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Fachgespräch mit Eva Kiltz vom VUT

Die Mitglieder des Verbandes unabhängiger Tonträger (VUT) trifft die seit einigen Jahren anhaltende Urheberrechtsproblematik doppelt hart. Man verfügt nicht annähernd über die PR-Mittel des BVMI. Es trifft oft Kleinstfirmen, die sehr mit sich selbst beschäftigt sind.

Einerseits hat man nicht wie die vier Majors die Mittel für Antifilesharer-Kampagnen zur Verfügung. Andererseits leiden hier wirtschaftlich gesehen zumeist kleine Betriebe unter den Umsatzeinbußen, was in letzter Zeit einige Akteure zur Aufgabe gezwungen hat. Von der Problematik wurden die Independent-Labels aber im Gegensatz zu den Produzenten von Mainstream-Musik erst sehr spät getroffen. Dieses Jahr verzeichnet der Verband seit dem Jahr 2001 erstmals einen Umsatzrückgang. Wir diskutieren mit Eva Kiltz, der Geschäftsführerin des VUT, über Probleme, Ursachen und mögliche Lösungen. Wir wagen gemeinsam einen Blick in die Zukunft der Technik und des Musikbiz. Zur Sprache kommen neben der Musikwirtschaft aber auch die Besonderheiten der Film- und die Spielebranche.

Lars Sobiraj: Stell uns den VUT doch bitte einfach mal vor.

Eva Kiltz:
Der VUT ist ein Branchenverband, der die kleinsten, kleinen und mittelständischen Unternehmen der Musikwirtschaft vertritt. Unsere Mitglieder betreiben Label, Musikverlage, Musikstudios, Musikvertriebe oder Ähnliches und stellen die Mehrzahl der in Deutschland beschäftigten Mitarbeiter in der Musikbranche. Mittlerweile stellen Musiker mit eigenen Unternehmen, sogenannte Selbstvermarkter, etwa 30% unserer Mitglieder.

Gegründet 1993 in Hamburg von sieben Unternehmen, vertreten wir heute rund 1.200 Mitglieder. Anfangs ging es primär darum, der wachsenden Anzahl von Independents eine Stimme zu geben, da diese in anderen Strukturen arbeiten als die Industrie und folglich auch in einigen Bereichen andere Bedürfnisse und Ziele haben. So sieht es heute - 15 Jahre später - auch das Wirtschaftsministerium (siehe Link hier)

Zum Anderen ist in einer Branche, die mehrheitlich aus Quereinsteigern besteht, die praxisnahe Weiterbildung und Netzwerkbildung gerade für kleine Unternehmen ein wichtiges Tool, um sich überlebenswichtiges Know-how anzueignen. Beides haben wir von Anfang an konsequent verfolgt und ausgebaut.

In der Verwertungslogistik der Musikwirtschaft, die mehrheitlich von den Industrieunternehmen aufgebaut wurde und deshalb folgerichtig auch auf deren Bedürfnisse ausgerichtet ist, gibt es grundsätzliche Schieflagen, oft zum Nachteil der kleinen Firmen. Deshalb suchen wir das Gespräch mit den betroffenen Institutionen und Unternehmen, um Lösungen für die Independents zu finden. Weil einige der Institutionen uns, selbst wenn sie wollen, keine passenden Modelle anbieten können, da die Gesetze und/oder politischen Rahmenbedingungen in Deutschland es nicht zulassen, betreiben wir regionale (VUT-Regional-Gruppen in Hamburg, Berlin, Bayern, NRW und Hessen), nationale (VUT), europäische (www.impalasite.org) und mittlerweile auch globale (www.worldwideindependentnetwork.com) Interessenvertretung.

Unser Ziel ist aber immer das gleiche geblieben: Wir glauben, dass eine lebendige und vielfältige Musiklandschaft nur existieren kann, wenn die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine starke unabhängige Musikwirtschaft in Deutschland begünstigen.

Es sind Independents, die Musik nicht nur als Wirtschaftsgut, sondern auch als Kulturgut betrachten. Es sind Independents, die mit neuen Ideen, Arbeits- und Einkommensformen experimentieren. Es sind Independents, die besonders oft mit jungen Künstlern arbeiten, die neue Technologien schnell adaptieren und die nötige Flexibilität haben, um sich dem verändernden Markt anzupassen. Und der VUT ist der Verband, der sie vertritt.

Lars Sobiraj: Viele Kollegen aus der Musikbranche beschweren sich über ein mangelndes Unrechtsbewusstsein gerade von Jugendlichen in Bezug auf Urheberrechte. Viele Kids hätten es schlichtweg nicht anders kennengelernt, als dass sie sich ihre Musikstücke illegal per BitTorrent, One-Click-Hoster oder eMule ziehen. Was glaubst Du: Was sind die wirklichen Gründe für die rückläufigen Verkaufserlöse?

Eva Kiltz: Eins vorweggenommen: die Gesamtheit der Independents (im Verhältnis zu den heute noch 4 "Majors") erlebt in diesem Jahr erstmals seit 2001 einen realen Rückgang der Verkaufserlöse. Trotzdem mussten viele etablierte Indie-Unternehmen in den letzten Jahren herbe Verluste hinnehmen oder ihren Betrieb sogar ganz einstellen. Viele andere konnten sich unabhängig nicht mehr halten und sind von Majors aufgekauft worden. Der Grund dafür ist, dass der Indiemarkt gleichzeitig langsam wachsende Umsätze und stark wachsende Unternehmenszahlen verzeichnet. Ein Nebeneffekt dieser Entwicklung ist die daraus entstehende Unübersichtlichkeit des Angebots. Jedes Jahr werden allein aus Deutschland über 20.000 Neuveröffentlichungen in den Markt gebracht, sodass es selbst für den leidenschaftlichen Fan schwer ist, den Überblick zu behalten. Der finanzielle und personelle Aufwand, der betrieben werden muss, um eine neue Veröffentlichung für den Kunden sicht- und kaufbar zu machen, ist deutlich gestiegen, so berichten uns Musikvertriebe aus Deutschland.

Reduzierung von Standflächen bei Ketten, die ganz auf Wirtschaftlichkeit setzen, wo Musik dann der sogenannten Weißen Ware (Küchentechnik) in aller Regel unterlegen ist, bei gleichzeitiger Expansion derselben Filialen und neue Vollsortimenter im Internet-Mailorder Bereich (Amazon, JPC). Daneben haben wir einen Trend zum Rundumeinkauf in Einkaufszentren und Malls, dadurch Innenstädte als Einkaufszentren marginalisiert, kleine Plattenläden schwinden etc.

