
Kurz vor Mittag nahm das "Drama" seinen Lauf, als der Computerexperte der Recording Industry Association of America (RIAA), Doug Jacobson, sich im Zeugenstand befand und seine Aussage tätigte.
Der Großteil davon war bereits bekannt, erklärte er einfach die wesentlichen Züge von P2P-Netzen und die Verknüpfung der Beweise von MediaSentry mit dem Provider Charter. Problematisch wurde es, als dieser plötzlich erklärte, dass er auf Jammie Thomas-Rassets Festplatten-Spiegelung eine Log-Datei gefunden habe. Diese würde belegen, dass die interne Festplatte ihres PCs von einer externen Platte befüllt worden wäre. Wir erinnern uns zurück an die Erklärung von Thomas, dass sie ihre Festplatte aufgrund eines Defektes hatte austauschen lassen. Der Verteidiger Joe Sibley erklärte, dass ihm Informationen über ein solches Log-File neu wären, und fragte, wieso dies nicht in Jacobsons Bericht stehen würde. Er wollte wissen, wann der Experte Kenntnis von der Datei erhalten hätte. "Vor einigen Tagen!", erwiderte dieser. Sibley wiederholte lautstark: "Vor einigen Tagen! Keine weiteren Fragen." Der Verteidiger von Thomas ging zurück an seinen Tisch und die Jury wurde aus dem Gerichtssaal geführt, ehe Jacobson weiter befragt wurde. Es stellte sich heraus, dass dieser das Log-File erst entdeckt hatte, als er sich auf seine Aussage für das Verfahren vorbereitete. Er habe diese Information auch an die Anwälte der Klägerseite weitergereicht. Wie jedoch unschwer zu erkennen war, hatte weder der verteidigende Anwalt noch der Vorsitzende Richter Davis Kenntnis von diesen neuen Beweisen. Dies sollte sich als schwerer Fehler herausstellen, oder wie Arstechnica formulierte: "Not disclosing new information [...] makes federal judges very, very grumpy."
Richter Davis erklärte der Klägerseite, dass ihn deren Verhalten zutiefst verärgere, so dass er sogar überlege, das gesamte Gutachten von Jacobson aus dem Verfahren zu werfen. Dazu kam es jedoch dann doch nicht.
Nach der Mittagspause versäumte es der Chefkläger Tim Reynolds nicht, sich für das Versäumnis zu entschuldigen - vier Mal. Man habe nicht in böser Absicht gehandelt und sei sich auch nicht darüber im Klaren gewesen, dass Jacobson hier von neuen Beweisen sprechen würde. Richter Davis kam zu der Entscheidung, dass lediglich ein kleiner Teil von Jacobsons Aussage gelöscht werden müsse, der Rest dürfe jedoch bleiben. Im Wesentlichen hat es jedoch keinerlei Relevanz, ob Thomas-Rasset wirklich eine externe Festplatte im März beziehungsweise April 2005 angeschlossen hatte, da die Urheberrechtsverletzung im Februar 2005 begangen wurde. Jacobson konnte seine Aussage fortsetzen, die jedoch ab diesem Zeitpunkt nur noch aus technischen Informationen bestand. Er erklärte unter anderem wie die IP-Adresse, die von MediaSentry erhoben wurde, mithilfe des Providers dem Anschluss von Thomas-Rasset zugeordnet werden konnte. Ihr Verteidiger Sibley bohrte an dieser Stelle nach: "Selbst mit all ihren Referenzen ist es doch so, dass wir bestenfalls Filesharing mit einem Computer verknüpfen können, richtig?" Jacobson bestätigte dies.
Womöglich liegt genau darin der Knackpunkt für das weitere Verfahren. Wenn die Jury zu der Ansicht gelangt, dass Thomas die Tat nicht selbst begangen hat, könnte sie nur schwerlich für schuldig befunden werden.
