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gullis CeBIT Rundgang 2010

Wer in Hannover tatsächlich alle Hallen in Augenschein nehmen will, braucht viel Ausdauer und bequeme Schuhe. So richtig wollte der Messevirus nicht auf uns überspringen. Wir haben dennoch einige Highlights der diesjährigen CeBIT zusammengetragen.

Gleich in der Nähe des Nordeingangs in Halle 2 befindet sich in unmittelbarer Nähe des Standes von IBM das Open Source Forum. Dort haben sich Aussteller wie tarent, OpenOffice.org, Mozilla, Wordpress und PostgreSQL platziert. Insgesamt wurde 15 Projekten die Chance geboten, sich dem Messepublikum zu präsentieren. Anwesend war auch Michael Gisbers, einer der Veranstalter der OpenRheinRuhr, die erneut im Herbst dieses Jahres stattfinden wird. Michael erzählt uns, man sei derzeit noch auf der Suche nach einer passenden und bezahlbaren Location im Ruhrgebiet. Die Vorbereitungen zur nächsten OpenRheinRuhr laufen auf Hochtouren. Man hofft in diesem Jahr auf mehr Unterstützung der örtlichen Presse, die das Thema Open Source letztes Jahr völlig links liegen ließ. Diverse Sprecher wie führende Mitarbeiter der Mozilla Foundation oder auch Klaus Knopper ergriffen dort das Mikrofon, um ihre Projekte vorzustellen. Herr Knopper präsentierte die neueste Version seiner Live-Linux Distribution Knoppix 6.3. Wir haben uns am WP-Stand die Vorzüge des Wordpress-Plug-ins Buddypress zeigen lassen. Die populäre Blogger-Software bietet allen Anwendern die Möglichkeit, diese mit den sozialen Netzwerken wie Facebook & Co. zu verknüpfen.

Am Messestand des heise Verlages führte Sebastian Schreiber Live-Hacking vor, welches die Zuschauer in Erstaunen versetzte. Er zeigte, wie einfach es sein kann, die Sicherheitsvorkehrungen bestimmter Shop-Systeme zu umgehen und sich Waren zuschicken zu lassen, ohne dafür zu bezahlen. Schreiber zeigte auch, wie ein simples Firefox-Plug-in die Kommunikation zwischen einem Flash-Game und dem Server kompromittieren kann. Im vorliegenden Beispiel war es ihm möglich, sich an oberster Stelle der Highscoreliste einzutragen, obwohl er kein einziges Moorhuhn erlegt hatte. Gezeigt wurde auch das Bildmaterial von Überwachungskameras, welches vom Display eines Babyphones empfangen wurde. Dies ist machbar, weil die meisten Hersteller von derartigen Kameras komplett auf Verschlüsselungstechniken verzichten (gulli:News berichtete).

Am Stand des Unternehmens Fraunhofer IIS wurden auf einem Monitor die Fortschritte zum Thema Gesichtserkennung vorgeführt. Eine Kamera (Bild in Galerie unten) überprüfte die Messebesucher und stellte auf dem Monitor dar, welche biometrisch relevanten Gesichtsteile diese vom Rest unterscheiden konnte. So wäre beispielsweise eine Zugangskontrolle bei Unternehmen möglich, ohne dass die Mitarbeiter eine Karte benutzen müssen. Leider könnte man derartige Verfahren auch prima zur Überwachung der gefilmten Personen missbrauchen und Bewegungsprofile von ihnen erstellen, da sie aufgrund ihrer biometrischen Daten voneinander unterschieden werden können. Das vorgestellte Verfahren konnte aber noch mehr. So wurde anhand unserer Mimik unser Gemütszustand beurteilt und das Alter eingeschätzt. Wer künftig grummelnd zur Arbeit kommt, dürfte bald direkt zum Personalchef gehen, um zu erklären, warum er das Büro nicht freudestrahlend betreten hat.

Unweit vom großräumigen Fraunhofer-Stand fand sich eine riesige Schlange von Messegästen, die unbedingt ein kostenloses Exemplar des neuen Personalausweises bekommen wollten. Die Bundesdruckerei stellte diese allen Interessenten kostenfrei zur Verfügung, wir haben darauf aber gerne verzichtet. Einige Hallen weiter kamen wir mit einem Hersteller aktiver RFID-Chips ins Gespräch, der uns davon überzeugen konnte, dass diese Technik zumindest bei der Produktion von PKWs durchaus Sinn machen kann. Da Autos heutzutage oftmals keine Serienanfertigungen sind, sondern sich aus wahlweise bestellten Komponenten zusammensetzen, müssen diese in den Fertigungshallen voneinander unterschieden werden. Wenn die Teile zusammengesucht werden oder es dem Auffinden ganzer Autos dient, mag die RFID-Technik ihren Sinn haben. Der Fachmann sagte aber auch, dass eine Anwendung außerhalb der Produktion weniger sinnvoll sei.