Dazu kommt die problematische mediale Situation: Heute sind selbst die letzten Inseln redaktioneller Sendeplätze in den klassischen Medien Rundfunk und Fernsehen gefährdet (? Der Ball ist Rund / HR3), nachdem sie bereits lange Jahre eine Nischenexistenz im Nachtprogramm geführt haben. Damit ist ein wichtiger Kanal für Neues und Ungewöhnliches, wie es oft von unabhängigen Unternehmen veröffentlicht wird, zerstört worden, worunter auch die Musikfans zu leiden haben.

 

Der VUT hat schon sehr frühzeitig mit Napster verhandelt!

 

Ende der 90er begann dann das Internet, Napster allen voran, diese Informations-Leerstelle zu füllen, indem es die Möglichkeit eröffnete, das alte Mixtape-Spiel global und interaktiv zu spielen. Anfangs begrüßten viele Independents diese neuen Informationskanäle, mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass, wenn Nutzer umsonst Musik hoch laden und tauschen (illegal dann, wenn der Rechteinhaber dies nicht erlaubt hat und nicht an den dadurch erzielten Einnahmen beteiligt wird) sehr wohl Umsatz gemacht wird. Und daran möchten sie natürlich gerne beteiligt werden. Denn dass der Tausch über P2P, der momentan 55% des weltweiten Datentransfers ausmacht, legale Verkäufe substituiert, darüber sollte man eigentlich nicht mehr streiten.

Wachsende Bandbreiten und die zunehmende Ausstattung der Haushalte mit stationärer und mobiler Internettechnologie haben unser aller Alltag innerhalb kürzester Zeit grundlegend verändert. Die Regierungen, immer auf der Suche nach neuen Vollzeitarbeitsplätzen, sind der Boombranche Internet und Mobile entgegengekommen (Stichwort Innovationshilfen) und haben darauf verzichtet, insbesondere den ISPs klare Regeln zu setzen.

Alles zusammen genommen eine nicht gerade Erfolg versprechende Situation, die durch die rasante Entwicklung des Musiktauschs ohne monetäre Gegenleistung noch beschleunigt wurde. Aus unserer Sicht wäre ein Lösungsansatz für das Phänomen P2P auch in einer Art pauschalen Vergütung zu finden, allerdings sehen wir momentan noch keine Lösung, wie eine solche pauschale Vergütung möglichst gerecht unter den Rechteinhabern aufgeteilt werden könnte, ohne dass unpersonalisierte Daten über die Nutzung der Musik erfasst werden.

Lars Sobiraj: Womit die Kulturflatrate für euch schon mal hinten überfällt. Spätestens mit dem weltweiten Siegeszug der Tauschbörse Napster 1999 hätten die Labels eigene legale Alternativen im Internet anbieten müssen, um der Entwicklung entgegen zu wirken. An der Tatsache, das Filesharing illegal ist, ändert der Dornröschenschlaf der MI natürlich nichts, das ist klar. Aber es verbleibt doch die Frage: Was um Himmels willen hat die Firmen denn so lange aufgehalten? Lag es primär an der Größe vieler Labels und der damit einhergehenden mangelnden Flexibilität? Die Vertragsverhandlungen mit den Majors sind mit Sicherheit sehr zeitaufwendig, aber sie dauern doch keine 10 Jahre an, oder?

Eva Kiltz: Während alle Industrieunternehmen (=Majors) Mischkonzerne sind, deren Musiksparte nur einen Teil des Unternehmens darstellt, sind Independents ganz auf die Inhalte konzentriert. Die Umsätze aus Musikverkäufen stellen somit die zentrale Einkommensquelle dar, ihre Leistung besteht im Finden, Aufbauen und Vermarkten von Komponisten und Musikern, nicht im Entwickeln von Technologien. Und diesen Job machen sie gut: nie war die Musikwelt so bunt und vielfältig wie heute und die Informationen so gut aufbereitet. Insofern halte ich die Theorie vom Dornröschenschlaf der MI für ein modernes Märchen. Sicher, die anfängliche Skepsis gegenüber Napster, eDonkey und Co., die Klagewellen, die DRM-Versuche - das sind die Informationen, die in die Öffentlichkeit gedrungen sind. Dazu kann ich nur sagen: die Independents haben bereits mit Napster am Verhandlungstisch gesessen, um ihre Inhalte zu lizenzieren. Die meisten Independents haben gar nicht die Zeit, sich mit Massenklagen gegen ihre Fans und Käufer zu richten. Und DRM-Systeme sind vorrangig von Major Firmen genutzt worden, später dann von Technologiefirmen wie Apple iTunes, die meinten, proprietäre Systeme anbieten zu müssen, um die Bindung des Kunden an ihre Technologien (iTunes/iPod) durchzusetzen.

Nichts desto trotz haben viele unabhängige Firmen sich ein Standbein in der Virtualität gebaut, das in gar nicht so wenigen Fällen auch funktioniert: von finetunes über den Kompakt Shop, von Nuclear Blast über deeep.net (2008 verkauft an believe.fr) bis hin zu kleineren Einzel-Shoplösungen von Einzellabeln. Alle diese Independent Angebote können aber nicht das abdecken, was so mancher Kunde sich wohl wünscht: ein rundum-sorglos-Paket, das so wenig wie möglich kostet, am Besten gar kostenfrei zu haben ist.

 

Momentan sind die Verlierer der digitalen Revolution die Musiker und Independents. Die Gewinner sind internationale Technologie- und Mobilfunkkonzerne und die Politik trägt daran wesentliche Mitschuld.

 

Zum Einen können auch Independents nur das Repertoire anbieten, das sie sich auch vertraglich zur Auswertung haben übertragen lassen. Zum Anderen hat noch keine der unten genannten Flatrate- oder werbungsfinanzierten Firmen bisher schwarze Zahlen mit ihrem Konzept schreiben können.

Wobei sie es natürlich versuchen: Kommerzielle P2P Angebote, durch Werbung gegenfinanziert, wie Spotify oder iMesh, Streaming-Angebote wie last.fm undYou Tube (die sich leider außerstande sehen, Independents und ihre Künstler zu vergüten, während sie unter dem Druck der Konzernanwälte die Majors mittlerweile bezahlen), Flatratemodelle wie Napster und eMusic, sie alle wollen dem Kunden ein möglichst vollständiges Weltrepertoire anbieten.