Der nachfolgende Zeuge war Thomas' Ex-Freund Kevin Havemeier. Dieser konnte sich zwar an keines der Dates mehr erinnern, dafür aber an die Tatsache, dass er erhebliche Probleme dabei hatte, den PC seiner Freundin zu benutzen. Das Gerät sei per Passwort geschützt gewesen und hinzu käme, dass Thomas-Rasset keinen Wireless Router benutzt hätte. Auch habe sie stets den Benutzernamen "tereastarr" für jedwede Internetaktivität verwendet. Dieser Benutzername wurde auch von MediaSentry festgehalten, was für die Jury nun womöglich zu der Annahme führt, dass es wirklich sie war. Auf Havemeier folgte Ryyan Chang Maki, der Abteilungsleiter des "Best Buy Geek Squads". Best Buy ist das Geschäft, in welchem Thomas-Rasset ihre Festplatte hatte austauschen lassen. Es wirkte witzig, als er in seiner "Geek Squad" Kleidung den Zeugenstand betrat. Das genaue Gegenteil war jedoch seine Aussage. Er erklärte, dass Thomas-Rasset ihren PC Ende Februar 2005 in das Geschäft gebracht hätte. Zwei Wochen, nachdem MediaSentry die Urheberrechtsverletzungen festgestellt hatte. Es habe ein Problem mit der Festplatte bestanden, weshalb man diese auf Garantie austauschte. Eigentlich keine große Sache, bis man das eigentliche Problem dieser Aktion erkennt.
Die von Thomas-Rasset zu einem späteren Zeitpunkt an MediaSentry ausgehändigte Festplatte war die Neue, und nicht diejenige, die sich im PC befand, als die Tat begangen wurde. Umso kritischer wird dies, da Thomas-Rasset unter Eid geschworen hatte, dass die Festplatte definitiv im Jahr 2004 ausgetauscht worden wäre und seither keinerlei Veränderungen vorgenommen wurden. Sibley versuchte diesem Austausch wenig Beachtung zu schenken und wollte von Maki die Bestätigung, dass man eine Festplatte nur dann auf Garantie austauschen würde, wenn sie wirklich defekt sei. Maki bestätigte beides. Wenn Thomas also ihre Spuren hätte verwischen wollen, so hätte sie die Festplatte selbst beschädigen müssen. Sibley versuchte nun die Jury mit einer Aufzeichnung sämtlicher Best Buy Einkäufe von Thomas-Rasset aus dem Jahr 2005 zu überzeugen. Es fanden sich zahlreiche Medienkäufe darauf, fast jede Woche kaufte sie DVDs, Videospiele und Getränke. Ihr Verteidiger versuchte zu betonen, was für eine gute Kundin sie doch sei, selbst nach der Zeit, in der ihr diese Taten vorgeworfen wurden. Dabei zielte er auf eines ab: Wenn jemand alle Musik umsonst haben könnte, wieso sollte er dann zu Best Buy gehen und CDs kaufen? Bedauerlicherweise war es aber gerade dies, was die Einkaufslisten nicht bewiesen. Zwischen Dezember 2004 und Mai 2005 war nur eine einzige Musik-CD auf der Liste. So wurde aus der Einkaufsliste viel mehr ein Indiz dafür, dass hier jemand viele Medien kauft, die Musik jedoch herunterlädt.
Es folgte Eric Stanley, welcher von Thomas-Rasset beauftragt worden war, ihre Festplatte zu prüfen. Sie erklärte ihm, dass die Platte 2004 eingebaut worden wäre, lange Zeit vor der Tat. Es schien also ein Heimspiel für sie zu werden, wäre Stanley nicht darauf aufmerksam geworden, dass die Festplatte erst 2005 eingebaut wurde. Wie ihm dies zu Ohren kam, ist unklar, denn zum Zeitpunkt der Aussage des Abteilungsleiters von Best Buy war er nicht anwesend. In einer kurzen Verhandlungspause führte dies nun aber dazu, dass Stanley die Festplatte noch einmal genauer betrachtete und den Herstellungsaufkleber fand - mit der Jahreszahl 2005. Er hatte sich also eine Festplatte angesehen, die vermutlich gar nicht im PC eingebaut war, als die Tat stattgefunden hat. So auch seine Erklärung gegenüber dem Gericht und der Jury.