Am Stand des Branchenverbandes BITKOM angekommen, wollten wir den super effizienten und angeblich unfehlbaren Kinderporno-Scanner der WhiteIT in Aktion sehen, der das ganze Internet beschatten und überwachen soll. Leider konnte man den fehlerlosen Scanner nicht am Stand in Augenschein nehmen. Dafür lag dort mehr als genügend Infomaterial des Branchenverbandes und von Fragfinn.de aus.

Einige Hallen weiter führte uns eine freundliche Mitarbeiterin von T-Mobile die Vorzüge des UMTS-Nachfolgers LTE vor. Ein Kamerateam in Innsbruck zeigte uns Live-Aufnahmen aus dem Auto, zeitgleich wurde uns ohne spürbare Verzögerung des Videos ein größeres Dokument übermittelt. Angeblich soll die Technik von Long Term Evolution (LTE) schon im letzten Quartal dieses Jahres auf den Markt kommen. Vorher müssen aber erst von den Anbietern die entsprechenden Lizenzen erworben und eine flächendeckende Versorgung mit diesem Netz gewährleistet werden. Gespannt haben wir bei T-Mobile auch einige Android-Handys in Augenschein genommen. Die Bedienung gestaltet sich recht ähnlich wie bei einem iPhone. Dafür waren bei allen Modellen verschiedener Hersteller die Reaktionszeiten sehr gewöhnungsbedürftig. Wenn das Gerät die Eingaben erst nach der doppelten Zeit wie bisher registriert, wird auch das Tippen sehr mühsam. Vom Desktop her konnte man sich als Apple-User direkt wie zu Hause fühlen. So anders sahen die Icons auf dem Android OS auch nicht aus. Wer die langsame Bedienung verschmerzen kann, dürfte sich über den weitaus geringeren Preis freuen: die meisten der vorgestellten Geräte bewegten sich bei zirka 400 bis maximal 500 Euro. Im Vergleich zum iPhone unlocked ist das gerade einmal die Hälfte.

Und wenn wir schon beim 3G Store sind. Enno und seinem Team wurde schon am gestrigen Mittwoch der Verkauf der importierten iPhones untersagt. Kurz zuvor waren einige jüngere Personen an den Stand von Macnotes/3G gekommen, um den Ausstellern zu erzählen, dass die importierte Ware angeblich minderwertig sei. Auch die Garantieleistungen wären davon betroffen. Dumm nur, dass einer der Azubis des rosa Riesen vergessen hatte, sein Namensschild inklusive des Firmenlogos seines Arbeitgebers von seinem Hemd zu entfernen. Korrupt war deswegen nicht zwingend überrascht. Wohl aber weil so viele Personen der IT-Wirtschaft nicht mal wussten, dass man keinen Vertrag abschließen muss, um ein neues iPhone zu erwerben. Bei Ottonormalverbrauchern sei dies ja nicht weiter verwunderlich. Wohl aber bei Mitarbeitern von anderen Unternehmen der IT-Branche. Tags zuvor hatte sich gullis Sandler auf eine Club-Mate am Stand eingefunden und sich mit Blogger Sascha Lobo ausgetauscht. Der will einen waschechten Handwerker dazu bringen, seine Dienstleistungen im Web anzubieten. Ob dem das etwas bringen wird, man darf gespannt sein.