Aus unserer Sicht hat sich die Musikwirtschaft den neuen Technologien mittlerweile weitgehend angepasst, es sind neue Vertriebs- und Marketingkanäle entstanden und gerade Independents sind Internet-StartUps in den letzten 10 Jahren immer wieder durch die kostenfreie Bereitstellung von Musik und Begleitinformationen in den gewünschten Formaten entgegen gekommen. Jetzt wäre es an der Zeit zu definieren, welche monetäre Gegenleistung die ISPs, Netz- und Plattformbetreiber den Indies und ihren Musikern anzubieten haben. Leider sperren diese sich momentan weitgehend gegen verbindliche Vereinbarungen und sind somit entscheidend dafür mitverantwortlich, dass legale, einfach zu bedienende und vielfältige Musikangebote im Netz kaum Erfolg versprechend realisiert werden können. Aber immerhin, erste Ansätze sind gemacht und es sind großartige, wenn auch noch weitgehend unkommerzielle, Angebote im Internet entstanden, wie z. B. byte.fm, wearehunted.com, tonspion etc., die dem Independent-Gedanken sehr nahe stehen, weil sie sich mit Musik auseinandersetzen und dadurch eine wichtige Filterfunktion übernehmen. Das Ganze dürfte allerdings gerne noch ein bisschen schneller vonstattengehen. Gerade wir Independents könnten hilfreiche Fachberatung leisten in Bezug auf Struktur und Usability von Musikangeboten. Die Langweile, die jeden echten Musikfan angähnen muss, wenn die immer ähnlicher werdenden Nutzeroberflächen ohne ausreichende redaktionelle Begleitung ihr Weltrepertoire an den Mann zu bringen versuchen, muss auch jeden Konsumenten vergraulen.

Die Folge: Im Internet bilden sich neue Monopolisten heraus, die - wie zuvor im physischen Markt - den Zugang zu Musik regulieren. Die Politik wäre mithin dringend aufgerufen, einen Interessensausgleich zwischen Technolgie- und Inhaltebranche und Verbrauchern herzustellen, um die Vielfalt des Angebots zu stärken und für alle Beteiligten handhabbar zu machen.

Momentan sind die Verlierer der digitalen Revolution die Musiker und Independents, die Gewinner internationale Technologie- und Mobilfunkkonzerne und die Politik trägt daran wesentliche Mitschuld.

 

Vor zehn Jahren hat man das Phänomen des Filesharings völlig falsch eingeschätzt.

 

Lars Sobiraj: Können die Shops gegen kostenlos konkurrieren? Könnten sie dies auch ohne die 10.000 Abmahnungen, die durchschnittlich monatlich an deutsche Musikfans verschickt werden?

Eva Kiltz: Nein, gegen kostenlos kann man nicht konkurrieren, weil damit ein ganz wesentlicher Teil der Refinanzierung der Anfangsinvestitionen nicht eingebracht werden kann.

Zum Thema Abmahnungen: Dies ist wohl eher die Antwort von Industrieunternehmen auf Filesharing, die Independents schon rein des Zeitaufwands eher selten wählen. Allerdings wenden die Industrieunternehmen nur geltendes Recht an und machen damit offensichtlich, dass die Politik bisher nicht hinreichend regulierend oder, wie oben angesprochen, moderierend eingreifen wird. In der Öffentlichkeit wird oft übersehen, dass es bei diesem Thema längst nicht mehr um Umsätze einzelner Unternehmen geht, sondern darum, wie wichtig der Mehrwert geistiger Leistung unserer Gesellschaft in Zukunft sein wird und wie bewertet werden wird.

Ein Land wie Deutschland, dessen natürliche Ressourcen sehr begrenzt sind, sollte sich sehr genau überlegen, wie es die wirtschaftliche Verwertbarkeit geistigen Eigentums garantiert, wenn es auch in Zukunft zu den führenden Industrien gehören möchte. Deutschland lebt bereits heute zu einem wesentlichen Anteil von den Ideen seiner Bürger.

Lars Sobiraj: Was glaubst Du, womit verdienen die Plattenfirmen in der Zukunft ihr Geld?

Eva Kiltz: In der Zukunft werden Umsätze zum Einen über Einkünfte aus der zugänglich Machung von Musikkatalogen generiert, zum Anderen über Single- und Album-Downloads und nicht zuletzt, weil der Mensch gerne etwas in Händen hält über Vinyl- und CD-Verkäufe.

Lars Sobiraj: Hat Musik wegen der illegalen Downloads ihren Wert eingebüßt?

Eva Kiltz: Natürlich nicht. Ich glaube wir haben momentan nicht die richtigen Angebote im Netz um einen Anreiz bei Menschen zu schaffen, die ein Umsonstangebot gewohnt sind. Die reine Musik berührt natürlich. Aber sie kann nur berühren, wenn man sie findet. Finden kann man sie nur, wenn jemand einem die Möglichkeit bietet, darauf zu stoßen. Das wiederum geht aber nur wenn man Musik begleitet mit anderen Informationen. Seien es gute redaktionelle Inhalte oder ein gutes Suchsystem. Ich hoffe es gibt bald intelligente Suchsysteme, die auch neue Zusammenhänge herstellen können wie z. B. der Bassist dieser Band hat vorher in jener Band gespielt. Und an dieser Stelle einen Song gecovert, der von wieder einer anderen Gruppe komponiert wurde und so weiter. Also das würde uns sehr helfen das zu finden, was uns interessiert. Das ist ja immer nur ein winziger Ausschnitt des gesamten Angebotes. Die Menschen sehen momentan nur das große Ganze. Es wird ja auch mit solchen Zahlen um sich geworfen. 11 Millionen Songs verfügbar. Meine Güte, wenn du die alle hintereinander hören wolltest, bräuchtest du sieben Leben oder acht oder neun. Kein Wunder, wenn da die Wertigkeit von Musik momentan ein bisschen flöten geht.

Aber ich bin Optimist. Ich glaube daran, dass es Angebote geben wird, wenn die rechtlichen Probleme erst mal geklärt sind. Dann wird es Angebote geben, wo man freien Herzens und mit gutem Gewissen Geld für Musik ausgibt.

 

Abmahnungen nur dann wenn überhaupt nichts anderes mehr geht!

 

Lars Sobiraj: Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) spricht sich primär für die Warnbriefe an Filesharer aus, was aber absolut keine Auswirkungen auf die Filehoster hätte ...