Nachdem Stanley angehört worden war, wurde es endlich wirklich interessant. Jammie Thomas-Rasset musste selbst in den Zeugenstand treten, völlig in schwarz gekleidet, wie bei einer Beerdigung. Ihre Aussage war zwar nicht direkt so katastrophal, jedoch lief es auch nicht sonderlich gut für sie. Tim Reynolds verleitete sie kurz vor der Entlassung aus dem Zeugenstand zu einem Fehltritt. Reynolds bedrängte Thomas-Rasset und las jede ihrer bisherigen, unter Eid getätigten Aussagen vor, nur um sie dann zu fragen, ob diese falsch waren. Sie musste immer mit "Ja" antworten. Einige weitere Details kamen ans Licht. Thomas-Rasset besaß und besitzt nur einen PC, einen Compaq Presario, den sie in ihrem Schlafzimmer aufbewahrte. Ihr Windows-Konto trägt den Namen "tereastarr" und ist passwortgeschützt, daneben gibt es einen Gast-Zugang sowie ein Benutzerkonto für ihre Kinder. Der Nickname "tereastarr" wird von ihr als einziger Online-Nickname benutzt - seit 16 Jahren. Im weiteren erklärte sie, dass sie niemals von KaZaA gehört habe, bis zu diesem Vorfall. Dies, obwohl "tereastarr@KaZaA" von MediaSentry als Benutzername festgestellt wurde und definitiv auf ihren Anschluss zurückgeführt wurde. Außerdem kam ans Licht, dass sie in ihrer College-Zeit einen Aufsatz über Napster verfasst hatte. Darin erklärt sie die ursprüngliche Variante von Napster für absolut legal unter US-Recht. Es dauerte eine Stunde, bis Reynolds endlich auf die Festplatte zu sprechen kam. Ohne lange um den heißen Brei herumzureden, erklärte er, dass nach seiner Ansicht die Festplatte, die MediaSentry ausgehändigt wurde, eine andere war als die, die von MediaSentry während den Ermittlungen betrachtet wurde und von wo aus die Urheberrechtsverletzungen getätigt wurden. "Das ist wahr", erwiderte Thomas-Rasset. Die Befragung endete.
Das Verfahren wird weitergehen und Thomas muss noch einmal in den Zeugenstand, um diesmal von ihrem Verteidiger befragt zu werden. Es gibt viele offene Fragen, viele Ungereimtheiten. Aber Thomas-Rasset bleibt hart. Als sie am zweiten Tag spontan gefragt wurde, ob das Share-Verzeichnis, das MediaSentry durchleuchtet hatte, ihres war, antwortete sie strikt: "Es war nicht meines." (Firebird77)
(via arstechnica, thx!)
(Bild via daylife, thx!)
News Redaktion am Mittwoch, 17.06.2009 21:48 Uhr
Ich halte sie schon für schuldig im Sinne der Anklage allerdings finde ich das Strafmaß sehr hoch das ihr drohen könnte. ...
Wenn schon ein Benutzername (Nickname) ausreicht, dann werde ich mir jetzt mal einige Nicknames von ehemaligen Schulfeinden (dene ich teilweise bis heute nicht verziehen habe) schnappen und verbotene Dinge unter deren Namen machen. Vielleicht sollte ich (der Einfachheit halber) aber einfach deren Re ...
Der zweite Verhandlungstag im Fall Thomas-Rasset gegen die Recording Industry Association of America konnte einen geladenen Einstieg vorweisen, gefolgt von einem Tiefschlag. Kurz vor Mittag nahm das "Drama" seinen Lauf, als der Computerexperte der Recording Industry Association of America (R ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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