oder? Fehlt nur noch eine News über eine peinliche Panne Microsofts und populistische Sicherheitsgesetze unserer Regierung, dann sind die üblichen Verdächtigen beisammen. Aber ich bin zuversichtlich, dass diesbezüglich die nächste Woche produktiv sein wird. Bis dahin macht es gut, seht davon ab, irgendwelche Geister und Untoten zu verägern. Wer eine Auszeit von der bösen Realität braucht, kann ja statt WoW mal Baidu benutzen - das ist umsonst, in etwa ebenso nah an der Realität und garantiert frei von bösen, kritischen Aussagen. Viel Spaß!
Annika Kremer am Montag, 29.03.2010 01:57 Uhr
Ich melde mich auch mal wieder zu Wort. Ich war und bin ein großer Fan der Glosse und lese sie schon von anfang an. Top Artikel, geiler Humor, da kann ich nur sagen Daumen hoch. :T ...
sehr amüsant! :D ...
1A geschrieben :) weiter so ...
Wie immer sehr nett und interessant geschrieben, Annika. :T Danke. :) ...
Super Glosse :T Thx ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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