Eva Kiltz: Das ist ein absolutes "Last Exit Szenario", von dem ich nicht hoffe, dass wir es brauchen werden. Ich kann mir das im Moment nicht vorstellen, wie das in Deutschland umgesetzt werden soll. Ich als Konsument und nicht als Verbandssprecherin wäre auch nicht besonders begeistert davon. Mal davon abgesehen, dass man die Datenschutzbedenken, die im Moment bezüglich eines 3 strikes Modells a la Frankreich geäußert werden, natürlich auch bei Facebook oder Google oder seinem Mobilfunk- oder Internetanbeiter haben könnte, ohne dass sich jemand aufgrund eines Gesetzes darauf berufen könnte das Netz zu scannen. Die machen das sowieso, oder was glauben die Leute wie die personalisierte Werbung auf ihren Facebook Accounts zustande kommt? Trotzdem glaube ich nicht, dass das die richtige Lösung ist. Die richtige Lösung wäre einen Modus zu finden, in dem von vornherein völlig klar ist, dass diejenigen die Technik vertreiben und die, die Inhalte vertreiben, auf Gedeih und Verderb aneinander geschweißt sind, quasi aneinander gefesselt. Und dass sich daraus neue Geschäftsmodelle und Kooperationen ergeben, die es nicht nötig haben Verbote auszusprechen. Sondern die Dinge ermöglichen, die den Kunden dann auch Spaß machen.

Lars Sobiraj: Die Internet-Anbieter haben indirekt einen Vorteil von diesem Dilemma. Sprich: Die Zugänge haben einen Mehrwert, sofern Musik illegal zugänglich ist. Im Moment weigern die sich, dieser Verantwortung gerecht zu werden ...

Eva Kiltz: Ich denke das kann man so stehen lassen. Das wird auf Dauer auch nicht gehen. Nicht nur die Inhalte sind an die Technik gekettet, auch die Technik ist auf Gedeih und Verderb an die Inhalte gekoppelt. Meiner Meinung nach geht kein Weg daran vorbei, dass die Techniker sich auch mit den Anbietern der Inhalte auseinandersetzen. Der Moment ist meiner Meinung nach nicht mehr allzu fern. Dann werden sich auch die Internetanbieter mit einem modernen und möglichst einfachen Regelwerk beschäftigen, um ihre eigenen Inhalte zu schützen.

Lars Sobiraj: So ganz ausgereift klingt das auch noch nicht. Aber das ist auch sehr schwierig ...

Eva Kiltz: Momentan gibt es noch keine wirklich ausgereifte Idee. Parallel laufen auf internationaler Ebene als auch in den einzelnen europäischen Staaten inklusive Deutschland Gespräche darüber, wie man künftig als Staat, als Gesellschaft, als kreatives Unternehmen, als Technik Unternehmen mit den Gegebenheiten des Internet umgehen möchte. Auf ganzer Ebene, angefangen vom Justizministerium über Wirtschaftsministerium bis in die Kulturbereiche laufen Diskussionen darüber. Ob man nun am Ende eine härtere Gangart gegenüber Filesharern anschlägt wie Frankreich oder sich dem Thema zukunftsoffen nähert wie vielleicht wir oder der G.a.m.e. Bundesverband oder generell die Spielehersteller ist dabei egal, wir versuchen alle, uns auf die Entwicklung des Internets und hier besonders den technischen Möglichkeiten einzustellen. Wie letztendlich unser Umgang mit Inhalten im Internet reguliert werden wird, ist davon abhängig, wie der Konsens aussieht, der zwischen Gesellschaft, Rechteinhabern, Technikanbietern und dem Gesetzgeber ausgehandelt werden muss und der allen Beteiligten gerecht werden muss.

Lars Sobiraj: Die Spieleindustrie hat durch diverse Mechanismen die Piraterie reduzieren können. So also Konsolenspiele, günstige Games mit käuflichen Add-ons, Online-Rollenspiele, wo ein monatlicher Obolus anfällt etc. Aber das alles lässt sich nicht auf die Musikwirtschaft übertragen.

Eva Kiltz: Online-Spiele sind ja oft Levelspiele, wo du durch den Zukauf von bestimmten Items wie Rucksäcken, Waffen oder was auch immer eine höhere Ebene erreichen kannst. Wer bezahlt, kommt schneller in dem Spiel voran und kann dadurch in der Community ein höheres Ansehen erwirken. Das ist leider etwas, was auf Musik ganz schwer übertragbar ist. Ein Musikstück ist immer ein Musikstück. Du kannst es natürlich auskoppeln, einzelne Spuren zur Verfügung stellen und es sind sicherlich auch andere Add-ons vorstellbar, aber letztendlich bleibt ein Musikstück immer ein Musikstück. Da ist nicht so richtig viel dran zu drehen.

Lars Sobiraj: Wie steht denn der VUT zum Thema Abmahnungen?

Eva Kiltz: Sehr zwiegespalten. Ein Independent-Label ist in 60% aller Fälle ein Ein- bis Zweimannunternehmen mit einem Katalog von fünf bis sechs Künstlern. Diese Unternehmen haben ihre liebe Mühe, überhaupt ihr Tagesgeschäft zu bewältigen bzw. ins Geschäft zu kommen. Wenn die jetzt anfangen müssen alle Internettauschbörsen oder Rapidshares dieser Welt zu durchwühlen nach illegalen Tracks, diese zu dokumentieren, so wie man das machen muss, wenn man abmahnen möchte, dann noch einen Anwalt zu beauftragen, um dann einen virtuellen Betrag X einzufordern, so viel wie der Track eben wert ist, um sich dann am Ende noch das Geld zu teilen, wenn es überhaupt reinkommt. Das kommt für die meisten Independents aus logistischen Gründen überhaupt nicht in Frage. Die, die es machen, wählen meist einen Weg, der weit unter dem bleibt, was in der Öffentlichkeit gerne mal diskutiert wird. Die mahnen ab, um ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass da etwas Illegales passiert ist. Es geht dabei aber eigentlich nicht um das Geld. Die Kanzleien mahnen relativ kleinen Summe ab, um die Anwaltsgebühren zu decken, damit beim Empfänger ein Schreckmoment entsteht. Meines Wissens nach werden viele Verfahren auch fallen gelassen. Solche Abmahnungen gegen alleinerziehende Mütter etc. - das widerspricht völlig der Mentalität all derjenigen, die sich mit Musik beschäftigen.

Independents leben selbst oft in einer Subkultur, den meisten widerstrebt es so vorzugehen. Deswegen sind viele unabhängige Unternehmen so sehr bestürzt darüber, was in Blogs und Foren an Musikwirtschaftsgedisse vor sich geht. Eigentlich tun die Labels etwas, worüber sich alle freuen müssten. Nämlich Musiker eine Zeitlang bei ihrer Karriere zu begleiten und natürlich dabei auch dafür zu sorgen das Geld reinkommt, die die Arbeit refinanziert. 

gulli: Die GEMA vertritt eine sehr dogmatische und darwinistische Einstellung, die man kritisieren kann und sollte.

Eva Kiltz: Die aber in ihrer Form gerade das Bedürfnis unbekannter Urheber eigentlich mehr trifft als das, was Creative Commons macht.