In Halle 6 sollte eigentlich das Thema Web dominieren. Bis auf die drei bemalten Autos von Google Street View (siehe Fotos unten) und ein paar Aussteller fand sich dort aber nicht viel von Interesse. Spannend anzusehen waren zumindest ein paar 3D-Monitore, die dort vorgestellt wurden. Die dreidimensionalen Bilder konnten ganz ohne Brille oder anderes Zusatzgerät genossen werden. Absolut logisch wie bedauerlich ist es aber, dass lediglich mit einer speziellen Technik  aufgenommenen Videos in dieser Form dargestellt werden können. Dabei nehmen zwei Kameras jeweils die Bilder für das rechte und das linke Auge auf. Die 3D-Monitore wirken leider eher wie höchst nerdiges Spielzeug, vom Breitbandeinsatz im Massenmarkt ist man unter solchen Voraussetzungen noch weit entfernt. Aufsehen erregend waren in Halle 6 auch die iPad-Imitate, die dem Publikum von verschiedenen fernöstlichen Herstellern angeboten wurden. Das Produktlayout und die Anordnung der Bedienelemente sahen exakt aus wie bei Apple. Leider standen für die Interessenten nur Nachbauten aus Pappe zur Verfügung. Vielleicht wollte man sich nicht vorschnell Ärger einhandeln. Mitarbeiter der Polizei waren an fast allen Ecken und Enden der Messe zu finden. Korrupt erzählte, manche Stände seien schon nach dem ersten Messetag verwaist gewesen, wahrscheinlich aufgrund rechtlicher Probleme. Zwei Staatsanwälte haben sich mit einem Einsatztrupp direkt im Gelände der CeBIT niedergelassen, um bei Anzeigen schnell reagieren zu können. Am heutigen Donnerstag war schon die Rede von 14 Markenrechtsverletzungen, die zu Strafanzeigen geführt haben. Die Staatsanwälte dürften auch in den nächsten Tagen gut zu tun haben. Wir haben an allen Ecken und Enden Nachbauten von populären MP3-Playern, E-Book-Readern und Handys gesichtet. Die Anbieter kamen entweder aus dem ehemaligen Ostblock oder aus fernöstlichen Nationen.

Überaus interessant war eine Diskussionsveranstaltung vom Global Conferences Panel. Frau Natalya Kaspersky vom gleichnamigen Antivierenhersteller sprach gestern unter anderem über IT-Security und die Verbreitung von Malware. Vor zehn Jahren wären 90% aller Informationen in Papierform gestohlen worden, heute seien es lediglich 10%. Der Löwenanteil wird heutzutage von sehr professionell handelnden Kriminellen über das Internet erbeutet. Es sei sehr schwer, diese zu lokalisieren. Sie erzählte auch, die Firma Kaspersky würde jeden Tag nicht weniger als stolze 25 Millionen verschiedene Viren und andere Schadsoftware zur Prüfung übermittelt bekommen. Cloud Computing beschrieb Frau Kaspersky als eine reine Modeerscheinung. Man hätte schon vor zehn Jahren prognostiziert, dass alle Unternehmen ihre Daten in die Cloud geben würden. Der Name hätte sich zwar gewandelt, das Gegenteil sei aber bis heute der Fall. Auf die Sicherheit von Cloud Computing angesprochen war sie keiner einheitlichen Auffassung. Auch der CEO von KraussMaffei, Dr. Dietmar Straub, wollte die Entwicklung erst einmal beobachten, bevor er die Daten des Unternehmens in fremde Hände gibt. Alle Teilnehmer des Panels waren sich einig: Mehr Sicherheit würde leider Hand in Hand mit weniger Flexibilität für die Endanwender gehen. Auch wäre zu beobachten, dass immer weniger Menschen bereit seien, für IT-Sicherheit zu bezahlen. Die Anbieter sollen zeitgleich immer mehr Innovationen bieten, was Frau Kaspersky sehr befremdlich fand. Recht neuartig war die Art und Weise, wie das Publikum seine Fragen stellen konnte. Diese wurden via Twitter empfangen. Die Moderatorin Astrid Frohloff hat dann die Frage an die Teilnehmer gestellt. Allerdings wurden alle Beiträge vorher von Hand aussortiert, die den Veranstaltern zu kritisch waren. So zog man es auch vor, einen Tweet von Korrupt lieber nicht öffentlich auf dem Screen darzustellen. Neben der Cloud erteilte Frau Kaspersky auch DE-Mail eine klare Abfuhr. Der deutsche Alleingang erschien ihr wenig aussichtsreich. Mehr Begeisterung zeigten manche Teilnehmer in Hinblick auf die Produkte von Apple. Das Unternehmen hätte es geschafft, Emotionen in die Technik zurückzubringen. Auch bräuchte man dafür keine Anleitung. Cirquent GmbH Geschäftsführer Thomas Balgheim glaubt, in einigen Jahren würde ohnehin niemand mehr Fortbildungen besuchen wollen. Die Mitarbeiter würden dann jeweils in ihren absoluten Fachbereichen arbeiten, für die sie sich auch privat interessieren. Fortbildungsbedarf bestünde unter solchen Bedingungen nicht. Hoffen wir, dass Herr Balgheim recht behält und wirklich so gut wie jeder das beruflich tun kann, was ihn persönlich bewegt. Viele Zuhörer des Panels blieben diesbezüglich eher skeptisch.

CeBIT goes Konsument?