 

Lars Sobiraj: Ich befürchte, diesbezüglich hat viel zu lange kein Dialog stattgefunden. Gerade wenn es sich um das Spannungsverhältnis zwischen Netzkultur und Labels dreht - und das egal ob Indies oder Major Labels.

Eva Kiltz: Ich bin intuitiv immer davon ausgegangen, dass das alles ganz klar sein müsste: ohne Bezahlung der Musik keine Zeit und kein Geld neue Musik zu produzieren, ohne Labels und Künstler keine Musik. Ich habe mich gefragt, warum man das erklären muss und dachte, die Leute im Netz sind blöde. Die verdrehen die Tatsachen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil sie illegal Musik heruntergeladen haben und genau wissen, dass es nicht erlaubt ist. Ich habe lange geglaubt, das ist reine Netz-Propaganda, die da stattfindet. Und ehrlich gesagt hat mich Stefan Herwig dann dazu gebracht umzudenken, der sagte: "Nee, nee, moment mal. So ist das garnicht. Viele Menschen glauben tatsächlich, dass IHR die Bösen seid. Und dass ihr diejenigen seid, die aus Gehässigkeit Leute abmahnen, dass Ihr Euch an der Musik, die die Künstler schaffen bereichert etc." Naja und was uns sonst noch alles vorgeworfen wird. Den Dialog haben wir deshalb jetzt begonnen. Ein Austausch ist ganz dringend nötig.

Lars Sobiraj: Das hätte viel eher stattfinden müssen, es bedurfte vielleicht wirklich eines Tausendsassa wie Stefan Herwig, mit dem ich schon oft und sehr lange über dieses Thema gesprochen habe. Dieser Austausch hat geholfen die Perspektive der anderen Seite zu verstehen. Zu begreifen, wie es auf beiden Seiten zu Vorurteilen gekommen ist.

Eva Kiltz: Seine Initiative hat immerhin dazu geführt, dass wir jetzt vermehrt Aufklärung mit Zahlen betreiben. Einfach die Strukturen unserer Teilbranche grafisch aufzuarbeiten und für außen Stehende verständlich zu machen. Solche Sachen wie: Was verdient ein Künstler, welche Aufgaben und Ausgaben haben die Labels, wie kommen Tracks in den Markt rein, welche Wege geht das etc. Oder halt, warum kann ein Label nicht direkt zu Apple gehen und bei iTunes direkt Musikstücke zu vermarkten. Warum müssen die den Umweg über den Vertrieb nehmen etc. Das sind alles Auswirkungen des Tages, als Stefan hier in Berlin aufgeschlagen ist ...

Lars Sobiraj: Ja, der Gute ist mitunter recht massiv ... ;-)

Könnt ihr euch denn vorstellen, dass solche Angebote wie tape.tv, Spotify, Deezer etc., als Streaming-Radio oder gestreamte Videos überleben können? Ist das vielleicht auch eine Möglichkeit Independent-Musik zu vertreiben?

Eva Kiltz: Vorausgesetzt die juristischen Grundlagen stehen, so könnte es so aussehen wie auf dem Filmmarkt. Dann könntest du das ganz kleine Häppchen kaufen, also einen einzelnen Stream für wenige Cent. Oder das Größere für wenige Euro im Monat, also den Zugang zum kompletten Streaming-Angebot eines Dienstes. Du kannst dir gegen Bezahlung den Song downloaden oder wenn du es haptisch haben willst, die Single-Platte, CD oder DVD ins Haus holen. Ungefähr so gehe ich damit um, wenn ich mit Filmen zu tun habe. Entweder ich gehe in die Videothek, schau es online, lass es mir nach Hause schicken, kaufe mir das. Manchmal leihe ich mir nur Filme aus und kaufe sie dann später oder aber ich gehe ins Kino.

Lars Sobiraj: Aber gerade in Deutschland gibt es für Filme keinen DRM-freien Anbieter. Dazu kommt, die Angebotspalette bei den Online-Diensten ist ziehmlich mager.

Eva Kiltz: Die Filmbranche hat natürlich auch ein Problem sich umzustellen, vielleicht weil sie traditionell in Auswertungsfenstern arbeiten. Die Kinos oder DVD-Anbieter würden es vermutlich blockieren, wenn die Filmverleiher die neuen Filme zuerst online anbieten wollen. Die Videothekenbesitzer werden verlangen, dass die Filme nicht eher online gezeigt werden, als diese in den Videotheken verfügbar sind. Die andere Fraktion wird sagen: Solange der Film in den Kinos ist, dürft ihr nicht mal eine halbe Stunde davon über das Internet ausstrahlen. Solange die Serie in den USA läuft, darf sie in Deutschland auf keinen Fall verfügbar gemacht werden etc.

Im Musikmarkt gab es ähnliche Probleme mit den großen Ketten wie z.B. Mediamarkt und Saturn. Die haben sich lange dagegen gewehrt, dass Tracks digital veröffentlicht wurden, bevor das haptische Produkt bei ihnen im Laden stand. Obwohl es ja total naheliegend gewesen wäre zu sagen: Hey, wir machen eine Singleauskopplung digital und dann schieben wir das Album vier Wochen später physisch hinterher ebenso wie das Digitalalbum. Oder es gibt ein exklusives Vorabrelease auf einem Portal im Netz und dann gibt’s irgendwann das volle Album als Premium-Content im Mediamarkt etc. pp. Aber das wollten die traditionellen Musikverkäufer erst nicht. Sie haben sich gewehrt, weil sie befürchteten, dass bei den ohnenhin zurück gehenden Verkäufen diese noch mehr einbrechen. Nach einiger Zeit hat sich das gelegt. Ich könnte mir vorstellen, dass der Grund für die Probleme im Filmsektor ganz ähnlich aussieht.
 

Independents leben selbst oft in einer Subkultur, den meisten widerstrebt es so vorzugehen. Deswegen sind viele unabhängige Unternehmen so sehr bestürzt darüber, was in Blogs und Foren an Musikwirtschaftsgedisse vor sich geht.

Lars Sobiraj: Die Filmwirtschaft hat natürlich enorme Probleme mit einem Anbieter wie kino.to, das ist der erklärte Erzfeind Nummer Eins. Sehr viele der Kinomitschnitte, die man sich dort ansehen kann, sind aber in einer schlechten Qualität. Würde man die zeitgleich zum Kinostart in einer sehr guten Bild- und Tonqualität kostenpflichtig als Stream oder Download anbieten würde, so könnte man viele Menschen davon überzeugen sich die Filme gegen Bezahlung zu Hause anzuschauen. Wenn ein Familienvater mit Frau und zwei Kindern einen Ausflug ins Kino bezahlt, ist er schnell mit Parkplatzgebühren, Benzinkosten, Eintrittsgeldern, Cola, Käse Nachos & Popcorn etc. 60 Euro oder mehr für alle vier Personen los. Wenn der gleiche Vater auf dem heimischen Flachbildfernseher mit der ganzen Bagage den Film für 20 Euro anschauen könnte, hätte er noch 40 Euro gespart. Anstatt null Euro beim illegalen Bezug würden die Anbieter immerhin noch 20 Euro pro Kinofilm umsetzen.

Eva Kiltz: Dann weißt du ja, was die Kinoanbieter davon halten, die Verwertungskette aufzubrechen. Da wird im Voraus Geld dafür bezahlt, dass sie die Blockbuster für eine gewisse Zeit abspielen dürfen. Und möglicherweise wird damit auch der Film selbst im Vorfeld finanziert. Mit solchen Streams würde sich der Wirtschaftskreislauf völlig verändern. Meiner Meinung nach gibt es in der Filmwirtschaft wie auch in der Musik ein sehr fragiles aber auch sehr festgefahrenes System der Wertschöpfung, wo von je her sehr knapp kalkuliert werden musste. Und wenn du da ein Steinchen verrückst, dann wird es sehr schwierig die Hauswand gerade zu halten. Ich glaube, dass die Probleme der Filmwirtschaft genau da liegen und das es genau deswegen so ein Angebot nicht gibt.

Lars Sobiraj: YouTube zahlt den Majors ungleich mehr Geld als euch kleinen Labels. Was müsste passieren, um dieses Ungleichgewicht wieder gerade zu rücken?

Eva Kiltz: Die deutschen Politiker können hier wenig tun. Du hast hier einen amerikanischen Anbieter, der versucht den Rest der Welt mit US-amerikanischen Regeln zu bearbeiten. Die Rechtslage sieht drüben aber anders aus als in Deutschland. Über das Wettbewerbsrecht könnte man als Anbieter vermutlich dahingehend etwas tun, dass die Firmen gleich behandelt werden müssen. Aber vermutlich müsste dann in Amerika einen Prozess führen, was den meisten hiesigen Unternehmen einfach nicht möglich ist. Es ist aber nicht gesagt, dass Google genau das früher oder später widerfährt, damit wäre dann YouTube mit betroffen. Meiner Information nach wird es Probleme geben ein Monopol nachzuweisen, sofern es sich um ein Monopol auf einem Teilmarkt handelt, in diesem Fall den Digitalmarkt, wo ein Angebot gemacht wird, für das es eine Entsprechung im physischen Markt gibt. D. h. YouTube hat vielleicht einen Marktanteil von weit über 50% an Videostreams im Netz aber betrachtet man Musikvideos insgesamt, haben sie vielleicht nur 20%. Und das reicht nicht aus  um ihnen eine Monopolstellung vorzuwerfen.

Lars Sobiraj: Jetzt gibt es ja auch noch solche Musiker wie Trent Reznor, die sagen: Ich brauche kein Label, ich promote mich selber. Oder Radiohead, die ihr letztes Album "In Rainbows" selber vermarktet haben. Sind das nicht alles Künstler, die vorher von Plattenfirmen groß gemacht wurden?

Eva Kiltz: Ja, das stimmt, die brauchen jetzt keine Unterstützung mehr.

Lars Sobiraj: Kriegen das denn auch neue Künstler ohne professionelle Hilfe hin?

Eva Kiltz: Letztens gab es ein Interview mit Jaron Lanier im Spiegel, der dort als einer der Internet-Pioniere im Web bezeichnet wird. Er sagt, dass er immer ein totaler Feind von Regulierungen und Bezahlsystemen im Netz war, also ein totaler Open Source Fan. In diesem Interview revidiert er aber seine Meinung mit folgender Begründung: Wenn die Selbstvermarktung ein erfolgreiches Geschäftsmodell für Musikvermarktung wäre, dann gäbe es jetzt schon ganz viele [junge] Künstler, die auf diese Weise bekannt geworden wären. Er sieht aber niemanden der das so geschafft hat. Und das würde ich unterschreiben wollen.


Erst das dritte Album brachte Radiohead den Durchbruch. Irgendwer muss sie getragen haben bis dahin. Wer war das, wenn nicht eine Plattenfirma?

Trent Reznor hingegen hat meines Wissens nach immer sehr viel alleine gemacht.
 

Ich habe gerade mal ein Mitglied von uns gebeten mir aufzuschreiben, was er alles tut, um jemanden am Markt bekannt zu machen. Es geht noch nicht darum Geld zu verdienen sondern lediglich die Künstlermarke soweit aufzubauen, dass jemand wie ich oder du sagt: "Ja klar, kenne ich!" Der Angesprochene hat gestöhnt, mit den Augen gerollt und mir geantwortet, dass die Liste sehr lang wird. Egal ob der Künstler das selbst machen kann oder einen Dienstleister beschäftigt, oder einen Vertrag mit einem Label abschließt, das sich ausschließlich damit beschäftigt die Marke des Künstlernamens in irgendeiner Form bekannt zu machen. Das ist ein Investment, welches du gar nicht in Zahlen ausdrücken kannst, denn wenn das nach normalen Sätzen bezahlt werden würde, würden unglaubliche Summen dabei herauskommen. Labelarbeit heißt Arbeitszeit eines oder mehrerer Experten, die ihren Markt kennen. Wenn Du nur die reinen finanziellen Investments anschaust, kann es sein, dass die geringer sind als früher, aber die eigentliche Arbeit eines Labels beginnt erst mit Vermarktung und Vertrieb und hier brauchst Du Erfahrungswerte, ein sehr gutes Netzwerk und Gespür für die Fans und die Reichweite eines Künstlers. Trent Reznor, der sehr lange und sehr viel auch alleine gemacht hat, kann man schlecht als Beispiel nennen. Der war von Beginn an sehr eigenständig. Aber Radiohead z.B. hatten so weit ich mich erinnere erst mit dem dritten Album ihren Durchbruch. Dann kam im Jahr 2000 "Kid A" und das war dann der große Renner, das war aber schon das vierte Album. Die Gruppe wurde schon 1993 gegründet. Irgendwer muss sie getragen haben bis dahin, wer war das, wenn nicht eine Plattenfirma, ein Management und sicherlich viele weitere Personen, die an den Erfolg geglaubt haben.
 

Ich glaube nicht an werbebasierte Dienste im Internet als Kompensation für Umsonstinhalte, jedenfalls nicht dauerhaft.