Eigentlich wollte man sich schon dieses Jahr vermehrt den Privatanwendern zuwenden. So richtig geklappt hat das aber noch nicht. Interessant waren vielleicht maximal 10% aller Stände, wenn überhaupt. Die meisten Aussteller wendeten sich an reines Fachpublikum. Vor allem die Hallen für Antivirensoftware, E-Sports und Musik stellten eine Ausnahme dar. In der Security-Halle 11 tummelten sich alle Hersteller mit Rang und Namen. In der Intel Gaming Hall 23 waren die eSport-Fans versammelt. Neben zahlreichen Ständen von Herstellern wurde allen Interessenten auch ausreichend viele Möglichkeiten geboten, selbst Hand an der Hardware anzulegen. Zocken konnte man interessanterweise auch auf der Cebit Sounds, eine Halle weiter. Unser Gespräch mit der Mitarbeiterin vom Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) wurde jäh vom Konzert der MySpace Allstars unterbrochen. An Kommunikation war fortan nicht mehr zu denken. Dafür war die Halle mit einer großen und nicht minder professionellen Bühne versehen worden. Wer wollte und konnte, der durfte per Kopfhörer eigenhändig Schlagzeug spielen. Prof. Dieter Gorny, der Vorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie e.V. (BVMI),  hat diese Veranstaltung mit seiner Rede feierlich eröffnet. Die vier Major Labels, allesamt Mitglieder des BVMI, wollten dem Vorbild des VUT (Verband unabhängiger Tonträger) aber nicht folgen. Offensichtlich hatte man der Veranstaltung eine geringe Priorität beigemessen oder wollte sich ähnlich wie Nokia oder Apple die teuren Standgebühren sparen.

Fazit: Dieses Jahr gelang die Öffnung in Richtung Endverbraucher nur teilweise, der Besuch lohnt sich für Normalsterbliche nur eingeschränkt. Wen es dennoch gen Hannover zieht - bequeme Schuhe mitnehmen nicht vergessen! Denn wer auf der Messe wirklich alles sehen will, wird einen ganzen Tag lang herumlaufen müssen, ansonsten ist das Pensum nicht zu schaffen. Manch Besucher kam sich folgerichtig eher wie ein Langläufer denn wie ein Messebesucher vor. Dem Gesundheitsminister Philipp Rösler dürfte das bekannt vorkommen. Er eilte vorgestern nicht minder gehetzt und von Journalisten verfolgt durch die heiligen Hallen von Hannover.

Bericht und Fotos: Lars Sobiraj.

Lars Sobiraj am Donnerstag, 04.03.2010 17:20 Uhr

tagsTags: eugene kaspersky kaspersky openrheinruhr tarent gisbers

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19 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • eliveo am 16.03.2010 15:38:23

    Also für mich ist die CeBit einfach zu weit weg. Gut, Stuttgart wäre noch gegangen. Aber da wäre der Platz zu klein gewesen. Also bleibt nur das 700 Kilometer weit entfernte Hannover übrig. Und im Übrigen kenne ich mich auch nicht aus, an welche Stände man als "Final Customer" gehen darf und a ...

  • Ghandy am 14.03.2010 21:42:24

    c64er & a_d_s: Danke für euren Ein- bzw. Ausblicke. Die drei roten Damen sahen ja schon von hinten sehr nett aus. Hätte RS einen Stand gehabt, die wären sicher dort gewesen hehe ...

  • a_d_s am 11.03.2010 03:59:24

    Wer Eintritt für die CeBIT zahlt, hat was falsch gemacht ;-) Im Vorfeld wurden Tausende Karten zur Verfügung gestellt, jeder Unteraussteller hat schon 500 davon zur Verfügung gehabt. Als Betreuer eines Projektstands für ein Open Source Projekt bin ich vom Feedback sehr positiv überrascht. Woch ...

  • c64er am 11.03.2010 01:23:50

    So mein persönliches Feedback von der Cebit 2010 in Hannover. Ja der Markt hat sich geändert und das ist auch gut so. Die Cebit entwickelt sich mehr und mehr zu einer reinen Fachmesse. Wo damals noch jedes Jahr aufs Neue Innovationen am laufenden Band präsentiert wurden, so wiederholt sich vieles ...

  • am 08.03.2010 22:39:03

    Ehrlich gesagt, es war sehr schwach. Der ganze Gaming Müll hat mich noch nie interessiert. Es gab leider viel zu wenig OSS und es war extrem traurig mit anzusehen wie der Sun Stand zusammengeschrumpft ist. Von Solaris keine Spur mehr, Präsentationen jetzt aufm Sun/Oracle Stand mit Vista. Die ARM ...

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