 

Lars Sobiraj: Wie steht denn der VUT zur GEMA? Gibt es zum Beispiel mithilfe von Creative Commons einen Weg vorbei an der GEMA? Das ist ja auch ein sehr altes, eingefahrenes Gebilde. Die Kritiker sagen der Verwertungsgesellschaft nach, dass deren Punktemodell sehr ungerecht sei.

Eva Kiltz: Zum Thema Creative Commons. Die Idee ist daraus entstanden was tatsächlich passiert im Netz. Der Wissenschaftler Lawrence Lessig hat erkannt, dass die Exklusivität der Übertragung des Urheberrechts eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist. Seine Schlussfolgerung war: Es muss eine Möglichkeit geben, das Urheberrecht so anzuwenden, dass man unter bestimmten Umständen auch nicht exklusiv arbeiten kann. Oder das man bestimmte Nutzungsformen vergütungspflichtig macht und andere nicht. Das ist der Gedanke von Creative Commons. Und das ist erst mal eine gute Idee, die allerdings einem Apparat wie der GEMA grundlegend widerspricht. Die GEMA sagt, sie repräsentieren 60.000 Rechteinhaber, die sie vertreten. Würden sie das so unterscheiden wie bei Creative Commons, so hätten sie einen unverhältnismäßig hohen Verwaltungsaufwand. Denn eines machen die Creative Commons nicht: Sie sorgen nicht dafür, dass die Lizenz, unter der ein Stück steht, auch eingehalten wird. Das heißt, sie gehen nicht hin und führen ein Inkasso durch, wo CC-lizenzierte Stücke kommerziell genutzt werden. Selbst dann nicht, wenn die Lizenz das besagt. Die lassen im Prinzip ihre Urheber im Regen stehen. Das macht die GEMA nicht.

Die ist auf der anderen Seite sicher pedantisch darin, die Gelder der Mitglieder einzutreiben, das ist auch ihre Aufgabe. Da gibt es für den Abgabepflichtigen dann kein Entkommen. Das ist natürlich eine sehr kompromisslose Vorgehensweise, die in der Öffentlichkeit auf Kritik stösst. Die aber in ihrer Form gerade das Bedürfnis junger Urheber eigentlich mehr trifft als das, was Creative Commons macht. Die GEMA sorgt auch für das Inkasso der gesetzlich zugesicherten "angemessenen Vergütung" und nicht nur dafür, dass auf dem Track draufsteht, was man damit machen darf. Dadurch schützt sie gerade den noch nicht so bekannten Urheber davor, sich unter Wert zu verkaufen.
 

Die GEMA. Auf der einen Seite brauchen wir sie. Aber nicht so, wie sie im Moment beschaffen ist.


Wir beobachten kritisch, was die GEMA im digitalen Markt momentan tut. Sie sind zu langsam, sie sind zu starr, was nicht alleine an der Struktur der GEMA liegt, sondern auch daran, wie Verwertungsgesellschaften in Deutschland aufgestellt sein müssen: sie sind verpflichtet jeden Urheber aufzunehmen, ebenso wie sie verpflichtet sind, jedem Musikanbieter einen Tarif für die Musikverwertung anzubieten. Das ist in Zeiten des Verschwimmens zwischen privater und kommerzieller Musiknutzung eine schwierige Aufgabe. Es stimmt nicht, dass die GEMA undemokratisch ist, aber zumindest ist doch ihre Struktur unter anderen Bedingungen entstanden, weshalb es Schwierigekeiten in der Anpassung gibt. Diesen riesigen Apparat zu bewegen ist sehr kompliziert und aufwendig. Das macht GEMA im Moment zu einem wichtigen aber auch schwierigen Partner für Musikunternehmen und Urheber. Aber sie ist der einzige Partner, der stark genug ist, eine angemessene Vergütung der Urheber im digitalen Markt durchzusetzen. Du merkst, ich komme ins Schwimmen, die Situation ist echt kompliziert und viel komplexer als man es in diesem Interview darstellen kann. Auf der einen Seite brauchen wir die GEMA dringend. Aber in einer moderneren Form.

Lars Sobiraj: Gerade die letzte Aussage würden sicher die meisten Musiker so unterschreiben. Bei den Independents waren erst kürzlich Umsatzeinbußen sichtbar. Das war deutlich später als bei den großen Plattenfirmen, wie kommt es zu dieser Unterscheidung?

Eva Kiltz: Ganz ehrlich, ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich habe anfangs von Suchen und Finden gesprochen. Was die Majors sehr gut können, ist mit einem großen Marketingdruck Künstler in den Markt zu bringen, sodass eine große Nachfrage nach der Musik des Interpreten besteht. Bei uns ist die Öffentlichkeitswirksamkeit wesentlich kleiner und auf ein wesentlich engeres Umfeld beschränkt. Es passiert nur im Fanumfeld. Die lernen den Künstler nicht irgendwo kennen, sondern um die Ecke in ihrer Lieblingskonzerthalle. Man hat beobachtet, dass die meisten Files, die bei den Filehostern ausgetauscht und runtergezogen werden, die Blockbuster unter den Musikstücken sind. Also das, was in den Charts auf Nummer Eins ist und das sind nun mal die Majors. Die Indie-Fans sind vielleicht auch gar nicht so technikaffin, die kaufen sich nicht das neueste iPhone sondern haben irgendeinen komischen Handyvertrag und deswegen ein weniger modernes Handy. Vielleicht sind sie technisch etwas hinten dran aber das macht ihnen nichts aus. So ähnlich ist es mit der Internetverbindung. Viele haben dann ein 2000er DSL, wenn die Freaks ein 6000er haben etc. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch ein bisschen damit etwas zu tun hat. Vielleicht auch die durchschnittlich höhere Identifizierung mit dem Künstler.

Lars Sobiraj: Das wär jetzt meine Idee gewesen, dass die Bindung zwischen Fanbase und Künstler enger ist und die deswegen eher die Bereitschaft haben Geld auszugeben.

Eva Kiltz: Wobei dann die Umsätze stabil bleiben müssten, das ist aber nicht so. Dazu kommt: Viel mehr Independent Unternehmen teilen sich einen nur noch leicht wachsenden Kuchen. Sprich: Das einzelne Unternehmen hat insgesamt weniger umgesetzt, auch wenn die Umsätze der Independents insgesamt in den letzten Jahren recht stabil waren.
 

Eine Umsonstkultur wird es immer geben, das wird nie aufhören.
 

Lars Sobiraj: Letzte Frage, die ich auch Stefan Michalk vom BVMI gestellt habe. Schau mal bitte für uns in die Glaskugel - wie schaut es in zehn Jahren aus?

Eva Kiltz: In 10 Jahren haben wir eine ausdifferenzierte Mischung von digitalen und physischen Angeboten, die sich nicht nur auf Studioaufnahmen begrenzen, sondern die viel mehr als heute auch Liveaufnahmen umfassen. Insbesondere wird es mehr Streamingangebote geben. Wir haben eine 100%ige Konvergenz zwischen den Medien. D. h., das Fernsehen ist das Internet, das Internet ist der Fernseher. Und alle haben ein Mobilgerät, mit dem man auch telefonieren kann, aber nebenher auch WLan hat und damit vollen Zugriff auf Internet und alle dort verfügbaren Angebote. Die Daten werden einmal auf einem Server abgelegt und können dann müelos von Gerät A nach B geschoben werden. Dass die Geräte sich automatisch synchronisieren, das geht ja heute schon.

Wir werden ein ausgeklügeltes System haben, das international abgestimmt und harmonisiert ist. Wir haben Paymentsysteme, in einzelnen Ländern Kulturflatrate ähnliche Gebilde bis hin zu "One Download, One Payment"-Systemen. Und es wird Portale geben, die alles aus einer Hand anbieten. Sprich: Du kannst auf einem Portal die CD, den Album-Bundle mit Exklusivtrack, das T-Shirt, das Ticket zum Liveauftritt der Band und weiß Gott noch alles kaufen. Und alles in einem Warenkorb und mit einem Click ist es bei dir.

Eine Umsonstkultur wird es immer geben, das wird nie aufhören. Aber ich glaube nicht, dass das in irgendeiner Form zu einem kommerziellen Erfolg gebracht werden kann. Ich glaube nicht an werbebasierte Dienste im Internet als Kompensation für Umsonstinhalte, jedenfalls nicht dauerhaft.

Wir versuchen wo wir können in die Richtung neuer Geschäftsmodelle zu gehen. Ich glaube, dass es da noch ganz viele tolle Sachen geben wird, die individuell auf den Künstler zugeschnitten werden. Denn da müssen wir hin. Es macht ja keinen Sinn, wenn alle das gleich aussehende Myspace-Profil haben und nur ein wenig unterschiedlichen MySpace-Puder darüber streuen, das entspricht auch den Musikinhalten überhaupt nicht. Die neuen Möglichkeiten durch die modernen Medien sind wahrscheinlich zu 90%  noch nicht mal angetastet worden.

Grundsätzlich gilt für uns: Indies und Künstler machen alles mit, wenn sie auch an den durch ihre Leistung erzielten Gewinnen beteiligt werden. Also, Geld verdienen: ja - Verbote: nein. Wenn sich allerdings in den nächsten Jahren der Markt gar nicht einpendelt, dann wäre das "Last-Exit-Szenario" leider doch, leidenschaftliche Filesharer zu sanktionieren.

 

Die Manager lachten Tim Renner damals aus, der den Siegeszug der CD prognostiziert hatte. Wenige Jahre später hatte sie die Entwicklung schon überholt.


Noch etwas zur Entwicklung: Anfangs hat man das Phänomen des Filesharings total falsch eingeschätzt. Für Independents ist es viel wichtiger sichtbar zu sein und eine Marke zu bilden als Geld zu verdienen. Aber das sich das Verhältnis von Promo zu Verkauf so verdrehen würde, das hat vor zehn Jahren niemand erwartet. Tim Renner beschrieb das so schön in seinem Buch: "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm". Da gibt es die Szene, wo er mit den Plattenbossen sitzt und es geht darum, wie schnell CDs das Vinyl ablösen wird und ob die CD überhaupt das Vinyl ablösen wird. Tim sagte: "Ja, das wird passieren" und die Manager lachten ihn alle aus. Und nach fünf bis sechs Jahren war der komplette Markt umgekehrt und es wurde kaum noch Vinyl verkauft, sondern fast nur noch CDs.

 So ähnlich war das sicher auch mit den ersten Filesharing Systemen. Man hat das Phänomen P2P total unterschätzt. Vielleicht auch, weil viele Leute in der Musikindustrie das nicht selber ausprobiert haben. Ich logge mich heute überall ein, probiere alles aus, um einfach zu sehen, wie das geht. Sogar bis hin zu Streaming-Mitschneidesoftware etc. - das teste ich hier alles aus. Aber wer macht denn so was sonst?

Lars Sobiraj: Umso intensiver man den Markt analysiert, umso mehr Überlebenschancen werdet ihr haben, das steht fest. Dir vielen Dank für das überaus ausführliche Gespräch! Man sieht sich spätestens in Köln auf der nächsten c/o pop auf die eine oder andere Tasse Kaffee.

Lars Sobiraj am Mittwoch, 10.03.2010 14:43 Uhr

tagsTags: bvmi vut kiltz

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69 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • StefanHerwig am 23.03.2010 12:46:29

    Natürlich kann er bestimmen, wie sein Produkt kommerziell verwertet wird. Aber die kommerzielle Bestimmung hört da auf, wo der private Bereich anfängt. Die Ausdehnung des Urheberrechts in den privaten Bereich ist eine Perversion des ursprünglichen Copyrights. Also das muss jetzt ...

  • Elvenpath am 22.03.2010 20:48:48

    Folglich stellt jede Arbeit egal ob diese am Ende materielle Dinge hervorbringt oder nicht einen gesellschaftlich anerkannten Wert dar, eine Investition die vom Gesetzgeber geschützt wird. Geschützt im kommerziellen Bereich. Das ist richtig. ...wird ihm auch das Recht zuges ...

  • 859638419372324 am 22.03.2010 12:48:09

    Was mir immer wieder aufstößt, sind Formulierungen wie "An der Tatsache, das Filesharing illegal ist". Da gibts nichts aufzustoßen, es ist wenn man vernünftig an die Sache herangeht und darüber nachdenkt logisch. Als ob das ein Naturgesetz wäre. Es is ...

  • Elvenpath am 21.03.2010 15:36:27

    Was mir immer wieder aufstößt, sind Formulierungen wie "An der Tatsache, das Filesharing illegal ist". Als ob das ein Naturgesetz wäre. Es ist illegal _gemacht_ worden. Durch "massive Lobbyarbeit". Das Urheberrecht greift tief in die Privatsphäre von Menschen ein, nur damit ein Geschäftsmodell ...

  • Grazer57 am 16.03.2010 15:12:50

    @ 859638419372324 ich mache doch keine Panik ...... Ich zeige nur auf, das es so einfach wie Du das zuvor geschildert hast, nicht ist. Ausgangspunkt war: Dein Beitag Wenn die Loggingvorgänge fehlerhaft sind und die Beschuldigten unschuldig sind, dann wird sich das doch beweisen lasse ...

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